Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_9:in_den_waldern_afrikas

In den Wäldern Afrikas.

(3. Fortsetzung)

Die Stachelgewächse gediehen, man mußte daran denken, Übergänge über den damit besetzten Graben zu schaffen. Das ließ sich nun doch nicht so unauffällig bewerkstelligen, wie man erst gedacht hatte.

Die Herden mußten die Siedelung verlassen und betreten können, also mußte wenigstens ein Übergang breit und bequem genug für sie sein. Dann aber wurden diese Stellen so deutlich, daß jeder Fremde sie leicht aufspüren konnte. Was sollte man tun?

Die Männer trugen diese Frage zu Bu-anan, die sie weitergab. Nachts wurde ihr der Bescheid, es müßten innerhalb des Ringes jede Nacht einige Männer an diesen gefährdeten Plätzen wachen. Sie könnten abwechseln, aber sie dürften niemals mit der Wachsamkeit nachlassen.

Keinem der Männer fiel es ein, hiergegen zu murren. Anu hatte angeordnet, Bu-anan hatte den Befehl übermittelt, also war es an ihnen, zu gehorchen. Es tat ihnen auch nur leid, wenn sie durch ihr Wachen die Erzählungen Bu-anans versäumen mußten, die diese nun wieder regelmäßig aufgenommen hatte.

An einem der ersten Abende hatten die Männer wissen wollen, wie das Sichtbarwerden der Kleinen zustande komme.

Bu-anan überlegte kurze Zeit, dann sagte sie:

„Ich kann Euch nur sagen, wie ich selber es mir vorstelle, und ich weiß nicht, ob es richtig ist. Da ich aber keine andere Erklärung dafür erhalte, will ich Euch diese

mitteilen.

Ich denke mir, die Kleinen werden gewöhnlich so fein und leicht sein wie alle die Lichten, die uns manches Mal besuchen. Wie zarteste Wölkchen werden sie zwischen uns schweben, sodass unsere groben Augen sie nicht zu sehen vermögen.

Befiehlt ihnen nun Anu, daß sie uns helfen sollen, so ziehen sie sich durch diesen Befehl im Eifer des Gehorchens ganz zusammen. Dadurch werden sie fest und bekommen eine Form, die der unsern ähnlich ist. Gleichzeitig aber tun sich in uns mit Anus Befehl andere Augen auf, die Feineres zu schauen vermögen. Haben die Kleinen ihre Aufgabe erfüllt, so schließen sich unsere feinen Äugen und die kleinen Wesen lösen sich wieder auf.“

Nicht alle konnten das verstehen, aber einige meinten doch, es begriffen zu haben, und sie gaben sich zufrieden.

Nun mußten die Männer berichten, wie sie die Tiere gefangen. Sie hatten weite Wanderungen unternehmen und Höhlen aufsuchen müssen. Meist führten die Kleinen sie hin, wenn die Alten auf Nahrungsjagd waren. Aber einmal hatte es doch einen harten Kampf mit einer U-au-Mutter gegeben, die sich ihre Jungen nicht hatte entreißen lassen wollen.

Da habe, gerade als der Kampf zugunsten der Männer sich entscheiden wollte, einer der Kleinen deutlich vernehmbar gesagt:

„Wer so tapfer wie Du für seine Kinder das Leben einsetzt, Du gutes Tier, der verdient, daß sie ihm gelassen werden!“

Wie ein Bann habe es plötzlich auf allen gelegen. Keiner habe mehr das Muttertier angreifen können, das mit seinen Jungen sich in die tiefe Höhle zurückgezogen habe.

An einem anderen Abend, als alle sich um Bu-anan versammelt hatten, fand die Frau den Zeitpunkt gekommen, von dem zu erzählen, was Adana ihr gekündet.

Sie berichtete, wie sie vor kurzem die Lichte habe sehen und sprechen dürfen.

„Kunde brachte sie mir aus Anus ewigem Reich, und was sie sagte, das machte mein Herz sehnend, bald dorthin zurückkehren zu dürfen. Ihr Tuimah-Leute, wenn Ihr wüßtet, wie herrlich es da oben ist, Ihr würdet Euch freuen, wenn Anus Gebot Euch von der Erde ruft.

Hoch oben thront Anu über allen Welten, die alle mit dem Wort seines Mundes geschaffen wurden. Er sprach, und es war da, er dachte, und es geschah!

Einsam thront er, denn da ist nicht einer, der ihm gleiche, nicht einer, der würdig ist, ihn zu schauen. Viele helle Götter hat er geschaffen zu seinen Dienern, aber keines ihrer Augen hat ihn je erblicken dürfen.

Unzählig viele Reiche gibt es da oben im lichten Glanz Sie alle sind bewohnt von glückseligen Wesen, aber jedes besteht für sich. Es ist nicht wie auf der Erde, daß die Nachbarn neidisch oder gierig in das Reich schauen. Jedes Reich Ist ganz allein für sich.

Über allen aber thront Anu! Fühlt Ihr nun, wie groß und mächtig er ist? Merkt Ihr, wie gering wir sind im Vergleich zu den lichten Dienern, die ihn oben umgeben und doch zu niedrig sind, um ihn schauen zu dürfen?

Anu, wir danken Dir, daß wir wenigstens von Dir hören dürfen, daß wir in dem Erdenland leben, das durch den Hauch Deines Mundes gebildet wurde!“

Es war allen viel zu rasch, dieses Aufhören, sie hätten noch lange lauschen und vor allem fragen mögen. Aber gerade das wollte Bu-anan vermeiden. Sie sollten in der Stille das auf sich wirken lassen, was sie ihnen gesagt.

Noch nie hatte sie es so zusammenhängend geben können. Immer war es nur in einzelnen Sätzen über ihre Lippen gekommen, was sie selbst im Innersten bewegte.

Sie dankte Anu, daß sie den Leuten hatte von ihm künden dürfen. In den nächsten Tagen würde sie weiter erzählen.

Dies Versprechen hielt sie auch, solange der Stamm noch arbeitend beisammen blieb. Wenn die Männer erst wieder zur Jagd ausziehen mußten, würde keine Zeit dafür sein.

Ehe sie an einem der nächsten Abende zu sprechen begann, fragte einer der älteren Männer:

„Bu-anan, wir opfern dreimal im Jahr Widder für Anus Sohn, den Heiligen. Wenn Anu einen Sohn hat, kann er doch nicht ganz allein sein!“

Bu-anan überlegte. Gerade von dem Gottessohn hatte sie künden wollen, aber die Frage war ihr unbequem, weil sie das vorweg nahm, was sie als Krönung hatte sagen wollen.

„Ihr dürft Euch Anu nicht vorstellen wie einen Menschen“, sagte sie ein wenig unwillig. „Wenn er auch einen heiligen Sohn hat, so ist das ganz anders als bei uns. Hier wächst der Sohn bald genug zu einem selbständigen Mann auf, der sich entweder neben oder gegen den Vater stellen kann.

Oben ist das anders. Wenn ich sage: Anus Sohn, so ist das eine Benennung, damit Ihr Menschen Euch überhaupt etwas darunter vorstellen könnt. Es ist ein Teil Anus, den er nach seinem Willen aussenden und wieder zurückrufen kann. Ich weiß nicht, ob Ihr mich jetzt verstanden habt“, setzte sie ein wenig unsicher hinzu, sich im Kreise umblickend.

„Verstanden haben wir Dich vielleicht nicht, Bu-anan“, sagte eine Frau freundlich, „aber wir können in uns etwas fühlen, das uns sagt: Ja, so ist es“.

„Dieser heilige Teil Gottes, den wir den Sohn nennen, hat vor langen, langen Zeiten Anu geholfen, die Erde zu machen. Er ging als Anus Wille hinaus in die Welt und formte alles. Jetzt ist er das Licht, das die Welt erleuchtet, er ist der heilige König, der alle Reiche beherrscht. Und er ist doch immer der Gleiche, ein Teil Anus, des Ewigen.

Nun brachte mir Adana Kunde, daß dieser heilig-ewige Sohn Anus sich rüste, auf die Erde zu kommen. Er soll die Menschen kennen lernen, er soll selber sehen, wie wenig gut wir sind, wie wenig wir Anus Gnade verdienen!

Alle Himmel sind voll von dieser Kunde. Viele, unzählig Viele drängen sich um ihn, damit er sie erwähle, ihn auf dieser Erdenfahrt zu begleiten.“

Hier wurde die Erzählerin unterbrochen. Die Leute konnten ihre Fragen nicht mehr zurückhalten. Es erfüllte sie bis zum Zerspringen, dieses neue Wissen, das Bu-anans Worte ihnen eben gegeben.

„Wird er bald kommen?“ — „Wird er zu uns auch kommen?“ — „Werden wir ihn sehen?“

Die Fragen überstürzten sich, es blieb keine Zeit, sie zu beantworten. Als der Sturm sich endlich etwas gelegt hatte, sagte Bu-anan freundlich:

„Ich weiß nicht, wo der heilige Fuß die Erde betreten wird. Es gibt noch viele Reiche außer dem unseren. Vielleicht ist es noch gar nicht bestimmt, welches er aufsuchen wird.“

„So lasset uns opfern und zu ihm beten, daß er zu uns kommen möge!“ riefen die Leute flehentlich.

„Das können wir tun, Tuimah-Leute“, gewährte Bu-anan, „aber ich fürchte, wir sind nicht gut genug für ihn. Denket, wie oft wir etwas tun, das gegen Anus Gebote ist, wie oft wir uns drängen lassen, seinen heiligen Willen zu befolgen!“

„Wird Adana bald wieder zu Dir kommen?“ wollten die Frauen wissen. „Kannst Du es ihr nicht sagen, daß sie Anus Sohn bittet, zu uns zu kommen?“

„Adana sieht ihn nicht, weil er ein Teil Anus ist“, verwies Bu-anan. Nun wurden neue Fragen rege:

„Wenn man ihn nicht sehen kann, wird er dann auch unsichtbar hier auf der Erde sein? Wird niemand ihn sehen? Wird er nur überall hindurchgleiten wie die Lichten ?“

„Nein, so denke ich es mir nicht“, war die Antwort der weißen Mutter. „Das kann er jetzt schon tun, so oft es ihn danach verlangt. Er wird sich verdichten, wie die Kleinen es machen, wenn Anus Wille sie unter uns arbeiten läßt. Er wird aussehen wie ein Mensch, nur tausendmal schöner. O, ich möchte ihn sehen!“ schloß Bu-anan aus tiefster Seele.

In dies Verlangen stimmten die meisten ein, und es wurde beschlossen, in drei Tagen einen weißen Widder ohne Makel dem Sohne Anus zu Ehren zu schlachten und dabei zu beten, daß der Gottessohn auch zu den Tuimahs kommen möge. —


Lange Zeit war seitdem verstrichen. Die Stachelpflanzen in dem Kreisgraben waren hoch emporgeschossen. Wie eine dichte Hecke umgaben sie rings die Siedlung. Wer nicht wußte, daß sie aus einem Graben emporwuchsen, mußte sich unfehlbar in ihnen verstricken, sobald er einen Weg durch sie hindurch zu finden suchte.

Es gab nur zwei Wege, und auch diese waren so zugewachsen, daß man sie Immer wieder frisch hauen mußte, sobald die Herden sie beschreiten sollten. Einzelne Menschen konnten sich auch ohnedies auf ihnen bewegen. Getreulich wurde Wache gehalten, obwohl sich niemals ein Späher hatte antreffen lassen. Der damals gefangen genommene Mensch war getötet worden, sobald die Männer heimgekehrt waren.

Bu-anan sorgte dafür, daß die Männer niemals vergaßen, wie wichtig es war, daß der Stamm sich ungestört entwickeln könnte.

Diejenigen von ihnen, die auf dem Jagdzug weiter hinausschweiften, brachten oftmals Kunde mit, wie roh die Sitten der Nachbarn, wie verderbt die Frauen waren. Das durfte bei ihnen nicht Platz greifen, sie waren Anus Volk!

Mit diesem Gedanken hatten sie sich in letzter Zeit besonders viel beschäftigt; denn, so dachten sie, wenn sie Anus Volk waren und als solches lebten, dann würde er ganz gewiß seinen heiligen Sohn zu ihnen senden.

Langsam waren sie im Denken. Es brauchte viel Zeit, bis ein Gedanke sich an den anderen reihte. Hatten sie aber einmal etwas erfaßt, so hielten sie zäh daran fest und grübelten unaufhörlich darüber.

Eines Abends fragten sie Bu-anan nach ihrer Ansicht.

Sie sagte, daß das Anu vorbehalten sei, zu bestimmen, wohin er seinen Sohn senden werde. Sie glaube, es gäbe noch viel mehr Völker, die in Anus heiligem Willen lebten, die es vielleicht sogar besser täten als die Tuimah.

„Noch mehr Völker?“ fragten die Männer enttäuscht.

„Ihr werdet doch nicht wollen, daß Anu nur uns wenige Menschen hat, die an ihn glauben?“ fragte Bu-anan vorwurfsvoll. „Wir wollen wünschen, daß es deren noch viele gibt!“

Darüber mußten sie wieder lange sinnen. Sie verstanden, was die weiße Mutter meinte, aber es war ihnen schmerzlich, daß sie nicht allein Anu dienen durften. So hatten sie es seither aufgefaßt.

Es brauchte lange, bis Bu-anan ihnen das Irrige, ja Sündige eines solchen Denkens klargemacht hatte. Dann verfielen sie auf etwas anderes.

„Bu-anan, erzähle von Dir“, baten sie eines Abends. „Wie bist Du zu uns gekommen?“

„Das müssen die Alten unter Euch besser wissen als ich“, lächelte die Befragte. „Mir ist es, als sei ich immer bei Euch gewesen.“

„Ich weiß noch gut, wie Du gefunden wurdest!“ rief ein Weib. „Am Ufer des Sees lagest Du da, friedevoll schlafend. Die Männer, die Dich fanden, sagten, nahe bei Dir habe das ekle Maul eines Krokodils aus den Wassern geschaut. Es sei ein Wunder gewesen, daß es Dich unversehrt gelassen.“

„Dann wurdest Du in das Haus der Witwe Amma-na gebracht, die so gern ein Kindchen haben wollte.“

„Amma-na“, sagte Bu-anan sinnend, „sie war sehr gut zu mir. Eine Mutter hätte nicht besser für mich sorgen können.

„Hast Du nie erfahren, wer Deine Eltern waren, Bu-anan?“ fragten andere. „Du hast doch schon frühzeitig mit Lichten verkehrt, haben sie es Dir nie gesagt?“

„Nein“, erwiderte Bu-anan, „das ist auch nicht wichtig. Für mich war das Bedeutungsvolle, daß ich bei Euch war. Ich nehme an, daß Anu selbst mich zu Euch gesendet, damit ich ihm hier diene.“

Du uns die Verbindung mit ihm bringen solltest ‚ sagte Ur-wu. „So ist es doch. Ohne Dich wußten wir nichts von Anu, wären ebenso sittenlos wie unsere Nachbarn. Wenn wir zu Dienern Anus geworden sind, so haben wir es Dir zu danken. Du warst noch ein kleines Mädchen, als Du uns zuerst von ihm sagtest.“

„Wie war das? Erzähle, Ur-wu!“ drängten einige der Jüngeren.

„Ja, wie war das?“ sann der Häuptling. „Es ist nicht schön zu erzählen. Es ist nicht rühmenswert für uns. Ich war mit den Erwachsenen zum ersten Mal auf die Jagd gezogen. Müde, aber hingerissen von unseren Erfolgen, kehrten wir zurück.

Die Frauen hatten ein Feuer gebaut und harrten der Beute, um das Mahl zu bereiten. Da gab es Streit wie so oft damals. Irgend etwas hatten die Frauen versehen, die Männer schlugen sie, daß ihr Jammergeschrei über alle Hütten weg tönte.

Da stand plötzlich die kleine Bu-anan zwischen uns. Sie war auf einen getöteten Gelben gestiegen, um besser zu sehen und gesehen zu werden. Es sah aber prächtig aus, dieses schöne Kind auf dem König der Tiere!“

Der Erzähler hatte scheinbar ganz vergessen, daß dieses Kind jetzt unter seinen Hörern saß. Er war völlig in die Vergangenheit verstrickt.

„Wir alle liebten Bu-anan mehr als alles andere. Wenn wir das Kind sahen, so wurden unsere Herzen leichter. An jenem Abend aber erschraken wir, als die großen Augen anklagend auf uns gerichtet waren.

„Was tut Ihr, Ihr Männer, Ihr schlechten Männer?“ rief das Kind mit heller Stimme. „Wenn Ihr Lust habt, Eure Kräfte zu zeigen, so schlaget Euch untereinander! Die Frauen werden jetzt mit mir gehen. Wir wollen nichts mehr von Euch! Kommet, Ihr Frauen, Ihr armen Frauen.“

Und das Wunder geschah: die Frauen machten sich von den vor Staunen regungslosen Männern frei und folgten dem Kinde, das sie zu den Hütten zurück führte.“

„Ich weiß!“ rief eine Frau lebhaft. „Bu-anan hieß uns, bei den Hütten ein Feuer zu entzünden. Wir aßen Brot und tranken Milch, da wir kein Fleisch hatten. Aber uns war es so lieber. Danach aber begann das Kind zu sagen von Anu, dem Herrn aller Welten, der die Frau geschaffen, daß sie die Männer lehre, ihre Sitten mildere und den goldenen Strahl festhalte, den Anu aus seiner Herrlichkeit nach unten gesendet. „Männerhände sind zu rauh dafür“, sagte das Kind. „Ihr Frauen müßt ihn halten, in Eure Herzen müßt Ihr ihn betten, damit er nicht wieder von Euch weiche!“ In dieser Nacht ging keine von uns in die Hütte des Mannes zurück!“

„Ja“, sagte Ur-wu, ein wenig verlegen. „Erst mußten wir sehen, wie wir das Fleisch brieten. Wir meinten, weil die Frauen es könnten, müsse es eine leichte Arbeit sein. Aber wir mußten an jenem Abend schrecklich Verbranntes als Speise nehmen. Das machte uns nachdenklich. Wir schämten uns gewaltig vor Bu-anan, dem Kinde, und seinen klaren Augen. Die erwachsenen Männer beschlossen, möglichst spät ihre Hütten aufzusuchen, und über das Vorgefallene nicht mit den Frauen zu sprechen.

Da kam die zweite Beschämung: niemand fand seine Frau daheim. Sie saßen alle mit Bu-anan um ein Feuer und das Kind erzählte.“

Ur-wu machte eine Pause und dachte nach. Da griff ein anderer Mann ein.

„Was jetzt kommt, weiß ich besser“, rief er. „Ur-wu war damals noch unbeweibt. Er wußte das Nächste nur vom Erzählen der anderen. Ich habe es selbst erlebt an meinem eigenen Weibe. Wenn sie noch lebte, könnte sie es Euch selbst berichten, wie sie am nächsten Morgen mit leichtem Schritt auf unsere Hütte zutrat, als sei nichts gewesen. Ich bat sie um Milch und Brot. Sie gab mir beides und sah mich freundlich an.

Da faßte ich nach ihrer Hand und fragte, ob sie die Schläge vergessen wolle. Wieder kam ein freundlicher Blick, der mich sehr überraschte. Die Worte aber überraschten mich noch viel mehr:

„Ihr armen Männer wißt es nicht besser. Ihr müßt erst lernen!“

Ich ging an meine Arbeit, aber den ganzen Tag verfolgten mich diese Worte. Wir, die Herren des Stammes, sollten erst lernen, weil wir unwissend waren. Ein solches Mitleid hatte aus den Worten geklungen!

Gegen Abend fanden wir Männer uns zusammen und Mur-nu, der damals Führer war, schlug vor, die Frauen rufen zu lassen, damit sie das Feuer bauten und das Fleisch brieten. Aber der Bote, der ausgesendet worden, kehrte ohne die Frauen zurück.

Wir sollten uns ohne sie behelfen, sagte er, sie brauchten die Abende, um von Bu-anan zu lernen. Später würden sie uns dann lehren.

Nun zeigte es sich, daß fast alle Frauen daheim so gesprochen hatten wie die Meine!“

„Ihr müßt aber nicht denken, daß Bu-anan uns angewiesen, so zu sagen“, nahm die Frau wieder das Wort, „es kam ganz von selbst aus uns, nachdem das Kind uns von Anu erzählt hatte.

Wir sahen, wieviel wir zu lernen hatten, und wollten unseren Männern erst wieder gegenübertreten, wenn wir ihnen künden könnten, was in uns aufgegangen.

Darum blieben wir auch noch lange von ihnen getrennt. Am Tage besorgten wir die Kinder und das, was sonst zu geschehen hatte. Abends saßen wir mit Bu-anan am Feuer und lernten. Nachts schliefen wir gemeinsam am Feuer. Es war eine schöne Zeit!“

„Uns erschien sie nicht so“, berichtete nun Ur-wu weiter. „Ich hatte mir damals meine Hütte gebaut, um ein Mädchen hinein zu holen. Aber diese entzog sich mir, genau wie die Frauen es taten. Wir saßen abends allein am Feuer. Und die Beute war so groß gewesen, daß wir nicht einmal einen Grund hatten, wieder auf die Jagd zu ziehen!“

Einige der jüngeren Männer lachten. Sie konnten sich die Hilflosigkeit der Verlassenen vorstellen.

„Es ist doch merkwürdig, daß ein Kind eine solche Macht über die Frauen hatte!“ meinte einer von ihnen.

„Sage nur gleich: über alle Herzen; denn wir Männer gehorchten der Kleinen ebenfalls ohne Widerrede. Nur sie hinderte uns, die Frauen mit Gewalt zurückzuholen. Wir wollten nicht noch einmal hören, daß wir schlechte Männer seien.

Aber kannst Du, der Du doch von Anu weißt, wirklich nicht verstehen, warum dem Kinde eine so große Macht gegeben war?“

Der Angeredete schwieg. Als aber aller Augen sich auf ihn richteten, begriff er, daß er reden müsse.

„Anus Kraft war mit ihr“, sagte er verlegen.

„Ja, gewiß!“ sagte Ur-wu ernst. „Sie war mit ihr, wie sie mit allem Reinen ist. Immer wird das Licht stärker sein als das Dunkel. Ist es nicht so, Bu-anan?“

Die Angeredete schreckte aus tiefem Sinnen empor.

„Schwach ist nur der, der die Verbindung verloren hat mit Anu“, stimmte sie zu. Dann fuhr sie fort:

„Es ist so merkwürdig, daß wir heute über das sprechen, was so lange schon vergangen ist. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber ich weiß, daß ich damals am Feuer den Frauen künden mußte, was Adana mir gesagt. Wenn sie es mir sagte, war es mir stets, als wache etwas in mir ganz innen auf, das schon immer da gelebt hatte.“

„So sprachst Du auch“, sagte die Frau wieder, in der an diesem Abend die Vergangenheit lebendig geworden. „Du redetest, als hättest Du alles, von dem Du uns kündetest, mit eigenen Augen gesehen. Anu muß seine Freude gehabt haben an dem Kinde, das von ihm sprach!“

„Wann haben denn die Männer endlich ihre Frauen wiederbekommen?“ erkundigte sich ein jüngerer Mann.

„Es dauerte bis zum nächsten Jagdzug“, berichtete Ur-wu. „Wir kamen mit Beute beladen zurück, ganz gefaßt darauf, daß wir alle Arbeit wieder allein tun müßten, da fanden wir ein loderndes Feuer, an dem die Frauen und Mädchen uns erwarteten.

Als das Mahl gehalten war, holten wir Bu-anan und baten sie, uns von Anu zu künden. Und sie tat es.“

„Wirst Du auch einmal so von uns gehen, wie Du gekommen bist, Bu-anan?“ fragte eine jüngere Frau ängstlich.

„Ich werde bleiben dürfen, bis meine Aufgabe an Euch erfüllt sein wird“, gab die weiße Mutter zurück. „Wie lange es noch währen wird, vermag ich nicht zu sagen. Aber es wäre herrlich, wenn ich das Kommen des Gottessohnes noch erleben dürfte!“

Laute Rufe der Wachen unterbrachen sie. Das war noch nie vorgekommen. Irgend etwas Wichtiges mußte sich ereignet haben, daß die Wache um Verstärkung rief. Die Männer sprangen auf, griffen zu den neben ihnen liegenden Messern und enteilten.

Die Frauen wollten zum Teil nachdrängen, aber ein Wort Bu-anans hielt sie zurück. Es verlangte sie selber, zu erfahren, was draußen am Graben vorging, aber sie konnte warten.

Nach ganz kurzer Zeit kamen zwei. Boten mit der Nachricht, daß sich ein riesiger Gelber in den Stachelgewächsen gefangen, habe. Nun konnte man ihn auch brüllen hören.

Bu-anan entließ die Frauen und Mädchen, die es nicht mehr verlangte, an den Graben zu kommen, und folgte ihrerseits der Bitte Ur-wus, der nicht recht wußte, wie er sich verhalten sollte.

Als sie an der Einbruchstelle stand, zog großes Mitleid mit dem gefangenen Raubtier in ihre Seele. Es war ein ganz ausgewachsener, prächtiger Gelber mit buschiger Mähne.

Er hatte den Graben überspringen wollen und war bäuchlings in die Stacheln gefallen. Je mehr er sich mühte, herauszukommen, um so tiefer sank er ein und verstrickte sich vollends. Sein Gebrüll war in Schmerzensstöhnen übergegangen.

„Ich würde ihn gern töten“, sagte Ur-wu bedauernd; denn auch Ihm tat das herrliche Tier leid, „aber wir können ihn nicht erreichen. Es ist aber entsetzlich, ihn hier dem langsamen Tod auszuliefern. Bu-anan, rate Du!“

Sie war bis an den Rand der Grube vorgetreten und streckte die Hände betend über das gefährdete Tier.

„Anu, hilf Du. Es ist auch Dein Geschöpf! Du hast es erschaffen lassen, wie Du uns ins Leben riefst. Zeige mir einen Weg, den Gelben zu befreien.“

Kurze Zeit stand sie schweigend, das Haupt leicht geneigt. Die Männer schwiegen mit ihr und sogar das Tier schien zu fühlen, um was es sich handelte. Es hatte aufgehört zu stöhnen.

Nun sprach sie zu ihm.

„Gelber, höre mich! Bewege Dich nicht mehr; denn Du wirst dadurch tiefer sinken. Wir wollen versuchen, Baumstämme unter Deinem Körper durchzuschieben. Du mußt alles geduldig geschehen lassen. Niemand will Dir Böses. Auch Du wirst den Männern nichts tun, wenn sie Dich gerettet haben werden.“

Ur-wu hatte verstanden, was zu tun war. Flink wies er die Leute an. In der Nähe lagen Stämme unlängst gefällter Bäume. Die Hälfte der Männer überschritt den Graben an der hierfür zugerichteten Stelle, und während die einen den Stamm hinüberschoben, versuchten die andern sich seiner zu bemächtigen.

Es ging leichter, als man zuerst gedacht hatte. Bu-anan sah wohl, daß die Männer unsichtbare Hilfe hatten. Die Kleinen standen auf den Stachelpflanzen und schoben an dem Stamm, den Ur-wu zunächst neben den Gelben legen ließ.

Kaum lag der Stamm, da schoben die kleinen Helfer eine der Vordertatzen auf den Stamm. Das beruhigte den Gelben und zeigte den Männern, daß sie in gleicher Weise fortfahren sollten.

Noch drei Stämme wurden neben den ersten geschoben. Nun wandten sich die Kleinen an Bu-anan und baten sie, die Männer zu veranlassen, nun auch an die andere Seite des Gelben mehrere Stämme zu schieben. Auf diese legten sie die Hinterbeine des Tieres.

„Nun rufe Deine Leute zurück! Jetzt muß der König der Tiere den Sprung wagen“, riefen die Männlein.

Bu-anan erklärte den Leuten, um was es sich handelte, und bat sie, sich möglichst weit vom Graben zu entfernen.

„Kann er nicht nach der anderen Seite springen?“ fragte Ur-wu in Besorgnis. Es gefiel ihm nicht, den Gelben innerhalb des schützenden Ringes zu haben.

Aber Bu-anan bewies ihm, daß das gewaltige Tier sich nicht umwenden könne. Es müsse in der Richtung springen, in der es jetzt stand.

„Wird er springen können, wenn wir die Balken loslassen?“ fragte einer der Männer.

Daran hatte niemand gedacht. Irgend etwas mußte die Enden der Stämme beschweren. Mit unendlicher Mühe schleppten die Männer Steine herbei und legten sie auf die dünneren Enden.

Danach zogen sie sich zurück, stürmten aber alle nochmals herbei, als sie sahen, daß Bu-anan nicht daran dachte, den Grabenrand zu verlassen.

Mit freundlichen Worten schickte sie sie aufs neue fort.

„Ich stehe im Schutze Anus“, sagte sie, „unzählige kleine Wesen umgeben mich. Es wird mir nichts geschehen. Ich muß aber hier bleiben, um mit dem Gelben zu reden.“

Da zogen sich die Männer abermals zurück. Bu-anan trat so nahe wie möglich zu dem Tier und beredete es, unterstützt von den hilfreichen Kleinen, den Sprung zu wagen.

Der gewaltige Körper zog sich eng zusammen, der Kopf duckte sich, der Sprung gelang. Mit zitternden Flanken stand der König der Tiere vor Bu-anan, die erbarmend auf ihn blickte. Sein Leib war mit großen Stacheln gespickt. Wie mußte ihn das schmerzen.

Ohne zu überlegen streckte die weiße Mutter die Hand aus und zog einen der Stacheln heraus. Die Männer überlief es kalt. Wenn sie auch mit dem Messer in der Faust bereit standen, es würde wenig nützen. Ein einziger Prankenhieb des sehr großen Tieres würde genügen, Bu-anan zu zerschmettern.

(Fortsetzung folgt)

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Last modified: 2020/11/21 12:36 by Marek Ištvánek