Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_9:rudi

Etwas für kleine und große Kinder!

Rudi.

von Charlotte von Troeltsch

„Rudi, hast Du die alte Münze von Vaters Schreibtisch genommen?“ fragte die Mutter ihren kleinen Sohn, der erhitzt vom Spielen ins Zimmer gesprungen kam. „Eine Münze? Nein!“ war Rudis rasche Antwort. „Darf ich bei Müllers Beeren pflücken helfen?“ erkundigte er sich seinerseits, und als die Mutter es erlaubte, sprang er glückselig davon.

Das war doch fein, daß Mutter an ihre Erlaubnis nicht wie sonst meistens die unangenehme Mahnung angehängt hatte, er solle auch gewiß nicht zuviel Beeren essen! Sie war so stark in Gedanken gewesen, daß ihr das entgangen war.

Woran sie wohl gedacht hatte? Was hatte sie gefragt als er zu ihr kam? Ob er die Münze genommen hatte? Eine Münze? Von Vaters Schreibtisch? So etwas hatte er gar nicht gesehen, als er gestern ein wenig unter Vaters Sachen gekramt hatte.

Oder war vielleicht das drollig geformte, unsaubere Stückchen Silber eine Münze gewesen? Das hatte er freilich an sich genommen. Das konnte man zu allerhand Basteleien gut gebrauchen. Wohin hatte er es denn geschoben? Er wußte es nicht genau.

Rasch fuhr die Hand in die Hosentasche, aus der sie mit allerhand Merkwürdigkeiten gefüllt herauskam. Plättchen war nicht dabei. Ach das würde er später finden! Ob er wohl jetzt gleich umkehren und der Mutter sagen sollte, daß er die Münze doch genommen hatte? Dann aber würde er sehr spät zu Nachbars kommen. Da riefen auch schon die Knaben nach ihm. Eilig folgte er dem Ruf und vergaß das eben Erlebte.

Ja er vergaß es und doch war irgend etwas in ihm lebendig, das ihn gar nicht so froh wie sonst inmitten der lustigen Knabenschar sein ließ. Er hätte doch lieber die Sache mit der Münze gleich richtigstellen sollen, dachte er als ihm bewußt wurde, daß es dieses Stückchen Silber war, das seine Freude schmälerte.

Gleich heute Abend wollte er es Mutter sagen. Damit tröstete er sich und schob alle unangenehmen Gedanken von sich.

Es war ihm ernst mit diesem Vorsatz. Früher als sonst verließ er die Gefährten, eilte nach Hause und suchte die Mutter. Er hörte sie in Vaters Zimmer sprechen, dessen -Tür nur angelehnt war.

Leise, um nicht zu stören, näherte er sich, blieb aber bewegungslos stehen, als er Mutters Worte hörte:

„Ich habe Rudi heute Nachmittag gefragt. Er weiß nichts von der Münze.“

Vaters Antwort war unverständlich, dann aber klang Mutters Stimme wieder:

„Rudi hat mich noch niemals angelogen! Es wäre mir ein bitterer Kummer, wenn er es heute getan hätte!“

Leise, wie er gekommen, schlich, Rudi davon. Eben noch hätte er rufen wollen, daß er heute Nachmittag nicht ganz verstanden hatte, was die Mutter gefragt. Nun aber waren ihm die Lippen verschlossen. Es wäre Mutter ein bitterer Kummer! Kummer durfte er ihr doch nicht machen. Also mußte er schweigen! Ja gewiß, das mußte er!

Was war es nur, das sich wie eine Zentnerlast auf ihn legte? Nun hatte er heute fast keine Beeren gegessen und trotzdem war ihm aller Hunger vergangen. Bei dem gemeinsamen Abendessen schaute die Mutter ihn besorgt an.

„Was ist’s mit Dir, Rudi? Hast Du zu viel Obst gegessen? Du siehst ganz grün aus.“

Er konnte versichern, daß er sehr mäßig gewesen sei. Mutter glaubte es ihm auch, aber ihre Sorge um ihn wuchs dadurch. Er wurde frühzeitig ins Bett geschickt und als Mutter dann zu ihm kam, fragte sie ob er auch nirgends Schmerzen habe.

„Mir ist so sonderbar Mutter, als läge ein Stein auf meinem Magen“, erklärte Rudi und plötzlich fing er an zu weinen, er, der immer Tränen für unmännlich erklärte.

Liebevoll bettete ihn die Mutter, gemeinsam sprachen sie das Nachtgebet.

Später merkte er im Halbschlaf, daß Vater und Mutter an sein Bett traten und sich besorgt über ihn beugten.

Er wird doch nicht eine der ansteckenden Krankheiten bekommen, von denen jetzt soviel Kinder befallen werden, meinte die Mutter besorgt.

Rudi erschrak. Krank werden? Jetzt, mitten in den herrlichen Ferien? Aber da erklang auch schon Vaters Antwort so beruhigend:

„Er macht nicht den Eindruck eines Kranken. Gott wird ihn uns behüten.“

Einige Stunden später meinte Rudi durch den Schlaf hindurch abermals Lichtschein an seinem Bett zu sehen. Ob die Eltern nochmals nach ihm schauten? Blinzelnd öffnete er die Augen und sah einen Knaben neben sich stehen, nicht viel größer als er selber war. Eigenartige Helle umgab die Gestalt. Jetzt fing der fremde Knabe auch noch an zu sprechen!

„Rudi“, sagte er mit leiser, wohlklingender Stimme. „Weißt Du, was Du heute getan hast?“

„Gespielt und Obst gepflückt“, wollte Rudi antworten, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen. Statt dessen sagte er gepreßt:

Ich habe aus Versehen Nein gesagt“.

Du hast Nein gesagt, wo Du hättest Ja sagen müssen. Wie nennt man das Rudi?“

„Du meinst wohl, ich hätte gelogen?“ erkundigte sich der Knabe, den ein heißer Schreck durchfuhr. „Ich habe es wirklich zuerst nicht gewußt, daß das eine Münze war. Da war auch mein Nein keine Lüge.“

„Und dann Rudi?“ fragte der lichte Knabe weiter. „Dann?“

„Ich wollte es der Mutter sagen, aber sie“… Rudi schluckte. „Es würde ihr ein bitterer Kummer sein. Ich habe gehört, wie sie das zum Vater sagte.“

„Wenn Du zuerst nicht gelogen hast, Rudi, so hast Du es dann durch Dein Schweigen getan. Du bist alt genug um dies zu verstehen.“

Ganz ernst, fast traurig, sah der schöne Knabe aus. Rudi schämte sich.

„So will ich es morgen gleich sagen“ versicherte er.

„Das ist recht“, freute sich der Lichte. „Dann hast Du Dein Unrecht wieder gut gemacht, und es wird Dir wieder leicht sein.“

Der helle Schein erlosch und Rudis Augen fielen zu. Froh und gesund erwachte er am Morgen, zur großen Freude der besorgten Mutter, die in der Nacht mehrmals an seinem Bett gewesen war. Ganz blaß sah die Gute aus. Hatte sie solche Angst um ihn gehabt?

Dann müßte sie aber doch jetzt wieder fröhlich aussehen, meinte Rudi. Aber Mutters Gesicht blieb sorgenvoll und mehrmals hörte der Knaben einen Seufzer Was mochte Mutter haben?

Sie ging dann aber aus, und erst als sie das Haus verlassen hatte, fiel es Rudi ein, daß er ihr hatte sagen wollen, daß er doch die Münze, wenn auch ohne Wissen, genommen hatte.

Er überlegte wie er es am besten sagen könnte, so daß die Mutter nicht so traurig darüber sein würde. Am besten würde es sein, wenn er abwarten könnte, daß Mutter nochmals von dem Silberstück sprach. Dann könnte er ganz nebenbei erwähnen, daß er etwas so Eigenartiges an sich genommen hatte. Aber Wenn würde Vater schelten, daß er an dem Schreibtisch sich zu schaffen gemacht hatte.

Hätte er es doch gestern gleich gesagt, noch ehe er zu Müllers gegangen war! Je länger er es hinausschob, um so schwerer wurde es.

Erst unmittelbar vor dem Mittagessen kam Mutter nach Hause. Sie überraschte Rudi mit der Kunde, daß er auf zwei Tage zur Tante fahren dürfe, die ihn eingeladen hatte. In Eile wurden seine Sachen zusammengepackt. Gleich nach Tisch würde der Wagen kommen, ihn auf das Landgut zu holen.

Die Freude darüber ließ ihn alles vergessen: Mutters besorgtes, Vaters ernstes Gesicht, seine Vorsätze. Ja, er dachte nicht einmal mehr an die Münze. Die fiel Ihm erst wieder ein, als er am Abend sein Lager aufsuchte Nun würde er erst in zwei Tagen der Mutter die Wahrheit sagen können.

Ob der lichte Knabe wohl in der Nacht wieder zu ihm kommen würde? Er wollte ihm dann schon sagen, wie alles gekommen. Das würde er doch begreifen!

Aber der Lichte blieb aus und Rudi fand keinen Schlaf! Unruhig warf er sich auf dem ungewohnten Bett hin und her. Blaß und zerschlagen erhob er sich am Morgen.

„Hast Du Heimweh Rudi?“ fragte die Tante freundlich.

Er verneinte. Heimweh war der Druck sicher nicht, den er verspürte, im Gegenteil, der Gedanke daheim vor Mutters klare Augen zu treten, schuf ihm Unbehagen.

„Lichter komm und hilf mir“, bat er vor dem Einschlafen, aber der Ersehnte blieb aus. Warum nur kam er nicht?

Am nächsten Abend brachte ihn der Wagen nach Hause, wo er mit großer Freude aufgenommen wurde. Man hätte meinen können, er sei jahrelang fern gewesen. Aber er war gedrückt und still. Den Eltern fiel es auf, doch meinten sie, morgen werde es wieder anders sein.

In Rudi rang und kämpfte der Entschluß, sich der Mutter anzuvertrauen, aber – – – er fand den Weg nicht mehr dazu. Zu lange hatte er schon geschwiegen, es würde am besten sein, er schwiege nun weiter. Wenn er nur die Münze finden könnte! Dann würde er sie einfach wieder auf Vaters Schreibtisch legen.

Eifrig suchte er und räumte unter seinen Sachen, und schließlich fand er auch das Silberstück.. Wenn er es nun gleich in Vaters Zimmer tragen würde, dann wäre er die unangenehme Sache mit einem Mal los!

Rasch huschte er auf die Diele. Dort mußte er warten, Mutter stand mit einem Besuch plaudernd beisammen. Gerade sagte sie:

„Ich hatte mich so an Anna gewöhnt, aber Du wirst verstehen, daß ich ein Mädchen, auf dem der Verdacht der Unehrlichkeit liegt, nicht länger im Hause haben mag.“

Leise schlich sich Rudi fort, er wollte nicht lauschen. Was war das mit Anna? Sie war im Hause so lange Rudi denken konnte, und alle mochten das fröhliche, willige Mädchen gern. Wäre es möglich, daß sie gehen sollte? Und was hatte Mutter von Unehrlichkeit gesagt? Was mochte sie getan haben?

Die Münze brannte in Rudis Hand. Er legte sie in seinem Zimmer tief unter die Wäsche in seiner Lade, damit er sie jetzt nicht sehen müsse und sie ihm doch nicht verloren gehe.

Am nächsten Tag begann Vaters Urlaub, die Zeit im Jahre, auf die Mutter und Sohn sich immer freuten. Vater wurde dann so fröhlich und hatte Zeit für alle Wünsche der Seinen.

Diesmal wollte sich sein ernstes Gesicht nicht aufhellen. Oftmals blickte die Mutter leise seufzend nach ihm hin. Trotzdem war der Vater sichtlich bemüht, Rudi nichts an Ferienfreude fehlen lassen. Gleich am Nachmittag, rief er ihn, zu einem weiten Spaziergang, und glückselig zog der Knabe an seiner Seite hinaus.

Am Ufer eines kleinen Waldsees sollte gerastet werden. Während Vater in Gedanken zum Himmel schaute, belustigte Rudi sich mit allerhand. Jetzt nahm er einen großen Stein und warf ihn in den See. Er wollte sehen wie weit er reichen könne.

Erstaunt blickte er auf die Stelle im Wasser, an der der Stein versunken war. Ein kleiner Strudel hatte sich gebildet, um den sich nun, auch, als er anscheinend ruhig lag, Kreis um Kreis nach außen hinzog. Immer größer wurden diese Kreise, der äußerste berührte ans Ufer schlagend, Rudis Füße.

Das mußte nochmals versucht werden! Ein noch schwererer Stein wurde geworfen, größer und weitausladender wurden die Kreise.

„Vater sieh nur“, rief Rudi begeistert, „was ein Stein anrichten kann!“

„Ja, Kind sagte der Vater sinnend. So ist es auch mit unseren Taten und Worten. Weite Kreise kann ein einziges Wort, zur Unzeit gesprochen oder unterlassen, nach sich ziehen, Wie oft schon hat eine Lüge über ein Menschengeschick entschieden.“

Als habe der Blitz vor Rudi eingeschlagen, so stand der Knabe am Seeufer.

„Unterlassen hatte der Vater gesagt! Unterlassen hatte er das Wort der Aufklärung! Bildeten sich nun auch solche Kreise? Würden sie ihm bis an die Füße reichen? Nein Rudi fühlte es deutlich, sie waren schon bis ans Herz gestiegen. Sie übten den letzten Druck aus, der ihn nicht mehr recht froh werden lassen wollte.

„Vater“, sagte das Kind in ganz verzweifelndem Ton. „Kann man den Stein nicht wieder holen? Hören dann die Kreise auf?“

Wie solltest Du den Stein aus dem See fischen? Das ist unmöglich.“

Nun aber wurde der Vater aufmerksam auf die Erregung des Sohnes.

„Was ist Dir Rudi? Sollst Du ein solches Wort ausgesprochen haben, das nun unerbittlich seine Kreise zieht?“

Aufschluchzend warf sich das Kind neben den Vater auf den moosigen Boden, und stoßweise kam das Bekenntnis seiner Schuld über seine Lippen. Rudi beschönigte nichts. Nachdem er einmal begonnen, war es ihm eine Erleichterung, alle Unterlassungen zu zeigen.

Erschüttert lauschte der Vater und schwieg auch noch lange, nach dem Rudi geendet. Nur seine Hand legte sich mit leisem Druck auf das Haupt des reuigen Sohnes.

Und dann erzählte der Vater, wie er von einem Bekannten die sehr wertvolle Münze erhalten habe, um die Inschrift zu entziffern. In wenigen Tagen müsse er die Münze zurückgeben. Unausdenkbar wäre es gewesen, wenn er hätte sagen müssen, sie sei gestohlen worden! Das habe schwer auf Vater und Mutter gelegen.

Die Mutter aber habe noch besonders darunter gelitten, daß die das Vertrauen zu Anna verloren habe. Sie habe das Mädchen beim Staubwischen mit der Münze in der Hand gefunden und habe ihr erklärt, wie wertvoll das Silberplättchen sei. Danach war es verschwunden. Anna aber habe der Mutter Fragen nach der Münze gewaltig übel genommen, es sei zur Kündigung gekommen.

Dies alles hatte das Nein des Knabens verschuldet.

Wieder schwieg der Vater, aber seine Worte wirkten weiter. Nach langer Zeit hob Rudi das verweinte Gesicht und sagte entschlossen:

„Vielleicht kann ich diesen Stein doch herausholen. Was meinst Du Vater? Ich will gleich gehen und der Mutter und Anna sagen, was ich getan habe! Ich will Anna bitten, daß sie bleibt. Ich will Gott bitten, daß er mir vergibt. Vielleicht kommt dann auch der lichte Knabe wieder, der so traurig über mich war. Ich habe es wohl gemerkt.“

Der Spaziergang wurde nicht fortgesetzt. Vater und Sohn kehrten unter ernsten Gesprächen nach Hause zurück und Rudi gab sich alle Mühe, den Schaden zu bessern, den er angerichtet.

Den Stein im See aber hat er sein Leben lang nicht vergessen.

de/stimme/heft_9/rudi.txt · Last modified: 2020/11/21 12:26 by Marek Ištvánek