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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_4:recht_haben-recht_handeln

Recht haben - recht handeln.

von Lucien Siffrid

Der heutige Zusammenbruch der Menschheitsgeschichte ist die Frucht des menschlichen Denkens! Da aber Entwickelung und Aufbau im Willen Gottes liegen, muß dem Ausgangspunkt menschlichen Denkens ein verhängnisvoller Irrtum zu Grunde liegen. Denn sonst könnte die Frucht nicht der vollständige Zusammenbruch sein.

Dieser grundlegende Irrtum ist die Verbiegung der Grundlage alles Denkens der Menschen. Sie sind nicht mehr fähig, sich in Demut empfangend in das große Werden einzustellen, sich freudig schaffend dem Ausgangspunkt alles Seins zu beugen! Der Mensch allein will erringen, will die Natur bezwingen! Er betrachtet sich als den Ausgangspunkt aller Erkenntnis!

Aus diesem Grunde tragen alle Gedanken, Worte und Handlungen des Menschen, die nicht im Willen Gottes schwingen, die nicht die überzeugende Kraft des alleinigen Ursprungs in Gott ausstrahlen, den Stempel des Falschen und führen zum Niedergang.

In den folgenden Beispielen kann der Leser erkennen, wie der Verstand, der nur sich selbst anerkennt, aus „Recht haben - recht handeln“ Begriffe formt, die nicht gewollt sind und deshalb den wahren Sinn entstellen.

Mehrere Bekannte sitzen gemütlich zusammen und unterhalten sich über das beliebte Thema des Autowesens. Jeder bringt etwas Neues, weiß von einer einschneidenden Verbesserung auf diesem interessanten Gebiete. Jeder übertrumpft seinen Nachbarn, schlägt ihn mit größeren Fachkenntnissen aus dem Feld, bis dieser wieder aus seinen Erfahrungen die neuesten Schlager auspackt. So geht es weiter.

Einen Laien würde solches Wissen in helle Verwunderung versetzen. Der Schauplatz dieser angeregten Unterhaltung ist ein Großstadtlokal in welchem unter anderem auch die internationalen Sportgrößen verkehren.

An einem Nebentische sitzt unerkannt ein ganz bedeutender Autofachmann. Er verfolgt mit gespanntem Interesse die anscheinend fachmännischen Gespräche der Autoliebhaber. Er hätte gern eingegriffen, als die Ausführungen zu weit in das Reich des Unwahrscheinlichen übertraten, Unkenntnis verratend. Doch er hielt sich zurück, da er sich entschlossen hatte, seine Studien zu machen, zu beobachten, wieweit sich das Besserwissenwollen solcher unerfahrenen Leute versteigen kann.

Ein einziger Satz hätte genügt, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, damit wäre dem gegenseitigen Übertrumpfenwollen ein Ende gesetzt.

Er überlegte hin und her. Belehrte er sie, würde er ja auch der Wahrheit dienen. Der Ausgleich von Geben und Nehmen läge dann im persönlichen Erfolg. Es wäre schließlich nichts dabei, da er ja nicht versucht, einen Nebenmenschen zu übertrumpfen, weil sein Wissen sein anerkanntes Spezialfach ist.

Schweigt er aber weiter, bedeutet es für ihn eine Selbstüberwindung, die ihn geistig weiter bringen muß. Doch dann bleibt er unerkannt!

Dieser letzte Gedanke bringt ihm plötzlich das Erkennen seiner Neigung zur Eitelkeit. Diese Erkenntnis ist der Lohn für seine Selbstüberwindung, der ihm sofort zu Teil wurde, als er sich zum Schweigen entschloß.

Nun konnte er sich in der Selbstbespiegelung betrachten. Er sagt sich, daß er niemandem die Decke wegzieht, wenn er die Gesellschaft im Fachwissen aufgeklärt haben würde. Aber es wäre Eitelkeit gewesen; denn in der ihm verfügbaren kurzen Zeit hätte er kaum ein einigermaßen klares Bild über Fachtechnisches geben können. Es würde nur ein Sich - anerkanntwissen dabei herausgekommen sein. Also ein persönlicher Erfolg. Unter dem Deckmantel, der Wahrheit zu dienen, hätte er der Eitelkeit gedient.

Also war die Selbstüberwindung zum Schweigen das Recht-handeln, eine Tat, die rein im Schöpfungsgesetz schwingt. Deshalb kann sich sofort das Gesetz der Wechselwirkung auslösen und bringt allen ein Erleben.

Es tritt zu dem Autofachmann ein Herr heran, der ihn freudig begrüßt und dabei laut seinen Namen nennt. Die Anwesenden sind nicht wenig erstaunt, in dem Unbekannten den großen Autofachmann zu sehen.

Mit Schrecken erkennen sie, wie jämmerlich sie sich durch ihr Gerede blamiert haben. Dadurch stehen sie jetzt vor derselben Entscheidung zwischen Empfindung und Verstand, die der Fachmann, auf geistiger Ebene stehend, zu Gunsten der Empfindung vollzog. Auch sie müssen jetzt wählen zwischen Recht-haben und Recht-handeln und zwischen Recht-haben- und Recht-handeln-wollen.

Der eine nähert sich dem Fachmann schmeichlerisch und selbstentschuldigend. Der andere mit unverhüllter Neugier, während der geistig Suchende in ruhigem Ernst strenger Sachlichkeit sein Erleben als einen kostbaren Schatz hütet.

Läßt sich der Autofachmann trotzdem von einem seiner Bewunderer feiern, läßt er die eigene strenge Kontrolle fortfallen, so wird dadurch sein vorheriger geistiger Sieg zu einer geistigen Niederlage.

Aber es war ihm durch seine Selbstüberwindung als Lohn Kraft genug gegeben, den Erfolg zu ertragen. Deshalb wäre ein Umfallen für ihn jetzt viel schlimmer.

Die Angewohnheit des Übertrumpfens ist so tief in Fleisch und Blut übergegangen, hat das ganze Denken, Reden und Tun des Menschen so erfaßt, daß er es gar nicht mehr anders weiß! Alle Volksschichten sind ihr Opfer. Politik, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, Religion, Gesellschaftswesen, Freundschaften, Familienleben, die Ehe, überall dasselbe! Es kann ruhig gesagt sein, das heutige Dasein des Menschen dreht sich nur noch in diesem Kreise!

Wem unter uns begegnet nicht täglich mehrere Mal ein Gegenstück zu dem folgenden:

Bei Tisch wird von Speisen und deren Zubereitungsarten gesprochen. Es kommt die Rede auf die Feststellung der Bezeichnung eines Salates. Der eine nennt ihn rote Rüben, der andere behauptet, der richtige Name könne nur rote Rahnen sein und der dritte vertritt mit Bestimmtheit die Ansicht, die einzige Bezeichnung sei rote Beete. Es bilden sich aus den Zuhörern verschiedene Gruppen, die je nach Temperament, aus Rechthaberei oder auch aus Laune und aus Freude am Widersprechen sich teils zu der, teils zu jener Ansicht entscheiden.

Mit dem einfachen Hinweise darauf, daß jeder Landstrich seine eigenen Benennungen hat, die deshalb auch für die jeweiligen Bewohner die richtigen sind, wäre die ganze Frage gelöst gewesen. Doch ein jeder wollte recht haben.

Oder: Es berichtet jemand, daß er sich bei seiner kürzlichen Erkältung eines Mittels bedient habe, das ihm vor Jahren als ganz besonders wirksam anempfohlen wurde. Gerade wollte er mit der Erzählung der Krankheitsstadien und seiner Wiedergenesung beginnen, als ihm sein Gegenüber mit dem weit interessanteren Bericht über seine noch viel schwerere Krankheit und deren Einzelheiten den Faden abschneidet. Auch diesem ergeht es nicht besser durch einen Dritten, der die beiden Vorgänger mit dem Bekanntgeben seines eigenen Krankheitsfalles förmlich in den Schatten stellt.

Alle drei sprechen aus Hang zum Recht-haben-wollen. Würden sich zwei davon überwinden können, würde der dritte bald stutzig werden, da er sich allein sprechen hörte und könnte zu einem Erleben kommen, in dem er seinen Hang erkennt, sich überwindet und dadurch geistig eine Stufe höher steigt.


In den geschilderten Fällen handelt es sich um Menschen, die in einem unabhängigen Verhältnis zueinander stehen. Sie können sich jederzeit aus ihrer Umgebung lösen, wenn sie ihnen nicht mehr zusagt.

Anders ist es mit Menschen, die in einem Verhältnis von Untergebenen zu Vorgesetzten stehen, auch im Verhältnis vom Kind zu den Eltern. Viele Ungerechtigkeiten und Widerwärtigkeiten können sich daraus ergeben, wenn der Verantwortliche weder recht hat noch recht handelt.

So rollt sich für die meisten Menschen das tägliche Leben ab, inhaltlos an geistigen Werten, hin- und hergeworfen von Schicksalsschlägen. Sie wollen darin nicht die einzige Möglichkeit erkennen, in der Selbstüberwindung Herr des Schicksals zu werden!

Viel hat der ernsthaft Suchende schon gewonnen, wenn er in seinen Reden das Anwenden der häufigen „Ichs“ vermeidet, sobald diese zum Hervorheben eigener Taten dienen könnten. Sollte der Satz nach dem Ausscheiden der „Ichs“ nicht mehr lebensfähig sein, kann er ruhig unterbleiben.

Schwerer wird es jedoch fallen, die verdeckten „Ichs“ zu entdecken, die in unseren Gesprächen nur so wuchern. Mancher Leser wird sich an dieser Stelle sagen „es können doch nicht alle Menschen so denken und leben“, „man ist doch manchmal so schwach gegen sich selbst“, „wir haben noch alle viele Fehler“.

Sehr geschickt hat der Verstand hier, um Selbstlosigkeit vorzutäuschen, das „Ich“ in „es, man, wir“ so untergetaucht, daß, erst durch die reine Empfindung geprüft, die Tatsache der Selbstentschuldigung und einer sehr vorsichtigen Selbstbeschuldigung daraus hervorschaut.

Hat die Empfindung so weit durchgegriffen, daß ich gegen mich selbst ehrlich vorgehe, dann werden auch die Gedanken nach und nach reiner werden. Der Mensch braucht dann nicht mehr zu sagen, wie und was er ist, um dadurch andere überzeugen zu wollen, er ist so von dem Augenblicke an, wo er es nicht mehr sagt, daß er so ist.

Die selbstherbeigeführte Unterbindung durch das Wollen des erdgebundenen Verstandes mußte notgedrungen mit zu dem heutigen Wirrwarr führen. Nicht einer unter uns Menschen ist von den verheerenden Folgen des falschen Denkens verschont geblieben. Alle zeigen deutlich das Malzeichen an sich, das uns Unglück, Unzufriedenheit, Unausgeglichenheit und Unglaube aufbrennt.

Würden wir uns ernsthaft darum bemühen, Gott zu erkennen, anstatt Ihn anzuerkennen, so könnte es nur jubelnden Dank geben. Dank dafür, daß wir sein dürfen!

Solange das nicht möglich ist, muß die Grundlage alles Denkens verbogen sein. Die Logik dieses Gedankens liegt in der Tatsache, daß Gedanken „Gott danken“ ist!

Der Mensch verbog „Das Ego ist“, das „Ich bin“, willkürlich in „Der Egoist“. Er wurde dadurch zu dem vom Verstandesdünkel umstrickten besserwissenwollenden Schädling, der, anmaßend und hilflos zugleich, als Trauergestalt vor der Wirklichkeit steht. Er ließ die reine Sache, das sächliche „Ego ist“, in dem persönlichen Begriff „Egoist“ erstarren.

de/stimme/heft_4/recht_haben-recht_handeln.txt · Last modified: 2020/11/15 23:02 by Marek Ištvánek