Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_4:is-ma-el_als_wegbereiter_fur_den_geist_der_wahrheit_durch_die_sieben_weltenteile_der_schopfung

Is-ma-el als Wegbereiter für den Geist der Wahrheit durch die sieben Weltenteile der Schöpfung.

(3. Fortsetzung)

Immer stärker führte die Lichtstunde zu einem Geschehen im Stoffe, das zu Thyatira mit stiller Weihe und Andacht begangen wurde.

Es war die Feier der Inkarnierung bei den Tempelfrauen, die hierzu auserwählt, einige Monate in der Stille des Tempels in Arbeit und geistiger Regsamkeit, nur mit dem schönsten Denken und Tun beschäftigt, dem Geiste sich verbanden, der einen Kindeskörper beleben sollte.

So war es zu Thyatira Gesetz, daß eine Anzahl der reinsten Frauen dem Dienst des Tempels geweiht waren, auf daß hohe Geister in gleicher Zahl zu inkarnieren vermöchten.

Darum zog gerade dieser lichte Tempel zu Thyatira die Fülle leuchtendster, hoher Geister an, zu dem Zeitpunkt einer ganz bestimmten Sonnenstellung im Kosmos. So rein, so übereinstimmend mit den wunderbaren Gesetzen Gottes schwang damals noch die stoffliche Schöpfung zum Teile.

Lichtfäden um Lichtfäden durchzogen die Höhen und feine reine lichtstrahlende Fäden reckten sich ihnen aus dem Stoff entgegen. Ein wunderbar aufglühendes Lichterleben war dieses Eintreten der Geister, dies strahlende Bauen der feinstofflichen Hülle, und das wunderbare naturgesetzliche Weben der wesenhaften Brücken.

Auch Is-ma-el ward von flammenden Strahlen umgeben, die glühend aus ihm brachen in starker Betätigung des Lebensdranges, sobald er in einer bestimmten Strahlungsnähe einer im selben Zustand begriffenen wesenhaften Brücke war.

Es geschah ein Eintauchen, ein Aufflammen und dennoch Bestehen, ein Sichumhüllenlassen und sanft Entschlummern.

So ging der bewußte Geist hinüber in das stoffliche Dasein in dem ähnlichen Zustand, in dem er es nur in umgekehrter Folge einst schon verlassen hatte.

Jahre sollte der Geist im wesenhaften Strahlungsbereiche schlummern, erwachen und Mensch werden, bis dereinst der Geist in einem ihm würdigen Gefäße zum bewußten Diener Gottes erwachen würde.

Die Frau, die ihm das stoffliche Dasein ermöglichen sollte, war Lidia, die Sängerin des Tempels, die Gemahlin des großen Theddeus!

Es war keine Ausnahme zu Thyatira, schön zu sein, es war auch für die Tempelfrauen eine Selbstverständlichkeit, tugendhaft und anmutsvoll zu sein, und darum machten sie sich niemals darüber einen Gedanken.

Sie waren eben Dienerin der Reinheit. Ihr Wesen war von großer Ausgeglichenheit, und ihre natürliche Anmut wurde davon nur unterstützt und gefördert.

Sie hatten keine wechselnden Wirkungen abzutragen; denn sie waren noch niemals verstrickt gewesen in die Wechselwirkung der Trübnis. Sie waren wie die Blumen, die dem Schöpfer zu Ehren blühten und Samen trugen, und die einst wieder in die dichte Stofflichkeit sanken, sie noch nährend mit dem Überrest ihrer Schönheit, die feinstofflich weiter lebte und neue Kraft anzog.

Viele von diesen reinen Frauen gingen, nachdem sie den Willen ihres Geschickes erfüllt, wieder empor im freudigen Wissen, nur darum gelebt zu haben, um einem hohen Geiste den Weg durch das Stoffliche zu bereiten.

Thaisis beriet und führte alle diese Frauen selbst. Sie kannte ihre Geister, wie sie die Geister jener kannte, die erst geboren werden sollten.

Ein starker, leuchtender Segen des Lichtes ruhte in rosiggoldenem Glanze über dem Tempel der Reinheit und dem Hause, das die gesegneten Mütter barg.


Es gab keine Armen zu Thyatira; denn sie hatten alle Arbeit und Nahrung und waren genügsam. Sie kannten kein Anhäufen von Besitz. Alles, das sie besaßen, hatten sie nur, es zu nützen, aber es war immer genug.

Pracht und Reichtum zeigten nur die Tempel, die zu schmücken und auszustatten allen Bedürfnis war.

Auch die Häuser jener Männer, die den Früchte- und Erdschätze- Tausch mit den verzweigten Menschensiedelungen pflogen und die große Umsicht, Wissen und eine wichtige Stimme im Rate hatten, auch diese Häuser waren schlicht und einfach, aber gediegen und immer schön.

Die Wohnhäuser bestanden in dieser Kaste aus vielerlei Räumen, waren einstöckig, mit flacher, von Säulen getragener Deckung.

Der Eingang vereinte sich mit einer offenen Halle, an deren Seiten Bäder lagen. Treppen führten zu den schimmernden Vertiefungen, die mit klarem Wasser angefüllt waren. Bunte Vorhänge aus den wunderschönen Webereien der Frauen schlossen sie nach der Halle ab.

In der Halle selbst wurde gespeist, wobei man auf weichen, niederen Polstern ruhte. Der Tisch war eine Platte, die, wenig erhaben, die hellen, schimmernden Schüsseln trug. Die Hauptmahlzeit bestand aus Früchten von besonderem Aroma und von großer Schönheit. Herrlich leuchteten die goldroten Weine, die dazu in weiten, durchsichtigen Schalen gereicht wurden.

Hinter dieser Halle lagen die Schlafräume des Hauses, je einer für die Söhne, die Töchter, die Frauen und die Männer, die noch zum Hause gehörten. Dienende waren in einem anderen Wohnhaus untergebracht; denn sie gehörten einer anderen Kaste an.

Das Haus des Theddeus war eines der schönstgelegenen, nahe dem Meere. Ein Garten umgab es und daran grenzte nach rückwärts, landein, ein großer Hof, der die Waren beherbergte, die von anderen Inseln und Ländereien zum Tausch eingeliefert waren. Sie wurden auf rollenden Brücken von den Schiffen auf einem besonderen Wege in die Lager gebracht.

Auf diesem Wege war ein lebendiges Treiben, aber es lag keine Gier und keine Hast in den tätigen Menschen. Es wurden nur Männer dort beschäftigt. Diese waren ernst und eifrig und dennoch wie Kinder sonnigen Gemütes.

Sie waren schön anzusehen, groß gewachsen, breit und kräftig. Ihre ovalen, schmalen Angesichter mit den hohen Stirnen trugen das Gepräge edler Reife, auch in der Jugend. Die Kleider waren zum Teil rauh und naturfarben, zum Teil von Schärpen und Borden der kunstreichen Frauen verziert. Auf der Brust trug jeder seinen Namen, in einem Bilde seiner Eigenart, das nur die Menschen zu Thyatira verstanden.

Es wurde ihnen in dem Tempel gegeben von dem Hohenpriester O-man, der auch Königswürde trug und aus Thaisis Rat mit ihr die Weisheit des Lichtes besaß.

Viele solche Lagerplätze reihten sich an der Rückseite der Gärten, welche die Kaufleute zu Thyatira bewohnten.

Sie gaben ein Bild von der Fülle des Überflusses mancher Ernten, von dem Fleiß und der Rührigkeit dieser Menschen. Die grauweißen Lasttiere trabten von früh bis spät zum Hafen, das aufmunternde Rufen ihrer Treiber mit lautem Gewieher erwidernd.

Riesige andere Tiere trugen Massen in Ballen auf den Rücken. Sie sahen aus wie weiße Elefanten.

Ungeheuer war der Lärm der Tausende an den Handelsplätzen, die links und rechts des Weges gegen das Meer zu immer wieder große Kolonnen aufhielten. Trotz aller Schärfe des Verstandes im Handel geschah aber niemals ein Falsches, ein Mißtrauen oder eine Übervorteilung, es gab deshalb auch keinen Streit, sondern es ruhte über dem ganzen Tun und Denken dieser Beschäftigten der Atem der Reinheit.

Am Hafen aber schaukelten die großen Schiffe. Treppen und Stege mit hurtig hin und her rennenden Trägern führten zu ihnen empor. Es waren vielgestaltete Schiffe, meist von einer starken, dunklen Holzart, die Segel bunt und groß. Große Steuer befanden sich am Hinterdeck.

Unten waren große, ausgebauchte Räume, die die Ladung bargen. Vielartige Düfte breiteten sich hier aus, von den unzählbaren Waren, die darin lagen.

Eines der größten Fahrzeuge trug auf rotem Segel eine goldene Sonne!

Es war soeben zur Abfahrt gerüstet. Der Besitzer stieg als letzter über die Stufen des Steges wieder an Land zurück. Er war wie alle seine Stammesgefährten groß und schön, und sein Angesicht, von einem dunkelgoldblonden Barte eingerahmt, war leicht von südlicher Sonne gebräunt.

Seine Augen leuchteten goldenbraun und drückten frohe, stille Güte aus. Sicher, stolz und klug erschien das entschlossene Gesicht, schweigsam der Mund, um den ein gewinnendes Lächeln schwebte wie um die Augen, auch wenn er schwieg. Die schmale, längliche Nase zeigte wie auch die dunklen Augen und die Haut, daß dieser Mann nicht aus Thyatira selbst stammte, sondern von einer der fernen, südlichen Inseln hergezogen war.

Als er sich dem Hafenplatz nahte und mitten durch das Menschengewirr zu dringen plante, öffnete sich wie von selbst ein Weg, an dem alle achtungsvoll geneigt ihn grüßten.

Er erwiderte mit einer Handbewegung und schritt direkt auf ein Häuflein Menschen zu, das ihn zu erwarten schien.

Ein hübscher, ungefähr zwölfjähriger Knabe sprang auf ihn zu und griff nach seinen Händen. Mit sonnigen, tiefblauen Augen lachte er zu ihm empor und in der stürmischen Bewegung seines schlanken Körpers, in dem schmiegsamen, unbändig wünschenden Aufspringen lag feurige Energie und freudiger Tatendrang. Die Wunschkraft war heiß' und rein und die Bitte sprudelte von den Lippen:

„Vater Theddeus, darf ich heute mit Dir in den Tempel gehen?“

„El-misa, ich weiß, wie es Dich dahin zieht und will Dir Deinen Wunsch erfüllen! Die Arbeit mag für heute ruhen, da mein Schiff den Weg nach Lissa angetreten hat. Schöne Gewebe und herrliche Flechtarbeiten und eine Fülle der goldenen Kristalle wird es mitbringen, mein Sohn, und Du sollst dann die schönsten wählen, daß Du sie O-man bringst zur Wahl.“

„Vater, ich denke noch immer an jenes Geschmeide, das der Engel mir neulich im Traume wies. Leuchtend war es wie Licht, ein prachtvoller Reif und ein köstlicher Stein, und ich vergesse nicht seine Stimme, mit der er sprach:

„El-misa Du wirst diesen Ring dem Höchsten schmieden im Feuer Deiner Treue, und einen zweiten Stein dem ersten gesellen!“ Nun läßt mich der lichte Ring nicht ruhen, mir ist, als sei ich kein Kind mehr. Ich muß nun den Ring beginnen.

Seine Augen glühten, es flammte wie Gold im Haar. Theddeus wußte nicht warum, aber er zog den Knaben an sich und küßte ihm die Stirne.

El-misa schob die kleine; feingegliederte Hand in die des Vaters. Er ließ sich äußerlich führen. Tatsächlich aber war er es, dessen flammender, sehnsuchtsvoll erwachter Wille die Richtung gab.

Eine stille innige Freude war in Theddeus, da er des Kindes kraftvolles Wollen empfand. Lächelnd ließ er sich in die Richtung nach dem Tempel ziehen.


Schnell waren sie aus dem Gewirr des Handelstreibens; denn die Entfernungen waren nicht sehr groß. Sie wählten den Weg durch einen der unzähligen Laubengänge, die in smaragden gewölbter Zartheit strahlengleich auf die Tempelgärten hinführten.

Silbergrünleuchtendes Sonnenlicht tanzte auf und durch die Blätter und warf Flammenkringel auf den Weg. Der Wind bewegte die Lauben leise, die ein weiches, seidiges Rauschen vernehmen ließen, das zu dem Summen der sonnentrunkenen Insekten paßte.

„Höre, Vater, die schöne Musik!“ sprach hinlauschend El-misa.

Er ging leiser, als wollte er nicht durch seine Eile ein wilderes Bewegen verschulden.

„Hier geht schon die Andacht an, hier ist es die Stille der Natur und das Lobsingen der Bäume, die uns hereinzieht in die immer schöner werdenden Gärten des Lichtes.“

Theddeus nickte nur. Er vermochte nicht die Worte zu setzen wie sein Knabe, wenn er sie aber aus dem kindlichen Munde vernahm, dann lebten sie in ihm, als hätte er sie ebenso gesprochen.

„Wir wollen heute nur an dem Teiche der weißen Blume verweilen, ich habe solche Eile“, sprach El-misa weiter.

An dem Teiche der weißen Blume, wie er die Lilien nannte, vermochte er nicht vorüberzugehen.

„Hier muß ich seit kurzem immer lauschen. Ich höre Töne von solch klarer Harmonie, daß ich kein Wort mehr denken kann und dennoch, Vater, ist darin ein Wort, ein Name dünkt mich, den ich schon gewußt und nur vergessen habe! Glaubst Du, Vater, daß solche Namen wieder erwachen? Glaubst Du, daß sie sind?“

„Sie sind gewiß, mein Sohn, wenn Du von ihnen weißt. Sie werden Dir sicherlich bewußt, wenn Deine Zeit dazu gekommen ist.“

El-misa sprach davon nicht mehr. Hatte er verstanden, oder beschäftigte ihn schon wieder der Ton, dem er nachsann? Eine Weile blickte er in die silberklar rieselnden Wogen des ewig bewegten reinen Wassers, bis tief in den Grund. Die Lilien um das Becken des Teiches neigten sich klingend, und ihr herbsüßer Duft umschmeichelte den Knaben.

„Wie lind sie sind und doch so kühl“, sprach er leise. „Sie duften so rein und kühl. So muß es in den Gärten Gottes duften, von denen Thaisis singt.“

„Verstehst Du denn, wovon Thaisis singt?“

„Natürlich, Vater, sie nimmt es doch aus denselben Lichtstrahlen, die zu mir die Düfte und die Töne sagen.“

Das war Theddeus fast zu hoch, obwohl er aus dem Weltenteile Thyatira stammte, wo ja die Töne der Strahlen der Menschheit offenbar waren.

„El-misa, Du bist noch so jung! Freue Dich der Blumen und Tiere und spiele, lausche noch nicht so tief in die Gesänge der begnadeten Priester.“

„Du möchtest leicht fürchten, Vater, daß ich Dir zu bald in die ewigen Gärten empor strebe und Dich verlasse? Ach nein, fürchte das nicht! Ich weiß, ich habe hier zu tun. Ich gehe nicht fort, bevor ich das Meine erfüllt habe.“

Theddeus wurde still und bleich, seine goldbraunen Augen dunkler. Ein Sinnen trat in die sonst so lachenden Züge, ein tiefer Ernst. Er fühlte: da hatte ihm das Licht eine Aufgabe gegeben! Er wollte El-misa für das Licht hegen wie seinen höchsten Schatz.

Dennoch mühte er sich, den Gedanken des Knaben möglichst kindliche und natürlich stoffliche Richtung zu geben. Er mußte das Schwergewicht seines Kindes sein, der Anker in die Dichte.

So hatten sie sich dem innersten der Gärten genaht. Hier zogen sie ihre Schuhe aus und schritten durch die seichten, rieselnden Wasser. Dann standen sie vor dem ersten goldschimmernden Tempeltor an den Stufen.

Schweigen lag in ihnen, über ihnen, um sie, und ihre Geister beteten.

Als sie den ersten Hof betraten, an den sich unabsehbar weite Säulenhallen schlossen, umgab El-misas Geist eine lichte Wolke. Es war, als dürfte er noch nicht erkennen, was in seinem drängenden Wollen bereits vorbereitet war. Einfach und voll Demut, ein Kind wie andere auch stand der kleine Sohn des Theddeus unter den gewaltigen Säulen, die in ihrer überragenden Höhe und Weite und scheinbaren Unabsehbarkeit beinahe bedrückten. Blau war das Licht, das von oben zu fließen schien, und wieder umrauschte es das Kind wie Sphärenharmonie. Anbetung erfüllte seine Seele ganz.

Als sich die Säulenreihen endlich lichteten und sie vor dem zweiten Tore standen, ergriff den Knaben eine gewaltige Freude: „Nun gehen wir zu O-man!“

Es war der oberste Priester, den er gleich seinem Vater liebte. Eine breite Tempeltreppe führte nach oben. Linker und rechter Hand erhoben sich wieder schimmernd weiße, lichte Mauern. Dieser Ring der Tempelbauten barg die Wohnräume der Priester. An linker Seite führte eine Säulenhalle in die Gemächer des O-man. Kaum hatten Vater und Sohn diesen Gang betreten, als ihnen weißgekleidete Schüler entgegen kamen. Mit tiefer Neigung der schmalen Häupter und gekreuzten Armen blieben sie stehen und ließen schweigend die Besucher durch ihre Reihen gehen, dann folgten sie ihnen in die große Halle, deren Boden war wie ein schimmernder Smaragd. Die Säulen, welche sie in der Runde umgaben, leuchteten im selben Grün. Bewegliches Licht verbreitete sich von oben durch die Decke.

El-misa staunte. Noch nie hatte er den Tempel betreten dürfen, noch nie gedacht, so Prächtiges darin zu schauen. Einfach und groß war diese Schönheit und El-misa dachte:

Wie herrlich ist der Erhabene, der seine Geschöpfe beschenkt, solches zu erbauen!

Er war schweigsam. Mit großen Kinderaugen blickte er um sich, lauschte in sich hinein, und es rauschte in ihm ein neues Glücksgefühl empor.

Im Hintergrund stand der feingeschnittene, goldsteinerne Stuhl, durchsichtig wie Topas, auf den sich O-man zu den Ratsitzungen und königlichen Ämtern niederließ.

Dahinter war ein seidenschimmernder Teppich gespannt, von den reinsten und begnadetsten Frauenfingern gewoben. Er stellte die Schöpfung des Reiches Thyatira dar und war von einer Farbenfülle und Geschmeidigkeit der Fäden, die in dichteren Schöpfungsarten nicht zu erreichen wäre, die aber auch hier an Erlesenheit das Höchste bot.

Naëmis hatte ihn gewoben, die erste Dienerin und Freundin der Thaisis, die im Tempeldienst der Priesterin zur Seite stand.

Auch sie gehörte zu den auserwählten Frauen und war begnadet, die Bilder, welche Thaisis schaute und beschrieb, in lichten, leichten Gespinsten festzuhalten. So wie Chrisotis, die erste Tempelsängerin, sie in Tönen wiederzugeben verstand, in Tönen, die ihre Seele schwingend fand und die sie mit der Kehle eines Vogels wiedergab.

Lichtklar und hell klangen sie wie eine Silberglocke, und dabei leise schwingend, und schwangen sich doch in Weiten, die wundersames Wirken heiliger Strömungen heranzutragen vermochten.

Der Teppich glühte in so lichtem Leuchten, daß El-misa ganz geblendet war. Lange stand er schweigend, mit weitgeöffneten Augen, und in den Augen spiegelte sich das Licht jenes leuchtenden Erlebnisses seiner kleinen Seele. Er kam in ein Bewegen, das ihn erbleichen ließ, die Augen wurden dunkler, die Lippen beinahe fahl.

„El-misa“, rief ihn der Vater leise, mahnend und schonend, wohl merkend, was in dem Kinde vor sich ging. „Du mußt nicht zu sehr in die Stimmen dieser Farben lauschen. Achte all des anderen, das da an Schönheit um Dich ist und harre auf O-man.“

El-misa verschwieg aus Höflichkeit, die ihm angeboren war, dem Vater zu sagen, daß er nun schon genug erlebt hatte, seit er den Teppich gesehen. Er wollte allein sein. Es stürmte in ihm. Sein Empfinden war so wach geworden, da El-misa die Schöpfungsbewegung dieses Bildes von Thyatira sah.

Er wollte sagen:

„Ich weiß es! So war es! Ich bin dabei gewesen!“

Gleichzeitig aber erschrak er:

„Ich, ich, El-misa, der Sohn des Theddeus? Ich bin doch noch ein Knabe! Wo war ich denn, als das Licht Thyatira schuf?“

Ein Suchen, ein Lauschen, ein Drängen war in dem Kinde.

„Ich, El-misa, der Sohn des Kaufherrn Theddeus?“

Mit den kleinen, zitternden Händen griff er an seinem Kleid hinab. Weich war es und seidig und die feinen Borden blitzten wie Tautropfen an einer langen Schnur. Sonnengelb und silberklar waren seine Farben, die er trug, wenn er in die Tempelgärten ging.

„Das ist die Farbe des Lichtes! Sie klingt am reinsten in den Chören der göttlichen Harmonie im Stoffe.“

So hatte er dem Vater erklärt, warum er gelb so gerne trüge.

„Warum nicht weiß?“

„Weiß darf ich noch nicht tragen, sonst werde ich zu leicht!“

Solch wunderbar einfache Antworten gab El-misa und darinnen lag ein Wissen, das wohl nur O-man und Thaisis verstanden.

Leise war während des stummen Erlebens der Priester eingetreten. Er stand an seinem Hochsitz. Erst da hatte ihn der Knabe wahrgenommen. Nun beugte er sich, und über das schmale Kinderantlitz huschte ein Zug von ernster Ehrfurcht. O-man aber nahm nicht den Stuhl seiner Würde ein, er schritt vielmehr mit leisem, festem Gange auf den Knaben zu und nahm seinen schmalen Kopf in beide Hände.

Er bog das kleine, schüchtern gesenkte Haupt zurück, so, daß das Kind die großen Augen auf zu ihm richten mußte.

„Nun wohl, da bist Du ja, El-misa, Du leuchtendes Reis aus Patmos, ich grüße Dich!“

Und El-misa, das Kind, sprach aus der Stimme seines Geistes: „Ich grüße Dich, Johannes!“ 1)

Es war wie eine leuchtende Erfüllung des Lichtes, da diese beiden Geschaffenen zueinander traten. Der reife Mann, der sich dem Greisenalter nahte, und das Kind, der Knabe El-misa, der zu lichtem Wirken in der Stofflichkeit erzogen werden mußte.

Theddeus hatte still der eigenartigen Begrüßung beigewohnt. Ihm war die wundersame Art des Knaben gar nicht fremd, doch empfand er des Priesters Herzlichkeit, die so natürlich war wie ein Gebet.

„Du hast El-misa schon gesegnet durch Deinen Gruß, o Herr“, war alles, was er sagen konnte.

„El-misa wird bald in unseren Hallen weilen, Theddeus, er gehört hierher“, sprach O-man gütig. „Ich hoffe, daß Du ihn meinem persönlichen Schutz anvertraust. Er darf Dich stets besuchen, soll auch in Deinem Hause lernen, daß er das Amt des Vaters wohl versteht.

Doch seinen Geistesweg will ich allein ihn führen; denn er ist mir geistig anvertraut. Er ist im rechten Augenblick gekommen, da sich unser Weg getroffen hat.“

Es war, wie das Zusammenstreben zweier Lichtkerne, da diese beiden hohen Geister sich im Stoffe trafen. Das Kind und der Alte.

Beide waren von diesem Geschehen seltsam berührt. Es war ein Erleben, dessen Stärke ,keinem Geschehen der Stofflichkeit sonst gleichgekommen war. Das empfanden sie Beide, der Mann bewußt als der Weise und Priester, der wissend und diese Stunde kennend erfüllt hatte, und jenes Kind noch unbewußt, aber nicht weniger stark, daß mit ihm etwas geschehen war, was tief in die Zusammenhänge seines Ursprungs griff. Und seine nächsten Worte waren:

„Mir ist, als sei ich nicht mehr einsam auf der Welt!“

Theddeus blickte sinnend auf sein Kind hinab. Ihm .war, als hätte er es zu dieser Stunde dem Herrn zurückgegeben, der es ihm zur Freude und aus Gnade gespendet hatte, und er gedachte seines Weibes, das er verloren, als ihm dies Kind von Thaisis selbst in den Arm gelegt ward.

Thaisis hatte ihm dabei gesagt:

„Nach dem Willen des Herrn hast Du ihn gezeuget, nach dem Heiligen Willen Gottes ward er empfangen und getragen. Nach dem Gesetze der Reinheit hat ihn Lydia geboren, und damit ihre Bestimmung erfüllt. Hüte Du seinen irdischen Leib und schütze die Entwickelung seiner Seele bis zur Erweckung seines Geistes! Dann hast auch Du erfüllt nach dem Willen der ewigen Weisheit.“

Theddeus wußte, daß in seinem Sohne ein hoher Geist lebte und gab ihm alles, was er zu seiner körperlichen und seelischen Entfaltung bedurfte. Die eifrige und kluge Art des Knaben kam ihm bei allem sehr entgegen, er hatte nur Freude, niemals Mühe.

Von seiner Mutter sprach El-misa später nie. Er ehrte sie als das Gefäß, das ihm das Leben gegeben, wie es in der Erziehung der Kinder begründet war, aber er empfand nicht die wesenhafte Neigung.

Er sehnte sich auch nicht nach Zärtlichkeit. Schmiegte er sich manchmal an den Vater, so war das mehr der Ausdruck eines geistigen Empfindens, übergroßer Freude oder Dankbarkeit zu dem Herrn. Auch wenn er einen Wunsch nach geistigem Erleben trug, dann kam die weiche Regung über ihn und er begann zu schmeicheln, aber in einer reinen, spendenden Weise, ohne ein Gefühl hineinzumischen.

„Das Kind ist wie eine Blume oder wie ein schöner, edler Stein“, dachte Theddeus, und es war ein Glück für El-misa, daß ihn der Vater so verstand.

Darum verstand er auch jetzt seine Freude, vermochte ohne persönlichen Schmerz des Kindes Glück zu erfassen. Es hatte ihm der Herr die Gnade des Miterlebendürfens gegeben, weil er so ganz sich selbst aufzugeben vermochte. Ohne die ganze Größe des Geschehens zu wissen, erlebte Theddeus die Verbindung dieser hohen Geister im Stoffe als eine Freude überirdischer Art und wurde darin emporgehoben im Geiste.

„O-man, Du bist schön“, sprach El-misa und schaute den Oberpriester bewundernd an. „Du hast das Angesicht eines Engels!“

„Hast Du denn schon einen Engel gesehen, El-misa?“

„Gewiß, er hat mir ja einen Auftrag gegeben.“

„Du hast es vernommen, mein Sohn, und Thaisis wird Dir den Weg weisen. Du wirst in die Schule der Eingeweihten gehen und dereinst gesetzt sein über viele. Gib uns, Theddeus, das Kind in unsere Obhut!“

Und Theddeus sprach:

„Er ist des Herrn! Mit ihm geschehe nach seinem Heiligen Willen.“

In El-misa brannte das Feuer der Freude, er küßte im Glück des Vaters Hand.

„Nun gehe heim für heute und bereite Dich für den Eintritt in die Schule. Bald werde ich Dich zu Thaisis führen.“

Der Oberpriester zog sich zurück. Es war, als wäre er unsichtbar aus dem Raume getaucht. Klar und licht aber stand die Erscheinung seines Geistes noch vor dem Geist des Knaben El-misa, und die Flammen ihrer Gleichart loderten in Freude. - Diese Begegnung mit O-man war für El-misa ein geistiges Geschehen von großer Bedeutung. Er wurde dadurch auf seinen eigentlichen Boden gestellt, von dem aus er erst seine Entwickelung fortzusetzen vermochte.

Der Mensch seiner Umgebung verstand von diesem großen Erleben so gut wie nichts. Äußerlich blieb auch das Kind vorerst noch ziemlich unverändert, auch sein stilles besinnliches Wesen war seine Umgebung zu sehr ;gewöhnt, als daß es ihr aufgefallen wäre.

Mit Eifer gab er sich nun den Studien hin, die weise Lehrer unter O-mans Leitung begannen. Sie waren Vorstufen nur zu späterem Wissen, und ganz anderer Art, als die Schulen aus den Zeiten der Verstandesherrschaft in den dichteren Schöpfungsteilen.

Sie waren in erster Linie eingestellt auf menschliche Entwickelung des stofflichen Gefäßes, das wie ein Instrument sein mußte, darauf die feineren, höheren Kräfte der Schöpfung zu spielen vermochten.

Da der innerste Wesenskern des Menschen noch unverbogen war, mußten die Fähigkeiten, welche in ihm lagen, nur geweckt und gestärkt werden. Dazu gehörte als erster Grundbau die Lockerung und Ertüchtigung des Körpers.

Es galten diese Übungen als gottesdienstliche Handlung, wie jede Art von Tätigkeit überhaupt, und von diesem Bewußtsein aus wurden sie getragen. Auch die Schulung der Atmung, welche an die Körperertüchtigung angefügt wurde, war gleichzeitig das Öffnen zum Gebet.

Diese Stunden wurden früh morgens und abends gehalten und durften nur im Zustande völliger innerer Ruhe erfüllt werden. War ein Schüler durch Fehler oder irgend einen Schmerz der Seele bedrückt, so durfte er an diesem Tage nicht teilnehmen.

Da es bald die Höhepunkte des Tages waren, die dem Schüler die Zeit der Ertüchtigung brachten, hütete er sich vor aller unnötigen Erregung seiner Seele und gewann so in natürlicher Weise an innerer bewußter Beherrschung seiner Selbst. Darum ward seine Ausstrahlung klar und licht, die allen höheren Schwingungen leicht Anknüpfung verschaffte.

Viel Bewegung in der Natur war zu dieser Entwicklungszeit Vorschrift für die Schüler. Bald verband ein harmonisches Schwingen die Jugend mit den Lehrern. Nach kurzer Zeit schon durften sie dem Dienste des Tempels angehören und alle Handlungen in ihm waren erfüllt von Andacht und Verehrung.

Sie wurden auch zur Schweigsamkeit erzogen, obwohl sie heiter in den Stunden der Spiele mit Singen, Lachen und Gesprächen sich unterhielten. in den ersten Monden durften die Schüler die Tempelgärten nicht verlassen, um gelöst zu werden aus ihrer ursprünglich kindlichen Sphäre, und das Erwachen neuer Kräfte wurde in ihnen zu bewußtem Leiten geschult.

Die fein organisierten, ätherischen Körper, welche sich zu jener Zeit um sie bildeten, bewirkten die Brücken zum Einlaß und Durchstrom höherer Kräfte, die diesen Menschengeistern vom Lichte noch nicht vorenthalten waren.

Alle Übungen waren die Vorstufen zur Weisheit, die erst dem erschlossen wurden, der sich zu fügen und dem höheren Willen völlig zu öffnen vermochte durch Reinheit im Denken, Reden und Tun. Es war keine Schule der Ekstase, sondern eine Lebensschule und Ertüchtigung.

El-misa durchschritt diese Stufen der Vorbereitung schnell, schneller wie seine Altersgenossen. Und es war im Tempel zu Thyatira nicht üblich, die Zeit abzusitzen, sondern wer fortschreiten konnte, durfte weiter schreiten, oft Ältere weit überflügelnd.

So war bald die Zeit für El-misa gekommen, daß er im Zustand der Reife war, der Priesterin Thaisis zu nahen.

O-man war zu dieser Zeit ihm Führer und Freund geworden, und es war wie ein fließender, ewig ausgleichender Strom, wenn der Alte mit dem Knaben Gespräche über Gott führte. Es war auch wie Gebet in seligem Erinnern, in Geben und Nehmen eines Wissens von Macht, Liebe und Kraft, aus dem lebendige, bleibende Werte erstanden.

Darauf baute O-man die Schule für El-misa! Im Erkennen die Geister zu Thyatira dem Gegenpol Gottes entgegenzustellen; denn sie wußten von Luzifer und von dem Wollen seines lichtabgewandten Geistes.

Weise bereitete O-man, der einst der Menschheit das Wissen von ihrem Geistkeim gespendet, der sie auf Höhen der Erfüllung leitete, den Knaben auf den Kampf mit dem Widersacher. Und in El-misa erwachte das Erinnern an den Sturz des Engels und an sein grausiges Wirken in der Dichte.

Flammende Bilder erstiegen seinem Geist aus diesem Erinnern, und er prägte sich die mahnenden Worte des Lehrers ein:

„Sei wach, denn seine List erscheint im Kleide der Schönheit!“


So waren viele Monde dahingegangen. In dem Geiste des jungen El-misa erblühte eine lichte Knospe nach der anderen. Wie ein leuchtender, lichter Hain, voll Sonnenschein, Blumenpracht und Vogellied, war für El-misa der Weg in sein zukünftiges Wirken.

Unermeßliche Möglichkeiten des Wissens und Erkennens zeigten sich dem regen Geiste. Ihm war, als ruhe all dieses in ihm und bedürfte nur der Gabe des Erwecktwerdens. Was er als Kind intuitiv empfunden, das Strahlen der Farben und Töne, war für ihn längst Wissen geworden. Und es in Form zu gießen durch allerlei Fertigkeit seines beweglichen Verstandes, war nun sein Arbeitsteil.

Gleichzeitig aber führte ihn die Leichtigkeit und Reinheit seines Schwingens auch immer mehr in die Wahrnehmungen der ihn umgebenden feineren Welten.

Und da es zu Thyatira vorerst nur Reines gab, besonders aber in den geheiligten Stätten der Anbetung des Herrn nur Lichtes lebte, war für die junge erwachende Seele das Schauen eine neue Seligkeit.

El-misa war nicht mehr verträumt. Das ließ die stramme Schulung seines Körpers und seines Geistes gar nicht zu; aber er war oft tief in Gedanken. Nur Weisheiten und Erfahrungen waren es, die seine Gedanken so stark beschäftigten. Erfahrungen aus eigener Beobachtung.

Zuerst erlebte er, wie er in dem Zustande des Gebetes im Stofflichen zu stehen hatte. Daran schloß sich die Beobachtung seiner Umgebung, sowie die Beobachtung der Erfüllung seiner Bitte oder der Rückwirkung seines Dankes in Form von unbeschreiblicher Kraftfülle, die er sofort zu nützen hatte, wenn er sie ganz aufnehmen wollte.

Er kam in eine Bewegung seines „Ich“, die plötzlich ein Erinnern an das Leben des Lichtes auf seligen Inseln in ihm erstehen ließ. Aber dies Erinnern streifte ihn nur, so, als ob es mahne, dann wurde ein lichter Schleier lind darum gelegt.

„Wir müssen El-misa bewahren, daß er nicht zu früh erwacht! Er nimmt die Schritte seines Fortgangs fast zu weit und zu schnell. Sorge, daß er jede Stufe genau und gründlich nehme. Halte ihn auf durch Ablenkung stofflicher Art!“

So sprach Thaisis zu dem Oberpriester O-man.

„Bedenke, wie sehr er gehärtet sein muß für die Zeit des Kampfes, wie er Schritt vor Schritt die Dichte erfassen muß, in die sein ganzes Wissen tauchen soll.“

Sie wandelten in den weiten Lauben des Tempelhofes, der den Tempel des Herrn umgab. Abgeschlossen durch die lichten Tore nach außen gaben sie sich dort den Beratungen alles Notwendigen mit Eifer hin. Thaisis entrollte vor dem weisen Lenker der geistig-stofflichen Macht zu Thyatira alles Wissen aus dem lichten Quell ihrer Erkenntnis.

Was in reiner Schale empfangen, aus reinster Quelle ihr gespendet war, das gab sie in Reinheit weiter an die Weisen der Reiche.

Ewig jung schien sie zu sein nach Gestalt und Angesicht, von einer Schönheit, die mehr noch geistig als irdisch war. Das, was zuerst an ihrer Erscheinung auffiel, war die Haltung ihres Körpers und der schwebende, dennoch kraftvolle Gang. Ein vollendetes leises Bewegen ihres königlichen Hauptes, in dem die höchste Würde des Weibes mit der Demut der rein Empfangenden und dem Willen der Herrscherin zum Ausdruck kam.

Ein Bewegen ihrer Hände, die stets leise nach oben geöffnet alle Kraft der Himmel sammelten, wenn sie gebend halfen oder rieten aus der Führung weisen Verstandes, ein Bewegen ihres Gewandes, wenn sie sich vor den Stufen des Altars neigte und ihre Schleier, die fast immer das weiße Angesicht umgaben, zurück streifte, das Neigen ihres Körpers, das Beugen ihrer Kniee vor dem Herrn … alles war formgewordene Anmut und Anbetung in der Demut vor Gott!

Trotz all der unbeschreiblich großen Anmut trug dieses Weib ein klares, fast männlich starkes Wollen in dem Geiste, das aus all diesem Liebreiz hervorzustrahlen schien und sie unbesiegbar machte. Macht war das Wort, das in ihrem Geiste schwang wie Liebe und Licht.

„Und dennoch, Thaisis, meine ich, es wäre nun die Zeit gekommen, El-misa vor Dein Angesicht zu führen. Er ist nun kein Knabe mehr. Sehnsuchtsvoll drängt das Reifen seines Geistes in dem stofflich erwachenden Gefäß.

Das Mütterliche, ewig Weibliche, vermag in diesem Zustand einer Knospe höchste Veredelung und Ruhe im Empordrängen des Geistes zu erreichen. Die Mutter hat er nie gekannt, die Deinem Herzen so nahe war. Du warst es, deren gesegnete Hände ihn in das Leben des Stofflichen trugen, dem Vater zu. Was Du ihm sein wirst, weiß ich, was Du ihm warst, weiß er dereinst, woher Ihr kamet, das wird ihm Lichtes Kraft vorerst verhüllen!.“

„Du weißt, sein Geist ist allzu wach, er hat auch Dich erkannt.“

„Und hat es ihm geschadet? ich sage nein! Er ist aus unserer starken Art der Stärkste, dies bedenke, Thaisis.“

Leise lächelnd, voll Liebe und dennoch kühler Strenge schüttelte die Priesterin das Haupt.

„Du wirst den Bescheid meiner Zustimmung empfangen, wenn sie von oben kam!“

Dies war ihr Abschiedswort. Mit leisem Neigen entließ sie den Priester aus dem Gespräch. Ruhig und gemessen schritt er geneigten Hauptes nach dem Tempel. Um Thaisis aber schloß sich der Kreis ihrer Frauen, die ferne in den Lauben ihrer Herrin gewacht hatten.

Die linde Hand der Liebe hielt El-misa noch von der Erfüllung seines heißen Wunsches zurück. Sein flammender Geist mußte noch gehärtet sein, bevor Thaisis ihn empfangen wollte.

(Fortsetzung folgt.)

1)
Es ist Johannes, der spätere Lieblingsjünger Jesus.
de/stimme/heft_4/is-ma-el_als_wegbereiter_fur_den_geist_der_wahrheit_durch_die_sieben_weltenteile_der_schopfung.txt · Last modified: 2020/11/15 23:31 by Marek Ištvánek