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de:ruf:heft_13:theater_und_leben

Theater und Leben.

Von Fritz Koennecke

Das Theater befindet sich heute in einer merkwürdig schwierigen Lage. - Darsteller sind zur Genüge da, die fähig sind „Leben in konzentrier-ter Form“ wiederzugeben. - Aber die Dramen von heute geben ihnen nicht hinreichend Gelegenheit sich voll auszuleben, - woher kommt das? - -

Wir leben in einer Zeit der Auflösung - des Ausgleichs auf allen Gebieten: eine Zeit, die sich von allem Erstarrten, allem Dogmatischen befreit. - Ein Recken und Dehnen nach allen Seiten ist das Zeichen unserer Zeit, - sporadisch und unausgeglichen.

Unsere freie, durch keine Religionsfessel geknechtete Stellung der Natur gegenüber, ließ erst uns das richtige Sehen und Hören lernen. - Aug und Ohr spielen gegenwärtig eine Rolle im menschlichen Leben wie nie zuvor, anhaltend werden ihnen neue Gebiete erobert. -

Wie ein Fieber hat dieses Vorwärts auch unsere Künstlerwelt ergrif-fen. - Ein dämonischer Drang, alle Fesseln zu sprengen, alle Grenz-pfähle einzurennen, macht sie blind für die natürlichen Grenzen, die den verschiedenen Künsten gezogen sind. - Allenthalben erlebt man heute Grenzverschiebungen, Grenzverwischungen der verschiedenen Künste untereinander. - Für die dramatische Kunst liegt ein direkter tötender Keim in diesem Zerfließen der Grenzen. - Der Dramatiker, der „Leben“ in sich verarbeiten und konzentrieren soll, läuft ständig Gefahr, in einer anderen Kunst stecken zu bleiben. -

Im Malerischen empfangene Natureindrücke werden (oft ganz unbewußt) in jeder Weise verwertet. - So kam der „Augenkult“ ins Theater, der uns den ungeheuren Fortschritt des Szenariums brachte. - Hiermit eng zusammen hängt die Gefahr: Gestalten zu erschauen - statt sie zu erleben. Der Dichter lebt seine Gestalten nicht selbst aus, er wird „Publikum“. - Er sieht die Bühne vor sich; er findet Gestalten, denen er seine Gedanken einhaucht, die er nun (dem Schachspieler vergleichbar) miteinander, gegeneinander marschieren läßt, bis eine (oder keine) Partei gewonnen hat. - - In diese sogenannte „Rollen“ lebt dann der Schauspieler sein eigenes Ich hinein, er erst hebt die Gestalten ins „Leben“, bringt Wärme in ein Stück, das oft nicht ein Atom wirklich pulsierendes Eigenleben in den Adern hat. - Und wenn der äußere Erfolg auch da ist, an dieser Kunst muß der Schauspieler innerlich verbluten, muß auf die Dauer sich verausgaben oder zum Klischee werden. -

Andere Dichter sind nichts anders als außerordentlich lichtemp-findliche Platten für Menschenverhältnisse und Menschencharaktere. Diese oft wunderbar scharfen „Lebensaufnahmen“ werden psychologi-sch folgerichtig aneinandergehängt und wir erhalten auf diese Weise „dramatisierte Lebensphotographie“ - eine Kunst, die aus dem „Le-ben“ stammt und doch fast nichts an „Leben“ für den Schau-spieler hinüberzuretten vermag. - Auch hier ist der eigentlich „Lebens-spendende“ der Schauspieler, nicht der Dichter. -

All das hat wohl mit Theater, aber mit dem Drama „als höchster Ausdruck alles Menschlichen“ wenig oder nichts zu tun. -

Die nächste Gefahr für den Dramatiker liegt im

Klanglichen: Was unsere Zeit an Schönheit und Edelklang aus der Sprache herausholt, erzielt Wirkungen im Gefühlsleben, wie sie ähnlich bisher nur die Musik auszulösen vermochte. - Und doch: diese einseitige Kultur des Wortklangs wirkt im Drama lebenshemmend, durch sie wird der Darsteller zum Rezitator, zum Sänger. - Das aber läuft echt dramatischem Leben ebenfalls entgegen. -

Eine weitere Gefahr (vielleicht die Schwerste) liegt im einseitigen Unterstreichen des

rein Gedanklichen: Mit einer geradezu unheimlichen Gründlichkeit sucht man heutzutage alles zu erklären, alles psychologisch zu zergliedern. - So kamen der philosophische und der Dialog des Intellekts ins Drama; die fein geschliffen Seelenanalysen, - die dramatisch dargestellten „Probleme“.

Man vergißt: das Letzte und Tiefste des menschlichen Lebens bleibt ewig unausgesprochen, - es kann geahnt, es kann mitempfunden, aber nie erklärt oder bewiesen werden. - Dasjenige „Leben“ das unter den Worten flutet, wird erstickt, wenn es stark ans intellektuelle verstehen gekettet wird. - Es ist dieselbe Naturkraft, die den Pflanzensaft in Blüte und Duft verwandelt, aber in ihrer höchsten und edelsten Form. - Sie hat alle Merkmale der Elektrizität an sich, jedoch unendlich verfeinert und vertieft. - In dieses „Leben“, das wir erfühlen, niemals begreifen können, taucht der echte Schauspieler hinab, aus ihr allein schöpft er Kraft und Bewegung, - mit ihm müssen die Worte gesättigt sein, dann kommt in den Schauspieler dasjenige Leben, das ihn verjüngt, befreit, das ihn zum „Lebensträger“ im wahrsten Sinne des Wortes macht. - Dieser Lebensstrom wird im Unterbewußtsein empfangen, im Intellekt geformt, im Wort weitergeleitet. - So kommt es vom Dichter auf den Schauspieler, vom Schauspieler auf den Hörer. - Handelt es sich nun um grobsinnliche Erscheinungen (durch unsere fünf Sinne wahrnehmbar) oder um die feinsten Lebenswellen die unser Sein nur durch inneres Schauen und Hören wahrnimmt, - der Intellekt ist immer Stromleiter, Stromverdichter, aber niemals selbst Stromerzeuger. -

Darum wirkt ein Schauspieler nie so sehr durch das, was er dem Auge, dem Ohr, dem Intellekt bietet, als durch die Lebensechtheit und Lebenswärme seines Spiels. - Und diese flutet (elektrischen Wellen gleich) frei hinüber in den Zuschauerraum findet und erzeugt dort Gegenwärme, die wieder zurück muß zu ihm, – seine Kraft steigert, seine Wärme hebt. - Er wird zum „Lebenspol“, zum Magneten. - Aug und Ohr bleiben nur lange alleinige Kontaktstellen dieser Lebensentladungen, bis der seelische Conex zwischen Schau-spieler und Zuschauer vollkommen hergestellt, dann werden sie zu untergeordneten Hilfsapparaten. - Die heiligsten Momente, die man im Theater erlebt, sind immer die, aus denen man wie aus einem Traum erwacht; in denen man vergißt, sein eigenes Leben weiterzu-leben, um von einem stärkeren geläuterterem Sein gelebt zu werden.

Nicht im Schauen, nicht im Hören und Denken, liegt das Befreiende, im Erleben liegt’s. - Unser Sein findet Anschluß an einen Lebensstrom, der freier, reiner und kraftvoller dahinfließt, wie der unsere, das Theater wandelt sich zum Lebensquell, aus dem wir neu erstarkt hervorgehen. -

Das ist aber nur dann möglich, wenn im Drama „Leben“ sich zum Extrakt verdichtet. - Wenn der Wechsel- und Gleichstrom des Lebens durch einen starken Willen in einen einzigen Kraftstrom gebändigt wird, - wenn aus innerem, einheitlichen Erleben (nicht Erschauen) heraus Gestalten geboren und in selbstloser Hingabe hineingehoben werden, in die Sphäre allgemein menschlichen Empfindens. -

Dazu braucht der Dramatiker vor allem anderen Ruhe und Konzentration; - die Fähigkeit „Leben“ solange in sich aufzuspei-chern, bis es sich zum elementarsten Ausdruck in Handlung und Wort verdichtet. - Dann erst wird der Dramatiker das, was er sein soll, - der eigentliche Brennpunkt des Lebens; dann erlebt er in seinem künstlerischen Schaffen das, was alle Menschheitshelden in Wirklichkeit auskosten: Die letzte innere Steigerung der Lebenstem-peratur, die letzte unerbittliche Logik des Seins.

de/ruf/heft_13/theater_und_leben.txt · Last modified: 2020/09/18 16:55 by Marek Ištvánek