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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_1-2:hort_ihr_den_ruf

Hört Ihr den Ruf?

Eins der eindrucksvollsten Bilder in Richard Wagners Bühnenweihe-Festspiel „Parsifal“ zeigt uns gleich der erste Aufzug: Wald, schattig und ernst doch nicht düster, in frischer Morgenfrühe - der greise, aber rüstige, temperamentsvolle Gralshüter Gurnemanz mit zwei Knappen im Jünglingsalter unter einer mächtigen Baumgruppe schlafend. Da ertönt von der Gralsburg her der feierliche Morgenweckruf der Posaunen. Gurnemanz erhebt sich rasch, reibt sich den Schlaf aus den Augen, rüttelt die beiden Jünglinge wach: „Waldhüter Ihr? Jawohl, Schlafhüter mitsammen!“ Dann bricht er in die wahrhaft erschütternden Herzenslaute aus: „Hört Ihr den Ruf?“ Die Knappen springen auf, beschämt, senken sogleich sich wieder auf die Knie, und Gurnemanz fährt in väterlich beschwörenden Tönen fort: „Nun danket Gott, daß Ihr berufen seid, den Ruf zu hören!“ Und gemeinschaftlich verrichteten sie stumm ihr Morgengebet.

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„Durch Mitleid wissend …“

Ein nicht weniger ergreifendes Bild zeigt uns das Neue Testament in der Erzählung vom Gang der zwei Jünger nach Emmaus, denen sich unterwegs ein dritter Wanderer zugesellt und über die Dinge, die in diesen schrecklichen Tagen zu Jerusalem geschehen waren, die Erkenntnis heiliger Notwendigkeit alles Geschehens zum Besten der Menschheit mit so eindringlichen, nie gehörten Worten öffnet, daß ihnen „das Herz brannte“ vom Feuer des Wissens um verborgene Dinge und Zusammenhänge. So stark war die Rede, daß der Hörer schlichte Einfalt eine erschütternde Einfühlung und Einsicht gewann in Leid und Streit, Schuld und Sühne, Kampf und Sieg der heilsuchenden Menschheit. Wer war der Wandergenosse, der durch die Offenbarung seines tiefgewaltigen Mitwissens um Gottes Geheimnisse ihnen das Herz zu verzehrendem Mitleid entflammte?

„Herr, bleibe bei uns, es will Abend werden!“ baten sie ihn an der Schwelle der Herberge. Und der Fremdling ging mit ihnen hinein - und als er mit ihnen zu Tische saß und das Brot brach, wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn: Der Heiland! Aber plötzlich verschwand er vor ihnen. Der Gekreuzigte, der Gestorbene, der Begrabene, der niedergefahren zur Hölle und am dritten Tage auferstanden von den Toten! Der Erlöser!

Und wieder ertönt uns im Innern das Wort von Gurnemanz und seine Erklärung des Karfreitagzaubers: „Des Sünders Reuetränen sind es, der heut mit heiligem Tau beträufelt Flur und Au - nun freut sich alle Kreatur auf des Erlösers holder Spur. - - Was all’ da blüht und bald erstirbt, heut seinen Unschulds-Tag erwirbt.“

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Hört Ihr den Ruf? Immer bricht aufs neue nie zu beschwichtigende Sehnsucht durch die Seele der verhärtetsten Menschen in gottentfremdetsten Zeitläuften - Sehnsucht nach Wissen, nach Erkenntnis, nach Helligkeit des Kopfes und Herzens, die eine befreiende Tat zu wirken vermöchten im Elend der irdischen Gebundenheiten, um auf sicheren Wegen zu einer Verbesserung und Veredlung des Menschenlebens zu gelangen. Allerlei Wissenschaften blühen auf, die Forschung leuchtet mit allen Mitteln und Methoden in alte und urälteste Zeiten, das Mittelalter mit seinem romantischen Dunkel und seinen mystischen Träumen gewinnt zauberischen Sternenglanz, die Kunst schafft die tiefsinnigsten Gebilde von berauschender Schönheit - aber siehe da, der Wirrungen und Irrungen im Leben der Welt, in den Beziehungen der Rassen und Klassen, der Volkschaften und Parteien, der Gruppen und Einzelnen, selbst des grauenhaften Aufruhrs im Bereich der Elemente, nirgends will des Schreckens ein Ende werden. Der eignen Seele wird im wachsenden Dunkel, das sich wie traumschwere Nacht um alle Dinge breitet, bange um Ruhe und Licht. Wie will sie, mag sie noch so strebend sich bemühen, den Weg aus dieser Finsternis in die täuschungsfreie Helle mit Sicherheit gewinnen? Wie ihrer Pflichten und Fähigkeiten froh werden in diesem neu erbrennenden Widerstreit der Wissenschaften und Schulen, in den wilden Richtungen der Künste und Moden, in der ewigen Fehde der Religionen, Konfessionen, Kirchen, Sekten? Wozu hilft es, immer wieder neue Katheder und Kanzeln aufzurichten, Schulen und Gemeinschaften zu gründen, Unfehlbarkeitsansprüche zu erheben, zu bestreiten, zu verteidigen? „Licht, mehr Licht!“ Trugloses Licht, das endlich der Seele beglückende Harmonie, ruhige Schönheit, friedvolle Abgeklärtheit, Furchtlosigkeit in Not und Tod zu bringen vermöchte! Ist es mit Schulweisheit zu erreichen, mit offiziellen Predigten und Hirtenbriefen, mit amtlich abgestempelten Satzungen der Moral?

„Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, spricht ein heiliges Apostelwort. Und Herder, der fromme Gottesmann und überzeugungstreue Freimaurer in Weimar, läßt als seine Leitsterne diese anderen Drei auf seinen Grabstein meißeln: Licht, Liebe, Leben. Damit wollte er für alle, die nicht bloß Hörer des Wortes, sondern lebendige Täter und Vollbringer sein wollten, dieses Dreifache erreichen: Das Schlechte, Dumme, Gemeine in jeder Form zu hassen, in allen Stücken das Beste zu erarbeiten und zu höchsten Ansehen zu bringen, Helfer und Freund aller Menschen von gutem Willen zu sein, damit jegliches zu seiner Freude wachse und gedeihe.

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Also innere Gründung mit Rundung durch Pflege eines reinen aus sich selbst sich bereichernden Lebensgefühls, ohne Vergottung der Materie, ohne Versklavung durch Technik und Wirtschaft, ohne Unterwerfung unter die Herrschaft des Lügengeistes in der Politik. Rangordnung: wer als Knechtsnatur zum Dienen bestellt, bleibe Diener. Ruhe durch den Geist der Gemeinschaft in einer liebevollen, erkenntnisstarken Lebensauffassung. Aufgabe und Kraft der berufenen Verkünder ewiger Werte in göttlichen Worten ruht darauf, daß der Verkünder durch sein eigenes wesenhaftes Dasein und Bestehen im Lebenskampfe für die Wahrheit seiner Verkündigung zeuge ohne Anruf irdischer Gewalt und organisierten Mißbrauchs herrischer Macht. Er selbst in seines Geistes Kraft und Reinheit ist für sich und seine Mitmenschen Legitimation dafür, daß er ein Berufener im Lichtreiche der Wahrheit. Wer redlichen Herzens, freien Sinnes, wird dankbar die Verkündigung aufnehmen und auf dem eigenen Acker als guten Samen wirken lassen, daß er hundertfältige Frucht unter der Gnade des Himmels gewinne. So entsteht jenes Wechselspiel schöpferischer Kräfte, denen wie aus religiöser Unmittelbarkeit die wundervollen Quellen und Brünnlein entspringen zur Stillung des brennenden Durstes der unsterblichen Menschenseele. Hört Ihr ihr Rauschen? Hört Ihr den Ruf? Jubelt Euere Seele? -

Dr. Michael Georg Conrad, München.

de/ruf/heft_1-2/hort_ihr_den_ruf.txt · Last modified: 2020/09/07 22:54 by Marek Ištvánek