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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_3-4:die_bedeutung_der_neurasthenie_und_ihre_bekampfung

Die Bedeutung der Neurasthenie und ihre Bekämpfung.

von Hofrat Med. Dr. Leopold Ceipek, Innsbruck

Die Neurasthenie ist leider geradezu ein Kennzeichen der sogenannten neuen Zeit geworden. Ist doch, namentlich in den Städten, fast kein Mensch mehr frei von der Krankheit. Wer als Arzt nur halbwegs länger dauernde praktische Erfahrung hinter sich gebracht hat, weiß auch, wie bedauernswert und persönlich schwer leidend diese Kranken sind. Aber es ist merkwürdig, es sind hauptsächlich zwei Nervenkrankheiten, die beide gleich schwer und ineinander in gewisser Hinsicht verwandt sind, nämlich die Hysterie und die Neurasthenie, über welche nicht nur die Laienwelt, sondern auch ein Großteil der Ärzteschaft mit einem fast verächtlichen Lächeln und Achselzucken zur Tagesordnung übergehen. Wer aber wahren Helferwillen in sich trägt, der muß geradezu empört sein über ein derartiges Verhalten. Was gibt uns denn das Recht dazu? Vielleicht ist es bei einem Großteil der Menschen mangelnde Geduld, die solche Kranke erfordern, oder mangelnde Einsicht in die Art der Krankheit und ihrer Ursachen, vielleicht auch die etwas unbequeme und beschämende Erkenntnis, daß man hier zu wenig helfen kann. Jedenfalls erfordern diese Kranken sehr viel Zeit, man muß sich oft länger und intensiver mit ihnen beschäftigen als mit anderen, und der moderne Arzt ist ja leider meist selbst Neurastheniker, und „Zeit haben“ kennt der moderne Mensch überhaupt bald nicht mehr. Jedenfalls ist es durchaus unberechtigt, diese Krankheit so stiefmütterlich zu behandeln. Wir bekämpfen mit Recht und mit Erfolg die Tuberkulose als schwere Volksseuche, wir bekämpfen den Alkoholismus als Würgengel der Menschheit, oder die Geschlechtskrankheiten als Glückszerstörer, aber wer hat noch ernstlich daran gedacht, die Neurasthenie wirksam zu bekämpfen? Ein Großteil der Tuberkulose, des Alkoholismus, der Geschlechtskrankheiten und anderer Krankheiten ist sicher auch auf das Konto der Neurasthenie zu buchen.

Ich will zunächst ganz kurz das Bild der Erkrankung zeichnen, damit die Bedeutung der Krankheit für den Einzelnen und die Gesamtheit besser erkannt wird. Das Hauptkontignent stellen jene mittelschweren Fälle von Neurasthenie dar, bei denen ein Teil des Nervensystems, oder aber auch das ganze Nervensystem (zentrales, Gehirn und Rückenmark, und peripheres) nur funktionell gestört sind. Es ist vielleicht da auch schon zu viel gesagt mit dem Wörtchen „nur“. Was wissen wir eigentlich von dem wahren Wesen der funktionellen Neurosen? Es scheinen ja Störungen der molekularen und atomistischen Bewegung der Nervenzellen zu sein. Aber wer den feinen Bau einer sogenannten Ganglienzelle im Gehirn oder Rückenmark kennt, der kann sich wohl besser vorstellen, welch schwerer Wirrwarr eine Störung der inneren Bewegung in diesem Weltall im Kleinen in diesen Zellen anrichten kann. Oder wenn an den peripheren Nervenfasern abnormale Erregungen, deren wahres Wesen wir ja auch noch nicht kennen, ablaufen, welche die normalen Isolierungen der Nervenfasern durchbrechen, Kurzschlüsse erzeugen und an falscher Stelle von den Empfindungsfasern aus Erregungen der Muskelfasern und damit allerhand unregelmäßige Zuckungen und Bewegungen entstehen. Jedenfalls kann es nicht gleichgültig sein, wenn das gesamte Nervensystem zeitweilig unter einer Art Hochspannung steht und dann wieder unter dem Zustand völliger Erschöpfung oder Zerrüttung leidet. Vergessen wir nicht, daß das sogenannte sympathische Nervensystem, das unsere vegetativen Funktionen (Atmung, Herzkreislauf, Verdauung) scheinbar selbsttätig regelt, ganz unter dem Einfluß des übrigen Nervensystems und mit ihm vielfach in inniger Beziehung steht, daher unbedingt in Mitleidenschaft gezogen werden muß. Die Neurastheniker leiden subjektiv oft viel mehr, als irgend ein Kranker mit einem organischen Leiden dadurch, daß das sympathische Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen wird. Gestörte Verdauung, gestörter Stuhlgang führen zu Magen-Darm-Erkrankung, zu Gallen- und Leberleiden, zu Blutleere, die wieder die Neurasthenie steigert. Es ist ein circulus vitiosus, ein böser Ring, der sich in sich selbst schließt. Eine der größten Qualen beim Neurastheniker ist die Störung des Schlafes. Darum fühlen sich die Kranken morgens auch immer am elendsten, während sie abends etwas lebhafter und leistungsfähiger werden. Sie sind Nachtvögel, kürzen damit auch wieder ihren an und für sich schon zu kurzen, oder seichten, von allerhand Träumen geplagten Schlaf.

Am meisten aber ist wohl die mehr oder weniger betonte seelische Störung des Neurasthenikers zu beachten. Er ist ungeheuer leicht erregbar. Er leidet durch die geringsten Attacken seitens seiner Umgebung und kommt in allerhand Konflikte, unter denen seine Neurasthenie wieder zunimmt. Wieder der verhängnisvolle Ring. Er ist willenlos, oder willensschwach, wird in seinem Beruf unbrauchbar und untüchtig. Er kann gegen seine sinnlichen Anwandlungen nicht ankämpfen, wird zügellos, oder geschlechtlich abnormal, oder er fühlt sich viel zu früh als gebrochener Greis. Die seelische Störung des Neurasthenikers kann in der heute immer noch viel zu materiell eingestellten Welt nicht genug scharf hervorgehoben werden. Jedenfalls kommt der Neurastheniker in Situationen, in denen er wahnsinnig leidet. Wer nur einmal als Arzt einen erwachsenen Mann hilflos wie ein Kind in diesem Zustande vor sich weinen sah, den muß der Menschheit ganzer Jammer anfassen!

Es kann natürlich nicht Aufgabe eines kurzen Aufsatzes sein, das ganze, vielfach variierte Bild der Neurasthenie zu zeichnen, und ich hoffe, daß mit diesen kurzen Sätzen die Bedeutung der Krankheit genügend geschildert ist, namentlich, wenn man noch Ihre große Verbreitung unter der heutigen Menschheit bedenkt.

Wenn man eine Krankheit wirksam bekämpfen will, muß man sich über ihre Ursachen klar sein. So wollen wir nunmehr nach den wichtigsten Ursachen der Neurasthenie Umschau halten. Im Vordergrunde steht wohl unbestritten der erschwerte Kampf ums Dasein mit seinen Sorgen, Aufregungen und anstrengender Arbeit ohne nötiger Rast und Ruhe, eine Verursachung, die durch den Weltkrieg und seine traurigen Folgen noch ihre wesentliche Verschärfung gefunden hat.

„Mensch, raste, überhaste nie,
Sonst haste die Neurasthenie“.

Dieser alte, launige Spruch aus den Münchner Fliegenden Blättern trifft den Nagel auf den Kopf. Leider ist diese Ursache wohl eine, mit der wir für die nächste Zeit wohl als einer dauernden werden rechnen müssen. Vielleicht kann da die Berufsberatung wenigstens etwas mildernd einwirken, damit doch zumindest vermieden wird, daß Uneignung für einen bestimmten Beruf die aufreibende Art der Tätigkeit noch erhöht.

Eine weitere Ursache ist die unvernünftige Art der Vergnügung während der ohnedies so karg bemessenen Zeit der Ruhe. Entweder sind es nervenaufregende sportliche Anstrengungen oder Darbietungen, die gesucht werden, oder die Nerven kitzelnde Kinodramen, oder Schauspiele und dergleichen, aufregende Lektüre, die moderne Kunst ist auch nicht darnach, um Ruhe oder Sammlung zu gewähren. Übermäßiger Genuß nach allen Richtungen, nicht zumindest zügellose Befriedigung der sinnlichen Genüsse, in denen Betäubung gesucht wird, unnatürliche Befriedigung in allen Rauschgiften mit größtem Raffinement der sogenannten Kultur. Die Nacht wird zum Tag gemacht, wozu auch die taghelle Beleuchtung in den Straßen der Stadt nicht wenig beiträgt. Wenn auch der Schlaf physiologisch immer ziemlich gleich verläuft, gleichgültig, wann er angetreten wird, so ist es doch außer Zweifel, daß einige Stunden vor Mitternacht geschlafen und zeitiges Aufstehen ganz anders erfrischen und stärken, als der Schlaf in den Tag hinein. Die Frühaufsteher, die zeitig zu Bett gehen, haben ein rosiges, jüngeres Aussehen, als die Nachtvögel mit ihren welken und abgelebten Gesichtern.

Hier kann Aufklärung sehr viel leisten. Ruhiger Naturgenuß mit den vielen Freuden innerer Andacht an den ewigen Wundern des Alls mit seinem steten Wechsel. Wer nimmt sich noch die Zeit dazu, selbst nur Minuten lang eine schöne Himmelsstimmung zu betrachten, oder dem Rauschen des Waldes und seiner Sänger zu lauschen, oder dem Rascheln des Schilfes, dem beruhigenden Wogenschlag eines Sees, dem Murmeln des Baches. Freilich, wenn man mit dem Auto vorüberrast, oder mit dem teuflisch ratternden Motorrad, kann man dies nicht.

Statt sinneaufpeitschender Barmusik nach Negerart wieder zurück zur vornehmen Kammermusik und zur Symphonie nach altem Stil! Schämen wir uns nicht, statt der Kakophonie der Moderne wieder die Harmonie und Melodie gelten zu lassen. Hier könnte das Radio, das nunmehr schon fast dem Ärmsten zur Verfügung steht, sehr erzieherisch wirken.

Wie heilsam war in früheren Zeiten die Dämmerstunde. Draußen dunkelte es, doch war es noch zu früh, um das Licht zu entzünden, und so genoß man die Dämmerstunde, entweder im trauten Beisammensein, im Sommer auf der Bank vor dem Hause, im Winter beim wärmenden Ofen mit seinem lieben Knisterschein, oder, war man allein, dann war es ein Stündchen der Verinnerlichung. Man dachte nach, was man am Tag geleistet hatte, und formte Zukunft. Natürlich brauchte man Zeit dazu. Aber so viel Zeit müßte sich eben auch heute erübrigen lassen, wenn es heilsam ist.

Wenn das Bergvolk der Alpen auseinander geht, so pflegt es gewöhnlich den Heimkehrenden zuzurufen: „Zeit lassen!“ Ein anderer Spruch lautet: „Der Hastende hat kein Glück“. „Zeit lassen! Sich Zeit nehmen!“ das müßte eine der wichtigsten Devisen werden. Es liegt ein tiefer Sinn darin. Zeit vor allem zur Verinnerlichung. In der seelischen Zerrissenheit der heutigen Zeit liegt wohl auch eine der Hauptursachen der Neurasthenie. Das gesamte Gefühlsleben ist dem Ersterben nahe. Über das Gefühl wird nur mehr als etwas Minderwertigen gespottet. Und der reine Verstandesmensch vergißt, daß er selbst das Minderwertige ist, wenn er sich förmlich vor der Verinnerlichung fürchtet, weil er erschrecken muß, wie schal sein Leben eigentlich ist und leer, wenn er nur einmal wirklich ein Stündchen Zeit übrig hat, da er aus dem Wirbel und der Betäubung, die er suchte, „zu sich“ kommt.

Wie kann denn überhaupt wahre Ruhe über den Menschen kommen, wenn er nicht glaubt an eine unendlich große Liebe, die über und um ihn herrscht, die ihn selbst umfängt und eingliedert in die große Harmonie des Daseins? Der gefühllose Mensch aber kann diesen Glauben nie finden. Hier möchte ich auf den großen Wert der Gralsbotschaft Abdruschins hinweisen, die auch dem denkenden Menschen volle Befriedigung gibt und Antwort auf alle schwebenden Fragen, die ihm bisher vielfach nicht befriedigend erteilt wurde. Er wird wieder glauben lernen und die Verinnerlichung nicht mehr zu fürchten brauchen. Er wird aus der seelischen Zerrissenheit geführt in selige und beruhigende Gefilde. Er wird wieder fühlen lernen, das Höchste, was wir im Menschendasein haben. Er wird wieder lieben lernen, nicht nur sich, sondern vor allem auch die anderen, Menschen und Tiere, Bäume und Sträucher. Er wird nichts fürchten, auch nicht den Tod. Ruhe wird kommen, wahrhafte Ruhe, die seine zerrütteten Nerven brauchen.

Viel wird auch am Nervensystem gesündigt durch unnützes Lärmen. Besonders in den Städten ist ja der Lärm an der Tagesordnung. Wer hat nicht schon das Rauschen des Großstadtlärmes aus der Ferne gehört? Man staunt, wie weit dieser oft noch hörbar ist und in welcher Höhe. Viel ließe sich da bei gutem Willen vermeiden. Ebenso, wie wir unnötige Beschmutzung der öffentlichen Straßen wirksam bekämpfen lernten, müßte auch ein Feldzug gegen den unnützen Lärm begonnen werden. Beobachten wir einmal, wie lärmend oft die Handlanger der verschiedensten Art auf der Straße arbeiten. Sie könnten mehr Ruhe halten, wenn sie wollten. Das Zuschlagen der Türen, das fürchterliche, oft ohrenbetäubende Rattern der Motorräder und anderer Vehikel, unnütze und unangenehme Signale. Das alles ließ sich bei der heutigen Entwicklung der Technik und bei gutem Willen vermeiden, oder wenigstens auf das nötige Maß beschränken. Man müßte es bekämpfen, wie man, wie gesagt, auch schon mit Erfolg die Verunreinigung bekämpft hat. Vielleicht ist auch hier die Gefühllosigkeit und Rohheit schuld, warum nichts geschieht. Man denkt nicht an seinen lieben Mitmenschen, wenn man in diabolischer Freude am Lärm mit seinem Motorrad durch die Straßen rast. Wenn man nur selbst dabei sein Vergnügen hat.

Schließlich muß bei der Bekämpfung der Neurasthenie die Kleinarbeit am Kranken selbst einsetzen. Wir müssen die vielen Neurastheniker selbst zu heilen bestrebt sein, ihnen ernstlich zu helfen den Willen haben. Das ist eine ebenso wichtige und dringende Aufgabe, wie die Bekämpfung anderer Krankheiten. Aus einem Neurastheniker pflegen in seiner Umgebung gewöhnlich sehr bald viele andere zu entstehen. So sonderbar es klingt, die Krankheit wirkt in gewissem Sinne ansteckend. Denken wir uns z. B. einen neurasthenischen Büroleiter. Wird der nicht bald alle seine vielen Untergebenen durch sein Gebahren, seine Zerfahrenheit, Unruhe und Hast zu Neurasthenikern gemacht haben? Oder ein anderes Beispiel aus dem täglichen Leben. Wenn jemand in Gesellschaft nicht ruhig auf seinem Platz sitzen bleiben kann, sondern alle Augenblicke aufsteht und herumgeht, muß das nicht die Andern auch bald nervös gemacht haben? Es wirkt ansteckend, das ist außer Zweifel. Wir müssen also unbedingt bestrebt sein, die vorhandenen Neurastheniker zu heilen. Wir dürfen daher nicht mehr über die Krankheit, auch die leichtesten Grade, ja ganz besonders über diese, spotten, oder sie geringschätzig behandeln, sondern gleich bei jedem Einzelnen wie bei dem Bazillenträger bei Typhus oder Tuberkulose, oder Diphterie allen Ernstes bestrebt sein, ihn unschädlich zu machen. Der Neurastheniker selbst wird da freilich sehr mithelfen müssen. Er wird alle die Kleinarbeit, die wir ihm an die Hand geben, auch nicht verachten, sondern sehr beachten müssen. Hier ist namentlich für die Anfänge der Erkrankung das Gebiet der Autosuggestion von größtem Wert. „Nur Ruhe! Nur immer Ruhe!“ oder „Zeit lassen!“ Das sind sehr heilsame Signale, die der zur Erregung seines Nervensystems geneigte Mensch sich selbst nicht genug oft geben kann. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, über die Behandlung der Neurasthenie im Besonderen zu sprechen, aber es gibt tausenderlei kleine Möglichkeiten, die meist nur vorübergehenden Erfolg bringen.

In den Städten muß vor allem Zeit und Gelegenheit geboten werden, viel ins Freie und an gute Luft zu kommen. Den armen Enterbten, die nicht selbst Grund und Boden haben, muß wenigstens anderweitig der Kontakt mit der Natur geboten werden, denn diese macht froh, gütig und ruhig, wenn man es versteht, sich ihr richtig anzuvertrauen. Es ist gewiß in dieser Hinsicht an manchen Orten schon viel geschehen, aber es ist immer noch zu wenig im Verhältnis zur großen Verbreitung der Krankheit.

Lernen wir die Neurasthenie ebenso als schwere Volksseuche werten, wie die anderen, die wir längst als solche erkannt haben. Dann werden wir auch Mittel und Wege finden, diesen wirklich armen Kranken, damit aber auch der Allgemeinheit, wirklich zu helfen. –

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Last modified: 2020/09/11 12:43 by Marek Ištvánek