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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_7:die_lilie

Die Lilie.

von Susanne Schwarzkopff

„Soll ich Dir eine Geschichte erzählen?“ fragte die Mutter ihr kleines Mädchen, das mit großen, erwartungsvollen Augen um sich blickte.

Sie saßen im Garten auf ihrer Lieblingsbank. Vor ihnen breitet sich das Tal im vollen Licht des Silbermondes aus. Weich und geheimnisvoll flutete es über die Landschaft und verklärte sie mit einem Hauch der Unberührtheit. Über ihnen rauschte leise der Wipfel der alten Linde, als wollte auch sie flüstern:

„Soll ich Dir eine Geschichte erzählen?“

Aber ehe das kleine Mädchen antworten konnte, fuhr die Mutter fort:

„Es ist aber eine traurige Geschichte. Vielleicht kannst Du sie noch nicht verstehen, Liane. Was meinst Du?“

Das Kind schmiegte sich dichter an die Mutter.

„Erzähle, Mutter, Du kannst so schön erzählen. Und wenn es zu traurig wird, dann rufe ich das Lachen. Du weißt, zu mir kommt es gern, und dann freuen wir uns wieder!“

Schon im Gedanken daran klatschte sie erfreut in die Hände und malte sich aus, wie das Lachen die Augen der Mutter erhellen würde und sie selbst zum Umhertollen auf dem weichen Gras treiben, bis sie nicht mehr konnte.

Zärtlich strich die junge Mutter über das seidenfeine Haar der Kleinen. Sie war ihr Sonnenschein und vertrieb mit ihrem Frohsinn immer wieder die Schatten, die zuweilen den Pfad der Frau kreuzen wollten.

Träumerisch glitten ihre Augen über die köstliche, in schimmerndes Silber getauchte Landschaft, als wollte sie das sanfte, reine Licht ganz in sich hineintrinken.

Dann begann sie:

„Es war einmal - so muß es ja wohl anfangen, Liane?“

„Es ist aber kein Märchen, nicht wahr, Mutter?“ unterbrach sie die Kleine lebhaft. „Wahr muß es sein, dann ist es erst schön!“

„Ja, sie ist wahr, meine Geschichte“, beteuerte die Mutter, „aber nun laß mich erzählen.“

Es war einmal eine junge Menschenseele. Lange hatte sie in ihrem reinen Blütenkelch in der Hut der schönen Feen geruht. Eines Tages aber traf sie ein so starker Lichtstrahl, daß er die Blüte sprengte und das Auge der schlummernden Seele öffnete.

Verwundert schaute sie sich um. Dann ergriff sie ein so gewaltiges Sehnen und Drängen, daß sie sich aufrichtete und leise aus ihrer Blütenwiege herausglitt.

Zaghaft berührten ihre Füße den Boden, aber bald fühlt sie, daß sie sich vorwärts bewegen konnte, ohne zu fallen. Leicht und schwebend glitt sie davon, in die Ferne, in die es sie unwiderstehlich hinauszog.

Sie wußte nicht, wohin die Reise ging. Sie fühlte nur, daß sie fort mußte, ihrem inneren Drange folgend. Dann schwand ihr das Bewußtsein, und nach langer Zeit erwachte sie in einem Erdengarten.

Wie eine Blume wuchs sie in der liebevollen Hut treuer EItern auf. Froh und sonnig ging ihre Kindheit dahin, die Jahre reihten sich aneinander. GespieIen teilten ihre Freuden, Liebe geleitete alle ihre Wege, und ihr Leben war wie ein einziger schöner, lachender Sommertag.

Und doch - -“

Hier unterbrach sich die junge Frau. Sinnend blickte sie hinaus in das abendliche Tal. Was mochte vor dem Spiegel ihres Inneren aufsteigen an Bildern der Erinnerung?

„Mutter, wart Du das Kind?“ fragte Liane eifrig. Aber sie erhielt keine Antwort. Es war als käme die Seele der Mutter aus weiter Ferne zurück beim Klang der Kinderstimme.

„Kennst Du das Liane, daß mitten im Lachen und Scherzen, mitten in froher Gesellschaft einem plötzlich etwas an das Herz greift, daß man zusammenzuckt, weinen möchte und doch nicht weiß, warum?

Aber wie solltest Du, flüsterte sie vor sich hin. Du bist noch viel zu klein, Du kennst nur das Lachen. Du sollst auch nichts anderes kennen!“ fuhr sie leidenschaftlich fort.

Ernsthaft blickten die Augen des Kindes sie an, aber sie bemerkte es nicht.

„Weißt Du, Liane, es geschah zuweilen, daß das Kind mitten in seinem Spiel innehielt und aufhorchte, als wollte es einen Ton auffangen, oder war es eine Stimme, die ihr etwas sagen wollte? Sie wußte es selber nicht! Manchmal kam diese Stimme oder dieser Klang aus der Ferne zu ihr, wenn sie ganz für sich im Garten spielte, manchmal riß er sie aus der Schar vieler Freundinnen heraus. Aber sie konnte die Worte nicht verstehen.

Oft lag das Mädchen, damals war es noch ein Kind, abends lange schlaflos auf ihrem Lager. Sie versuchte, in die Ferne hinauszulauschen, ob nicht der Ton wieder erklang, ob nicht eine Stimme zu ihr sprach. Aber nie kam es, wenn sie rief. Immer trat es an sie heran, wenn sie einem Spiel oder einer Freude oder einer Unterhaltung ganz. hingegeben war.

Das Kind wuchs heran zur Jungfrau. Immer noch war ihr Lebensweg geebnet von Liebe, überschüttet von Sonnenschein. Aber immer noch konnte sie plötzlich zusammenfahren und davonlaufen aus einer großen Schar in die Einsamkeit. Und wenn sie zurückkehrte, stand ein Geheimnis in ihren Augen geschrieben, das sie selber nicht enträtseln konnte.

Je mehr sie heranwuchs, desto öfter kam ihr die Frage: „Ist dies alles? Ist dies das Leben? Ist es nicht mehr? Ist Leben immer so: glücklich sein keine Not kennen, Menschen um sich haben, die einen lieben und die man selber liebt, mit ihnen Tag für Tag zusammensein, lachen plaudern arbeiten, zuweilen auch weinen? Schön ist dies, aber - ist dies alles?“

Es darf nicht alles sein!“ schrie es dann in ihr auf. „Irgend etwas in mir hungert in allem Sonnenschein! Was ist es nur?“

Da trat etwas Neues in ihr Dasein. Ein Mann bat sie, die Gefährtin seines Lebens zu werden und sie willigte ein. Sie fühlte sich geborgen in seiner Nähe, beschützt von seiner Kraft, sein frohes, helles Lachen tat ihr wohl.

Sie wurde eine glückliche Frau. Ihr Glück erreichte den Höhepunkt, als sich ein Kind zu ihnen gesellte, das in seinen Augen das frohe Lachen des Vaters trug.

Und doch sagte eine Stimme in ihr immer aufs neue:

„Ist das alles? Gibt es weiter nichts? Lebe ich nur dazu, meine Lieben glücklich zu machen?“

„Nein!“ bäumte es sich dann in ihr auf. „Es muß mehr geben, aber wo finde ich es? Das, wonach meine Seele hungert?“

Wieder hielt die junge Frau inne. Sie hatte ganz vergessen, daß das Kind an ihrer Seite saß und Liane, die das fühlte, schwieg und verriet sich durch keine Bewegung.

Nach langem Sinnen nahm die Frau wieder den Faden ihrer Erlebnisse auf.

„In stillen Mondnächten, so, wie es heute ist, da war es der Frau zuweilen, als hörte sie ein Weinen in der Ferne. Und es war ihr, als fielen Tränen aus der Höhe herunter auf die Erde. Aber sie wußte nicht, wer die Tränen weinte und von wem sie geweint wurden.

Da hielt es sie nicht länger in ihrem schönen Garten des Glücks. Sie mußte hinaus, dorthin wo das Unglück und die Not wohnte und die Verlassenheit sich härmte.“

„Ist sie wirklich fortgegangen Mutter?“ fragte Liane ängstlich. „Fort von ihrem Mann und ihrem Kinde?“

„Nein, nein fürchte Dich nicht, Kleines“, sagte die Mutter und zog das Kind an sich. „Sie kam immer wieder. Aber sie wollte wissen, wie das andere Gesicht des Lebens aussieht, sie wollte wissend werden!“

„Und was hat sie gesehen?“ fragte das Kind unschuldsvoll.

„O Kind, Schreckliches!“ rief die Mutter und barg in Erschütterung ihr Gesicht in den Händen. „Schreckliches sah sie überall! Wo Not und Unglück war, da waren auch Neid und Haß. Wo Vereinsamung die Menschen quälte, da hockte die Schuld neben ihnen. Und am schlimmsten waren die unreinen Augen, die nach allem tasteten, alles begehrten! Sogar die Frauen haben solche Augen da draußen, und das tut am wehesten!

Aber das kannst Du nicht verstehen Kind, und ich danke Gott, daß Du es nicht zu sehen brauchst!

Aber wie lange noch? Dann wird es seine schmutzigen Hände auch nach Dir ausstrecken, mein armes Kind!“ rief die Mutter jetzt in Verzweiflung aus. Noch bist Du eine reine Blüte, was wird aus dir werden, wenn Du unter die Menschen mußt?“

„Sei nicht traurig, Mutter“, bat das Kind. „Ich bleibe bei Dir, ich gehe nicht fort von Dir!“

„Hörst du es nicht, Liane“, horchte die Mutter in die Nacht hinaus. „Mir ist wieder, als fielen Tränen auf die Erde, Tränen aus der Himmelshöhe und als klage dort etwas in unermeßlicher Ferne!“

„Mutter wie geht Deine Geschichte weiter?“ mahnte das Kind. „Warum hat die Frau nicht das Lachen gerufen? Ich gehe jetzt auf die Wiese und will es suchen, wart nur bald bin ich wieder da!“

Und leichtfüßig enteilte Liane der Mutter Arm.

Da falteten sich die Hände der jungen Frau in stillem Gebet. Ihre Seele wandte sich suchend empor um Hilfe.

„Du gabst mir alles, das ein Mensch sich wünschen kann, Allmächtiger. Gerüttelt voll ist das Maß meines irdischen Glückes! Aber doch hungert meine Seele in mir, Du siehst es, Du weißt es! Hilf mir!“

Lange betete sie so und langsam zog Frieden in ihre Seele ein.

Und wie sie aufblickte in das Silberlicht des Mondes, da rissen plötzlich Schleier entzwei, sie teilten sich auseinander, und wie von einer Last befreit, schwebte die junge Frau in die Höhe, hinein in das Licht.

Zurückblickend sah sie noch kurz sich selber auf der Bank schlafend sitzen. Verwundert wollte sie fragen: Wie ist das möglich? Ich bin doch hier? Da zog es sie schon weiter, höher und höher hinauf in eilendem Fluge, bis sie sanft niederglitt in einem fremden Garten von unirdischer Schönheit.

Und zu ihr herab schwebte aus rosigen Höhen eine wundersam liebliche Gestalt, umwoben von königlichem Silberlicht. Sie sah auf und traf einen Blick, der von unnahbarer Hoheit sprach und sie doch zu sich zog.

Und sie hörte einen Nahmen - war es der ihre? Er war ihr fremd und doch so vertraut, als kenne sie ihn schon immer, und mit dem Namen wurde sie gerufen. Sie horchte auf als der Name erklang - - das war ja die Stimme, die sie ihr Leben lang gesucht, die sie vernommen als Kind, nach der sie sich gesehnt als Frau auf Erden!

Das war der Klang, das war die Stimme!

Und was sprach sie zu ihr?

„Ich habe dich gerufen, Du hast mich vernommen, Ailina. Du sollst in meinem Dienste stehen! Willst Du der Reinheit Licht leuchten lassen auf Erden? Willst Du helfen, daß die Frauen wieder rein werden und Gott, den Herrn, erkennen? Daß ihre Seelen nicht mehr hungern, sondern sich mit Licht füllen bis zum Rande?

Siehe, ich gebe Dir eine Blume aus meinem Reiche mit. Pflanze sie in Deinen Garten auf Erden, hege und pflege sie, liebe sie von ganzem Herzen, und sie wird Dir in der Reinheit ihrer Blüten ein Erinnern schenken an die himmlische Reinheit, aus der sie stammt. Sie wird Dir erzählen von den unvergänglichen Gärten, zu denen die Frauen einst einkehren dürfen, wenn ihre Seelen licht geworden sind!

Willst Du tun, wie ich Dir sage? Willst Du Deinen Schwestern auf Erden helfen, heimzufinden in die ewigen Gärten der Reinheit?“

„Ich will!“ antwortete Ailina, fast betäubt von dem wunderbaren Erleben.

Aber sie ergriff doch die Blume, die ihr dargereicht wurde und hielt sie fest. Eines nur brannte ihr auf dem Herzen, eine Frage: „Wessen Tränen fallen zu weilen auf die Erde? Und warum werden sie geweint?“

Da zog es wie ein Schleier über die herrlichen Augen der lieblichen Gestalt vor ihr, und wie aus weiter Ferne hörte sie noch die Antwort klingen:

„Die Reinheit weint über die gefallene Menschenfrau!“

War es ein Traum, war es Wirklichkeit gewesen? Wo war sie?

Die junge Frau hatte Mühe sich zu recht zu finden.

Da fiel ihr Blick auf eine wunderschöne Lilie, die sie in der Hand hielt, schöner, weißer, leuchtender als sie je eine geschaut.

So hatte sie nicht geträumt?

Ein Jubelruf entrang sich ihrer Brust, sie hielt das kostbare Geschenk der Reinheit in ihrer Hand!

„Liane, Liane“, rief sie laut, „komm, sieh, was ich hier habe!“

Von weitem kam das Kind herbeigesprungen und sah voller Entzücken die Lilie in der Mutter Hand.

„Sieh hier das Ende meiner Geschichte!“ rief die Mutter ihr zu.

„Und nun ist auch das Lachen ganz nah bei Dir, ich muß es Vater sagen!“ jubelte Liane.

Aber ehe sie fortlaufen konnte, hielt sie die Mutter noch einen Augenblick fest.

„Liane, Du mußt mir helfen die Lilie pflegen! Sie soll den besten Platz in unserem Garten bekommen, wir wollen jeden Tag zu ihr gehen und schauen, ob sie gedeiht, ob es sie auch nicht heimverlangt nach den himmlischen Gärten! Und dann wollen wir sie allen Frauen zeigen, daß sie sich an den Blüten erfreuen und sich Gewänder nähen, die so schneeweiß sind wie die Lilienblüten, nicht wahr?“

„O ja, das wollen wir tun, Mutter! Ich gieße die Lilie jeden Tag, darf ich?“

„Wir wollen es gemeinsam tun, mein Kind, und ich werde Dir dabei von den himmlischen Gärten der Reinheit erzählen, von ihrer Königin die weint über die Frauen, weil sie unrein geworden sind.

Jetzt weiß ich, wer mich gerufen hat mein Leben lang, jetzt weiß ich, wonach meine Seele hungerte in allem Glück, und nun weiß ich vor allem, wozu ich auf der Erde bin! Ich werde es Dir sagen, und Du sollst es auch wissen. Vielleicht wirst Du dann auch eines Tages gerufen und darfst der Reinheit dienen auf Erden, wie ich es nun darf!“

„Mutter, nun brauche ich das Lachen nicht mehr zu rufen, es ist in Dir, ich sehe es an Deinen Augen!“ -


Noch oft hörte die junge Frau die Stimme aus der Ferne und immer horchte sie, ob sie auch nicht klage.

„Es dürfen keine Tränen mehr auf die Erde fallen, die die Reinheit um uns weinen muß!“ sagte sie immer wieder zu ihren Schwestern. „Helft alle mit, daß die Tränen sich in Perlen der Freude verwandeln!“

Willig blühte die Lilie in ihrem Garten, erquickte die Frauen mit ihrem Duft und beschämte sie mit der Weiße ihres königlichen Kelches. Sie weckte das Sehnen In den Herzen, ihr ähnlich zu werden, und die Sehnsucht nach den ewigen Gärten.

Segen lag auf allem Tun der Frauen, die die Lilie der Reinheit als ein Heiligtum hüteten.

de/stimme/heft_7/die_lilie.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/19 00:45 von Marek Ištvánek