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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_7:das_schlangenkronlein

Etwas für kleine und große Kinder!

Das Schlangenkrönlein.

von Maria Halseband

Es war einmal eine Prinzessin, die hatte schlanke, schöne Glieder, gerade und fein, wie es sich für eine Prinzessin gehört Sie hatte auch weiße, kleine Hände und zierliche Füße, aber auf dem hübschen Körper saß ein so häßliches Gesicht, daß niemand bei Hofe sie lange ansehen mochte. Selbst ihr Vater, der König, bekam jedesmal eine Gänsehaut, wenn sie sein Zimmer betrat, trotzdem er sie doch als sein Kind lieb hatte.

Aus dem häßlichen Gesicht der Prinzessin aber schauten die schönsten braunen Augen und ein gütiges, hilfsbereites Herz schlug in ihrer Brust. Das wollte aber niemand so recht beachten außer ihren Kammerfrauen, und diese hielten es für selbstverständlich, daß sie so viel Freundliches von ihr empfingen. Sie sagten:

„Wenn die Prinzessin häßlich ist, so ist sie das unnützeste Ding auf der Welt!“

Diese Denkweise bekam denn auch die kleine Prinzessin bei jeder Gelegenheit zu spüren. Sie weinte sich manchmal nachts die Augen rot und wollte schließlich gar nicht mehr zu Hofe gehen. Meist bedeckte sie ihr Gesicht mit einem Schleier, damit sich die Menschen nicht erschrecken sollten. Nur ihre großen, schönen Augen blieben unbedeckt

Sie wohnte in einem kleinen Pavillon am Ende des Schloßparkes, wo es ganz einsam war. Da spielte sie mit ihren Hunden, mit den zahmen Rehen und Hirschen, und die Vöglein pickten ihr das Futter aus der Hand.

Da aber der König ein sehr reicher König war, kamen immer wieder Freier aus allen Teilen des Landes und warben um die Prinzessin. Doch die meisten gingen wieder, sobald sie diese gesehen hatten. Vor den Wenigen aber, die bleiben wollten, entsetzte sich die Prinzessin so sehr, daß der König es nicht übers Herz brachte, sie zu einer Heirat zu zwingen.

Eines Tages hörte die Prinzessin frohen Sang zu ihrem versteckten Hause dringen. Als sie neugierig durch die Büsche schaute, sah sie einen frischen stattlichen Mann, hoch zu Roß, begleitet von zwei großen Hunden, daherkommen. Er blickte zur Mauer hinauf, gewahrte das verschleierte Mädchen und rief sogleich:

„Mägdelein, was hast Du für wunderschöne Augen!“

Das hatte noch keiner der Prinzen gesagt. Beinahe hätte sie geweint vor Freude.

„Wo reitet Ihr hin?“ fragte sie schüchtern.

„Ich will um die Prinzessin freien“, lautete die überraschende Antwort. „Ist sie wohl sehr häßlich?“

Da wandte sich die Prinzessin, lief eiligst in ihren goldenen Pavillon und war ganz verzweifelt; denn sie wußte, daß der Mann, der ihr so gut gefallen, sicher entsetzt sein würde, wenn er ihr Gesicht sähe.

„Warum hat Gott mich so häßlich gemacht?“ dachte sie und war zum :ersten mal in ihren Leben bitter und undankbar vor dem Herrn.

Da zupfte etwas an ihrem Kleid. Aufblickend gewahrte sie ein altes, kleines Weiblein. Das blinzelte sie aus schlauen Augen spöttisch an und meinte:

„Warum holst Du Dir nicht ein Schlangenkrönlein? Dann kannst Du die schönste Prinzessin sein.“

Erstaunt lauschte das weinende Mädchen. Endlich meinte es zaghaft:

„Wird es die Schlange mir wohl geben wollen?“

„Du mußt es Dir nehmen, wenn sie im Wasser baden. Drüben beim großen Teich wohnt der Schlangenkönig. Jeden Mittag, wenn die Sonne scheint, legt er sein Krönlein ab und schwimmt weit hinaus.“

„Aber ich muß doch den Tieren etwas dafür geben, ich kann doch nicht einfach wegnehmen, was ihnen gehört!“ rief die Prinzessin.

„Mir sollst Du etwas geben für den guten Rat“, krächzte die Alte. „Ich sorge dann schon, daß auch die Schlangen ihr Teil bekommen.“

„Und was willst Du haben?“ fragte die Prinzessin.

Es wurde ihr schwer ums Herz.

„Deine Seele! flüsterte das Weib.

„Dann bin ich ja tot!“ schrie die Prinzessin. „Die Seele hat uns der Allewige gegeben und nur Er kann sie doch von uns fordern.“

„Dumme Trine!“ knirschte die Alte zwischen den Zähnen. „Du sollst doch jetzt erst recht leben. Ich will Deine Seele auch gar nicht für immer haben! Ich will nur das Helle' das um sie webt und das mich so stört, von ihr entfernen. Du hast das auch nicht mehr nötig als künftige Königin. Du wirst schön sein! Genügt Dir das nicht?“

Aber die Prinzessin wollte nicht, etwas in ihr warnte sie vor der AIten. Doch diese überredete sie mit den süßesten Worten, sie malte die schönsten Bilder vor der Prinzessin Augen. Schließlich sagte sie:

„Du willst doch dem fremden Prinzen gefallen! So folge meinem Rat wenigstens einmal auf Probe, wenn Du den Schlangen vor dem nächsten Vollmond das Krönlein zurückgibst und wieder häßlich sein willst, dann ist auch Deine Seele frei und darf ihren Lichtschein behalten.“

Da endlich ließ sich die Prinzessin herbei, nachzugeben. Sie folgte der Alten zum Teich, der ganz verborgen im stillen Teile des Schloßparkes lag, wo kaum ein Mensch hinkam.

Als sie angelangt waren, begannen gerade die Glocken der Residenz Mittag zu läuten. Da verschwand die Alte wie ein Schatten.

Im Wasser sah die Prinzessin zwei grüne Schlänglein spielen. Am Ufer aber lagen im Sonnenschein die kleinen, goldenen Kronen. Da faßte sie eine solch heftige Begier, daß sie vor stürzte und eine Krone nahm. Sogleich wurde diese zu einem schweren Ring, den die Prinzessin an den Finger steckte. Das Gold brannte sofort wie Feuer, der Schmerz ging ihr durch Mark und Bein! Eiligst lief sie zurück, als seien die Schlangen hinter ihr her und es war, als lachte es grell und triumphierend aus Bäumen und Büschen.

Atemlos betrat sie ihr kleines Haus und eilte vor den Silberspiegel. Merkwürdig – es waren noch die gleichen Züge, aber alles, was vordem häßlich, breit und ungeformt geschienen, war schön und wohlgeformt. Einzig die Augen hatten eine kühle Starre bekommen, die die Prinzessin störte.

Aber je länger sie in den Spiegel schaute, desto weniger bemerkte sie die Veränderung. Je kälter ihre Augen wurden, um so schöner strahlte das Gesicht, und desto fremder wurde sich die Prinzessin selbst. Dabei kam sie sich trotzdem so bekannt vor, als hätte sie früher schon einmal so ausgesehen in einer bösen, bösen Zeit. Dann war der Gedanke vergessen und die Prinzessin klingelte ihren Kammerfrauen um sich festlich ankleiden zu lassen.

Den Frauen erstarrte der Gruß auf den Lippen, als sie eintraten. Dann aber gingen sie mit zitterndem Eifer ans Werk. Die Hunde der Prinzessin lagen jedoch in den Ecken und wollten nicht zu ihr kommen. Da stieß sie mit den Füßen nach ihnen.

Wunderschön war die Prinzessin, als sie bald darauf das Schloß betrat, sprachlos begrüßt von den sich tief verneigenden Dienern. Dem Hofmarschall fiel der Stab aus der Hand, als er sie sah, und der Obersthofmeisterin blieb der Mund offen stehen. Sie mußte sich niedersetzen vor Überraschung, zwei Tatsachen deren sie sich dann während ihres ganzen Lebens schämte.

Der König aber klatschte vor Freude ganz unfürstlich in die Hände, als er seine verwandelte Tochter sah und der Prinz, der nun in kostbaren Kleidern am Throne stand, staunte sie an.

Als er aber in die kalten Augen der Prinzessin schaute, mußte er an die schönen Augen des verschleierten Mädchens denken und sehnte sieh nach diesen. Die Prinzessin dachte aber nur, daß sie schön sei und darum der Prinz sie auch lieben müsse.

Es wurde nun auch gleich Verlobung gefeiert. Die Hochzeit sollte recht bald sein, denn der alte König fürchtete im stillen, die Schönheit seiner Tochter könnte am Ende so rasch wieder vergehen wie sie gekommen war. Dann hätte das Land wieder keinen Thronfolger gehabt.

Die nächsten Tage hatte der Prinz Gelegenheit, seine schöne Braut näher kennen zu lernen Er war erschreckt von ihrer HerzenskäIte. Die Tiere wichen ihr aus, einsam war’s um sie, wenn sie im Park spazierenging. Nur einmal, als die kleine, grüne Schlange über den Weg huschte, schrie die Prinzessin und wünschte heftig, daß man alle derartigen Tiere töten sollte.

Der Prinz verstand das nicht. Sobald er allein war, kamen ihm die Tiere so zutraulich entgegen, wie sie früher der Prinzessin genaht waren und ließen sich willig streicheln.

Der Prinz aber durchstreifte Schloß und Garten und suchte nach dem verschleierten Mädchen mit den schönen Augen.

Jetzt war die Prinzessin schön, aber so eiskalt und unfreundlich, daß sich plötzlich jeder erinnerte, wie lieb und gütig sie früher gewesen. Alle dachten bald, daß ihre Häßlichkeit viel liebenswerter gewesen war als ihre jetzige Schönheit.

Indessen hatte die Prinzessin schwere Tage. Wo sie ging und stand, vermeinte sie die grüne Schlange zu sehen. Nachts vernahm sie feine Stimmen, leises Scharren am Fenster. Dann klang es vernehmlich zu ihr hin:

„Nun bist Du schön, Prinzessin fein,
Weil Du genommen mein Krönelein.
Und bist doch worden böse und kalt,
Weil Du Deiner Reinheit Lichtgestalt
Hast abgegeben um Erdengewinst.
Ohn' sie Du nicht zum Himmel find'st!
Prinzessin, bring mir mein Krönlein zurück!
Dann wird auch Dir geschenkt das Glück!“

Die Prinzessin stopfte sich die seidenen Kissen um die Ohren und wollte nicht hören, denn sie wollte nicht wieder häßlich werden. Und doch war sie unglücklich und unzufrieden. Sie fühlte, daß etwas Schönes, das sie früher besessen, aus ihrem Leben geglitten war. Sie mußte nachdenken und gerade immer, wenn sie dachte, nun müsse sie es finden, dann wurden fremde Kaufleute gemeldet, die herrliche Stoffe und Schmucksachen brachten, die ihrer Eitelkeit schmeicheln sollten.

So waren nun schon drei Wochen vergangen, und übermorgen sollte die Hochzeit sein. Alles seufzte unter der Prinzessin Launen, auch der alte König weinte eines Abends in sein großes gelbseidenes Taschentuch und sagte zu seinem Schwiegersohn:

„Sie war viel schöner, als sie noch häßlich war!“

Auch der Prinz grübelte über diesem Rätsel und faßte einen Entschluß. Er ging zu der Prinzessin und sagte der Erschrockenen, er könne sie nicht heiraten, denn er dächte nur an das verschleierte Mädchen mit den schönen Augen.

„Aber sie ist doch so häßlich!“ entfuhr es der Prinzessin.

„Die Augen sind der Spiegel der Seele“, erwiderte der Prinz. „Wer so schöne Augen hat, der kann nicht häßlich sein, weil seine Seele gut ist.“

Da durchzog es die Prinzessin in jähem Schrecken. Das war es, was sie quälte; ihre Seele verlor das Licht, weil sie dieselbe verraten hatte an das Weib! Ihre Seele schrie in ihr um Erlösung und hatte kein Gehör gefunden bei ihrer Eigensucht.

„Kennst Du das Mädchen?“ fragte nun der Prinz.

Die Prinzessin bejahte. Sie bat ihren Verlobten morgen wieder zu dem kleinen Pavillon zu kommen dann wolle sie ihm nähere Nachricht geben.

In dieser Nacht lag die Prinzessin schlaflos und überlegte was sie tun sollte. Drei Tage hatte sie noch, dann war die Frist verstrichen und sie war gebunden an das Böse für immer. Da klangen die Stimmen der Schlangen zu ihr empor:

„Drei Tage noch hast Du Zeit,
Dann verlierst Du die Ewigkeit.
Dann geht Dir das Licht des Himmels verloren
Und es wäre Dir besser Du wärst nicht geboren!
Bring mir mein Krönlein Prinzessin Braut,
Bevor der Mond in Dein Fenster schaut!“

Da wußte die Prinzessin auch plötzlich, was ihr am meisten gefehlt hatte, sie fand zum ersten mal seit Wochen wieder innige Worte des Betens und damit die Klarheit für das, was sie tun mußte.

Am andern Tage, als die Mittagglocken läuteten, ging sie zum Teich. Dornen hingen sich in ihr Kleid, Zweige schlangen sich um ihre Füße, aber sie schritt unbeirrt weiter. Raunende Stimmen zischelten ihr zu, wie töricht sie sei, ihre Schönheit aufzugeben, jetzt, wo sie tausend Freier haben könnte.

Als sie ans Ufer trat, strahlte ihr aus dem Wasser ihr Bild entgegen, schöner denn je, aber mit kalten, toten Augen. Das schmerzte sie sehr. Rasch entschlossen streifte sie den Ring vom Finger, der sogleich wieder zum funkelnden Krönlein wurde und legte es ins Gras. Da wand sich auch schon die grüne Schlange aus dem Gebüsch und nahm ihr Eigen an sich.

Um die Prinzessin aber war ein neues, lachendes Leben. Die Vögel sangen hell und hüpften zutraulich um sie, die Rehe kamen aus dem Gesträuch und rieben die schlanken Hälse an ihrem Kleid. Das Wasser aber warf kleine Wellen und aus ihnen blickten zarte Gesichtchen freundlich nach ihr hin. Eine Nixe kam näher ans Ufer geschwommen und sagte:

„Menschenkind, konntest Du nicht in Geduld tragen, was der Herr Dir auflegte? Jeder Mensch trägt doch den Körper und das Gesicht, das er sich selbst geformt durch sein früheres Sein. Nun warst Du die kurzen Wochen wieder so schön wie einst, oder so häßlich, wie Du es nennen willst. Jetzt bist Du wieder so häßlich, wie Du in diesem Leben sein wirst und kannst doch so schön werden, wenn Du wahrhaft gut bist und der Reinheit lebst!“

Die Prinzessin weinte bitterlich, als sie diese Worte hörte; denn nun wurde ihr klar, wie sie gehadert mit Gott um ihr Geschick.. In den Tränen löste sich in ihr die Starrheit, die sich bereits um sie gelegt in den letzten Wochen.

Da vernahm sie Schritte. Verwirrt zog sie den Schleier über ihr nun wieder häßliches Gesicht. Der Prinz trat auf die Lichtung.

„Das ist ja mein Mädchen mit den schönen Augen!“ rief er froh.

Die Prinzessin schlug ihren Schleier zurück und zeigte ihm ihre Häßlichkeit. Dann erzählte sie ihm alles. Da sie dachte, daß er nun sicher gehen werde wie die anderen, so reichte sie ihm die kleine Hand zum Abschied. Aber der Prinz hielt die Hand fest und sagte:

„Nun bist Du erst meine allerschönste Prinzessin!“

Er führte sie zum Schlosse, und die Rehe und Tiere des Parkes gingen hinter ihnen her wie ein Festgeleite.

Der alte König rieb sich die Augen, setzte die Brille auf und klatschte wieder in die Hände, so froh war er über seine verwandelte Tochter. Alle Hofdamen und Herren neigen sich und sprachen:

„Wie schön sie ist!“

Das sagten sie, weil sie zum ersten Mal bemerkten, welche Klarheit und Güte um die Prinzessin waren.

Von diesem Tage an hat niemand im ganzen Lande mehr gesehen, daß die Prinzessin häßlich war; denn sie mühte sich, ein guter Mensch zu werden dies ihren Frauen und dem ganzen Lande vorzuleben, wie es sich für eine echte Königin geziemt.

Sie wurde sehr glücklich mit ihrem Prinzen, auch ihre Kinder konnten nie verstehen, daß ihre Mutter häßlich sei; denn ihnen war sie die schönste und beste Mutter von der Welt.

de/stimme/heft_7/das_schlangenkronlein.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/19 02:02 von Marek Ištvánek