Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_6:einsendung_aus_dem_leserkreise

Einsendung aus dem Leserkreise.

Betrachtungen eines Priesters aus dem tschechoslowakischen Reiche, dessen nachstehendes Schreiben an die Redaktion sicherlich vielen ernsten und wahrheitssuchenden Menschen Anregung zum Nachdenken geben wird. Dabei können wir erwähnen, daß die neueren Vorträge Abd-ru-shins nur durch „Die Stimme“ veröffentlicht werden.

Die Redaktion.

An die Redaktion „Die Stimme“, Zürich.

Ich hatte Gelegenheit, alle Ihre Veröffentlichungen, besonders das Buch „Im Lichte der Wahrheit“ 1) und nun auch Ihre neue Zeitschrift „Die Stimme“ zu lesen. Erlauben Sie mir meine Kritik bzw. mein Urteil als Geistlicher über dieselbe abzugeben.

Es ist Aufgabe des Priesters, den Menschen geistige Hilfe und Trost zu spenden. Ich kam in eine Familie, wo ein dreizehnjähriges, an Knochentuberkulose und eitriger Entzündung der Wirbelsäule erkranktes Kind unter fürchterlichen Qualen im Sterben lag. Die Familie war erschüttert. Was sollte ich ihnen sagen?

Ich stand vor der Frage: Woher und wozu das Leiden, der Schmerz, Unglück und Tod?

Viele Richtungen habe ich studiert: Katholizismus, Protestantismus, moderne deutsche Theologie, Unitarität mit unaussprechlichem Heißhunger lauschte ich dem Schriftsteller Premysl Pitter, Dr. Sommer - Batek, Dr. N. F. Capek, dem Verleger F. Koci, besuchte eine ganze Reihe evangelischer Denominationen: Baptisten, Adventisten, die Heilsarmee, die Methodisten … las die Schriften der Schriftstellerin Pauline Moudrá, des Dr. Velenovsky, Dr. Simsa … aber Antwort auf diese Fragen erhielt ich nirgends.

Ich mußte mich bloß mit dem biblischen Ausspruch begnügen: Unbekannt sind die Wege der Vorsehung Gottes! Nichtsdestoweniger schwirrte Mißtrauen in meinem Kopfe. Und wo ist Gottes weise Gerechtigkeit? Ist Willkür im Menschengeschick?

Ihre Veröffentlichung - und wieder das goldene Buch „Im Lichte der Wahrheit“ - zeigte mir deutlich, worin Gottes Gerechtigkeit ist und wie ich sie anderen beweisen kann!

Unsere Kirche 2) hat allen übrigen etwas voraus: sie ist nicht dogmatisch gefesselt, daher nicht starr und sehnt sich nach Fortschritt und innerem Gedeihen. Sie bestreitet nicht die Wissenschaft. Aber wie die Brücke schlagen zwischen unserer Kirche und der Wissenschaft?

Ist es z. B. möglich, an Wunder zu glauben? Ist es möglich, diese mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen? Wenn ja, dann wie? Lenken das Menschenleben Gesetze oder Willkür? Besteht Zufall oder gesetzliche Genauigkeit: was ist geistige Führung?

Welche Antwort geben uns unsere Lehren auf die sozialen Fragen? Wie sollen wir den Menschen in den entsetzlichen gesellschaftlichen Umstürzen und Verschrobenheiten, der Arbeitslosigkeit, im Kampfe des Kapitals und der Arbeiterschaft helfen? Und wie lösen wir das schreckliche Problem des Krieges, ohne an der Lehre Christi zum Verräter zu werden? Ist es recht, daß die Geistlichkeit die Waffen beider Gegner segnet? Wie stellen wir uns zu dem Weltkampfe um neue wirtschaftspolitische Anschauungen, Kommunismus, Faschismus, Demokratie? Sind wir für die Technik oder gegen sie? Was ist mit der Rationalisierung der Arbeit und der damit zusammenhängenden Arbeitslosigkeit? Und wie verhält es sich mit der Rationalisierung der Landwirtschaft, welche damit schließt, daß die landwirtschaftlichen Produkte in Lokomotiven verheizt und ins Meer geworfen werden, während Tausende hungern? Wie stellen wir uns zu all dem, wenn wir fortschrittlich bleiben wollen?

Wenden wir uns nun zu der Frage: woher kommt das Übel? Wie ist es möglich, daß Gott, der die Vollkommenheit selbst ist, solche Unvollkommenheiten zuläßt?

Und die letzten ungelösten Fragen: Wenn Christus Mensch war, der den Willen Gottes offenbarte wenn er als Mensch, das ist als Mensch, der Menschengeist in sich trug, überhaupt fähig war, den Willen Gottes zu offenbaren - wie konnte er Wunder wirken? Wie kommt es, daß er sich nach seinem physischen, wirklichen Tode den Aposteln und anderen zeigte? Wie konnte er in den Himmel auffahren?

Wollen wir all das - Tod, Auferstehung, sich offenbaren, Himmelfahrt, Wunder vielleicht symbolisch aufklären? Und was ist mit unseren Vorstellungen vom Himmelreich, Paradies, der ewigen Verdammnis?

Vielleicht wird jemand einwenden, daß dies dogmatische Fragen sind, welche den Fortschritt behindern. Sind aber unklares Denken, die verschiedenen und verschiedenartigen, sich gegenseitig widersprechenden Aufklärungen grundsätzlicher Punkte, das bewußte Vermeiden einer genauen Formulierung der Ecksteine im Christentum und der Wunsch, ihnen absichtlich auszuweichen, nicht sittliche Ansteckungsgefahr und Geistesträgheit? Ist es nicht ein Versteckenspiel? Ist es ehrenhaft, weder Krebs noch Fisch zu sein?

Gewissensfreiheit und persönliche Überzeugung sind der große Vorrang unserer Kirche … aber auch die Gefahr, welche in nicht zu hemmender Anarchie endet.

Das Leben stellt immer größere Anforderungen an den Menschen, Der Mensch fragt, warum soviel Unheil, soziale Ungerechtigkeit und Elend? Können wir ihm so antworten, daß er den Glauben an Gottes Gerechtigkeit nicht verliert?

Was antworten wir Tausenden Sterbender, wenn es zum Krieg kommt? Sind wir vorbereitet? Wissenschaft, Technik, Politik, Wirtschaft, Handel, Landwirtschaft, Sittlichkeit und selbst die Menschheit liegt in schrecklichen, schmerzhaften Krämpfen verschiedener Krisen. Die ganze Welt macht eine Krise durch. Ist es möglich, dagegen ein Heilmittel zu finden?

Ich habe mich soviel gesehnt, soviel gesucht! Ich studierte außer dem bereits Angeführten auch noch als Zweige verschiedener Wissenschaften: Suggestion, Autosuggestion, Hypnose, Spiritismus, Okkultismus, Mystik, Theosophie, Antroposophie … und fand nicht. Entweder entsprach es nicht dem wissenschaftlichen Forschen oder es war nur in dem oder jenem ein Stückchen Wahrheit. Ich blieb daher bei der sogenannten Synthese, das heißt, von dem bisher Erkannten im christlichen und außerchristlichen Glauben, sowie aus den verschiedenen geistigen Richtungen behielt ich mir die Zusammenfassung der höchsten Wahrheiten.

Dies war zwar gut, aber nicht vollkommen. Wiederum kannte ich damit nur teilweise Wahrheit und nicht volles Wissen.

Heute jedoch kann ich mit unaussprechlicher Freude und innerer Befriedigung allen, die wachen Geistes sind, denen das Priestertum nicht bloß ein Beruf ist, sondern der Dienst Gott gegenüber, Gott dem Heiligen und höchst Gütigen, sagen, daß ich klare und schlichte Antwort auf die gesamten, hier angeführten strittigen Fragen, Rätsel und Probleme gefunden habe. Ich will sie den anderen nicht aufdrängen, bitte jedoch, daß sie selber suchen möchten.

Alle jene, die nicht Steine statt Brot reichen wollen, bitte ich, zu suchen! Wenn ich selbst jemandem helfen kann, so bitte ich, mir zu schreiben; denn Antwort zu wissen auf die dringendsten, heutigen Lebensfragen ist eine überaus ernste und verantwortungsvolle Sache. Ich kann und darf nicht schweigen.

Den Willen Gottes habe ich klar erkannt. Dasselbe wünsche ich von Herzen meinen Mitbrüdern, den Priestern aller Bekenntnisse, sowohl im Interesse ihres eigenen Seelenheils, als auch in dem der ihnen anvertrauten Seelen. Schwere Verantwortung vor Gott liegt auf den Schultern jedes Geistlichen.

Hochachtungsvoll

Mai 1937.
Pfarrer J…..


(Eingehende Briefe werden von dem Verlag weitergeleitet.)

1)
von Abd-ru-shin
2)
tschechoslowakische Staatskirche
de/stimme/heft_6/einsendung_aus_dem_leserkreise.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/17 23:12 von Marek Ištvánek