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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_6:am_wiesenhang

Etwas für kleine und große Kinder!

Am Wiesenhang.

von Maria Halseband

Zwischen Wald und Wiese lag der Hang. Einzelne Bäume und kleines Gebüsch wuchsen auf ihm und die herrlichste Frühlingssonne lachte auf ihn nieder. Sogleich steckte die Grille ihren dicken, schwarzen Kopf zur Wohnung hinaus und begann zu singen:

„Wie schön scheint die Sonne! Der Winter ist vorbei! Dem Herrn sei Dank, der uns das Licht wieder geschenkt hat!“

Überall guckten aus den kleinen Erdhöhlen die Nachbarn und beteiligten sich an dem Gesang. Bald klang es in frohem Chor über den Hang:

„Dem Herrn sei Dank!“

„Ein schönes Lied!“ meinte der Wichtelmann und lockerte eifrig die Erde, damit die Pflanzen schneller blühen konnten. Er freute sich, daß der Hang schon ganz von einem lichtgrünen Schimmer überzogen war.

„Auferstehung des Lebens! Der Herr ist wieder auf Erden! Alles wird doppelt blühen und leuchten und dienen in Liebe und Freude! Wenn nur die Menschen anders wären!“

„Aber Wichtel, wer wird an Menschen denken, wenn die Sonne so herrlich scheint!“ rief der Baumelf von der alten Buche herüber und reckte und dehnte sich im Sonnenschein, dass alle Äste nur so knackten. Der lange Winterschlaf hatte ihn ein wenig rheumatisch gemacht.“

„Hast recht!“ meinte der Wichtel. „Nur die Kinder bringen einem Freude. Hoffentlich kommen sie wieder, sie sind den ganzen Winter nicht vorbeigekommen.“

Ein Feldmauseherr kam den Rain entlanggehuscht und ließ voll Behagen die Sonne auf sein braunes Fellchen scheinen.

„Wie gut das tut!“ sagte er und nickte dem Wichtel zu. „Man bekommt ordentlich Lust auf Brautschau zu gehen!“

„Das ist nichts für unsereinen“, rief der Wichtel vergnügt. „Aber ich will gerne Gevatter stehen, wenn das erste Dutzend Mausekinder im Nest liegt.“

Der Mauserich rieb sich das spitze Schnäuzchen mit den kleinen Pfoten, um ein Schmunzeln zu verbergen und meinte dann, es würde ihm eine Ehre sein wenn er nur erst seinen Hausstand gegründet hätte. Drüben am Waldrand wohnten ein paar ganz reizende Mausejungfrauen es könnte gut sein … nun, der Wichtel würde dann sicher gleich eine Anzeige bekommen. Und damit huschte der Mauserich davon.

„Tzschü-lü-lü!“ begann die Amsel schüchtern auf einer Esche zu locken und lauschte, ob Antwort käme.

„Dumme Pute!“ rief das Wiesel zu ihr hinauf, das sich gerade vor seiner Höhle aufrichtete und umheräugte.

„Ruf doch lauter! Es weiß ja keiner sonst, daß Frühling wird!“

Damit machte das Wiesel einen Satz und zerknackte voll Behagen eine fette Grille, die sich unvorsichtig aus ihrer Behausung gewagt hatte.

„Grillen sind der beste Anreiz vor dem Mittagessen. Finden Sie nicht auch?“ wandte es sich höflich an den Wichtelmann, doch der tat als hörte er es nicht.

Im vergangenen Jahr hatte der kleine Räuber aus allen Nestern am Wiesenhang die Eier gestohlen, so hatten die Vögel zu des Wichtels Kummer neue Nistplätze suchen müssen. Darum mochte er das Wiesel nicht leiden, denn die Vögel waren seine besten Freunde. Das Wiesel wartete einen Augenblick auf Antwort, dann zuckte es ein wenig schnippisch die geschmeidigen Schultern und drückte sich in die braune Ackerfurche, die, frisch gepflügt, herrlich nach feuchter Erde roch.

Der Wichtelmann aber arbeitete weiter im Summen der Grillen, das nur kurz verstummt war nach des Wiesels keckerndem Ruf. Er nickte der Amsel einen frohen Gruß zu, die lauter zu rufen begann, denn eine ferne Antwort war zu ihr gedrungen.

Zwischen den Haselbüschen lag, wunderbar versteckt und geschützt, ein sonnenbeschienenes Plätzchen, dem wendete er seine besondere Sorgfalt zu. Immer wieder hatte er dort etwas zu ordnen, zu streichen, zu pflegen und auch, als alle Arbeit getan schien, wandte er doch stets wieder den Kopf sorgend der Stelle zu, die jetzt ein feines liebliches Leuchten überzog.

Kläffend kam ein junger Hund den Hang heraufgejagt und schnupperte an den Grillenlöchern. Hurtig fing er an zu graben, daß die Erde im Bogen weiterflog.

„Von meinem Platz bleibst Du weg, Du Übermut!“ rief der Alte ihn an und stellte sich schützend vor das so sorgsam bereitete Stückchen Land.

„Ach was!“ bellte der Hund voll Sonnenfreude. „Hier ist es gerade schön warm zum Wälzen! Juchheh, wie ist das Leben schön!“

Da funkelten plötzlich die Augen des Wichtelmannes böse.

„Hier ist lichtbereiteter Boden!“ herrschte er den Hund an. „Hast Du mich verstanden?!“

Der kleine Hund zog den Schwanz ein.

„Nun, sei nur nicht böse, ich gehe ja schon. Es roch hier doch so gut nach Wiesel. Nichts für ungut, alter Herr!“

Und damit raste er in frisch erwachter Lebensfreude den Hang hinauf, um sich dort ausgiebig auf einer Waldlichtung zu wälzen.

„Dort hat der Fuchs letzte Woche das Huhn gefressen“, sagte befriedigt das Wiesel, das aufmerksam den Hund beobachtet hatte. „Jetzt wird er riechen und das können die Menschen nicht leiden.“

Es freute sich schon im Voraus über den Ärger, den bald Hund und Herr haben würden, denn beide waren ja seine angestammten Feinde.

Da tönten Stimmen vom Waldrand her. Der Wichtelmann horchte auf, nickte zufrieden vor sich hin, dann warf er noch einen letzten Blick auf das Stückchen Boden, auf dem die Blumen aufgeblüht waren, zwischen denen ein feines Elfenkind lächelnd umherhuschte.

Die Stimmen klangen schon ganz nahe und gleich darauf traten ein junges Mädchen und drei Kinder auf die Lichtung. Sie sangen ein einfaches, kleines Frühlingslied, aber es klang rein und hell und schwang in der Herbheit der frischen Erde und des jungen Grüns.

„Es klingt gut!“ meinte der Wichtelmann. „Ihr könnt Euch dort in die Sonne setzen“.

Als hätten die Mädchen ihn verstanden, folgten sie seiner Erlaubnis und setzten sich auf die Baumstümpfe oben am Hang, wo man den schönsten Blick hatte über das Hochtal. Das junge Mädchen schaute selig um sich, streckte die Hände aus und rief plötzlich in hellem Jubel:

„Wie schön ist doch Gottes herrliche Welt! Wie schön, daß wir in ihr wohnen dürfen!“

„Wo wohnt denn aber der liebe Gott selbst?“ fragte das kleinste Mädchen.

Überall und nirgends, Klein-Hilde“, erwiderte Lisa.

„Gott ist allgegenwärtig.“

„Wie soll man ihn dann aber finden?“ fragte Anni, die Siebenjährige.

„In seinen Werken! Blickt doch um Euch, Kinder! Seht, wie schön die Welt ist, wie herrlich alles geschaffen bis ins Kleinste. Da sitzt eine Hummel auf Hildes rotem Schürzchen, ist sie nicht wunderschön in ihrem braungelben Pelz?

Welcher Mensch könnte es fertigbringen etwas so Feines, Schönes zu formen und selbst wenn es ihm gelänge, lebendig machen kann es doch nur der Liebe Gott. Er gibt allein Leben und Licht, Tier, Mensch und Pflanze, er läßt die Sonne scheinen und den Wind wehen, läßt regnen und schneien, überall ist seine Heilige Hand zu spüren, wenn wir sie nur merken wollen! Wißt Ihr nun, was ich meinte mit dem: Er ist überall und nirgends?“

„Da muß er sich aber um mächtig viel kümmern“, rief nun Hertha, die bis dahin Rindenstücke abgebrochen hatte, um festzustellen, ob wohl Käferlarven dort überwintert hätten.

„Er hat seine Diener, die alles in seinem Willen vollenden“, sagte Lisa ernst. „Gott ist viel zu fern und heilig, um sich um so etwas Kleines wie Erde und Mensch zu kümmern. Bedenkt doch, er hat hunderttausend und mehr solcher Welten, auf denen unzählige Lebewesen leben. Und doch weiß und sieht er alles!“

„Sehr richtig!“ nickte das Wichtelmännlein zufrieden. Es saß in der Nähe der Mädchen auf einer lockeren Baumwurzel und schaukelte. „Vielleicht zeige ich Euch doch noch meinen Platz. Bald werde ich wissen, ob ich es darf.“

Die Mädchen begannen wieder zu singen. Hilde kletterte zum Wald hin und kam bald darauf mit einigen Blümchen wieder, die sie Lisa in den Schoß legte. Es waren ein paar kurzbeinige Gänseblümchen, zwei Schlüsselblumen und Leberblumen. Lisa nahm sie auf und betrachtete sie voll Liebe.

„Alles lebt aus Gottes Gnade“, sagte Lisa nachdenklich. „Alles Schöne hat er den Menschen gegeben, das Schönste aber aus seiner Hand gekommene sind die Blumen. Wißt Ihr, Kinder, als der Herr die Schöpfung schuf, da wollte er, daß seine Diener so recht in Freude leben und wirken sollten. Darum hieß er seine Engel aus den himmlischen Gärten die schönsten Blumen nehmen und sie überall verteilen auf allen Welten.

Reizend zarte Lichtwesen - Elfen heißen sie - pflegten die Blumen und sorgten, daß sie sich immer weiter verbreiteten zur Ehre des Herrn und zur Freude für alles Lebendige. So brachten sie auch die Blumen bis zum äußersten Ende der Schöpfung, wo die Menschen wohnen, weil sie die Kleinsten sind unter des Herrn Kreaturen im Geiste. Durch der Blumen Schönheit sollte die Sehnsucht nach dem Licht in ihnen wach bleiben und das weckende Streben nach der Herrlichkeit des Paradieses.

Die ewigen Helfer aber legten ihre schönsten Blumengaben auf die Welten der Menschen nieder, denn sie wußten, daß die Menschen viel Hilfe nötig hatten, weil sie so fern vom Lieben Gott und seiner Lichtkraft lebten. Da wuchsen gelbe Blumen, die sie stets an das Heilige Licht erinnern sollten, aus dem sie ihnen geschenkt worden waren. Da blühten rote Blumen, damit sie allezeit an die Liebe des Herrn denken konnten, der ihnen Leben und Schöpfung gegeben. Weiße Blumen leuchteten im Licht der Reinheit, damit auch der Reinheit Bild den Menschen ewig wach vor Augen stehe. Blaue Blumen aber blühten auf zum Zeichen des Bundes zwischen dem Herrn und seiner Kreatur, sie sollten die Menschen mahnen, in Treue zu dienen und des Willens des Herrn nie zu vergessen.

Die Elfen kamen hernieder vom Himmel und pflegten die Blumen, deren zarte Schönheit von ihrer Kraft durchglüht wurde, denn die Elfen kommen aus dem Licht und schwingen ganz in dem Willen Gottvaters. Die Menschen aber freuten sich der Blumen, dankten dem Herrn für seine Güte und waren glücklich.

Aber wie es nun leider so geht, allmählich nahmen die Menschen alles, das der Herr ihnen geschenkt, für selbstverständlich, sie vergaßen das Danken, sie vergaßen sogar ihres Schöpfers und Herrn und wollten von allein alles noch viel schöner und besser machen wie Gott. Die dummen, bösen Menschen!

Da waren ihnen auch bald die Blumen nicht mehr schön genug, denn sie hatten vergessen, was die Lichtfarben bedeuteten, woran sie erinnern sollten. Sie züchteten große und vielfarbige Blumen, aber sie taten alles ohne Liebe und Gebet. Darum blieb auch der Segen des Lichtes aus und die Elfen wandten sich entrüstet ab. Deshalb müssen diese von Menschenhand gezogenen Blumen viel schneller verwelken.

Und wie mit den Blumen, so machten sie es mit allem. Damit verscherzten sich die Menschen aber alle Helfergüte der unsichtbaren Diener des Herrn und verschlossen sich selbst die Lichtwege in die Ewigkeit.

Trotz allem sind die Blumen auch heute noch die Wegweiser zur Höhe, wenn die Menschen dies nur sehen wollen.“

„Und die Elfen?“ fragte Anni und legte ihr Köpfchen an Lisas Arm. „Sterben die nun auch so schnell mit den Blumen?“

„Die betreuen die Blumen, aber sie sind nicht mit ihnen verbunden. Wenn die Blumen gepflückt werden oder eine Pflanze gar ganz abgeschnitten wird oder verdorrt, dann gehen sie wieder hinauf in die lichteren Ebenen und warten, daß sie neue Arbeit bekommen. Nur einmal habe ich gesehen, daß sie mit den Blumen gingen und selig waren.“

„O Lisa, Du kannst die Elfen sehen!“ riefen die Kinder staunend.

„Einmal nur habe ich sie gesehen, bei einer herrlichen Feier. Der Tisch des Herrn war bedeckt mit Rosen und über dieser herrlich duftenden roten Pracht schwebten die Elfen in jubelnder Anbetung. Ihre zarten Körperchen glühten im Licht der Gottesliebe, die aus der Höhe strahlte.

Als ich nach der Feier noch ganz benommen hinaustrat ins Freie, da lebten ringsum Wiese und Wald von lauter kleinen Gestalten, die auf das Wort Gottes gelauscht hatten mit uns Menschen.“

„Jetzt weiß ich, wofür meine Blumen bestimmt sind!“ rief der Wichtelmann vergnügt und schlug einen Purzelbaum. Dann huschte er zu den Haselstauden und schlug die Zweige auseinander.

„0!“ jubelte plötzlich Hilde und lief auf das Plätzchen zu. „Ein Stück Himmel ist auf die Erde gefallen! Seht nur, wie schön!“

Sie kniete entzückt nieder vor dem geschützten Winkelchen, das Kopf an Kopf bedeckt war von leuchtend blauen Enzianblüten.

„Welch liebliches, blaues Himmelswunder“, sagte Lisa nähertretend.

Der Wichtel aber stand daneben, die Hände in den Hosentaschen und hüpfte begeistert von einem Bein auf das andere.

„Es sind die Blumen der Treue“, fuhr Lisa versonnen fort. „Ich glaube, ich darf sie morgen in einem Stück ausgraben und mitnehmen zum Berg.“

Da machte der Wichtelmann einen Sprung vor Freude und rief:

„Na endlich! Dafür haben wir sie doch gezogen und gepflegt! Das Elfenkind aber wird mitgehen, damit sie ganz frisch bleiben.“

„Lisa, Du gehst fort?“ fragte Hilde.

„Ja, nur für zwei Tage. Ich gehe wieder zu einer Feier, die Gott zu Dank und Ehre gehalten wird. Ich werde Gottes Wort dort hören dürfen.

„Dürfen wir Dir auch unsere Blumen mitgeben?“ fragten die Kinder durcheinander. „Ich habe Osterglocken in meinem Garten!“ „Und ich rote Tulpen!“

„Ich habe nur eine weiße Hyazinthe!“ meinte Hilde traurig. „Glaubst Du, daß man die auch nehmen wird?“

„Wir schmücken mit Euren Blumen den Korb, in den die Enziansterne hineinkommen. Es wird eine Pracht werden!“ rief Lisa froh. „Und wenn ich wiederkomme, kann ich Euch sicher viel Neues erzählen von dem herrlichen Gottesweben in der Schöpfung, das jetzt wieder die Menschen in die Lichtbahn des Gotteswillens lenken wird.“

Voll Freude und Eifer eilten die vier Mädchen dahin. Der Wichtelmann sah ihnen nach mit in die Seite gestemmten Fäusten.

„So!“ nickte er zu der Amsel hinauf. „Nun singe, was Du kannst, denn der Frühling ist gekommen für die Erde und für alle Diener des Lichtes: Der Gottesfrühling des neuen Menschenlebens!“

de/stimme/heft_6/am_wiesenhang.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/17 23:19 von Marek Ištvánek