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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_5:die_stunden_des_menschenlebens

Die „Stunden“ des Menschenlebens II.

von Hermann Wenng

Wir wissen, daß fünf Jahre eines Menschenlebens auf Erden eine Stunde sind im Leben des Menschengeistes, der seine Wohnstätte hat in einer Sphäre, die der Vollendung nahe gerückt ist, zwar immer weltenweit von ihr entfernt, aber auch weltenweit entfernt von uns, die wir weilen im groben Stoff, um durch Erleben zu reifen und zu wachsen in ihm entgegen der Vollendung.

Wir haben erfahren, wie diese Stunden aufeinander folgen und miteinander verbunden sind, wie die Ringe einer Kette, also ineinandergreifend und wirkend, so daß der erste Ring sich berührt nicht nur mit dem zweiten, sondern auch mit dem dritten und der dritte nicht nur mit dem vierten in inniger Berührung steht, sondern auch mit dem fünften.

Und nicht eine leblose Kette ist es, aus irgend einem Metall, sondern eine lebendige Kette. Durch sie hindurch strömt eine lebendige Kraft, zuletzt fügend das Ende dem Anfang zum Ringe, zum lebendigen Ganzen. Keiner der Ringe ist von irgend einem getrennt, ein jeder muß wirken in allen anderen. Was der Mensch sich erwarb in einer seiner ,Stunden, muß bleiben und der nächsten dienen; keine kann ausfallen und keine darf umsonst gelebt sein. Lösen kann er die Aufgabe der fünften Stunde nur, wenn er die ersten vier erlebt hat im Geiste, wenn ihm zu eigen geworden ist, was sie ihm geben sollen zu seiner Reife. Die sechste Stunde kann er nicht leben, ohne die erste und auch die neunte, Glaube, ist nicht von der ersten getrennt, sondern vielmehr: hier schließt sich der Ring, das Ende fügend dem Anfang: Glaube ist Kraft - die größte, die es gibt - und Glaube kann nicht sein ohne die Kraft!

Kann auch jemand eine Leiter hinaufklimmen, ohne jede Sprosse, jede Stufe zu betreten, in unserem Sinne also jede Stunde zu erleben? Er kann es nicht! Ersteigen aber muß er sie alle, durchleben, wenn er die Höhe erreichen will, die er erreichen soll, zu der diese Leiter ihn führen kann und führen will.

So ist es aber nicht, daß der Mensch in einem Leben, und wenn es noch so viele Male fünf Jahre dauert, und seien es auch 24 also 120 irdische Jahre - nun auch alle die Stunden im Geiste erlebt hätte, daß er auch eine Leiter erstiegen, die zweimal hätte erleben lassen den Glauben in einer Steigerung, daß sein Geist die Lebendigkeit erreicht haben müßte, die ihm das dreifache Erleben der Stunde des Geistes zu geben imstande ist.

Dies ist nicht so. Es ist auch nicht so, daß ein Kind, das nun seine erste Stunde erlebt, seine ersten fünf Jahre, sie so lebte, als ob nun auch nichts anderes auf ihn wirkte als eben die Kraft des Wachstums - auch alle anderen Stunden zeigen sich in Spuren schon in ihm, wenn dieser Geist, wiederum weilend im Fleische, die anderen, höheren „Stunden“ sich schon zu eigen gemacht hat, sich schon erlebte und also dies, das sie ihm geben sollten, bereits besitzt.

Nicht jeder Menschengeist, der nun auf Erden weilt, hat sie erlebt, nicht jeder, sogar die wenigsten von ihnen, sind imstande, sie alle neun, oder in Steigerung alle achtzehn, oder alle vierundzwanzig, zu erleben! Im Gegenteil, wohl kaum einer ist, der auch nur die erste Neun in sich lebendig trüge, denn der sie in sich trüge, wäre des Stoffes entbunden!

Wenige nur erleben in Wahrheit mehrere Stunden, wenige nur haben etwas von dem behalten, was ihnen die Stunden früherer Wege hätten im Erleben vermitteln sollen. Wenige haben aufgenommen, in sich hineingesogen die Bilder, die sich ihnen boten auf ihrer Wanderung, wenige haben erlebt in Wahrheit, haben die Wahrheit sich erlebt!

Wir brauchen ja nur um uns zu sehen, um dies gewahr zu werden. Wer hat denn Glauben? Wie sprach das fleischgewordene Wort zu den Menschen, die mit ihm gingen, die er gerufen hatte?

„Wenn Ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, so konntet Ihr Berge versetzen!“

Das sollte heißen: dann würden sie eine gewaltige Kraft haben, eine gewaltige Kraft würde von ihnen ausgehen!

Wer kann von sich sagen, er habe Glauben In sich! Er kann es nicht sagen, daß er je die Stunde des Glaubens erlebt hat, geschweige denn die Stunde der Wahrheit; denn wenn er Glauben hätte, würde er wirklich sein und er müßte strahlen gleich einer Sonne, erwärmen und erleuchten alles, das um ihn ist.

Aber wir brauchen unsere Ansprüche gar nicht so hoch zu stellen. Bleiben wir bei der ersten Stunde, der Stunde der Kraft. Wo ist Kraft? Wenn wir absehen von den Muskelkräften, den Kräften des Körpers, die sich nur in roher Betätigung äußern, in Faustkampf etwa, welche Art von Kraft ja wohl vertreten ist darum, weil der Mensch dazu nichts zu tun braucht, weil er sich, abgesehen von der körperlichen Übung eben dieser Kraft, nicht wirklich um sie zu „bemühen“ braucht, so finden wir auf Erden kaum, was in Wahrheit Kraft zu nennen gestattet wäre, Kraft im Sinne der Schöpfung.

Und wo ist Schöpfung, wirklich Schöpferisches? Wer kann von sich sagen, daß er wirklich schöpfe und geschöpft habe aus dem ewigen Brunnen? Wohl kaum einer; denn Schöpfung ist nicht ohne Geist, Geist nicht ohne Glauben zu denken.

So ist es in Wahrheit: es erleben die Menschen die Stunden, die ihnen Gnade schenkt auf Erden, nicht! Wie viele haben auch nur die erste erlebt, die ja gar nicht wirklich erlebt werden kann, ohne daß die neunte schon erlebt ist!

Leicht läßt es sich sehen: der eine steckt sein Leben lang in der zweiten, der andere in der dritten. In der vierten Stunde die meisten, kaum einer hat die Fähigkeit, die fünfte zu fassen!

Auf den unteren Sprossen der Leiter, die ihn hinaufführen soll auf die Höhe des Lebens, bleiben die Menschen stehen und nicht wenige, die schon höher standen, sind herabgestiegen, statt nach oben zu gehen.

Ein jeder braucht nur in sich selbst zu sehen, um zu wissen, wo er steht, was ihn beherrscht - und ein jeder braucht nur die Augen aufzutun, mit offenen Sinnen in seine Umgebung zu sehen, um zu wissen, wie es mit der ganzen Menschheit steht; mit jedem Einzelnen, wie auch mit allen Völkern!

Die meisten sind stehen geblieben, während vieler Leben schon, die ihnen die Gnade göttlichen Gesetzes gewährte. Wohl stellte auch an sie das Leben im Stoffe in einem geringen Grade die Anforderungen, die an höhere Entwickelungsstufen gestellt werden; wäre dies nicht, so wüßten sie nichts, aber auch gar nichts von dem, was noch über ihnen lebt, von den höheren Stufen des Seins. Wohl wirkte auch bei ihnen der Strom des lebendigen Lebens, der durch die Kette geht, aber darinnen standen sie nicht! Sie standen nicht in der Stunde des Geistes, deren Erleben ihnen öffnen sollte den Blick, das Empfinden für geistiges Sein, sondern daneben! Oder standen sie etwa in der Stunde der Liebe, da ihnen aufgehen sollte der Liebe Wesen und ihre Reinheit, welches Erleben vorbereitet ist in der vierten Stunde durch die Sprache des Blutes?

Es führen die ersten Stunden den Menschen in das Leben der Erde hinein, die letzten aber sollen ihn wieder heraus führen. Es ist nun leicht zu beobachten, daß der Mensch wohl in das Leben sehr leicht hinein findet, sehr schlecht aber wieder heraus. Er hängt am Leben und an der Erde, so zwar, daß für ihn kein Weg wieder herausführt Selbst in den Fällen, in denen er das Leben wegwirft, ist es Hang an der Erde, der ihn dazu bringt.

Er hat seine Zeit nicht dazu benützt, sich den ,Weg aus dem Leben wieder zu suchen, er hat die letzten Stunden nicht erlebt - kaum die ersten - ob er irdisch, äußerlich, noch so viele dieser Stunden auf Erden weilt. Er hat ihre Sprache nicht verstanden, ja, in vielen Fällen ist er derartig unempfindlich, derartig umpanzert von Stofflichem, daß er nicht nur nicht weiß, welchen Sinn dies oder jenes Vorkommnis, das an ihn herantritt, haben soll, warum es gerade ihm und in eben dieser Zeit so geschehen muß, wie es geschieht, sondern daß ihn die Auswirkungen der Strömungen kaum oder gar nicht berühren, weil er sich nicht bewegt, sondern nur treiben läßt.

Es nützt ihm nichts, wenn er noch so viele „Stunden“ in seine Alterszahl geschrieben erhält - er bleibt in den ersten Stunden stecken. Es nützt ihm nichts, wenn er noch so viele Leben auf Erden durchläuft und in jedem hoch an Jahren erst die Erde wieder verläßt, wenn er sich nicht bemüht, die Leiter zu ersteigen, sondern auf den untersten Stufen stehen bleibt. Was nützten ihm zuletzt 18×5 der Jahre, wenn er sich nicht bereitet hat, die reine Wahrheit in sich zu erleben, die göttliche Weisheit zu erschauen?

Es ist die achtzehnte Stunde die Stunde der göttlichen Weisheit. Sie ist das höchste Erleben, dessen der Mensch auf Erden fähig ist! Wer diese Stunde wirklich und wahrhaftig zu erleben fähig wäre, würde keiner Wiederholung bedürfen, für ihn wäre kein Erdenleben mehr nötig - er würde weiter arbeiten und reifen können in anderen Sphären, die dem Lichte näher sind. Was aber ein Mensch an Jahren über diese Zahl zugelegt bekommt, ist eine Zeit, um auf Erden zu wirken im Geiste der Weisheit - oder, und dies wird fast immer zutreffen, es ist eine Gnadenfrist.

Eine Zeit zu wirken, war es den Erzvätern, von denen uns berichtet wird in der Bibel, von denen gesagt wird, daß Abraham z. B. 175 irdische Jahre alt ward. Auch er konnte nicht mehr erleben im Geiste als die achtzehnte Stunde. Mehr als aufnehmen die göttliche Weisheit mit reinem Willen und Wirken im lebendigen Gesetz kann kein Menschengeist; mehr als die neun Stunden erleben in ihrer Reinheit, die neun Begriffe erfassen, nicht theoretisch mit dem Verstande nur, sondern wirklich in der Empfindung, ist keinem möglich.

Niemals aber wird er dies Erleben, diese Entwickelung in einem Leben erreichen, sondern viele wird er durchlaufen müssen in ernstem Bemühen, ehe er die achtzehnte Stunde wirklich erlebt, und nicht nur als leere Zahl grobstofflicher Jahre. Der sie aber erlebte In Wahrheit, dem wäre, würde er wiederkommen, schon die erste Stunde des Erdenlebens Weisheit und Kraft zugleich, wie dies von der menschgewordenen göttlichen Liebe angenommen werden muß, und wie es auch von Johannes, ihrem Vorläufer, gesagt wird mit Recht; denn er war ein Geist, der die göttliche Weisheit erlebt hatte, das Wissen um sie lebendig in sich trug!

Das Leben der Urmenschen, das heißt das der Erstinkarnierungen auf Erden, war indessen ein noch viel längeres, als das der auch nicht gerade kurzlebigen Erzväter Dies war nötig und ist auch ganz erklärlich: sie erlebten langsamer und blieben sehr lange auf einem gleichen Stand der Entwickelung stehen. Es ist klar, daß auch hier aller Anfang schwer gewesen sein muß.

Sie blieben dafür auch sehr lange im Zustande der reinen Kindheit, nahmen mehr durch die Empfindung auf, als der heutige Mensch, der durch den Verstand lebt, und verbrauchten sich drum auch weit weniger, waren weit weniger der Ermüdung unterworfen, als dies nun der Fall ist. Sie verschlossen sich der Kraft, die ihnen wie heute zuströmte aus dem All, nicht, oder doch weit weniger und die Lebenskraft war infolgedessen weit größer. Sie erlebten die „Kraft“ sehr lange und mit der Kraft auch des Glaubens einen Teil, nahmen alles ganz naiv und kindlich und erlebten den Glauben in sich ohne das rechte Bewußtsein.

Später aber erlebten sie auch den „Geist“ im dienenden Willen ebenso selbstverständlich. - Denn „Geist“, dessen Ausdruck Empfindung ist, mußten sie erleben, sonst konnte die Stunde der Gestaltungskraft des Kreuzes nicht hinübergehen in die Lichtstunde, mit der sie auch das Bewußtsein des freien Willens erhielten. Sonst konnten sie auch das Wissen um die Kräfte und die Gesetze in sich selbst nicht erleben, das Aufnehmen aus der Natur, das Begreifen, Schauen und Erfassen der Wesenhaften, die sie bald als Götter, wissend um ihr Wirken und um die Vorbilder, die von ihnen ausgingen, verehrten.

In diese Zeit, da die vierte Stunde, das reine Naturleben gepaart war mit dem Erleben der „Macht“ des Machtstrebens, des Wissens eigentlich, gehört auch noch die uns bekannte griechische Sagenzeit der „Heroen“ da um eines Weibes willen was sehr bezeichnend ist, mehr als ein Jahrzehnt gekämpft wurde, um Troja. Doch war diese Zeit schon eine Zeit des Verfalls, da längst wieder der Rückschritt eingesetzt hatte.

Die Stunde der Liebe, in welcher alle anderen Schwingungen, vor allem Glaube und seine Kraft, gleich stark erlebt werden sollten, hat die Menschheit als Ganzes gar nicht erlebt. Als Christus Jesus kam, die göttliche Liebe, die Mensch ward, begriff sie ihn nicht. Sie kannten die tatsächliche Liebe nicht, wußten nichts von ihr, sondern waren fast ganz gefangen in dem Licht, das sie sich selbst großgezogen im kleinen Licht des Verstandes, in dem ihr Wille völlig aufging.

Die Liebe kannten sie nicht, nicht Menschentum, nicht Gerechtigkeit, sondern in der Masse nur Verstand und Trieb, wenige ausgenommen.

Die Stunde der Liebe, das Schicksalszentrum jedes Menschen, hat die Menschheit nur erlebt als Eigenliebe, die Stunde der Macht als Eigenwissen und die Stunde des Willens als Eigenwillen{ Geist aber und Glaube kennt sie überhaupt nicht. Was sie' für „Geist“ erklärt, ist Verstand und wenn sie Glauben hat, ist es Glaube an sich selbst und Aberglaube.

Und es steht geschrieben: „Wenn aber der kommen wird, der Geist, der aus der Wahrheit ist, der wird Euch in alle Wahrheit führen.“ Dies sprach der, welcher gewesen ist aus des Ewigen ewiger Liebe. Der, von dem er aber sprach, das ist der, welcher ist aus dem Willen des Herrn, der ewige Wille des Ewigen selbst, das ewige Gesetz, das die Wahrheit ist!

Licht und Wille schwingen in Einem. Die Menschheit verbog das Licht, verzerrte es in den Schimmer des Verstandes, eng, klein, dunkel und erdgebunden, und Wille ward damit Eigenwille, Eigensinn. Als solchen erlebt der Mensch die Stunde des Willens.

In dieser Stunde solchen Schimmerns und solchen verbogenen Willens hängt die Menschheit seit undenklichen Zeiten. Nun aber ist nach dem Gesetz die Stunde des reinen Willens gekommen und ein Wille ist über ihr, dem sie nicht mehr entrinnt.

de/stimme/heft_5/die_stunden_des_menschenlebens.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/16 23:33 von Marek Ištvánek