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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_5:die_krone

Die Krone.

von Susanne Schwartzkopff

Als der Mensch seine grobstoffliche Form, die ihm der Schöpfer zur Behausung übergeben hatte, mit seinem Geistes-Ich in Besitz genommen und veredelt hatte, als er sich aufrichtete, um nach dem Licht emporzuschauen, das die Fackel auf seinem Wege durch die Schöpfung sein sollte, begann er sich nach neuen Taten umzusehen. Glühend brannte in ihm der Wunsch, die Welt zu erforschen, kennen zu lernen, sich zu eigen zu machen.

So machte er sich auf, durchwanderte die Erde und sah, daß sie voller Wunder und Schönheiten war. Auf den Bergen lag das Morgenlicht traumhafter Verheißungen, der funkelnde Sternenhimmel hob sein Sehnen nach reinem Leben zu Gott hinauf. Tage und Nächte wechselten in buntem, glückvollen Spiele miteinander ab und luden ihn zur Tat oder zu sinnender Betrachtung ein.

Nach langer Wanderschaft erblickte der Mensch eines Tages beim Erwachen ein weites, knospendes Land vor sich. Verhalten lag eine Hoffnung über dem zarten Grün, kaum ertönten einige fragende Vogelstimmen im Gebüsch. Quellen sprudelten aus moosigen Felsen und begannen sich durch das flache Land zu schlängeln.

Weit, weit in die Ferne konnte der Mensch mit geöffneten Augen schauen, er sah, wie die Bäche sich zu Flüssen vereinigten, wie die Flüsse sich ihren Weg zum Meere suchten, in das sie jauchzend hinein flossen. Und aus dem Meere sah er die feinen Wassernebel wieder in die Höhe steigen, die, von führenden Luftgeistern getragen, trocknen Ländern das Lebensnaß zurückbrachten. Er sah all die Knospen an Strauch und Baum, die dem Aufspringen entgegendrängten, mit geöffnetem Ohr hörte er die leisen Töne junger Wesen, die zum ersten Male die Augen aufschlugen und sich erstaunt umblickten, und das Herz ging ihm auf vor Freude.

Ihm selber war ja auch so morgendlich zumute, er fühlte selbst die Sehnsucht in sich, ins Weite zu eilen wie die Wasser, wie sie in die Höhe zu steigen und befruchtend niederzufallen auf dürstendes Land. Und in seinem Blute spürte er das Drängen der Knospen und die Stimmen der Tiere.

Aber eins war noch außerdem da, das er in seiner Umgebung nicht sah, das er als sein Lebendigstes in sich wahrnahm mit einer Deutlichkeit, die ihn fast erschreckte:

eine kleine Flamme war in ihm, die ihm keine Ruhe ließ, die brennen wollte, die leuchten mußte, die ihn führen würde, wie er auf einmal wußte.

Schon wollte er mit einem Sprunge davoneilen, um das Brennen in der eigenen Brust zu dämpfen durch die Schnelligkeit seiner Bewegungen, als er sich angehalten fühlte. Eine Hand legte sich auf seinen Arm, und als er sich wandte, stand eine Lichtgestalt vor ihm, die ihm tief ins Auge sah. Ihr Blick entfachte das Feuer in seinem Herzen noch stärker, aber doch kam es wie Ruhe und Klarheit erlösend über ihn.

Eine klingende Stimme sprach zu ihm:

„Siehe, Mensch, das Land, das auf Dich wartet! Es soll Dein eigen sein! Du sollst es hüten und pflegen, unter Deiner Hand soll es zu voller Schönheit erblühen. Und wenn es ein Garten der reinen Schönheit geworden ist, dann wirst Du der König dieses Erdenparadieses sein dürfen. Die Krone wartet Dein, ich bringe sie Dir an dem Tage, an dem Du ihrer würdig geworden bist!“

„Dies soll mein sein?“ Ein Jubelruf brach sich Bahn aus der beglückten Seele. „Dies weite, herrliche Land mein mit allem, was darinnen ist?“

„Mit allem, was darinnen ist!“ wiederholte die Stimme bedeutungsvoll.

„Und ich ein König?“

Der Mensch breitete seine Arme aus, als wollte er fliegen und im Fluge alles ergreifen, was da auf ihn wartete.

„Vergiß niemals, daß es Dir anvertraut ist!“ war das letzte mahnende Wort, das an sein Ohr klang.

Aber er nahm es kaum in sich auf, das Neue griff mit tausend lockenden Armen schon nach ihm. Da lag es vor ihm! Unendlich dünkte ihm sein Zukunftsreich, bereit schien es, in seine jubelnde Freude miteinzustimmen. Er warf den Kopf in den Nacken blendend schossen helle Strahlen, die ihn mit ungestümer Kraft erfüllten, auf ihn nieder, und schon stürmte er davon, um das Glück auszukosten, das eben in ihm erweckt worden war.

Dann hielt er inne im Lauf. Liebkosend strich seine Hand über ein Knospenbüschel, dessen Drängen er tief in seinem Blute fühlte, und es brach auf! Brach auf mit einem kaum hörbaren Laut der Freude!

Heißer entbrannte die Liebe in seinem Herzen, aber er konnte nicht jede Knospe berühren, nicht jeden Baum mit seinem Blicke umfassen. So reckte er sich auf, hob die offenen Hände wie Schalen nach oben und betete:

„Ihr Unsichtbaren, Mächtigen, die Ihr mich hierher gesandt habt, gebt mir von Eurer Kraft, was ich in diesen Händen halten kann, damit ich es der Erde, meiner Erde weitergebe!“

Jauchzend griffen seine Hände hinein in das flutende Strahlenmeer, das die Liebe des Höchsten täglich seiner Schöpfung schenkt, hoch nach oben streckten sich seine Arme, dann breitete er sie segnend aus über das Land vor seinen Augen.

Ein Lächeln sonnigen Glücks lag auf seinen Lippen, als er so weiterschritt über die erwachende Erde. Überall, wo er hinkam, sprangen die Blüten auf, rieselten die Quellen stärker, aus den Sträuchern und Gebüschen erklangen schmetternde Vogelrufe. Er war nicht länger allein. Tiere aller Art umspielten ihn, begleiteten ihn, wollten in seiner Nähe bleiben.

Aus dem All nahm sein Ohr ferne Klänge auf, und eine leise Melodie vor sich hin singend, ging er mit schwingenden Schritten immer weiter. In seinem Liede kehrten die Töne des Alls wieder, verbanden sich neu, flogen auseinander, um sich wieder zu suchen und zu finden. Vogelflüge schwangen sich in sein Lied hinein, Bienen trugen es summend von Kelch zu Kelch, und die Tiere des Waldes blieben stehen und horchten.

Jetzt bemerkte der Mensch, wie aus den Blüten Früchte reiften, wie die überreifen sich öffneten und den Samen herabfallen ließen und ihn der Erde anvertrauten, er sah das junge Leben heranwachsen aus dem Mutterschoß der Erde.

„Mein, mein, mein eigen!“ das waren die Worte zu der Melodie, die er vor sich hin sang.

Immer wieder umschloß sein Blick mit Liebe das Land bis zu den fernsten Höhen, das Meer rauschte ihm seine ewige Weise ins Ohr, die großen Wesenhaften türmten Berge und Felsen, sie bahnten den Wassern ihren Weg. Und der Mensch schenkte allem, was er sah, allem, was er erlebte, von der Kraft seiner Flamme.

Zum Danke bot ihm die Erde von ihren Früchten, und er stillte seinen Durst und seinen Hunger mit ihren Gaben.

Freudiger schmückte sie sich, seit das Licht des Menschen auf sie schien, reichere Ernte trug sie, ihre Früchte wurden sättigender und duftiger. Die Liebeskraft des Menschen erkaltete nicht, er trug ja die Flamme in sich, die ihn durchglühte!

Und immer wieder sah er die lichte Gestalt in seiner Nähe, die ihm ermunternd zuwinkte. Oft fühlte er ihre führende Hand über sich. Dann schickte er ein Dankeswort zu ihr hin.

Er schaute um sich - wo konnte er helfen? Wo gab es ein Wachstum, das seines Lichtes bedurfte? Wie in die Weite. drang sein Blick allmählich auch in die Tiefe, und er begann die Gesetze des Lebens in seinen Mitgeschöpfen zu erkennen. Es offenbarte sich ihm das heilige Gesetz des Kreislaufs, er erlebte die Verknüpfung aller Dinge und aller Geschehen.

Im Tode lag die neue Geburt vor ihm, in der Knospe schon der Same zur jungen Pflanze. Geführt von dem Lichte seines Innern und der Hand seines Führers, dienten ihm die Wesenhaften, halfen ihm die Tiere. Gemeinsam mit allen Geschöpfen Gottes öffnete er in anbetendem Danke seine Seele dem einflutenden Lichte. Wie die reinen Blütenkelche sich entfalteten zu ihrer höchsten Schönheit, wenn die Strahlengewalt sie traf, so wuchs der Mensch froh, stark und schön heran, hinein in sein gottgewolltes Menschentum.

Eines Nachts trat sein Führer an sein Lager und sprach zu ihm:

„Siehe, was ich Dir jetzt zeigen darf: die Lichtkette, die von der Erde bis zum Himmel reicht!“

Und der Mensch sah Lichtstrahlen aus einer Höhe, in der sein Blick sich verlor, herabrieseln durch viele, viele Hände. Eine Hand reichte sie der anderen weiter, bis sie in die Hand des Führers glitten und von ihm in seine, des Menschen Hand hinein. Und in jeder Hand war schwingende Liebe.

„Siehst Du die lange, lange Kette? Siehst Du, wie jeder hilft, sie ganz rein und schwingend weiterzugeben?“ fragte der Führer. „Auch Du gibst weiter und mußt weitergeben, darfst die Kraft nicht behalten, allen ist sie nur geliehen!“

„Woher kommt das Licht?“ fragte der Mensch begierig. „Wo ist der Quell, aus dem es strömt?“

„Wenn Du König sein wirst, dann werde ich es Dir sagen“, antwortete der Führer freundlich.

„Bin ich denn nicht schon ein König? Herrsche ich nicht über die Erde und ihre Geschöpfe? Dienen sie mir nicht als ihrem Herrn? Ich trage die Flamme in mir, der sie gehorchen müssen!“

Stolz klang die Frage aus dem Mund des Menschen, fast ein wenig herausfordernd.

„Du herrschst mit der Lichtkraft, die Dir geliehen ist. Ohne sie bist Du ohnmächtig und vermöchtest nichts!“

Streng war die Stimme des Führers, als er dieses sagte, dann fuhr er fort:

„Einen weiten Weg bist Du nun schon gewandert, aber ein ebenso weiter liegt noch vor Dir. Noch gibt es große Gebiete, die Deine Strahlen nicht erhellt und befruchtet haben. Denke daran, daß wir sie Dir von oben reichen, damit sie arbeiten auf der Erde, die zum Gottesgarten werden soll! Denke an die Krone, die goldene Königskrone, die auf Dich wartet!“

„Immer noch wandern?“ war die etwas mißmutige Antwort des Menschen. „Darf ich mich denn nie ausruhen, nie verweilen?“

„Im Schaffen liegt die Erfrischung, in der unermüdlichen Bewegung bleiben Deine Kräfte lebendig. Ein Verweilen würde Dich einschläfern, hüte Dich davor! Deine Flamme will ständig genährt sein. Nimm, was ich Dir reiche und ermatte nie!“

Der Mensch fuhr aus seinem Schlafe auf, ihm war, als habe ihn jemand gepackt und gerüttelt, aber es mußte wohl ein Traum gewesen sein, denn er war allein. Dann fiel ihm sein Traum ein. Er rieb sich die Augen - wo war die Lichtkette? Wie schön war sie gewesen! Die lebendige Bewegung all der vielen Hände, das Reichen und Geben, das Aufleuchten in jeder Hand, das Hinabfluten zur Erde.

Der Mensch sah um sich. Eben ging die .Sonne auf, und aus dem ersten Dämmerlicht blühten die Farben des Tages wieder auf, die Stimmen der Natur erwachten.

„Erde, wie bist Du so schön!“ jauchzte der Mensch. „Ich liebe Dich, Du mein Reich, und ich will mir Deine Krone verdienen. Auf, ihr trägen Glieder, weiter geht es heute, die Strahlen des Lichts, die ich in mir trage, sollen die Erde anspornen, daß sie noch schöner, noch reicher sich entfalte, wie mein Führer es mich geheißen hat“.

Er ging mit weit ausholenden Schritten davon, warf die Strahlen in großen Kreisen über alles Wachstum auf seinem Wege und freute sich über das dankbare Aufglänzen der Farben.

Da kam er nach langer Wanderung in ein liebliches Tal, das dicht bestanden war mit reich beladenen Fruchtbäumen. Sie schienen den Hungrigen zum Mahle einzuladen. Jetzt merkte er erst, wie groß sein Hunger war. Vor einem mit Früchten überschütteten Baume blieb er einen Augenblick stehen und freute sich seiner Fülle. Da hörte er eine Stimme neben sich:

„Warum verweilst Du hier nicht? Ladet Dich nicht alles zum Genusse ein? Bleibe doch ein wenig! Erfreue Dich an dem, was Dir die Erde bietet, sie trägt es nur für Dich, ihren Herrn!“

Verwundert blickte er um sich, er sah einen dunklen Schatten, dessen Umrisse er nur undeutlich erkennen konnte. Zweifelnd zögerte er.

„Nimm und iß!“ flüsterte da die lockende Stimme weiter, „Du hast die Ruhe verdient! Genug hast Du geschaffen, ruhe Dich aus von Deiner Arbeit. In der Ruhe sammelst Du doppelte Kräfte in Dir auf!“

„Mein Führer sprach anders zu mir“, sagte der Mensch, noch immer zögernd und zweifelnd.

„Dein Führer meinte es gewiß gut mit Dir, aber er war doch ein wenig zu streng, meinst Du nicht auch? Was ist dabei, wenn Du nach fleißiger Arbeit Dich an der Schönheit Deines Königreiches erfreust?“

„Noch gehört es mir nicht, erst muß ich es mir verdienen!“ rief lebhaft der Mensch. „Ich trage noch keine Krone!“

„Die Krone macht den König nicht!“ klang es an sein Ohr. „Du siehst doch, wie alles Dir dient, Dir gehorcht, wie Du tun kannst, was Dir beliebt! Dein, Führer wollte Dich nur prüfen, er wollte sehen, ob Du auch ohne ihn herrschen kannst, deshalb gab er Dir die Krone noch nicht. Wenn er sieht, daß Du herrschen kannst ohne seine Hilfe, dann weiß er Dich stark genug, dann wird er von selbst kommen und Dir die Krone bringen!“

„Glaubst Du das wirklich?“ fragte der Mensch zurück. Er sah noch einmal genauer hin. Jetzt erkannte er eine Gestalt, die ihm Ähnlichkeit mit seinem Führer zu haben schien. Schön war auch dieser, und trug nicht auch er ein Lichtbündel in der Hand? Freilich - das Licht sah anders aus, so trüb, flackernd, oder täuschte er sich?

Da rollte eine süße Frucht vom schwerbeladenen Aste herab und fiel ihm vor die Füße.

„Siehst Du, der Baum lädt Dich zum Genusse ein“, lockte die Stimme des Verführers. „Nimm und labe Dich und freue Dich Deiner Herrschaft! Später schaffst Du wieder weiter!“

„Ach ja, später!“ tröstete sich der Mensch.

Er streckte sich bequem in das weiche Gras, aß von den duftenden Früchten und trank aus der murmelnden Quelle, die so recht für ihn zu sprudeln schien.

„Warum soll ich eigentlich ohne Ruhe immer weiter wandern?“ überlegte er. „Es nimmt ja kein Ende! Gibt es überhaupt eine Krone, die auf mich wartet, oder will mich mein Führer nur damit locken? Ich bin doch schon ein König, damit hat der andere recht, was brauche ich noch eine' Krone! Ich herrsche, wie es mir beliebt, und jetzt beliebt es mir, hier zu bleiben und alle Schönheit zu genießen.“

Warm spielten die Lüfte um seine erhitzten Wangen, die Tiere kamen zutraulich in seine Nähe, Speise und Trank gab es hier in Hülle und Fülle. Was wollte er mehr?

„Hier wäre es gut zu bleiben, für immer zu bleiben“, dachte er. „Ich begehre nicht mehr, als ein kleines Reich, das ich überschauen kann, dessen Grenzen vor meinen Augen stehen. Das Grenzenlose erschreckt mich.“

Unter seinen Träumen verging die Zeit. Die Sonne ging unter und wieder auf, die Früchte reiften und fielen herab, die Bäume blühten von neuem - der Mensch weilte noch immer in dem kleinen Tale. Das ferne Meer und die hohen Berge konnte er von dem Tal aus nicht mehr sehen, die nahen Hügel versperrten ihm die Sicht. Aber er wollte es auch gar nicht anders.

Und dann vergaß er, daß es Leben jenseits seines Tales gab, daß noch ein Weg vor ihm lag, ein weiter Weg. Er wollte gar nicht mehr daran denken, deshalb häufte er hohe Erdhügel am Eingang wie am Ausgang des Tales auf. Nun war er eingeschlossen, und das gefiel ihm.

Manchmal tröstete er sich:

„Später, später, wenn ich mich ganz ausgeruht habe, kann ich immer noch wieder aufbrechen und den Weg fortsetzen, wie mein Führer forderte. Aber er kommt ja überhaupt nicht mehr zu mir! Ich warte, bis er sich wieder zeigt.“

Statt des Führers kam der Dunkle öfter und ermunterte den Menschen fortzufahren. Er wies ihn auf die Schönheit seines jetzigen Lebens hin, die Behaglichkeit und Ruhe:

„Du brauchst Dich nicht mehr anzustrengen, kannst ruhen und träumen, genießen ganz wie Du willst. Gefällt Dir das nicht besser als Dein früheres Leben? Siehst Du, daß ich es besser mit Dir meine als der andere?“

Der Mensch stimmte ihm zu, aber er bemerkte noch nicht, daß seine Glieder erschlafften, weil er sie nicht übte, und daß seine Flamme klein geworden war und hin und her flackerte im Erlöschen.

Eines Tages sah er zu seinem höchsten Schrecken, daß nur noch wenige Früchte an den Bäumen hingen. Wenn er sie alle aufgegessen hatte - was dann? Sollte er sich aufmachen und weiterziehen? Aber er war zu bequem geworden, der Gedanke an eine lange, anstrengende Wanderung ängstigte ihn schon.

„Sammle alle Samenkörner und lege sie in die Erde, pflege sie, und bald wirst Du neue reiche Ernte halten!“ flüsterte ihm der Dunkle zu.

Das war der erlösende Ausweg. Sein kleines Tal war ihm doch zu lieb geworden, ihm grauste vor der grenzenlosen Weite.

„Mein Reich soll nur so groß sein, daß ich es ganz überschauen kann, dann ist mir wohl zumute“, sagte er wieder und wieder zu sich selbst. Seltsam aber war es, daß seine Augen immer kurzsichtiger wurden, die Ausgänge des Tales verschwammen ihm schon zu unklaren Bildern.

Mit vieler Mühe lockerte er den Boden, legte den gesammelten Samen hinein, tränkte die kleinen Schößlinge beschattete sie vor zu greller Sonne und bog die Schattenzweige auseinander, wenn es zu kalt wurde. Die Tiere mußten ihm helfen, denn noch hatte er einen kleinen Rest seiner Flamme in sich, der stärker war als der Wille der Tiere und dem sie sich beugen mußten.

Aber es ging viel langsamer als er gedacht mit dem Ernten. Die Bäume trugen nicht mehr Blüten und Früchte zugleich wie früher, die alten Bäume starben, und die jungen wuchsen nur langsam heran. Da lernte der Mensch zum ersten Male die Not kennen.

Er wollte die Tiere zwingen, mehr für ihn zu arbeiten, aber die meisten entliefen ihm und kamen nicht wieder, nur die schwächsten blieben gezwungen bei ihm und lernten ihn fürchten. Denn die Not machte ihn hart und grausam. Er fühlte den Schmerz seiner Mitgeschöpfe nicht mehr mit, wie er einst ihre Freude und Andacht mitempfunden hatte. Er wollte der Erde mit Gewalt mehr Früchte abzwingen - da wurden sie krank und faul.

Ganz verändert sah das liebliche Tal aus - nicht mehr fruchtbar, üppig, froh, sondern arm, düster, rauh. Gern wäre der Mensch jetzt ausgewandert, fort ins Weite, in eine neue Welt, aber nun wußte er den Weg nicht mehr und er hatte keine Kräfte mehr in sich, da sein Führer ihn lange verlassen hatte.

Vergessen war die Lichtkette, die Flamme in seinem Innern lag in den letzten Zügen, vergessen war der helfende Führer, vergessen war das Wissen, warum und wozu er lebte. Nur von der Krone träumte er noch zuweilen, von der strahlenden Krone seines Königreiches - aber sie war ihm nur ein Traum.

Noch heute wohnt der Mensch in seinem engen, kleinen Tal, dessen Eingänge verschüttet sind durch ihn selbst. Täglich ringt er mit der Erde um ihre kärglichen Früchte, er zwingt in Härte seine Mitgeschöpfe, bei ihm auszuharren in Not und Unfreiheit, und er kann nur gerade seinen Hunger stillen. Dazwischen liegt er im Grase und träumt und spielt mit dem Gedanken, daß er ein König ist. Er wirft seine Gedanken wie Bälle in die Höhe und fängt sie wieder auf. Alles hat er vergessen: sein großes Königreich, die Lichtkette, die er unterbrochen hat, seinen Führer - er erinnert sich nicht einmal mehr daran, daß er einstmals anders gelebt hat, daß er einmal glücklich war.

Und die Krone harrt noch immer des Königs, der sie tragen soll.

de/stimme/heft_5/die_krone.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/16 23:37 von Marek Ištvánek