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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_3:kinderfragen

Kinderfragen.

von Charlotte von Troeltsch

„Kinder sind lebendige Fragezeichen!“ hört man manchmal sagen, und der Ausspruch hat seine Berechtigung.

Wie manche Mutter fragt, wenn sie ihr Kindlein lächelnd und rosig im Bettchen liegen sieht: „Was will denn aus dem Kinde werden?“

Keiner der Eltern und Erzieher weiß, welche Fehler und Anlagen der kleine Mensch mitgebracht hat in dies Erdenleben, niemand vermag zu sagen, ob er zur Wonne oder zur Strafe der Seinen heranwachsen wird. Das aber sind Fragen, die ein sorgendes Mutterherz wohl bedrängen können.

Indessen, von diesen Fragen soll heute nicht die Rede sein. Nicht von den Gedanken, die als Rätsel in uns aufsteigen beim Anblick unserer Kinder, sondern den tausenderlei Fragen wollen wir uns zuwenden, die unaufhörlich dem Kindermund entsprudeln.

Wieviel weiß ein lebhaftes Kind zu fragen! Meist soll der Grund, die Ursache aller Erscheinungen erforscht werden. Das „Warum?“ nimmt kein Ende. „Warum ist es nachts dunkel?“ - „Warum blüht die Blume“ - „Warum ist Sonntag?“

Wohl dem Kinde, das eine Mutter hat, die aus dem reichen Schatz eines wahrhaft liebenden, verständnisvollen Herzens zu antworten weiß, die nicht belehrend und erdrückend Weisheit austeilt, mit der der Kindersinn noch nichts anfangen kann, sondern die zum Kinde hinabsteigt und mit ihm ,dieses Warum?“ sucht.

Ein Kind merkt sehr rasch, ob die Mutter, die Tante, oder irgend ein anderer Erwachsener, an den es sich vertrauensvoll mit seiner Frage wandte, nur antwortet, um den kleinen lästigen Frager los zu werden. Es empfindet, ob der Gefragte an seine eigene Antwort glaubt, oder ob er mit halbem Lächeln, vielleicht auch mit schlauem Blinzeln zu anderen hin, irgend etwas sagt. Bis ins Innerste getroffen, zieht sich das kindliche Vertrauen zurück, wo ihm solches begegnet. Geschieht es öfter, so wird das Kind „verschlossen“ und die Erzieher fragen sich dann bestürzt oder ungehalten, wie das geschehen konnte.

Freilich, es ist nicht immer leicht, auf Kinderfragen zu antworten. Und kaum ein Erwachsener will zugeben, daß er um eine Antwort verlegen ist. Da macht mancher es lieber wie die Vorsteherin einer ganz bekannten Schule, die auf unbequeme Fragen der Schülerinnen regelmäßig auffuhr: „Setze Dich, vorlautes Mädchen!“

Merkten die Kinder daran nicht, wie es um die Lehrerin stand? Wäre es nicht viel ehrlicher und darum auch klüger gewesen, sie hätte ruhig einmal zugegeben: „Das weiß ich nicht, ich will aber darüber nachdenken.“

Die Kinder werden älter. Schon mit dem Eintritt in die Schule ändern sich die Fragen ihrem Inhalte, ihrer Art nach. Während die Einen sich fast ausschließlich mit materiellen Dingen beschäftigen, wissen möchten, warum das Radio anders ist als der Fernsprecher wie eine Schiffsmaschine aussieht, was in der Orgel tönt, wenden Andere ihr Interesse der Natur zu. Die Erzieher sollen wissen, warum ein Käfer sechs Beine hat, warum die Ohren des Esels lang sind, ob es wirklich Elfen und Gnomen gibt.

Diese Fragen kann man nicht mit ein paar nichtssagenden Antworten abtun, höchstens kann die Mutter an den Vater verweisen, der „so Etwas“ besser versteht.

Aber, liebe Mutter, lerne mit Deinem Kinde! Höre zu, wenn der Vater erklärt, damit Du bei nächster Gelegenheit mitzudenken imstande bist. Und nun beginnt die junge Seele zu erwachen, reckt sich und streckt sich und schaut sich um in der Welt. „Woher komme ich?“- „Wohin gehe ich?“

„Mutter, ist Gott wirklich?“- „Was war, ehe Gott war?“ Kaum einer ist unter uns, der diese Frage nicht in irgend einer Form vernommen hat und sich mit ihr beschäftigen mußte.

Ja, beschäftigen mußte! Ihr Eltern, Ihr Erzieher, nehmt die Antwort auf solches Forschen des Kindes nicht leicht. Lasset Euch von ihm hineinführen in die Tiefen Eurer eigenen Seele, in der vielleicht noch ein Wissen um Gott, um höchste Dinge, lebt. Lasset den kleinen Funken in Euch anfachen zur lichten Flamme, die Euch erhellt und wärmt. Sie ganz allein wird Eurem Leben Inhalt verleihen der es lebenswert macht.

Aber hütet Euch, Euren Kindern Steine statt Brot zu geben! Die großen fragenden Augen der Jugend betteln um Wahrheit!

Wahrheit? Wo ist die zu finden? Wer weiß heute noch, wo wirklich Wahrheit ist? Wir haben so viele Bekenntnisse, Sekten, „Geisteswissenschaften“ jedes erhebt den Anspruch, das allein Richtige zu sein. Wer hat im drängenden Alltagsleben noch Zeit, nach Wahrheit zu forschen? Wer will entscheiden, was echt ist von allem, was man zu hören bekommt?

Schiebt mit diesen Worten nicht das Wichtigste für Euch selbst und Eure Kinder beiseite! Es ist so leicht, die Wahrheit zu erkennen, denn Wahrheit lebt! Sie pulsiert, schafft und erschafft und ist von Ewigkeit her immer ganz gleich geblieben, das Einzige in diesem wechselvollen Leben, das sich nie und nimmer gewandelt hat. Was heute so lautet und morgen anders, was man einmal so und ein anderes Mal in anderem Sinne deuten kann, das ist nimmermehr Wahrheit.

Eure Kinder haben ein Recht auf Wahrheit!

In dieser Zeit, wo Werte zu versinken drohen, an die Menschen sich seither klammerten, wo Anschauungen und Begriffe zu schwanken beginnen, In dieser Zelt können Eure Kinder fordern, daß Ihr ihnen den festen Stab in die Hand gebt, der sie sicher stützen wird bei ihrem Erdengange: die Wahrheit.

Suchet, ringet danach, daß Ihr selber sie findet, diese köstliche Perle. Lasset Euch nicht mit hohlen, leeren Worten abfinden. Je tiefer Ihr eintaucht in die Fragen Eurer Kinder, desto besser würde es für Euch selber sein.

Saget nicht: „Es gibt eben Dinge, auf die der Erdenmensch keine Antwort weiß. Vielleicht soll er sie nicht finden. Wahrheit tötet. Denket an das verschleierte Bild zu Sais.“

Wenn Wahrheit tötet, dann ist es nicht die echte Wahrheit, sondern nur ein Trugbild. Wahrheit belebt, erhebt und beseligt. Sie tötet nur das Falsche, wo es ihr entgegentritt, aber niemals den Geist, die Seele des Menschen.

Und es gibt keine einzige Frage, die dem Menschen nicht gelöst werden könnte, wenn er nur ernstlich will. Klar und offen liegen Gottes Wege, Gottes Gesetze in der Schöpfung vor uns. Aus dem Kleinsten wie aus dem Größten treten sie uns entgegen. „Wer suchet, der findet“ sagte der Gottessohn. Sein Heilandswort gilt heute noch.

Suchet, Ihr Eltern, Ihr Erzieher, mit ernstem Mühen, mit redlichen Herzen, auf daß Ihr zu geben habt, wenn Eure Kinder fragend die Hände ausstrecken! Und Ihr werdet empfinden, daß Geben selig ist!

de/stimme/heft_3/kinderfragen.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/13 23:41 von Marek Ištvánek