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de:stimme:heft_3:der_stufenweg_der_menschengeister

Etwas für kleine und große Kinder!

Der Stufenweg der Menschengeister.

von Susanne Schwartzkopff

Ein weltengroßer Berg erhob sich mitten im All. Von allen Seiten führten Stufen zu seinem Gipfel empor. Gekrönt war er von einem weithin leuchtenden Altar aus weißen Steinen, der eine offene Schale trug, aus der Lichtflammen unausgesetzt in die Höhen hinaufschlugen, die sich in ungemessenen Fernen darüber wölbten.

Den Altar umgaben lichte Engelsgestalten, die mit flammenden Schwertern seine Heiligkeit unangetastet erhielten. Nichts konnte sich nahen, das nicht von ihnen zugelassen wurde.

Weit reichte der Blick der Wächter in die Tiefe. Dort unten wimmelte es von kleinen Wesen, die gerade die erste Stufe zu ersteigen sich bemühten. Sie kamen alle aus der Ebene zu Füßen des Berges, die sich endlos nach allen Himmelsrichtungen ausbreitete.

Alle die kleinen Menschen - denn das waren die vielen Gestalten da unten - sahen den riesengroßen Berg vor sich. Was er auf seinem Gipfel trug, konnten sie aus ihrer Tiefe nicht erkennen, aber sie sahen einen hellen Schein dort oben leuchten, der sie mit aller Macht anzog.

Wieder und wieder richteten sie ihre Blicke nach oben und versuchten zu erforschen, welche Geheimnisse sich dort oben verbargen, aber die Entfernung war zu gewaltig.

Doch aus der Höhe stiegen, angezogen von den suchenden, forschenden, bittenden Blicken der Menschen, lichte Gestalten die Treppe hinab.

Es war ein sanftes, schnelles Schweben, das sie hinab trug, in einem Augenblick konnten diese leichten Wesen bis zur ersten Stufe hinabgelangen, und vor Erstaunen weiteten sich die Augen der Menschen, wenn sie die Fremdlinge plötzlich vor sich sahen. Die Lichten deuteten den Menschen nach oben und sagten freundlich zu ihnen:

„Dort hinauf führt Euer Weg!“

Es schwindelte den Menschen fast, aber sie sahen doch vertrauensvoll ins Auge der Lichten, nickten ihnen zu, griffen wohl auch nach ihrer Hand und begannen, den Stufenweg zu erklimmen.

Es war gar nicht so schwer, die erste Stufe zu erreichen. Aber sonderbar, als sie hier angelangt waren, sahen sie die nächste Stufe nicht mehr vor sich. Und doch hatten sie von weitem viele Stufen hinaufführen sehen und sich vorgenommen, sie alle zu ersteigen.

Auf einmal dehnten sich ungeheure Wälder rings um die ersten Menschen aus, die den Aufstieg begonnen hatten. Wie war das alles neu, fesselnd und zum näheren Besehen verlockend! Kein Ende nahmen die grünen Meere, und so verlor sich Strom auf Strom der einziehenden Menschen darin und vergaß bald, daß es viele Züge von Menschen gewesen, die hier eingedrungen waren. Jede Schar glaubte sich allein und fing an, ihre Umwelt zu erforschen und zu erobern.

Wald, Getier, üppiger Pflanzenwuchs, die vielen, vielen Stimmen, die überall flüsterten, riefen, schrien, warnten und lockten, ließen ihnen keine Ruhe.

Überall mußten die Waldmenschen hin, alles mußten sie sehen, betasten, schmecken, riechen, in die Hände nehmen. Sie ahmten die Rufe der Tiere nach, sie sangen mit dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln um die Wette, sie schliefen, selig wie die Kinder in der Mutter Arm, auf dem weichen Moos ein und träumten von neuen Sonnentagen.

Jeder Morgen war wie der erste, jeder Abend vereinte sie beim Austausch der Erlebnisse. Gemeinsam gingen sie auf die Jagd, die Männer kehrten mit der Beute zurück, die Frauen rüsteten das Mahl. Dann gab es einen, der erzählte von dem großen Berg, auf dem der lichte Schein sei, zu dem sie emporsteigen wollten und sehen, was für ein Wunder dort sich verberge.

„Aber jetzt ist es noch nicht so weit“, meinten dann einige. „Später wollen wir weiter wandern. Wir kennen noch nicht alle Wälder, wir haben. noch viel zu lernen.“

Bedächtig nickten die Zuhörer. Aus Busch und Gestrüpp, aus Gestein und Wurzeln lugten kleine Äuglein hervor, flinke Wesen huschten um die Menschen herum und lauschten ihren Erzählungen von dem großen Licht. Besonders den Frauen hörten sie aufmerksam zu, denn diese hatten die Erinnerung an das Licht auf dem Berge am besten in sich bewahrt und mußten es immer wieder schildern, wie es ausgesehen, wie hoch es sich über ihnen befände, wieviele Stufen zu ihm empor führten.

Lange lebten die Waldmenschen glücklich in ihren Wäldern. Sie kannten jeden Ton ihrer Heimat, sie konnten sich ernähren und bekleiden, wie sie es brauchten. Und wenn sie des großen Lichtes auf dem Berge gedachten, dann geschah es oft, daß eine lichte Gestalt mitten unter ihnen stand und ihnen mehr davon erzählte.

„Ich will Euch zu ihm hinaufführen, folget mir nur“, sprachen die Lichten immer, und wer sich entschloß, die Wälder zu verlassen, der konnte mit ihnen wandern.

Von diesen Wanderern hörten die Zurückgebliebenen nicht wieder, gerade das aber zog viele ihnen nach.

Und geführt von lichten Helfern durchquerten die Waldmenschen ihre Wälder, die sie für grenzenlos gehalten. Sie kamen an einen schmalen Pfad und mußten langsam anfangen zu steigen. Felsen und Wurzeln bildeten kleine Stufen und gaben dem Fuße Halt, aber zurücksehen durften sie nicht. Schließlich standen sie vor einer hohen Stufe, die sich so steil und unzugänglich vor ihnen erhob, daß manche davor zurückschreckten. Doch streckten sich kräftige Hände unerwartet den Zögernden entgegen und hoben sie sanft hinauf.

Hinter ihnen versanken die grünen Wäldermeere, vor ihnen breiteten sich herrliche weite Ebenen aus, durch die sich silberne Wasserbänder schlängelten, die alle einem breiten blauen Bande zustrebten, das sich in der Ferne mit dem Himmelsgewölbe vermählte. Wie weitete sich da die Brust, wie tief atmete der Mensch die köstliche freie Luft ein, wie jauchzten sie auf über das klare Licht nach der Dämmerung der wilden Wälder.

Unendlich viel Neues gab es hier wieder zu sehen:

Herden gehörnter Tiere, die in der Nähe der Wasserläufe grasten, Vögel, die über den Flüssen schwebten, niederstießen, um sich ein Fischlein zu holen aus der schimmernden Flut. Das Sausen des Windes sang ihnen neue Weisen zu, er strich so ganz anders über die weiten Flächen und durch Gras und Kraut als in dem Gewirr der Äste und Wipfel der Wälder.

Zutraulich nahten sich ihnen die Herden, unschuldsvoll blickte sie das Auge der Tiere an, als bäten sie den Menschen, ihnen Freund zu sein. Und freundlich legten die Menschen ihnen die Hand auf den Nacken, streichelten sie und die Tiere folgten ihnen.

Hier wollten die Menschen bleiben. Vergessen war die erste Heimat. Doch jetzt genügte es ihnen nicht mehr, sich auf einem Baumwipfel einen Schlupfplatz zum Ruhen und Schlafen zu suchen, eine Höhle zu finden oder sich auf der Erde auszustrecken, wenn der Schlaf sie überkam.

Sie schauten sich um: da sahen sie manche Tiere sich Behausungen bauen, sahen, wie die Vögel Schilf und Stroh zusammenflochten, die Ameisen sich kunstvoll ihre Bauten verfertigten und sie ahmten den Tieren nach. Das wilde Umherwandern und Jagen hörte auf, die Menschen blieben, wo es ihnen gefiel und behielten Tiere in ihrer Nähe, um nicht einsam zu sein. Die Tiere halfen ihnen mit ihren Kräften, arbeiteten mit den Menschen und diese sorgten dafür, daß die Tiere immer Nahrung hatten.

Regstes Leben entwickelte sich an den Flüssen, kleine Schiffe durften die Menschen bauen, ihre lichten Helfer zeigten ihnen, wie sie es machen mußten und die kleinen Wesen im Busch und Feld halfen ihnen dabei. Sie unterwiesen sie auch im Herstellen von Geräten und Werkzeugen und das Leben blühte auf in den kleinen Menschengemeinschaften.

Wieder war die Zeit gekommen, eine neue Stufe zu erklimmen. Andere Helfer zeigten sich den Menschen und erzählten ihnen Neues von dem hellen Licht auf dem Berge. Wieder sagten sie:

„Wir wollen Euch zu dem hellen Licht führen, folget uns!“

Aber sie fügten nun hinzu:

„Dort oben findet Ihr Euer Glück!“

„Kommt Ihr von dort?“ fragten die Menschen. Und die Antwort war:

„Das helle Licht hat uns zu Euch geschickt, wir sollen Euch helfen und Euch den Weg zeigen.“

Wieder machte sich ein langer Zug von Menschen auf und folgte den Führern. Diesmal ging es bis zu dem breiten blauen Band, in das alle Flüsse hineinflossen und die Menschen sahen das große Meer. Die Sonne glänzte auf seinen Wellen und die weißen Schaumkronen fluteten bis an den Strand. Unendlich groß, ohne Ende schien die blaue Lichtflut zu sein und ein Sehnen und ein Ahnen erhob sich in den Herzen der Menschen. Aber sie wußten noch nicht, was es war, wonach sie sich sehnten.

Schiffe mit weißen Segeln schaukelten auf dem Wasser und die Wanderer ließen sich von ihnen hinaustragen. Lange fuhren sie, bis ein fremdes, blühendes Gestade sie empfing und die Führer sagten:

„Sehet hier, Eure neue Heimat!“

Wieder versank hinter ihnen das Alte und eine neue Welt breitete sich vor den beglückten Menschen aus. Schöner, fruchtbarer und heller war die neue Heimat. Strahlender schien die Sonne, frischer bliesen die Winde und neue Aufgaben harrten der Wanderer.

„Das helle Licht auf dem Berge sieht Euch und freut sich an Euch“, sagten die Helfer.

„Wir müssen ihm danken!“ riefen die Menschen. „Es hat uns in dies schöne Land geführt, wo wir so glücklich sind.“

„Ja danket ihm mit Eurer Freude und danket mit der Tat“, sagten die Lichten. „Es hat Euch geschaffen, es gibt Euch Kraft und Freude zum Leben.“

„Was ist das helle Licht oben auf dem Berge?“ fragten nun die Menschen zum ersten Male.

„Es ist der Eine, Allmächtige, der alles schuf und wir sind seine Diener.“

Feierlich und heilig klang diese Kunde und sie drang tief in die Menschenherzen ein. Es zog sie auf die Knie, sie kamen sich winzig klein vor dem Einen, Unbegreiflichen und Erhabenen, der auf der Höhe des weltengroßen Berges wohnte.

„Weiß er denn von uns kleinen Menschen?“

Zaghaft klang diese Frage.

„Eure frohen Lieder klingen bis zu ihm hinauf und Euer Dank wird von uns hinaufgetragen und zu seinen Füßen niedergelegt.“

Wie freuten sich die Menschen, als sie dies vernahmen und sie beschlossen, es nie zu vergessen. Seiner wollten sie gedenken an jedem Tage, wollten ihn bitten um Kraft, ihm danken für ihr Leben.

Die neue Heimat, zu der die Schiffe sie getragen, war das Land der Gärten. Um die Heimstätten der Menschen begannen sie zu erblühen, reiche Frucht und Ernte lohnten den Fleiß und die Liebe der Menschen zu Boden, Pflanze und Getier. Garten schloß sich an Garten, einer schöner und blütenreicher als der andere, denn die Helfer hatten gesagt:

„Der Allmächtige hat seine Freude an Gärten. Droben im hellen Licht ist auch Garten an Garten in prangender Schönheit. Hier unten könnt Ihr schon damit beginnen Gärten zu pflegen.“

Und es erwuchs in den Herzen der Menschen der Wunsch, dem Höchsten ein Haus zu erbauen, das seine Stätte unter ihnen sei. Wieder halfen ihnen die Lichten bei dieser Aufgabe. Sie zeigten ihnen Bilder von der Höhe des Berges, auf dem ein wunderherrlicher Tempel sich erhob, und sagten:

„Sehet hier die Stätte Gottes Im Licht!“

Wer dies Bild sehen durfte mit Augen die ihm dafür geöffnet wurden der war selig und er konnte den anderen nicht genug erzählen von seiner Schönheit.

So gut es die Menschen vermochten, ahmten sie diese Lichtstätte des Allmächtigen nach und schmückten sie mit den schönsten Blüten, die ihre Gärten hervorbrachten und der kostbarsten Zier, die sie schaffen konnten.

Zwischen Arbeit und Gebet, Dank und Freude floß das Leben der Menschen aufblühend dahin und diese Stufe auf ihrem weiten Wege zur Höhe des großen Berges schien ihnen so schön, daß sie sich nicht davon trennen wollten. Leise mahnten und drängten die Lichten, die sie oft aufsuchten, des Zieles nicht zu vergessen. Noch sei der Weg weit und der Stufen viele.

„Verweilet nicht zu lange im schönen Lande!“ sagten sie, „noch Schöneres harret Euer.“

Einige machten sich auf und folgten den neuen Führern und sie hörten, wie diese ihnen versprachen:

„Wenn Ihr höher gestiegen seid, wird Euch ein helleres Licht scheinen, und wir können Euch mehr erzählen von dem Einen, der allmächtig ist und der Euch schuf aus Liebe.“

Da geschah das Unerwartete, daß manche zurückblieben und meinten:

„Wir haben genug an dem, was wir besitzen. Was brauchen wir den Einen, der so unerreichbar hoch über uns wohnt? Wir haben Euch und wollen Euch danken und zu Euch beten, die Ihr uns bis hierher geführt habt!“

Und sie fielen auf die Knie und beteten die lichten Helfer an. Erschrocken wehrten diese die Gebete der Menschen ab, aber es fruchtete nichts, keine Abwehr und kein Tadel. Die Menschen fingen an, bequem zu werden und neue Mühen zu scheuen.

„Wir bleiben für immer hier!“ riefen sie aus. „Wir wollen nicht höher hinauf. Es gefällt uns hier so gut, daß wir uns nichts Schöneres wünschen können. Der Eine, Unerreichbare kann es nicht verlangen, daß wir uns dauernd abmühen und plagen sollen für ihn. Kann er uns nicht entgegenkommen, so können wir auch ohne ihn sein.“

Sie merkten es nicht, die Unseligen, daß die Sonne in ihrem Lande erblaßte und daß es kälter ward um sie. Auch die Lichten zogen sich zurück und kamen nicht mehr zu den Trägen.

Bald gab es kaum noch einen unter ihnen, der von sich sagen konnte, er habe einmal einen Lichten gesehen, und dann spannen sich Sagen und Erdichtungen um die Zeiten, in denen die Lichten noch zu den Menschen kamen, um ihnen zu helfen.

„Wir sind vergessen worden“, klagten die Menschen. „Warum kommt niemand mehr zu uns? Unsere Gärten wollen keine Frucht mehr tragen!“

Kein Gedanke kam ihnen, daß es anders hätte sein können, wenn sie gewollt hätten. Da die Gärten weniger Ernte brachten, geschah es auch, daß einer dem anderen von seiner Nahrung wegnahm, was er erlangen konnte, um seinen Hunger zu stillen und bald waren die Stärksten auch die Reichsten und die Schwachen mußten umkommen.

Da machte sich noch der eine oder andere auf, um einen Weg in ein besseres Land zu suchen, von dem ein leises, unbestimmtes Erinnern noch in ihren Seelen haftete. Aber es war ein tausendfaches Ringen und Mühen, wo früher die Lichten sie sicher und schnell geführt hatten. Viele Irrwege mußten die Sucher gehen und sobald sie ein klein wenig höher gestiegen waren, strauchelten sie über ein Hindernis und fielen wieder herunter, oder Menschenhände rissen sie herab, damit sie es nicht besser hätten als die, die unten blieben.

Nur in wem noch unbezwingliche Sehnsucht nach dem hellen Lichte lebte, der riß sich los von allen Umklammerungen und, ob auch blutend aus tiefen Wunden, trieb es ihn höher und höher hinauf, bis er wieder zu einem Lichten fand, der ihm weiter half. -

Oben auf der Höhe des Berges konnte man alles überblicken, was unten geschah. Und Gott sandte Boten aus, um nach den Menschen zu sehen. Sie kamen herab bis zu den großen Wäldern, in denen immer noch Waldmenschen lebten. Aber jetzt waren die Wälder voller Schrecken. Die einst so vertrauten Stimmen aus Baum und Fels, aus Blüte und Stein waren ihnen fremd und unheimlich geworden. Die Menschen fürchteten sich und verkrochen sich vor ihnen.

Niemand wußte mehr von dem großen Berg mit dem hellen Licht und dem Stufenwege, der zu ihm emporführte. Scheu hielten sich die Menschen die Augen zu vor der Helle, die die Boten Gottes um sich verbreiteten und verstopften sich die Ohren vor ihren Worten. Einer war dem anderen Feind geworden und die Welt war voller Schrecken für alle.

Da stiegen die Boten eine Stufe weiter hinauf. Dort breiteten sich nicht mehr die saftigen Weiden und die welligen fruchtbaren Felder aus. Wüstensand hatte alles zugedeckt und von den zahlreichen Herden war nichts zu sehen, ebenso wie von den alten Heimstätten der Menschen. Öde und verlassen dehnten sich die Ebenen bis zum grauen Meere.

Und als die Boten in die einst so blühenden Gärten kamen, in denen Tempel des Lichtes sich erhoben hatten, sahen sie wohl viele Menschen und große Steinhaufen, in denen sie wohnten; aber die Gärten waren verschwunden, die Sonne schien matt und die Luft war eisig. Keine Freude leuchtete auf den Gesichtern der Menschen und sie vermochten die Boten Gottes nicht zu erkennen, denn ihr inneres Auge war erloschen.

Was war da zu tun? Weder Worte noch Bilder aus der Höhe konnten die Menschen aufnehmen, vergessen war das alte Wissen, eingeschlafen die Sehnsucht nach der Höhe.

„Es gibt nichts anderes als unser Land,“ sagten die einen.

„Laßt uns genießen, was wir haben,“ meinten andere. Da bebte der große Berg in seinen Tiefen und die Menschen erschraken. Eine Warnung war es aus der Höhe, aber bald war sie wieder vergessen.

Noch standen die Tempel da, aber es war nicht mehr hell in ihnen. Schwer drückte es von oben auf die Menschenseelen. Es war ihre versäumte Aufgabe, das verlassene Ziel, das sie bedrückte, ohne daß sie es wußten.

Und die Boten Gottes gingen von Stadt zu Stadt. Sie kündeten:

„Bleibt nicht stehen, wandert weiter! Steigt höher hinauf, es warten Eurer herrliche Schönheiten, die der Allmächtige für Euch geschaffen hat. Bis zur Höhe des Berges können wir Euch führen und Ihr könnet seinen lichten Tempel erblicken und in seinem Wundergarten leben In Ewigkeit. Ihr müßt Euch nur aufmachen und den Stufenweg weiter hinaufklimmen. Was ist Euer Land gegen die Schönheit der Lichtgärten?“

Aber sie fanden nur taube Ohren. Immer waren es nur wenige, die hören wollten. Die große Menge war nicht gesonnen, ihre Bequemlichkeit aufzugeben.

Da erbebte der Weltenberg aufs neue in seinen Grundfesten!

Über ihm zog sich ein schweres Wetter zusammen. Schon zuckten die Blitze herab und warfen ein grelles Licht auf alle Stufen, die auf seine Höhe führten. Aus seinen Seiten rieselten plötzlich Quellen hervor. Sie flossen in die Tiefe, vereinigten sich dort zu Strömen, stürzten als Wasserfälle mit schaumigen Massen tobend zu Tal, alles mit sich reißend, was ihnen im Wege stand.

Es wankte den Menschen der Boden unter den Füßen, wohin sie traten, und vor den Wassern gab es keine Rettung. Da sandten die, die noch von dem Licht auf der Höhe des Berges etwas wußten, ihre Hilfeschreie hinauf. Die anderen aber lachten und tanzten auf dem bebenden Grunde, bis der Tod sie traf in Gelächter und Leichtsinn.

Als Antwort auf die Hilferufe aber senkte sich aus der Höhe ein Seil herab, gesponnen aus reinstem Golde, unzerreißbar fest und bis zu den untersten Stufen des Berges reichend. Wer es sah, konnte sich an ihm festhalten, konnte an ihm emporklimmen und sich retten aus den Wasserfluten, die die untersten Teile des Berges überschwemmten.

Wohl stieg manchem auch dabei noch das Wasser bis an die Kehle, aber das Seil hielt fest. Ließ der Mensch nicht los, so war es seine Rettung. Es zog ihn in eine Höhe, wo er sicheren Grund für seine Füße fand. Unter ihm aber breitete sich die wilde Wasserwüste aus. Das Wetter brach los mit Ungestüm.

Lange dauerte es, bis der Sturm sich legte, lange, bis die Wasser sich wieder verliefen. Schlamm bedeckte den Grund, wo sie gewesen. Langsam fingen Gras und Kräuter wieder an zu wachsen. Von den Menschen aber, die hier einst gewohnt, war keine Spur mehr zu finden. - Ein neues Leben blühte auf, um neue Menschen zu erwarten.

de/stimme/heft_3/der_stufenweg_der_menschengeister.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/14 01:06 von Marek Ištvánek