Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt

Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Seitenleiste



de:stimme:heft_1:die_nachbarskinder

Etwas für kleine und große Kinder!

Die Nachbarskinder.

von Maria Halseband

Sie waren Nachbarskinder und gingen jeden Tag zusammen in den Kindergarten, der nur wenige Minuten von ihrem Heim entfernt lag. Obwohl Peter älter war als Lieschen, war das kleine Mädchen doch der Anführer bei all ihren Unternehmungen, denn Peter war ängstlich und das Lachen und Weinen steckten bei ihm in ein und derselben Tasche.

Peters Vater war darüber oft ungehalten und meinte, Peter würde nie ein richtiger Junge werden, wenn er so verheult bliebe, aber Lieschen war diese ängstliche Gemütsart des Freundes recht, denn sie konnte sie benutzen, um Peter gefügig zu machen für alle ihre Wünsche. Und Lieschen hatte viel Wünsche, und was schlimmer war, alles war ihr recht, um zum Ziele zu gelangen. Darum log das Lieschen, ohne sich nur einmal zu bedenken oder zu schämen.

Immer wußte sie eine neue Geschichte, um Peter ängstlich zu machen. Wenn dann die großen Leute sie zur Rede stellten, dann tat Lieschen sehr verwundert und sagte mit unschuldigem Gesichtchen, sie habe bestimmt dem Peter keine Angst gemacht.

Um drei Häuserecken ging der Weg zum Kindergarten. Trotzdem die Kinder nun schon jahrelang den gleichen Weg gingen und Peter ja sogar schon bald zur Schule kommen würde, der Weg blieb immer gleichmäßig geheimnisvoll unheimlich durch Lieschens Erzählungen.

„Hui!“ schrie sie jedesmal leise, wenn sie um die erste Ecke bogen, und zog den Freund zurück: „Der Fuchs!“

Der Fuchs war das große Pferd des Händlers und Lieschen hatte eigentlich genau so viel Angst vor dem Tier wie ihr Gefährte, aber sie zeigte dies nicht so offen. Gleich verzog sich Peters Gesicht und die Unterlippe schob sich bedenklich vor.

„Nicht hinschauen, wir laufen rasch vorbei!“ rief Lieschen und sie eilten um die Ecke.

Peter hielt sein Gesicht furchtsam abgewendet und so war dies der Kleinen recht, denn im Hofe stand ja gar nicht der Fuchs. Das brauchte Peter aber nicht zu wissen.

„Leise!“ sagte Lieschen, als sie nun der zweiten Häuserecke nahe kamen. „Der schwarze Mann darf uns nicht hören.“

Auf Zehenspitzen schlichen sie an der tiefen Kellereinfahrt vorbei, vor der Kohlensäcke gestapelt lagen und aus dem rauhe Stimmen klangen. Peter seufzte tief, als nun auch dies Hindernis glücklich überstanden war.

Jetzt kam ein großer, unbebauter Platz. Niederes Buschwerk und einige kleine Bäume verschönten ihn. Peter kam dies Stück Weg immer besonders weit vor. Lieschen ließ ihre flinken Äuglein umhergleiten und erfand neue Geschichten.

„Gestern hat Großmutter mir so-o ein Stück Schokolade mitgebracht!“ sagte sie, mit den Armen eine unwahrscheinliche Größe angebend.

„Gibt es ja gar nicht!“ sagte Peter entrüstet, fügte dann aber überlegend hinzu: „Haft Du mir davon mitgebracht?“

Das war nun nicht in Lieschen's Sinn, sie sagte rasch ablenkend:

„Hinter dem Stein krabbelt was. Sicher eine Schlange!“

„Schlange“ war der Inbegriff des Schrecklichen für die Kinder. Sie hatten zwar noch nie eine gesehen außer in ihrem Bilderbuch, aber solch Riesenwurm mußte das Schlimmste sein, das es gab. Peter weigerte sich weiterzugehen und begann zu schluchzen.

„Wenn Du nicht still bist,“ rief Lieschen, „beißt sie Dich!“

Sie faßte den Knaben bei der Hand und zog ihn weiter. Hastig lief Peter, die Kleine mit sich reißend, an dem Stein vorbei. Dabei aber stolperte Lieschen und fiel.

Jetzt wurde das Weinen zweistimmig; denn wie sah das Mädchen aus. Das Kleidchen verschmutzt, blutig die kleine, vorwitzige Nase. Heulend schlichen sie um die letzte Ecke, Vor der sonst das dritte Hindernis ihres Weges lauerte, ein großer Hund und landeten endlich in dem freundlichen Vorgarten des Hauses, in dem sich der Kindergarten befand.

„Wie siehst Du denn aus?“ begrüßte Schwester Hilda die Kleine.

„Peter hat mich hingeworfen!“ war die schnelle Antwort Lieschens.

Peter war empört. Große Tränen liefen ihm über die roten Backen.

„Aber das ist doch gar nicht wahr!“ schluchzte er.

Schwester Hilda hatte es eilig

„Kleiner Heulpeter!“ meinte sie und faßte seine Hand. „Ich weiß schon, daß Du es nicht gern getan hast.“

Ehe Peter noch sagen konnte, daß er es ja gar nicht gewesen war, stellte ihn die Schwester schon neben Hans, seinen Kameraden, mit dem er jeden Tag gemeinsam den Spaziergang machte.

Lieschens Unternehmungsgeist war aber noch lange nicht gestillt. Sie stieß und zwickte die kleineren Kinder und brachte so dauernde Unruhe in die Reihen. Endlich griff die Schwester ein und nahm mit energischer Hand das Mädchen neben sich. Da war Lieschen plötzlich das artigste, kleinste Mädchen, das man sich denken konnte.

So war das Lügenlieschen!

Bald aber sollte ein großer Tag in Peters Leben eine einschneidende Änderung bringen. Frieder, sein kleiner Bruder, mußte zum erstenmal mit in den Kindergarten gehen. Ganz allein sollte er den Kleinen führen, denn Lieschen war krank geworden.

„Paß gut auf, mein großer Junge!“ sagte Mutter zum Abschied und gab jedem einen Apfel mit auf die Reise.

Peter war stolz, daß er den kleinen Bruder betreuen sollte, das gab ihm einen ganz neuen Mut.

Alles ging gut. Kein Fuchs stand im Hof, aus dem offenen Kohlenkeller tönte vergnügtes Pfeifen und auch die dritte Ecke wurde gut überstanden; denn der alte Hund lag wedelnd im Sonnenschein und rührte sich nicht. Von der Wiese brauchen wir gar nicht zu reden, die war schön, wie nur solch kahle Fläche im Frühling sein kann, wenn überall die Gänseblümchen hervorgucken.

Noch nie war der Weg so kurz, so angenehm und froh gewesen für Peter wie an diesem Tage und lachenden Gesichtes langten die kleinen Brüder im Kindergarten an.

„Sieh da! Endlich einmal kein Heulpeter!“ lobte Schwester Hilda und nahm den Neuling an ihre Seite. „So ist es recht! Wenn man auf einen Bruder aufpssen muß, dann muß man auch zeigen, daß man ein Mann ist. Und Männer heulen nicht!“ schloß die Schwester.

„Das sagt Vater auch!“ meinte Peter und strahlte über sein ganzes Gesichtchen.

Währenddem lag Lieschen krank. An ihrem Bett saß ein häßliches, graues Weib wie ein Schatten und schaute mit eiskalten Augen auf das fiebernde Kind.

„Morgen ist Dein Geburtstag!“ sagte die Alte. „Sechs Jahre wirst Du alt, Lügenlieschen!“

„So heiße ich nicht!“ rief Lieschen empört, aber die Alte zuckte nur spöttisch mit den Schultern. „Du bist das Lügenlieschen!“ wiederholte sie. „Da sieh! Das schwarze Teufelchen, das ich hier im Arm halte, das ist aus Deinen Lügen entstanden.“

Ein kleines, scheußliches Ungeheuer grinste Lieschen an und zeigte ihm seine blutrote Zunge.

„Ja!“ nickte das Weib vor sich hin. „So geht das nun mit den bösen Kindern! Jetzt kommst Du mit uns in das dunkle Haus, in dem die Lügen herumspazieren und sich gegenseitig auffressen.“

Das Weib reckte seine dürre Hand nach Lieschen aus und auch das kleine Scheusal griff mit seinen Spinnenfingern nach dem Kind. Schaudernd wollte Lieschen ausweichen, aber eiserne Hände hielten sie fest. Dann stand sie in einem dunklen Hause. Kalt und furchtbar war es hier. Unzählige Ecken und Winkel hatte dieses Haus und aus jedem sprang eine Lüge hervor. Sie lachten, wenn sie sahen, daß Lieschen sich erschreckte, sie zwickten sie im Vorbeieilen schmerzhaft in Arm und Gesicht.

„So hast Du die Kleinen gezwickt,“ meinte die Alte gleichmütig, die neben Lieschen ging.

Was gab es doch hier für schreckliche Lügenformen. Da sprangen riesige Pferde mit glühenden Augen und Nüstern aus einer Ecke heraus, rannten Lieschen um und traten auf ihr herum. Aus schwarzen Kellern streckten schwarze Männer unzählige schwarze Hände nach ihr aus und krächzten mit heiseren Stimmen:

„Her mit dem Lügenkind!“

Über den Weg lagen dicke, grüne Schlangen und sperrten den Pfad. Als Lieschen entsetzt rasch über sie hinwegeilen wollte, siel sie über die schleimigen Knäuel. Und die Schlangen zischten:

„So stolpern die Lügenkinder über ihre eigenen Lügen!“

Wild bellende Hunde bissen nach Lieschen. Schreiend klammerte sie sich an das alte Weib und rief: „Nimm mich wieder mit! Ich will auch ganz gewiß nie wieder lügen!“

Als Antwort kam von allen Seiten dröhnendes Gelächter, die Lügen krümmten sich vor Vergnügen.

„Wir lassen Dich nicht fort, Lügenlieschen!“ brüllten sie.

„Durch Deinesgleichen leben wir doch!“

„Bitte, alte Frau!“ rief das Mädchen wieder. „Ich will auch gut mit Peter sein!“

„Was gibst Du mir,“ fragte da die Alte, „wenn ich Dich wieder heimbringe?“

„Alle meine Geburtstagssachen, die ich morgen bekomme!“ rief die Kleine.

„Will ich nicht! Was gibst Du mir?“ fragte die Alte weiter. „Mein neues Kleid und die Pelzkapuze!“ sagte Lieschen.

„Will ich nicht!“

Lieschen bot ihr alle Herrlichkeiten, die sie besaß. Nichts war der Alten recht, johlend umdrängten sie die Lügen und das Gelächter wurde immer toller. „Was willst Du denn?“ fragte endlich Lieschen weinend.

„Dein Herz!“ rief die Alte rasch.

„Das kann ich Dir nicht geben,“ sagte Lieschen, „Mutter sagt, mein Herz gehört dem lieben Gott!“

„Das Herz eines Lügenkindes nicht!“ schrie die Alte und griff nach der linken Seite des Kindes.

„Mutter!“ rief das Mädchen mit letzter Kraft.

„Lieschen, ich bin bei Dir!“ sagte in diesem Augenblick Mutters ruhige Stimme. Ach, war das schön! Da war Mutters gute Hand, da war das liebe, helle Zimmer und Lieschen stammelte mit fieberheißen Wangen:

„Die Lügenfrau wollte mein Herz nehmen, aber das gehört doch dem lieben Gott!“

„Die Lügenfrau kann nur dann Dein Herz nehmen, wenn Du gelogen hast,“ sagte Mutter und Lieschen begann bitterlich zu schluchzen.

„Mutter, ich will nie mehr lügen! Wenn ich nur mein Herz behalten darf für den lieben Gott!“

Wenige Tage später durfte Peter die Freundin besuchen. So froh und sicher kam er an, daß Lieschen sich doch wieder ärgern mußte über diese ihr ungewohnte Selbständigkeit.

„Was macht der Fuchs?“ fragte sie ein wenig hinterhältig.

„Dem haben wir gestern Brot gebracht!“ lautete die überraschende Antwort.

„Und der schwarze Mann?“

„Der singt, pfeift und lacht, wenn wir vorbeigehen!

„Und die Schlange?“

„Ach, die gibt es hier gar nicht, hat Schwester Hilda gesagt,“ rief Peter. „Und der große Hund ist auch lieb, er spielt mit uns, Frieder darf sogar auf ihm reiten.“

Das war zu viel auf einmal. Lieschen war vernichtet. Aber nochmals versuchte sie den alten Einfluß auf den Kameraden zu gewinnen.

„Nächste Woche komme ich in die Schule!“ sagte sie.

„Aber bloß in die Mädchenschule“ rief Peter. „Ich aber gehe in die Schule, wo man ein Mann wird wie mein Vater!“

Heftig rumorte es in Lieschens kleinem Kopf.

„Also bist Du kein Heulpeter mehr!“ platzte sie endlich heraus.

„Ach wo!“ meinte Peter mit männlich überlegener Miene.

„Ich bin aber auch kein Lügenlieschen mehr!“ rief sie heftig. „Das mußt Du erst zeigen, Lieschen!“ sagte die Mutter, die gerade eintrat. „Aber wir wollen Dir alle helfen, Deinem guten Vorsatz treu zu bleiben und Dich jedesmal daran erinnern, wenn Du wieder etwas Unwahres sagen solltest.“

Lieschen versteckte den Kopf an der Mutter Arm. „Du bist doch die Beste!“ sagte sie leise. Dann flüsterte sie, das nur die Mutter es hören konnte:

„Glaubst Du, daß der liebe Gott jetzt zufrieden sein wird mit meinem Herzen?“


Die Leser dieser Zeitschrift sollen auf nachfolgenden Seiten mit etwas Neuem vertraut gemacht werden, das vom Verlage schon lange aufmerksam beobachtet wird, weil es überraschende A ie usblicke vermittelt in Dinge, welche die ganze Menschheit schon seit Jahrtausenden immer und immer wieder beschäftigt haben und sie darin nie zur Ruhe kommen ließen.

Ohne daß der Verlag selbst Stellung dazu nimmt, gibt er in Fortsetzungen die eigenartige Niederschrift eines in reinstem und unbefangenstem Sinne, aber ganz neuartig medialbegabten Menschen wieder, welche noch nicht zur Veröffentlichung gelangte.

Diese Niederschrift soll zu keiner Sensation gemacht werden, aber sie wird ohne Zweifel mit ihren seltsamen Schauungen und erdfremden Erleben manchen Leser zu tiefem Nachdenken bringen.

Einen großen Teil wundervoller Schöpfungs-Schilderungen überspringend, setzt die Wiedergabe erst an einer Stelle der Niederschrift ein, wo Handlungen beginnen.

de/stimme/heft_1/die_nachbarskinder.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/07 01:39 von Marek Ištvánek