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Oskar Ernst Bernhardt

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de:stimme:heft_1:der_ewige_brunnen

Der ewige Brunnen.

Dichtung von Susanne Schwartzkopff.

Einen Brunnen gibt es in ewiger Höhe, dort oben, wohin nur ahnendes Empfinden sich hinschwingen kann auf den Flügeln der Sehnsucht. Ewig rauscht und strömt es in ihm von Fluten, die nie sich erschöpfen, nie ein Ende finden. Sein klares Wasser ergießt sich in einer leuchtenden Schale durchsichtiges Rund. In ihr sprudelt der reine Quell, wallt und wogt, ohne je überzufließen.

Auf weißen Stufen erhöht, die sie weithin sichtbar machen, steht die Schale. Strahlenglanz von einer Reinheit und Leuchtkraft ohnegleichen umhüllt sie schützend. Gehütet wird sie von wachsamen Hütern. Knieend umgeben sie die Heiligkeit des ewigen Quells, in dem das Leben sich ständig erneuert. Ströme des Lichtes aus Gottes urheiliger Vaterhand sind es, die der ewig fließende Brunnen auffangen darf, Ströme der Liebe, Ströme der Kraft. Gewaltig wie Meeresrauschen, pulsend wie der Strom des Lebens in allen Adern der Schöpfung, klingend wie Lobpreisen und Jauchzen der Anbetung, strahlend in Gold und Weißglanz, so flutet das Leben aus Gottes Hand in die Schale, die er erwählt hat, Kelch zu sein für sein Liebesgeschenk an alle Kreatur. Sie formte sich, wie eine Knospe aufspringt, wenn der warme Strahl des Lichtes sie trifft, und wird gehalten von dem anbetenden Danke der Geschaffenen, die die Flut der Gottesliebe in sich aufnehmen dürfen. Bestehen bleibt sie in alle Ewigkeit; denn nie wird die Anbetung und heilige Andacht im Hinnehmen der Gottesgabe, aus der alles lebt, aufhören in den ewigen Höhen.

„Der Hüter Reinste“ hüten das heilige Gefäß! Rings im weiten Rund stehen sie, Gestalt an Gestalt, und Stufen über Stufen führen hinaus in die Schöpfung. Kniend nur vermag der innerste Ring, den Blick auf das flutende Leben des ewigen Brunnens gerichtet, Anbetung und wache Hingabe darzubringen. Den Blick nach außen gerichtet aber stehen andere, das Schwert in der Hand, den Schild am Arm.

Die Lichtströme fließen über alle Hüter hin, fließen durch sie hindurch, beleben, stärken zu treuer Wacht, öffnen ihr Auge weiter und weiter und machen lebendig die Zungen, daß sie singen und lobpreisen können den Höchsten als Lebenspender und Erhalter. Von Mund zu Mund weben sich Chöre der Freude ineinander, schwingen hinauf zu den goldenen Thronesstufen, hinauf zu ihm, der unerreichbar ist, dessen Liebe aber allgegenwärtig, allerlebbar bleibt.

Aus dieses Brunnens Tiefe lebt die Schöpfung. Er ist der Heilige Gral!

Von ihm aus schwingen die Ströme lebendigen Lichtes hinaus ins All. Sie tragen Bewegung und Entfaltung überall hin, wo etwas Geschaffenes atmet. Auf einer jeden Stufe stehen andere Hüter bereit, die wieder ein Gefäß formten aus ihrer Anbetung, ihrem jauchzenden Dank, in dem sie die heranwogenden Fluten auffangen.

Auch sie knien vor der Heiligkeit des Gotteslichtes, auch sie durchfließt der Strom aus dem ewigen Brunnen und durch sie hindurch geht er weiter hinab, in andere Welten, zur nächsten Stufe.

Immer ist es einer geweihten Schale leuchtendes Rund, das den Strom in sich sammelt, hoch erhoben auf hellen Stufen, weithin sichtbar den dort Lebenden, ihnen das Leben spendend aus Gottes Hand. Farbiger werden die Lichtströme beim Hinabfluten, sie teilen sich in eine Unendlichkeit von Zweigen, ihre Kraft fließt bis in alle Spitzen, in jedes Blättchen, jeden Ast.

Von einem Brunnenrand zum nächsten schwingt sich der Lichtstrom herab, überschüttet die Hüter und Wächter, daß sie wie in einem feurigen Lichtregen stehen. Sie halten fest, was sie brauchen und geben weiter, was die nächste Welt haben muß zu ihrem Wachstum, ihrem Gedeihen.

Seht Ihr die heiligen Schalen in allen Welten erglühen im Strom der Kraft aus dem Gral? Herrliche Tempel sind für sie erbaut, nur Reinstes darf sich ihnen nahen, in ihnen ist Gott dem Geschaffenen nahe.

Wenn sich der Himmel öffnet, wenn der Sohn aus Gott an den ewigen Brunnen in der unvergänglichen Lichthöhe tritt, um die Liebe des Vaters der Schöpfung darzubringen in Dank und in Gebet, wenn er den Kelch des heiligen Grales emporhebt in göttlichen Händen, dann liegt die Schöpfung mit verhülltem Angesicht auf den Knien vor der Heiligkeit des Herrn.

Niemand vermag den Glanz zu ertragen, der dann ausstrahlt in der ewigen Schale im göttlichen Licht.

Und mit ihr erglühen in allen Welten die Gefäße in den Gott geweihten Tempeln. Es trifft sie der Ewigkeitsstrahl aus der Höhe, ein reiner Gottesdiener darf sie emporheben, der Höhe entgegen, aus der der Segen naht. Er darf sein Gebet hinaufsenden und es vereinen mit den bittenden Strahlen aller Sphären, die sich als ein Blütenkranz der Anbetung Gott zu Füßen legen.

Das größte Heiligtum in allen Kreisen der Schöpfung und Nachschöpfung ist der Tempel der heiligen Schale, treu behütet in nimmermüder Wacht. Nur wenn der Gral sich öffnet, wenn die Stunde da ist, in der sein Segen sich ergießt, werden diese Tempel der Anbetung aufgetan, dürfen sich die Beter ihnen nahen.

In jedem Weltenteile sind, solange sie bestehen, solche Tempel zu finden. Die Feiern, die in ihnen begangen werden, binden die Geschaffenen fester an das Licht, sie tun ihnen neue Wege auf in die Höhen der Ewigkeit.

Auch auf der Erde gab es einst Tempel des Lichtes, die die Menschen vorbereiten sollten für den einen, heiligen Tempel der geweihten Schale. Sie sind zerfallen, seit sich die Erde von Gott entfernte.

Aus der unvergänglichen Höhe des Lebens sah der Höchste das Erlöschen der Lichtflammen auf Erden. Und es ward ein Gefäß bereitet, das die heilige Schale werden sollte auf Erden. Größte Gnade wurde damit den Menschengeistern zuteil, nur die göttliche Liebe konnte ein solches Gefäß formen und es zur Hilfe senden in die gesunkene Tiefe.

Rein war das Gefäß, durchsichtig zart und licht und doch stärker als alles Irdische. Engelshände trugen es in Händen, die die Liebe gesegnet, hinab in die Tiefe ohne Licht. Leuchtend hob es sich ab von der Schwärze der irdischen Umgebung. Noch strahlte es im Verborgenen. Gott hatte sich die Stunde vorbehalten, in der es aufleuchten durfte und als weithin sichtbares Lichtzeichen fern und nah zu sich heranrufen sollte.

Rosig und weiß, golden und glühend lebte das ewige Licht in der heiligen Schale. Zuerst war sie wie eine Blütenknospe. Nur nach oben geöffnet, die schützenden Hüllblätter dicht um den herrlichen Kern gelegt, nahm sie auf, was aus der Höhe in sie flutete. Langsam schloß sich Blatt um Blatt auf, langsam fiel eine Hülle nach der anderen ab. Weiter und weiter bogen sich die inneren, schneeweißen Blätter auseinander, bis die goldene Mitte zum Vorschein kam.

Da begann ihr Licht unaufhaltsam auszustrahlen. Ein alabasterner Kelch, eine glühende goldene Mitte, Himmelsduft und Himmelsschönheit! Mußte das Gefäß nicht aller Augen auf sich lenken?

Auf Erden kannte man keine Schönheit mehr. Vor langen Zeiten schon war sie von den Menschen vertrieben worden und hatte Freude und Glück mit sich genommen. So nahm sich die Schönheit des himmlischen Gefäßes seltsam aus inmitten der Häßlichkeit der Erdenmenschen. Befremdend wirkte sie auf viele, beängstigend sogar.

In ihr ruhte die Kraft des Anziehens, aber auch des Abstoßens. Ein jeder bekam dies zu fühlen, je nach dem, was er selber in sich trug. Hatte er noch ein Körnchen Lichtsehnsucht in sich bewahrt, so zog es ihn unwiderstehlich zu dem Gefäß, das einsam, fremd, unverstanden ins Dunkel der Erde seine Strahlen aussandte. Wer sich dem Dunkel aber angepaßt hatte, der floh es, fortgetrieben von seiner Reinheit Kraft.

Und es begann zu wallen und zu wogen in dem himmlischen Gefäß auf Erden. Die Kraft seiner gewaltigen Lichtfülle konnte nicht ruhen, sie drängte nach Betätigung. Immer heller ließen die durchsichtigen Wände der reinen Schale das Licht im Innern durchschimmern. Noch schöner, noch strahlender stand sie nun unter den Menschen da. Sie war das, was die Menschen schon lange, lange nicht mehr kannten: sie war heilig.

Ein Ahnen der Göttlichkeit überkam den, der ihr ehrfurchtsvoll nahte. Die Dunklen aber stachelte diese Heiligkeit an zu bösen Taten.

Ein Tempel mußte nun gebaut werden, der das heilige Gefäß schützend umgeben sollte auf Erden, wie es in den Himmeln und in allen Welten ist. Ein Tempel, den nur Reine betreten, nur Andächtige aufsuchen durften. Die Gebete der Menschen sollten sich in ihm vereinen mit den Lichtströmen aus der Höhe, die wie goldene Wogen in die geöffnete Schale hineinfluteten.

Die ersten Steine wurden gelegt. Sie fügten sich aneinander nach dem Klange der Worte, die aus der Höhe des ewigen Brunnens herabgerufen wurden in die Dichtheit der Erde. Hände schoben und paßten sie, zusammen, feilten und meißelten, wo Ecken und Vorsprünge dies erschwerten, und bald schloß sich ein Ring von Grundsteinen um das heilige Gefäß in der Mitte. Lichte Hände hatten ihm einen Altar errichtet, auf dem es unnahbar thronte.

Suchend kamen die ersten Menschen, angezogen von der Leuchtkraft der göttlichen Schale. Anbetend knieten sie nieder und beugten sich vor der Gnade Gottes, der ihnen den Lichtquell aus der Ewigkeit herabgesandt hatte in ihre Dunkelheit.

Schwarz stand die Erdennacht um den einzigen Lichtpunkt in dieser Welt. Sie erhöhte den Glanz des Lichtes, den die Schale um sich verbreitete, hob sie heraus aus allem Irdischen, bannte die Herzen der Beter und ließ sie höher schlagen in Wellen unbeschreiblichen Dankes und wortloser Freude.

Es weitete sich das kleine Rund, das einstens einen Tempel bilden sollte um das Heiligtum auf Erden. Unsichtbare Hände schoben den Ring so weit auseinander, daß Scharen glänzender Gestalten mit hereintreten und den Wall verstärken konnten, der den Altar umgab.

Die Menschen nahmen die Lichtgestalten nicht wahr, aber sie fühlten ein Wehen himmlischer Nähe, und Seligkeit zog ein in ihr Herz. Lichte Hände stützten sie, lichte Augen ruhten auf ihnen, leise Worte wurden ihnen ins Ohr geflüstert, die sie erwecken sollten für die Gaben des Lichtes.

Über alle hinaus aber wanderten die Strahlen des Lichtes aus der heiligen Schale. Sie suchten, wo noch Geister warteten auf den Tag der Befreiung. Drängend nahten sie sich ihnen, bestürmten sie, rissen sie heraus aus ihrer irdischen Enge und schenkten ihnen ein Ahnen großen, göttlichen Geschehens, göttlicher Nähe auf Erden. Neue Steine konnten eingefügt werden in den Unterbau des Tempels.

Aber nun ruhte das Dunkel nicht länger. Schmutz und Steine wurden gegen das reine Gefäß geworfen, giftige Pfeile abgesandt, die es durchbohren sollten.

Lichte Hände wehrten alles ab. Aber aus dem Steinring wühlten schmutzige Hände einige heraus mit unterirdischer Wühlarbeit. Die Steine zerbröckelten und zerfielen zu Staub. Frohlockend rissen die dunklen Hände die Lücken weiter auf und versuchten, tiefer hineinzudringen in den Tempelbau. Sie sammelten die Steinbrocken als ihre besten Waffen auf und Wurf auf Wurf schlug gegen die Schale, die unzerbrechlich, immer durchsichtiger, immer schimmernder sich erhob über allem Graus.

Ein herzzerreißendes Weh ergriff die Schöpfung, die es mitansehen mußte, wie Gottes Liebesgabe an die Menschheit beschmutzt wurde, ihr schützender Tempel erbrochen.

Und es geschah etwas, das alle Welten erschütterte bis in die letzten Tiefen: In die Flut des reinen Himmelslichtes, die unverändert stark und mächtig in dem Gefäß wallte und wogte, mischten sich Tränen. Heiße, blutige Tränen fielen herab aus der Höhe und flossen aus den Wänden der lichten Schale hinein in ihr Licht. Bis zum Überfließen füllten sie das Gefäß. Schon rieselten die ersten Tropfen herab über den Rand. Die goldenen Lichtfluten in der Schale verwandelten sich, sie wurden zornrot und wogten stürmisch, als wollten sie das Gefäß zersprengen.

Da griff eine urmächtige Hand aus der Höhe der Ewigkeit herab, nahm das Gefäß, hob es hoch empor und eine Stimme rief:

„Genommen wird das Heiligtum des Herren der fündigen Kreatur !“

Zugleich wuchsen die Stufen, auf denen das Gefäß gestanden, hinauf in steile Höhen, unerreichbar für jeden Zugriff des Dunkels. Hoch über dem zerbrochenen Ring thronte es nun. Der Menschen Hände konnten es nicht mehr berühren. Sie blieben zurück in der Tiefe.

Abermals aber rief eine Stimme, und diesmal rief sie aus der heiligen Schale:

„Wer zu mir heraufklimmen kann, der darf sich einfügen in den neuen Ring, der nicht zerbrochen wird! Aber steil ist der Weg und es wird Euch diesmal keine Hilfe zuteil! Nehmt alle Kraft zusammen! Ich bin und Ich bleibe in alle Ewigkeit! Wer mich finden will, der setze sein Leben dafür ein!“

Tief unten vergingen die zerbrochenen Steine. Abseits standen die lichten Helfer.

Da nahmen sich einige der Menschen bei der Hand und erklommen mühsam den steilen Pfad, der in die Höhe der göttlichen Schale führte. Zoll um Zoll, Fußbreit um Fußbreit des Weges mußte erkämpft, errungen, erlitten werden. Steine rollten den Wanderern entgegen, oft drohten die letzten Kräfte sie zu verlassen. Dann hoben sie die Augen empor zu dem goldenen Lichtgefäß und neue Kraft belebte sie.

Es war ein Kampf um Leben und Tod, das sahen sie. Das dunkle Gewürm versuchte ihnen nachzukriechen und zog noch manch einen in die Tiefe. Doch die sich festhielten an den Strahlen des Lichtes, die waren gefeit gegen solche Gefahr und ihre Kraft wuchs mit jedem Schritt in die Höhe.

Die goldenen Lichtstrahlen aber legten Brücken hinaus in die Ferne für neue Menschenseelen. Suchend und angezogen kamen sie heran, sie reihten sich ein in den Ring der lichten Hüter und langsam formte sich ein neuer Schutzring, der zum unangreifbaren Tempel für das heilige Gefäß ward.

Unnahbar, unerreichbar für Menschengeister thront es auf seiner steilen, einsamen Höhe. Fluten lebendigen Lichtes ergießen sich aus Gottes Hand in die Schale, die aus ewigen Höhen herabgetragen wurde, um die Dunkelheit der lichtabgetrennten Welt wieder zu erhellen. Aus der Tiefe des ewigen Brunnens schöpft diese Schale, ewig unversiegbar, ewig flutend.

Mag die Erde vergehen, die heilige Schale bleibt, beschützt von Treue und Liebe. Sie gibt Kraft zum Leben denen, die den Weg zu ihr finden, der weiter, steiler und schwerer geworden ist durch der Menschen Schuld. Sie ist und sie bleibt, bis Gottvater sie wieder zu sich nimmt und sie wieder eins wird mit dem Brunnen der Ewigkeit.

Menschheit, schöpfe aus diesem Gefäß die Flut des Lebens! Es ist kein anderer Quell als allein dieser eine! Mache Dich auf, ruhe nicht, kämpfe Dich durch zu ihm, wenn Du Dich retten willst vor den Wassern des Unterganges.

de/stimme/heft_1/der_ewige_brunnen.txt · Zuletzt geändert: 2020/11/07 00:19 von Marek Ištvánek