Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt

Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Seitenleiste



de:ruf:heft_8-9:vom_gottsuchen_und_gottfinden

Vom Gottsuchen und Gottfinden.

Von Johannes Anton Neidhart, Heumaden bei Stuttgart

Seit uralten Zeiten suchen die Menschen ihren Gott. Bald in den Tiefen, bald diesseits, bald jenseits. Wie oft glaubten sie ihm ganz nahe zu sein und ihn ergriffen zu haben; aber schon ward der selbstgeschaffene Gott wieder zunichte. -

Wie die Wellen des brandenden und brausenden Meeres, so wogt die Sehnsucht nach dem Ewigen durch unser Herz. Es verhält sich, wie Dante sagt: „Das höchste Streben und Verlangen eines Dinges, das ihm zuerst von der Natur eingeprägt wurde, ist die Heimkehr zu seinem Ursprung; und weil Gott der Ursprung ist unserer Seele, also verlangt sie gar sehr heimzukehren zu ihm.“ Ergreifenden Ausdruck hat Augustinus diesem Gedanken verliehen, wenn er in seinen „Bekenntnissen“ ausruft: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott!“ Ja mit dem Hunger nach Geistigem, nach Ewigem wird der Mensch und wurde die Menschheit geboren bis zum heutigen Tag. Darum das Gottsuchen zu allen Zeiten und unter allen Zonen. Ausnahmeerscheinungen - sie sind selten genug - bestätigen die Regel. Nicht einmal die Anhänger Buddhas konnten sich ihr entziehen. Da ihr Meister nichts von Gott erwähnte, verehrten und ver-ehren sie ihn selbst wie einen Gott. Und einzelne Persönlichkeiten, mögen sie selbst berühmte Männer gewesen sein, was bedeutet ihre Ablehnung eines göttlichen Wesens gegenüber dem einmütigen Zeugnis der gesamten Menschheit? Sind es doch gerade die Besten und Größten unter uns von jeher gewesen, die für Gott eingetreten sind mit allen Gründen, die die Vernunft ihnen nur eingeben konnte. Der „Urstoff“ Anaximanders, der „Logos“ Heraclits, das „reine Sein“ des Parmenides, das „Daimonion“ des Socrates, Plädos „Idee“, die „Monaden“ der Pythagoräer, Leibniz' und Goethes, Kants „kategorischer Imperativ“, das „Absolute“ nach Fichte und Schelling, die „Allbeseelung“ Fechners, das „Ding an sich“ nach Schopenhauer, der „geistige Lebensinhalt“ bei Rudolf Eucken: Was sind all diese Bezeichnungen anders als die Umschreibung des einen Bibelwortes (Moses): „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziger Herr!“ -

Religion und Philosophie gipfelten demnach zu jeder Zeit im Erkennen Gottes. Aber seit die Menschen nur verstandesmäßig diese Frage zu lösen suchen, leben auch die Feinde des Göttlichen. Sie haben sich zusammen-gefunden unter dem Banner des Materialismus und rufen es in die Welt hinaus: „Gott ist tot, es lebe der Stoff!“

Lenkipp und Demokrit im Altertum, Lamettrie, Holbach im 18, Vogt, Büchner, Haeckel im 19. Jahrhundert waren solche Prediger des Materialismus. Alles Geistige, lautet ihr Dogma, ist nichts weiter als eine Funktion des Körperlichen, das Denken z. B. ein Phosphoreszieren des Gehirns. Es gibt also keinen selbständigen, von der Materie unabhängigen Geist im Universum, und es gibt auch nichts Geistiges im Menschen. Was wir Leben nennen, geistige Fähigkeiten und Tätigkeiten, vollziehen sich im Rahmen reinstofflicher Gebundenheit und enden mit ihr. -

Befreiung sollte diese Weltanschauung dem Menschen bringen, und was hat sie ihm gebracht? Weltkrieg, Weltrevolution und - Weltgericht. Immer tiefer und tiefer sinkt die entfesselte Tiermenschheit mit der Materie in das Grab, das sie sich selbst gegraben, und statt Freiheit wird ihr elendste Knechtschaft zuteil. Wo vordem der Geist geherrscht und zu beglückender Selbstverantwortung lichtvoll die Wege gewiesen, da schwingt jetzt die Genußsucht ihre Geisel über die Völker und peinigt sie bis zur Verzweiflung an der eigenen Kraft. Erschütternd bekennt August Horneffer im Namen dieser Modernen: „Auch der vollkommenste Mensch kommt sich überflüssig vor und gähnt bei seinem einschläfernden Beruf. Er wünscht sich daher den Tod herbei und läßt Gott: - Gott = Unsterb-lichkeit: Unsterblichkeit sein. Das Nichts, der entsetzlichste, erstickendste Gedanke für die kraftvolle, erobernde Persönlichkeit, wird zu seinem Ziel und Gott. Aber wacht er aus dem Halbschlummer noch einmal auf und rafft sich empor, ehe es zu spät ist, so hat er ein Grauen vor der entgötterten Welt. Sie ist ihm jetzt unerträglich. Er flucht oder grämt sich; er sucht, ob er nicht Gott, welcher von den manigfachen Göttern es nun sei, wiederfinden kann, und er sieht schließlich ein, daß er sich Gott von Neuem schaffen muß. Damit ist der Kreis geschlossen, und ich meine, wir Heutigen stehen gerade vor dieser letztgenannten Aufgabe.

Wir haben in diesem Bekenntnis ein Doppeltes vor uns. Wie einerseits nicht geleugnet werden kann, daß bei überaus Vielen eine tiefe Abneigung, ja ein Haß gegen alles Religiöse sich breit macht, so geht doch auf der anderen Seite eine gewaltige Sehnsucht nach Religion durch die Reihen unseres Volkes, einer Religion, die freilich anders geartet sein muß als die übernommene; ein Erkennen zuckt durch die Menschheit, das im Ewigen, im Geiste dennoch unsere Heimat ist, und daß wir nirgends Genügen finden, es sei denn in ihm. Das ist die Geburtsstunde der religiösen Sehnsucht unserer Zeit.

Und nicht nur in der Religion, auch sonst bricht dieses „ewige Heimweh“ durch auf den verschiedensten Gebieten. So trägt ein ganzes Buch, 335 Seiten stark, eine Liederlese aus der jüngsten Zeit, den vielsagenden Titel: „Wir sind die Sehnsucht.“ Ja, wie die ragenden Dome zu Stein gewordene Sehnsucht gottesdurstiger Menschenherzen sind, so tragen die Klänge eines Richard Wagner, eines Beethoven, eines Mozart unsere Seele gleichsam zu den ewigen Sternen, in die Reiche des Lichtes, der Heimat zu.

Alles, was wir mit Kunst bezeichnen und was diese Bezeichnung wirklich verdient, ist nichts Anderes, als ein erhöhtes Händeausstrecken nach dem unerreichbar Schönen, Wahren, Guten, als das heutige Heimweh nach Gott und ganz erlöster Ewigkeit. Und was ist schließlich, um einen letzten Kronzeugen dieser modernen Sehnsucht zu nennen, der ganze Okkultismus und Spiritismus, was ist Mystik, wenn nicht ein unzuläng-licher Versuch, Göttliches zu erleben, ein täglich wachsendes Verlangen, daß die Scheidewand zwischen Diesseits und Jenseits falle und das Paradies sich auftue vor dem umdunkelten Auge des Menschen. Mit Rud. Hans Bartsch müssen wir alle schmerzlich gestehen:

„Uns ist der Kinderglaube fortgenommen,
doch mündig sind wir nicht, nur vaterlos …
Wir stehen still und fragen tief beklommen,
Zu wem nun unsere Sehnsucht beten soll.“

Das ist der Augenblick, da die Gralsbotschaft Abdruschins wie eine Erlöserin sich naht. Es ist genau so, wie der begnadete Verkünder des Gotteswortes sagt: „Ihr betet zu Gott und könnt Euch bei dem Gebet nicht einmal eine rechte Vorstellung von dem machen, zu dem Ihr betet, seid im Gegenteil verwirrt, weil Euch darüber niemals, weder von der Schule noch der Kirche klare Auskunft wurde, die Eueren inneren Drang nach Wahrheit stillte … Kann unter diesen Umständen das Gebet so innig, so vertrauensvoll erfolgen, wie es sein soll? Es ist unmöglich. Wenn Ihr aber Eueren Gott kennt, er Euch dadurch vertrauter wird, ist das Gebet dann nicht von tieferen Empfindungen begleitet, viel direkter, inniger?“

In der Tat! Nur könnte jemand den Einwand bringen: Aber ist das nicht Vermessenheit, Gott derart sich nähern zu wollen, ist es nicht wie ein Herabziehen Gottes zu uns Menschen? Gebührt den Staubgeborenen nicht eher heilige Scheu und demütiges Sich-Beugen vor dem Unerforschlichen? Wiederum gibt Abdruschin die erleuchtete Antwort, die zugleich die Antwort unseres rein empfindenden Inneren ist: „Und näher kommen sollt und müßt Ihr Euerem Gott! Ihr dürft nicht nur von Ferne stehen bleiben. Wie töricht ist es doch, zu sagen, es könne Unrecht sein, wenn man sich so ausführlich mit Gott befaßt. Die Trägheit und Bequemlichkeit behauptet sogar, es sei Frevel! Ich aber sage Euch: Gott will es! Die Bedingung der Annäherung liegt in der ganzen Schöpfung. Deshalb hat der nicht Demut, der sich davon drückt, sondern im Gegenteil grenzenlose Anmaßung! Verlangt er doch damit, daß Gott sich ihm nähere, damit er ihn erfassen kann, anstatt - daß er sich Gott zu nähern versucht, um ihn zu erkennen …

Ihr aber, die Ihr nicht mehr schlafen wollt, die Ihr mit Inbrunst sucht und nach der Wahrheit strebt, nehmt auf die Kunde, sucht das Rechte zu erfassen.“ -

Und was ist das Rechte? „Es gibt nur einen Gott, nur eine Kraft“, die alles durchdringt und erfüllt. Gottvater, der Urgrund alles Seins, Gottsohn, die fleischgewordene Gottesliebe, und der Heilige Geist, das eherne Gesetz, das Wechselwirkung schafft, sie sind nur Eins: Das eine göttliche Wesen in dreifacher Gestalt. Welche Perspektiven, welche Hoch-blicke und Tiefblicke eröffnet diese Wahrheit unserem Geiste! Vom kleins-ten Atom bis zum Riesenberge, vom Staubkörnchen am Wege bis zum unermeßlichen Fixstern am Himmelszeit, vom unscheinbaren Blümlein, das mir entgegenduftet, bis zum seelenvollen Auge des Menschen, vom Wurm im Staube bis zum Seraphin himmlischen Sphären, ist alles durchpulst von einem Leben, ist alles durchflutet von einem Licht, ist alles durchkraftet von einem Gesetz: Gott.

Wie verstehen wir jetzt erst das Wort der Schrift: „In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir!“

Wohlan, Mensch, Geistwesen, erhebe Dich! Halte es unter Deiner Würde, ferner den Götzen zu dienen, heißen sie, wie sie wollen. Strebe mit aller Macht darüber hinaus!

„Was droben ist, suche, nicht was auf Erden -
Was droben ist, an dem finde Geschmack!“ –

Und Gott selber wird Dein überaus großer Lohn sein.

de/ruf/heft_8-9/vom_gottsuchen_und_gottfinden.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/15 21:27 von Marek Ištvánek