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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_8-9:moderne_baukunst_als_sichtbarer_ausdruck_ihrer_zeit

Moderne Baukunst als sichtbarer Ausdruck ihrer Zeit.

Von Regierungsbaumeister B. D. A. Alfred Fischer, Karlsruhe

Die geistige Struktur einer Zeitspanne hat ihren eigenen besonderen Charakter. Dieser Charakter oder diese Wesensart prägt sich äußerlich im Gestaltungsproblem der Architektur aus. Jede geschichtlich bedeutende Epoche hat baukünstlerisch ihren besonderen Typ entwickelt. Das Mittel-alter formte den Dom, das Münster, die Klöster; in der Renaissance und im Barock entwickelten sich das Schloß und der höfisch repräsentative Bau zur höchsten Blüte. Im 19. Jh. finden wir als charakteristische Zeiterscheinung das Ausstellungsgebäude, das Parlamentsgebäude, die großen repräsentativen Bauten der Staats- und Stadtverwaltungen. Der Typ der allerneuesten Zeit dürfte noch kaum gefunden sein, vielleicht ist er in der Entwicklung begriffen als das Haus der Arbeit, des Verkehrs, der Volksgemeinschaft oder dergleichen. Der mittelalterliche Mensch schuf aus seiner inneren religiösen Überzeugung heraus gewissermaßen intuitiv. Das 16. 17. und 18. Jh. brachte eine Entwicklung im Sinne der immer mehr erstarkenden fürstlich autokraten Staatsauffassung unter Betonung äußerlicher Machtentfaltung. Das 19. Jh. endlich war die Zeit (nach der französischen Revolution) einer völligen Umdeutung der bisherigen gesellschaftlichen und staatspolitischen Begriffe. So konnte es nicht ausbleiben, daß die Versuche im 19. Jh. einen eigenen Stil zu finden durch Herumtasten in allen bisher vorhandenen Stilepochen von vornherein zur Fruchtlosigkeit verurteilt und doch dürfte das 19. Jh. bei näherer Betrachtung der Wegbereiter unserer ganzen heutigen Bauauffassung gewesen sein. Nach dem Vakuum, das die französische Revolution durch Zerschlagen aller seitherigen Begriffe geschaffen hatte, gründete Napoleon in Paris die école des beaux arte, um der Verwüstung auf dem Gebiete der gesamten Kunstauffassung eine neue Schule entgegen zu stellen. Zu gleicher Zeit wurde hierzu im bewußten Gegensatz die école polytechnique gegründet, ebenfalls unter napoleonischer Schirmherrschaft, aber von den Kreisen, denen die Erkenntnis in den Naturwissensaften und eine neue Beherrschung der Technik die Grundlage für eine kommende neuartige Welt- und Lebensauffassung war. Während nun die école des beaux arts versuchte, im Sinne der damaligen Zeit doch immerhin mit einigem Erfolg und Geschick die Baukunst auf dem Boden einer klassizierenden Tradition wieder aufzubauen, war es das Bestreben der Kreise um die polytechnische Schule, unbeeinflußt um die Historie auf dem Boden der neuen Erfahrun-gen und Wissenschaften aufzubauen. Die Technik lieferte hierzu die neuartige Konstruktion des Eisenbaues. Es würde zu weit führen, im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes die Entwicklung der Eisenkonstruk-tion und der Hallenbauten darzustellen, eine Entwicklung, als deren äußere Struktur wir jene schon erwähnten Ausstellugshallen, Bahnhöfe, Markthallen usw. ansprechen können. Die Namen zweier Konstrukteure im allgemeinen Zusammenhang: sind auch der weiteren Mitwelt im Gedächtnis geblieben, Eifel, der Konstrukteur des gleichnamigen Turmes auf der Pariser Weltausstellung 1889 gilt berechtigterweise als Pionier neuer Konstruktionsmöglichkeiten, desgleichen hat Polonceau durch Erfindung des nach ihm benannten Dachbinders erst die Möglichkeit großer, weiter und lichter Raumkonstruktion gegeben. Sehr anschauliche Untersuchungen hat der schweizer Kunsthistoriker Dr. Gidion hierüber gemacht.

Während also die Architektur als Kunstäußerung im 19. Jh. vollkom-men steril und unproduktiv war, bereitete die konstruktive Technik den vollkommen neuen Boden vor für eine Baugesinnung, deren Auswirkungen wir heute in ungeahntem Tempo erleben. Die Technik hat das Raumgefühl, sowie den statischen Begriff bedeutsam verändert und erweitert. Der Begriff von Stütze und Last ist umgewandelt in denjenigen einer kontinuierlichen frei tragenden, begrenzenden Fläche. Mit anderen Worten, um einen großen Raum zu schaffen, brauchen wir nicht mehr die Säulen des antiken Tempels mit den darüber den Abschluß bildenden Deckenbalken; die Umgrenzung eines Raumes können wir uns jetzt in der Form einer großen zusammenhängenden Glasglocke denken. Der äußerlich sichtbare Ausdruck der Architektur unserer Zeit kommt uns mehr und mehr zum Bewußtsein bei Betrachtung moderner technischer Bauten. Die Wände werden leichter, die Decke wird höher, freier, die Verbindung mit der Erde wird immer loser, auf dünnen Fundamenten sitzen mit verhältnismäßig kleinem Querschnitt schlanke hochragende Konstrukti-onspfeiler, zwischen denen Wände und Decken nur als dünnes Füllwerk eingespannt sind. Neben dem Eisen wurde der Eisenbeton mit seinen ungeahnten Möglichkeiten gefunden.

Zunächst hat diese Erscheinung einen rein technischen Charakter und doch ist sie von großer Wichtigkeit für die Betrachtung des baukünstleri-schen Problems; auch schlechthin im Zusammenhang mit dem gesamten geistigen Problem unserer Zeit. Ebenso wie die Philosophie und das religiöse Empfinden des 19. Jh. sich damit begnügt hatten, in alten Systemen mit der Spitzfindigkeit des Epigonen erfolglos herumzuwaten, um immer mehr die Fähigkeit zu verlieren, Zeitgedanken mit Eigenem zu erfüllen, ebenso war, wie schon erwähnt wurde, die Architektur auf dem Boden steriler Nachahmerei angelangt. Die Wechselwirkung zwischen geistiger Grundlage und künstlerischer Ausdrucksform dürfte demnach klar sein. Nicht anders ist es mit der Bewertung in der Entwicklung unserer heutigen Baukunst. Auf den hemmungslosen Empirismus und die rein materialistische Weltauffassung des letzten halben Jahrhunderts folgte ein ungeheurer Auftrieb und geistiger Hunger nach neuen Anschauungen, die das innere und äußere Weltbild den Menschen wieder harmonisch näher bringen konnte. Die allgemeine Auffassung der Zeit unterliegt einem Reinigungsprozeß, der die Schlacken einer Jahrhunderte alten Überkrustung abzustreifen sucht. So mag es auch mit unserer Baugesinnung werden. Wir wollen nicht mehr in unseren Wohnbauten, in den öffentlichen Bauten den maßstäblichen Abklatsch einer Zeit sehen, die endgültig vergangen ist. Die konstruktive Entwicklungsgrundlage, von der eingangs die Rede war, hat uns die Möglichkeit zu absoluter Eigenentwick-lung unserer Architektur gezeigt. Wir wollen heute wieder Bauten sehen, die den neuen sozialen kollektiven Bedürfnissen unserer Zeit dienen, die hell, klar, ernst und doch freudig dastehen. Diese Bauten müssen uns im Zeitalter des durcheinander würfelnden Verkehrs in der Zeit der freien Benützung der Luft durch das Flugzeug mehr zum vorübergehenden Durchgangsraum denn zum Aufenthaltsraum werden. Unter diesem Gesichtswinkel wird auch der Begriff der Monumentalität in der Architektur eine starke Umprägung erfahren im Sinne der Auflösung übergroßer Baumassen und der Typisierung einzelner Gattungen im Stadtbild. Die Anfänge hierzu sind allenthalben zu sehen; das geräumige Bürohaus der großen Stadt, das Warenhaus, das Fabrikgebäude, die technischen Großbauten werden als Bauten der Arbeit die Monumentalität der Schlösser und Rathäuser des früheren Jahrhunderts ersetzen.

Sehen wir diese Entwicklung, der man sich nicht entziehen kann, klaren Auges entgegen, so können wir mithelfen, sie in Bahnen zu leiten, welche der Weiterbildung unserer Kultur und Zivilisation förderlich sind.

de/ruf/heft_8-9/moderne_baukunst_als_sichtbarer_ausdruck_ihrer_zeit.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/15 21:29 von Marek Ištvánek