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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_5-7:der_alte_der_tage

Der Alte der Tage.

​ Ein Beitrag zum Gottesproblem

Von Johannes Anton Neidhart, Heumaden bei Stuttgart

Es war ein weltgeschichtlicher Augenblick, als Moses, der künftige Führer des Hebräervolkes, zitternd und mit verhülltem Antlitz vor Gott stand und sprach (2. Mos. 3, 13): „Siehe, ich soll zu den Söhnen Israels gehen und zu ihnen sagen: Der Gott euerer Väter hat mich zu Euch gesandt. Wenn sie mir nun entgegnen werden: Welches ist sein Name? — Was soll ich ihnen erwidern?“

Ein ungeheueres Wagnis, Gott einen Namen geben zu wollen. Irren wir nicht jedesmal, wenn wir auch nur versuchen, daß Unendliche in einen Begriff zu fassen? Und noch größer muß das Wagnis erscheinen, wenn wir nach dem Namen fragen, mit dem Gott sich selber nennt. Welcher Mensch, der uns Mensch ist, wäre imstande, das Außer- und Übermenschliche, das Göttliche zu verstehen und auszusprechen. Welchem Wesen könnte es gelingen, den Wesenlosen zu bezeichnen und einzudringen in seinen tiefen Sinn?

Es ist etwas Seltsames um einen Namen. Ein Wort nur, ein paar Buchstaben — äußerlich besehen. Und doch, dieses Wort sondert den Betreffenden aus von allen übrigen seiner Art, es trennt, es charakterisiert ihn, es geht auf das Einzige und Unwiederholbare, es sucht den Kern herauszuschälen. Diejenigen haben sicher nicht ganz unrecht, die meinen, es stecke etwas wie von heimlicher Philosophie und von prophetischer Ahnung in der menschlichen Namengebung. Jeder Name habe seine geheime Bedeutung und seine bestimmte Strahlung, die mit der Strahlung des damit Benannten im engsten Zusammenhang steht. Uralte Weisheit lehrt es schon so. Und nun stehen wir vor Gott, dem Anfang und Ende alles Daseins und sollen ihm einen Namen geben, sollen sein Wesen in einem Wort ausdrücken, das ihn ganz umschließt. Wie vermögen wir das, ohne zu erliegen vor der Übermacht dessen, der himmelhoch über uns thront und den wir glauben zu uns herabziehen zu können? Darum hat Gott der Menschheit immer als der eigentlich Namenlose gegolten.

Anderseits freilich hat auch niemand wiederum so viele Namen erhalten wie Er, weil eben kein einziger von allen imstande ist, den Inhalt des göttlichen Seins auch nur annähernd zu erschöpfen. Wie ein Strom ehrfürchtiger Bewunderung und bewundernder Ehrfurcht quollen diese Namen über die Lippen der Menschen, die sich wohl bewußt waren, daß sie in diesem Falle nur stammelten. So fragt Augustinus im ersten Buch seiner Bekenntnisse: „Was also ist mein Gott? Was anders als Gott der Herr? Denn wer ist der Herr außer dem Herrn? Oder wer ist Gott, außer unserem Gott? Höchster, Bester, Mächtigster, Allmächtiger, Barmherzigster und Gerechtester, Verborgenster und Allgegenwärtiger, Schönster und Gewaltigster, Du Beständiger und Unfaßbarer, Du Unwandelbarer, selbst alles wandelnd, nie neu, nie alt, machst Du doch alles neu.“ —

Namen der Scheu sind es, die wir Gott hier zu geben versuchen. Wie lauter Schüchternheiten nehmen sie sich aus, wie kleine Kinder erscheinen sie, die sich gerne an Gott-Vater heranschmiegen möchten und ihn doch nur aus weiter Ferne grüßen können. Zum Teil sind es auch Namen der Not, die im Grunde mehr einen Hilferuf bedeuten als eine Bezeichnung desjenigen, für welchen auch die Beredsamkeit des Kummers keinen vollentsprechenden Namen findet. Und endlich sind es Namen der Verehrung und der Liebe, die wir Gott erteilen, wenn unsere übervollen Herzen ihm zu danken, ihn zu loben und zu verherrlichen suchen, wie es ihm nach unserem Ermessen gebührt. Es ist ein heiliges Feuer, das aus all diesen Namen uns entgegenlodert, ob nun der Höchste auf indogermanisch als „das Licht“ gepriesen, oder von semitischen Gläubigen als „der Herr“ und „Machthaber“, als „der Starke von oben“ verehrt und angebetet wird. Es ist, wie wenn die Menschen alle Herrlichkeiten der Welt zusammensuchten, um mit ihnen jenen erhabenen Geist zu schmücken, der all die Herrlichkeiten hervorgebracht hat, sie besitzt, in ihnen ist mit seiner Kraft und sie doch alle maßlos überstrahlt und überragt. Das fühlen wir, denn wir entleihen auch von den Dingen, die uns mit Schauer erfüllen, die Namen, mit denen wir unseren Gott bekennen. Hebr. 12, 29 wird Gott geschildert als „ein verzehrendes Feuer“, und 2. Makk. 1, 24 wird betont, er sei furchtbar und stark. Dann wieder sind uns alle Süßigkeiten gerade willkommen, um mit ihnen Gott gleichsam zu überhäufen. Er ist nach den Paulusbriefen ein „Gott der Geduld, des Trostes, der Hoffnung und des Friedens“, ein „Gott der Wahrheit“, ja zuallerletzt versteigen wir uns zum anziehendsten aller Namen, wenn Johannes (1. Joh. 4, 8) schreibt: „Gott ist die Liebe.“

Und trotzdem können wir uns nie mit dem Gedanken beruhigen, daß wir jetzt Gottes Größe erstiegen, daß wir damit Gottes Bild getreu nachgezeichnet hätten. Er ist eben und bleibt, wie Abdruschin lehrt, der Wesenlose. Wie recht hat er mit seiner Erklärung, daß das Göttliche jedem Menschengeiste immer ein heiliges Mysterium bleiben muß, da es über dem geistigen Ursprunge des Menschen steht, und keine Beschaffenheit, auch die geistige nicht, über diesen Ursprung hinaus sich entwickeln kann. Der Mensch also auch nicht in seinem Denken und Empfinden.

Daher mögen wohl auch die zahlreichen Namen der Verneinung rühren, die wir Gott zulegen aus dem Gefühl unserer Ohnmacht heraus. In der Tat wissen wir viel eher, was Gott nicht ist, als was er ist. Darum nennen wir ihn den Un-ermeßlichen, und Un-endlichen, dem Un-wandelbaren und Un-veränderlichen, den Un-begreiflichen und Un-faßbaren. Und wenn wir an das Dunkel denken, von dem wir umgeben sind, und wenn wir hineinschauen in all das Elend, das mit dieser Welt der Materie und mit unserem Dasein verbunden ist, so eilen wir, Gott gleichsam dagegen zu schützen und zu bekennen,: „Gott ist Licht, und Finsternis ist keine in ihm.“ (1 Joh. 1, 5.)

Es ist wahrlich erschütternd, zu sehen, wie die Menschenseele ringt, um einen würdigen Gottesnamen zu ergründen.

„in Dir ruht das All und schwingt sich zugleich Dir entgegen.

Denn es mündet in Dir, der Du Einer bist und alles und doch wieder keines von allen.

Weder eines noch alles! Wie soll ich also Dich nennen?

Du allein, Namenloser, den doch alle Namen bekennen? singt Gregor von Nazianz bereits.

Wieviel gelten und bedeuten demnach unsere Namen, Gott gegenüber? Haben sie überhaupt einen Sinn? Fast möchte man sagen, es sei etwas sinnvoll Widersinniges in diesem Bemühen. Sinnlos wird es auf jeden Fall, wenn der Verstand dabei die Führung übernehmen will. Denn hier muß er noch mehr als sonst vollständig versagen. Wie kann ein Blinder sich anmaßen, die Sonne zu beschreiben, uns ihr Wesen zu enthüllen! Ist es ja doch unser geistiges Empfinden, mit dem wir uns Gott nahen, so haben wir wenigstens die Gewähr, daß wir auf rechtem Wege sind, wenn wir das Ziel auch nicht gleich erreichen.

Ein Name ist es, der unserer geistigen Not, Gott zu benennen, noch am ehesten zu Hilfe kommt. Es ist der alttestamentliche Name Jahve. Jahve heißt der Seiende. Wollen wir ein Bild gebrauchen, so treten wir mit dieser Bezeichnung an eine ungeheuere Felswand, dorthin, wo der Aufstieg am steilsten ist, wo es keinen Übergang und keine Vermittlung mehr gibt, wo das Wirkliche in senkrechter Richtung aufsteigt vom Unwert zum Wert, vom Dunkel zum Licht, vom Nein zum Ja, vom Nichtsein zum Dasein. Und wir fühlen, in dieser Richtung, diese senkrechte Höhe hinauf muß der geradeste Weg zu Gott gehen. Er ist das Sein schlechthin, er ist das Dasein selbst, die unmittelbarste und schroffste und kühnste und unerbittlichste Bejahung und Behauptung alles Schönen, Wahren, Guten. „Gott“ und „gut“, sie sind nicht nur der Sprache nach, sie sind auch im Wesen eins und dasselbe. Negativ ausgedrückt: Gott ist die todfeindliche Verneinung des Nichts, alles Unlauteren, Unedlen, Bösen. Denn dieses ist nur ein Mangel, ein Fehlen des Guten. Deshalb sollten wir uns gar nicht soviel darum kümmern, sondern es mit Verachtung strafen; denn solche verdient das Nichts. Gott aber ruft uns zu mit Donnerstimme: Ich bin! Und wir empfinden es mit grenzenlosem Staunen: Er ist, er ist einzig und allein! Im Jahvenamen liegt die Erkenntnis, daß wir im Vergleich mit Gott eigentlich Nichtseiende sind, reine Nichtse.

So lesen wir bei Jesaja (40, 17): „Alle Völker sind vor ihm, als wären sie nicht, und wie nichts, und wie eine Leere sind sie geachtet.“ — Halten wir daneben die Selbstvergötterung, die der moderne Mensch treibt in Technik und Kultur, Sport und Spiel, so muß uns dieses an sich lächerliche Gebahren geradezu als Gotteslästerung erscheinen. Bedenken wir stets: Gott allein ist! Er hat das Sein, oder noch besser: er ist das Sein in seiner ganzen Fülle. Alles andere ist Schein und existiert nur, insofern es teilnimmt, teilnehmen darf an Gottes unermeßlichem Sein.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß es eine der tiefsten Einsichten des menschlichen Geistes und Herzens war, die Gott mit diesem Namen Jahve nannte. Ja, der unerschöpfliche Sinn dieses Namens scheint bestätigt und in Gnaden angenommen zu sein vom offenbarenden Gott selbst. In einer Zeit, ähnlich der unseren, wo es galt, eine finstere und trostlose Gegenwart zu beseitigen und an ihrer Stelle eine leuchtende Zukunft zu schaffen: in diesem wichtigen Augenblick wurde an Gott die Frage gerichtet, wer er sei. Und Gott antwortete dem Volksführer, der sich seiner großen Verantwortung wohl bewußt war: „Jehi Jahve, ich bin der „Ich bin“, ich bin der Seiende“. Denn eben jetzt sollte das arme, mißhandelte, getretene Volk seinen Gott als den Wirklichen, den einzig Wirklichen erleben. Ich bin der „Ich-bin“, was soll das anders heißen als: ich bin der immer Gleiche an Liebe, Gerechtigkeit und Erbarmen, ich kann mich niemals ändern? Was auch in langen trüben Zeitläuften geschehen war: Der alte Gott lebte noch: seine unveränderliche Ewigkeit und seine unwandelbare Treue waren dem Volke sicher und bürgten für die unbedingte Wahrheit der Gottesbotschaft.

So erklärt denn der Allerhöchste auf die zitternde Frage des Moses, welches sein Name sei, in aller Feierlichkeit: „Ich bin der Seiende, ich bin das absolute Sein. Also wirst Du den Söhnen Israels sagen: Der Seiende sendet mich zu euch … das ist mein Name immerdar, und so werde meiner gedacht von Geschlecht zu Geschlecht.“

Gott ist demnach das Dasein, das Wirklichsein selbst. Darum kann es auch keinen zweiten geben, der seinesgleichen wäre, ein Seiender wie er. Diese zwei müßten ja sonst halt machen voreinander, einander begrenzen und damit einander verdrängen. Oder anders ausgedrückt: Es läge ein Abgrund zwischen beiden, und dort würden sie an das Nichts rühren. Das Nichts wäre also nicht gänzlich von ihnen verschlungen, d. h. sie wären beide nicht Gott. Das ist der Grund, warum durch die ganze heilige Schrift eine ungeheuere Eifersucht geht, die Eifersucht wider die größte und greulichste aller Torheiten, die glaubt, es gebe Götter zu zweien, zu dreien oder zu vielen. „Höre, Israel, Jahve, unser Gott ist nur ein Gott!“ (5 Mos. 6, 4.) „Ich bin der Ich-bin. Das ist mein Name. Meine Herrlichkeit teile ich mit keinem andern, meine Macht nicht mit den Götzenbildern.“ — Das sind scharfe Worte. Aber sie sind heute noch genau so angebracht, wie damals. Denn auch heute verführen Götzenbilder in Menge die Mehrzahl der Menschen, vom goldenen Kalb angefangen bis zum roten Tuch. Ein Tanz um Idole, ein Kampf um nichts. —

Die Größe Gottes kommt uns fernerhin fast erschreckend zum Bewußtsein, wenn wir versuchen, unsere Maße von Raum und Zeit an ihn zu legen. Raum und Zeit sind die gewaltigsten Wirklichkeiten, die wir in unserer Welt wahrnehmen. Darum erliegen ihnen so viele, die nur den Verstand walten lassen, und sehen darüber gar nicht mehr hinaus. Allein vor Gott und Gott gegenüber zerbrechen diese Maße. Es besteht schlechthin keine Möglichkeit, Gott irgendwie räumlich zu fassen. Er ist ja der Seiende, dessen Kraft alle Wesen durchströmt; deshalb muß er auch allen Dingen gleich nahe sein. Er ist nicht näher der Erde als dem Sirius. Jeremias 23, 23-24 ruft Gott: „Bin ich etwa ein Gott, der nahe sein muß, um zu hören. Kann ich nicht auch in die Ferne reichen? Wenn einer im Verborgensten sich versteckte, könnte ich ihn dann nicht mehr erspähen? Erfülle ich nicht den Himmel und die Erde? spricht der Herr.“ — Darum wäre es vergebliche Mühe und arge Torheit, ihm entfliehen zu wollen. Ergreifend singt der Psalmist (138, 7-12): „Wohin soll ich gehen, um Deinem Geist zu entrinnen, und wohin fliehen vor Deinem Angesicht? Steige ich zum Himmel auf, so bist Du dort, und steige ich hinab zum Totenreich, so bist Du wieder da. Nähme ich mir Flügel, um gen Osten zu fliegen, oder wollte ich mich niederlassen am Abendmeer, auch dort würde Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten. Und wenn ich spräche: So möge die Dunkelheit mich verbergen und die nächtliche Finsternis mir leuchten zu meinen Freuden, selbst die Finsternis wäre nicht mehr finster vor Dir, und die Nacht wäre hell wie der Tag. Dunkel und Licht — vor Dir sind sie eins.“

Wie klar und anschaulich wird uns in diesem Zusammenhang, was Abdruschin als die großen göttlichen Gesetze bezeichnet! Wie versuchen die kurzsichtigen Menschen immer wieder, Gott und seinem allbeherrschenden Gesetz zu entgehen, oder, wenn sie dasselbe verletzt haben, mit irgendwelchen äußerlichen Formalitäten die Verzeihung zu erwirken. Umsonst. Gottes Gesetze sind allgegenwärtig und unumstößlich. Wie die Wahrheit überall ist, ohne an einen Ort gebunden zu sein, und zugleich restlose Erfüllung heischt — sie wäre ja sonst nicht Wahrheit —, so auch Gott und sein Gesetz. Sich unterordnen, sich einfügen ist die einzig vernünftige Losung für uns im alten, wie im neuen Jahre und in unserem ganzen Leben.

Vor Gott und bei Gott gilt kein Raum. Aber auch keine Zeit. Wie in einem einzigen ruhenden Punkt ist sein Dasein gleichsam vereinigt. Denken wir uns einen Kreis. Auf der Kreislinie nehmen wir verschiedene Punkte an. Das sind wir, unsere verschiedenen Einverleibungen, oder auch, wenn wir wollen, die verschiedenen Jahre eines Lebens.

Wo aber ist Gott? Im Mittelpunkt. Wir mögen sein, wo wir wollen: stets ist es von der Kreislinie zum Mittelpunkt, von uns zu Gott, gleich weit, immer bleibt uns der Mittelpunkt, Gott, gleich nahe, immer schaut er uns an, in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Ja, bei ihm gibt es eigentlich nur Gegenwart, ein ewiges Heute. Wir wandern, unsere Punkte verschieben sich. Er aber bleibt unverrückbar im Mittelpunkt, in tätiger Ruhe und in ruhender Tätigkeit. Er ist der Zeit- und Gegenwartsgenosse aller Menschen und aller Dinge, der Zeitgenosse von allem Geschehen und allem Werden. Er hatte keine Wegdauer zurückzulegen von dem Zeitpunkt, da die Milchstraße wurde bis zu dem Tage, da auf Erden zum erstenmal die Sonne schien. Er ist nicht jünger gewesen zur Zeit, da die Urväter lebten und starben, und er wird nicht älter geworden sein, wenn einmal die Sonnenenergie verbraucht und das hellstrahlende Gestirn öde und kalt ist wie ein Polarland. Oder welch anderen Sinn hätten die majestätischen Worte in der geheimen Offenbarung (1, 8): „Ich bin der Erste und Letzte, der Anfang und das Ende … Ich bin, der da ist, der da war und der sein wird.“ Oder Psalm 89, 2-4: „Bevor die Berge wurden und gebildet ward das Land und der Erde Umkreis, von Ewigkeit zu Ewigkeit! bist Du, o Gott. Du stoßest den Menschen zurück in die Auflösung (wenn er seiner Bestimmung nicht gelebt hat) und sprichst: Dahin kehret zurück, o Menschenkinder! Vor Deinen Augen aber sind tausend Jahre wie der Tag von vorgestern, der dahin ist, und wie eine Stunde zur Nacht“. – „Ehe Abraham ward, bin ich“, sprach Christus, als sein menschliches Wesen „noch nicht fünfzig Jahre zählte““. Liegt nicht auf diesem Wort ebenfalls etwas von der Einsamkeit des Horeb, die unvergängliche Hoheit des Jahve-Namens, liegt nicht in ihm der deutlichste Beweis, daß Christus mehr war als ein Mensch, wahrhaftig der Sohn Gottes, wie Abdruschin es erklärt?

Was ist Gott? Wir wissen es noch nicht. Und doch eine Ahnung erfüllt vielleicht unser Herz. Lassen wir uns daran genug sein. Die geringste Gotteserkenntnis und das kleinste Gotteserlebnis ist ja mehr wert als alle Schätze und Wissenschaften dieser Welt. Gewiß dürfen und sollen wir unserem Gott näher kommen. Aber nie ohne Ehrfurcht vor seiner unendlichen Majestät! Unsere Zeit ist so respektlos geworden, auch Gott gegenüber. Das Heilige wird in den Staub gezerrt. Mehr Gottesfurcht täte uns wahrlich not, wenn auch das Vertrauen, ein unendliches Vertrauen nie fehlen darf. Denn Gott ist ebenso gerecht als gut; ja seine Gerechtigkeit ist die Güte.

Früher glaubten wir, die Sonne komme zu uns, sie gehe uns auf. – Jetzt wissen wir, daß sie in unerreichbar weiten Fernen thront, schaffend, wirkend, Leben erzeugend. Wir wissen fernerhin, daß wir uns ihr zuwenden, ihr öffnen müssen, soll sie uns ganz beglücken und beleben. Ist Gott nicht wie die Sonne?

Wenn Dich darum nach Gott sehnt, wenn Du in ihm leben und ihn ahnend verstehen willst, so halte fest, daß er nur in einem ganz lauteren und freien, demütig zu ihm sich erhebenden und gläubig sich ihm öffnenden Herzen dauernd zu wohnen vermag. Er, der Geist ist und wundersame Harmonie, ihn vermag Wirrnis, Knechtschaft, Enge und Schmach nicht zu beherbergen. Darum die Lauterkeit, die Tiefe, die Schönheit und Freiheit Deiner Seele über alles, Bruder, Schwester! – –

de/ruf/heft_5-7/der_alte_der_tage.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/12 22:11 von Marek Ištvánek