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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_3-4:vom_wesen_des_christentums

Vom Wesen des Christentums.

von Johannes Anton Neidhart, Stuttgart

Wer heute mit offenen Augen die religiöse Lage überblickt, möchte fast mutlos werden ob dem, was er gewahr wird. Auf der einen Seite ein Dogmatismus, und im Zusammenhang damit ein Fanatismus, der beinahe mittelalterlich ist und alles freie Denken unterdrückt. Auf der andern Seite eine Gleichgültigkeit, ja ein Haß gegen alles Religiöse, der geradezu erschreckend ist. Um rund 200 Prozent haben nach der neuesten Konfessionsstatistik, die eben veröffentlicht wurde, die „Sonstigen“, d. h. die keiner kirchlichen Gemeinschaft Angehörigen seit der letzten Zählung zugenom-men. Das ist ein bedenkliches Zeichen. Wenn man in Betracht zieht, wie träge, wie unentschlossen neun Zehntel der Menschen sind, sobald sie in ihrer religiösen Betätigung eine Änderung herbeiführen, etwa einen Kirchenaustritt bewerkstelligen sollen, dann muß man über dieses starke Anwachsen der Unkirchlichen mehr als erstaunt sein. Die Kirche trifft zwar alle möglichen Maßnahmen, um der Abwanderung Einhalt zu tun, und der Staat ist ihr dabei behilflich, indem er den Bruch mit der Kirche möglichst erschwert. Allein ich glaube nicht, daß die Situation damit gerettet wird. Auch die imposantesten kirchlichen Veranstaltungen, Konfe-renzen und Kongresse können tiefveranlagte Menschen nicht darüber hinwegtäuschen, daß im religiösen Leben der Gegenwart irgend etwas nicht stimmt. Eine derartige Zersplitterung, wie wir sie heute nicht nur in den verschiedenen Religionen, sondern vor allem auch innerhalb des Christentums selber haben, kann nicht etwas Gottgewolltes darstellen und kann nicht im Sinne desjenigen sein, der seinen Nachfolgern als letzten und höchsten Wunsch hinterlassen hat: „Daß sie eins seien, wie Du, Vater, und ich eins sind“. Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe - eine Liebe, ein großes Verbundensein der Menschen, der Kinder Gottes, untereinander: so sollte es sein. Das war das stille, aber eindringliche Beispiel, mit dem das Urchristentum die damalige Welt bezwang. „Seht, wie die einander lieben!“ - riefen erstaunt die Heiden. Heute, nach dem entsetzlichen Weltkrieg und seinen furchtbaren Folgen, können dieselben Heiden - nicht mit Unrecht - unseren christlichen Missionaren zurufen: „Seht, wie die einander hassen!“ Wohl predigt man immer noch: Ein Gott, ein Glaube - aber dann fügt man hinzu: eine Kirche, wobei natürlich jede Kirche die alleinberechtigte und alleinseligmachende sein will. Kämpfe ohne Zahl und Grausamkeiten aller Art bezeichnen so den Schritt der Kirche durch die Jahrhunderte, ja es sind zum Teil blutige Spuren, die uns ihre Geschichte aufweist.

Und doch wäre alles so einfach, wenn wir uns nur vergegenwärtigen wollten, worauf es in der Lehre Christi ankommt, was in ihr Hauptsache ist und was Nebensache. „Mensch, werde wesentlich!“ Diese Mahnung des Angelus Silesius ist nirgends so angebracht wie hier. „Steht als Lebendige in Eueres Gottes wundervoller Schöpfung“ ist Abdruschins immer wiederkehrender Ruf. Wann werden wir das endlich lernen, wann die Botschaft beherzigen, die mit eisernem Hammer pocht an die Pforten unserer Zeit? Sind es nicht genug der Wehen, nicht genug der Heimsuchungen, die den verirrten und gesunkenen Erdplaneten treffen? Sollen die letzten und bittersten Zornesschalen ausgeschüttet werden über ihn?

Noch ist das Wort Gottes unter uns, oder besser: es ist wiedererstanden in der Gralslehre, die Abdruschin uns gebracht. Wohlan! Einst war dasselbe Wort eine Kraft von weltumgestaltender Wirksamkeit. Warum heute nicht mehr? Weil man es nicht richtig erfaßt, weil man nicht einzudringen versucht in seinen tiefen Sinn, und weil man nicht lebt nach diesem Wort. In der jungen Kirche der Urzeit war es anders. „Sie verharrten einmütig in der Lehre“, lesen wir in der heiligen Schrift, und wiederum: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“

Wem fällt hier nicht auf, wie sehr die Einheit und Einigkeit betont wird! Treu hielten sich die ersten Christen an das Vermächtnis ihres Meisters: „Daran will ich erkennen, daß ihr meine Jünger seid, daß Ihr einander liebet. „Nicht an irgendwelchen Formeln und Zeremonien, nicht an der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Organisation; sondern daran, daß ihr einander liebet“. Aus dem recht verstandenen Wort Gottes ergibt sich diese Liebe von selbst. Sie hat mit Sentimentalität nichts zu tun, sondern ist wesentlich Tat. Wie wahr sagt Abdruschin 1): „Das, was jetzt Liebe genannt wird, ist alles Andere mehr als Liebe … Wahrhaftige Liebe wird nicht darauf sehen, was dem anderen gefällt, was diesem angenehm ist und Freude bereitet, sondern sie wird sich nur darnach richten, was dem anderen nützt! Gleichviel, ob es dem andern Freude bereitet oder nicht Das ist wahres Lieben und Dienen.“ -

Aus dieser Einstellung heraus brachten die Urchristen jedes Opfer, selbst das des Verzichtes auf Privateigentum. Damals hieß es: „Was mein ist, ist Dein, wenn es Dir nur nützt“. Heute: „Was Dein ist, ist mein, auch wenn es mir schadet“. In diesen beiden Sätzen haben wir den himmelweiten Unterschied zwischen dem Kommunismus der Urkirche und zwischen denjenigen, den Rußland uns als Ideal hinstellt. Wir mögen darüber urteilen, wie wir wollen. Eines ist sicher: Der Kommunismus und die soziale Frage hätten niemals diese Gestalt angenommen, wenn die Kirche ihre Pflicht getan, wenn die religiöse Frage richtig gelöst worden wäre. Denn es ist und bleibt eine Tatsache: „Die Seele der Armenpflege ist die Pflege der Seele des Armen.“ Wo das Wort Gottes wohnt, wohnt auch die Liebe im Bunde mit der Gerechtigkeit, die beide nicht voneinander zu trennen sind. Die heutige Überspannung des Eigentumsbegriffes, die rücksichtslose Ausnutzung und Ausbeutung der schaffenden Stände einerseits, wie deren einseitiger Kampf um materielle Vorteile anderseits, ist eine durchaus heidnische Erscheinung und ist der Lehre Christi geradezu entgegengesetzt. Es ist die höchste Zeit, daß wir uns das klar machen und die Dinge ändern, ehe es zu spät ist. Die Zeichen deuten jedenfalls auf Sturm. Ich will das Gespenst der Weltrevolution gewiß nicht an die Wand malen, aber sie wird kommen, genau so, wie der Weltkrieg kam, als Ergebnis der durch und durch materialistischen Grundrichtung unserer Zeit - es sei denn, wir besinnen uns im letzten Augenblick eines Besseren und folgen der Fahne, die Abdruschin uns entrollt. Nur die Besinnung auf das, was Christus gewollt und gelehrt hat, kann uns vor dem Schlimmsten bewahren. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist uns das eine Notwendige aufgezeigt in einer Weise, wie sie erhabener und ergreifender nicht sein könnte.

Einheit! Wir sind eins in der Liebe unseres himmlischen Vaters, zu dessen Kindern wir berufen sind. Darum laßt uns keinen Unterschied machen! Ausdrücklich ist erklärt, daß Gott, unser ewiges Vorbild, regnen läßt über Gute und Böse. Warum also wollen wir nur die Angehörigen einer bestimmten Konfession, warum nur unsere eigenen Stammesgenossen gelten lassen? Ich verkenne durchaus nicht das Gute, das in der Rassenfrage steckt, wenn sie vernünftig beantwortet wird. Allein der Rassenfanatismus ist nicht nach dem Willen Gottvaters, so sehr man sich bemüht, ihm ein religiöses Mäntelchen umzuhängen. Er ist vielmehr Ausfluß eines ganz unbegründeten, im reinen Irdischen wurzelnden Nationalstolzes, eines Hochmutes, den wir beim Einzelmenschen unbedingt als verwerflich bezeichnen und verurteilen würden. „Wer unter euch der erste sein will, der sei der Diener aller.“ - Wie paßt zu diesem Christuswort der Rassendünkel und der Rassenhaß? „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“, lautet Christi Befehl. Darum ist es uns nicht gestattet, Keile zwischen die Völker zu treiben und künstliche Schranken irgendwelcher Art aufzurichten. Vielmehr haben wir die Pflicht, die wahren Kulturgüter gegenseitig auszutauschen, besonders dem Worte Gottes Bahn zu brechen immer und überall. Wären wir dabei verblieben, wäre die reine Lehre Christi und das Leben darnach unsere Hauptsorge gewesen, dann wären uns Zeiten wie die der Bilderstürmer, der Kreuzzüge, der Hexenprozesse, der Inquisition, die für das Christentum ewig eine Schmach sind, erspart geblieben. Stets irrten wir vom Wesen ab, wenn wir Greueltaten begingen. Hätten wir das Wort Christi in die Tat umgesetzt, statt in blinder Verstandestätigkeit an ihm herumzudeuteln, hätten wir, statt Bibelkritik und Theologie zu treiben, aus dem einfachen, göttlichen Empfinden heraus nach dem Wort gelebt, wir wären heute weiter als wir sind. Denn auf dem wahren und unverfälschten Worte Gottes beruht letztlich unsere gesamte Kultur, während das entstellte, zu eigennützigen Zwecken ausgelegte Evangelium noch immer die Quelle aller Zwietracht, Heuchelei und Unkultur gewesen ist. Deshalb laßt hell erstrahlen das Licht, das vom Grale herniedergestiegen ist zu uns!

In den Bahai Beweisen heißt es einmal: „Wenn ein Prophet auftritt und ein göttliches Buch bringt, durch das die Seelen geführt und die Herzen belebt werden, sodaß der Unglaube verändert wird in Glauben an die Einheit, daß Ungewißheit in Vertrauen, Empörung in Gehorsam, Unwissenheit in Wissen und Weisheit, Haß in Liebe und Zuneigung verwandelt werden . . . , dann kann kein Zweifel mehr darüber herrschen, daß ein solches Buch das Buch Gottes ist, daß der Offenbarer desselben von Gott erwählt ist und daß er gestützt und gefestigt ist durch den Geist Gottes.“ -

Wieviel Grund haben wir daher, dankbar dafür zu sein, daß uns die Gralslehre begegnete! Denn sie besitzt all die genannten Eigenschaften und kann zum größten Segen werden für denjenigen, der sie befolgt. Hier sind Irrwegen (n)icht zu fürchten. Hier ist das volle und ganze Christentum. Wenn jemals, so gilt in unseren Tagen mit dem Chaos von Weltanschauungen das Wort Pauli: „Sehet zu, daß euch niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt Satzungen.“ Nichts anderes lehrt Abdruschin, wenn er spricht von der Erbsünde der Menschen, dem freiwilligen Sichunterwerfen unter den eigenen Verstand, der, fest an Raum und Zeit gebunden, alles Darüberliegende nicht mehr verstehen kann. Da man jedoch ohne Christentum, wenigstens äußerlich, nicht leben will, entwirft man von ihm ein Zerrbild und errichtet auf Grund eigenen Meinens ein Lehrgebäude, das über kurz oder lang zusammenbrechen muß, weil es mit Christus nichts gemein hat außer vielleicht den Namen. Allein damit ist dem Christentum ein schlechter Dienst erwiesen. Ihm ist heute nicht mehr aufzuhelfen durch irgend einen Ersatz, sondern nur durch die Lehre selbst, deren Wesensbestandteile sind: Einheit und Tat.

Man redet gegenwärtig soviel von Tatchristentum. Fast will es den Anschein erwecken, als ob man nicht immer wüßte, was man damit sagt. Denn oft spricht man sich selber das Urteil damit. Im alten Bunde (V. Mos. 18, 21, 22) heißt es einmal: „Wie kann ich merken, welches Wort der Herr nicht geredet hat?“ Antwort: „Wenn der Prophet redet in dem Namen des Herrn, und wird nichts daraus, und kommt nicht: Das ist das Wort, das der Herr nicht geredet hat. Der Prophet hat’s aus Vermessenheit geredet, darum scheue Dich nicht vor ihm“ - Hier haben wir negativ mit aller Bestimmtheit ausgesprochen: Das Wort, das nicht zur Tat aufruft und befähigt, das bei religiösen Gefühlen und Stimmungen stehen bleibt, das vielleicht recht salbungsvoll klingt, aber keine Frucht zeitigt, ist keine Botschaft, die von Gott kommt und zu Gott führt, sondern Schönrederei und Phrasengeklingel. . . . Und hätte der Liebe nicht, der Liebestat, so wäre ich nichts.

Freunde, laßt uns das nie vergessen! Ob wir dabei von der Menge anerkannt werden oder nicht, sei uns vollständig gleichgültig. „Fürchte Dich nicht, Du kleine Schar; denn es hat dem Vater gefallen, Dir das Reich zu geben.“ Im Himmel wird nicht gezählt, sondern gewogen. Wenn wir nun einige Menschen um uns scharen, welche die heilige Glut im Herzen haben und die emporsteigen zum Licht, laßt uns zufrieden sein. Wie bescheiden hat Christus begonnen! Seien wir vor allem treu uns selbst und der Berufung, die an uns ergangen ist. Denken wir daran täglich, stündlich. Wenn wir an sich auch nicht viel bedeuten: Wir sind heute die Menschen, die Gott benutzt, um sein Reich zu errichten, sein Reich der Einheit und der Tat. Durch uns laufen all die wundervollen Kräfte hindurch, welche das Paradies der Zukunft schaffen in einem gereinigten, geläuterten Christentum. Wir sind heute in all unserer Unvollkommenheit das unersetzliche Glied in der Kette, die einmal noch die Menschen verbinden soll mit ihrem Gott. Trotzen wir allen Schwierigkeiten, Anfeindungen und Enttäuschungen. Es kommt nicht darauf an, daß wir Recht behalten, sondern daß die Sache recht behält; es kommt nicht darauf an, daß wir siegen, sondern daß die Sache siegt. Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Wer seine Seele ängstlich hütet, wird sie verlieren. Wer sie jedoch darangibt an eine große Sache, wird sie gewinnen. Und welche Sache ist größer als die Christi? Lhotzky frägt einmal: „Wie kann die Welt neu werden?“ - „Mit Gewalt nicht. Mit guten Lehrungen und Ermahnungen auch nicht. Aber durch eine Handvoll Menschen, die Jehova hat und an denen Jehova gesehen und erlebt wird.“

Wohlan, seien wir diese Menschen!

de/ruf/heft_3-4/vom_wesen_des_christentums.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/11 12:34 von Marek Ištvánek