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de:ruf:heft_3-4:kultur-kunst-technik

Kultur - Kunst - Technik.

von Alfred Fischer, Reg.- Baumeister B. D. A., Karlsruhe

Drei Begriffe, die nach unserem heutigen Empfinden scheinbar ganz getrennte Daseinsformen darstellen und so notwendig in einer Einheit aufgehen sollten.

Unter Kultur versteht man jetzt vielfach die Zusammenfassung einer Reihe von Äußerlichkeiten, die einem raffinierten sinnlichen Lebensgenuß dienen, vielfach wird das Wesen der Kultur mit Zivilisation verwechselt. Im Ernst soll das Wort Kultur der Ausdruck der gesamten geistigen Struktur einer Zeit sein. Diese geistige Exposition schließt ja alle materiellen Daseinsstufen in sich ein.

Ein Beispiel: In Betrachtung der klassischen Antike ist uns „Kultur“ noch ein umfassender Lebensbegriff. Wir erkennen in diesem Beispiel die horizontale Welteinstellung und Lebensauffassung der Griechen und Römer, ihre myhtisch-religiös-philosophische Weltanschauung, ihre Staats- und wirtschaftliche Gebarung, die lebenstechnischen Begriffe und nicht zuletzt ihre gesamte Kunstäußerung in den praktischen und ideellen Künsten, wobei die Baukunst sinnfällig als markantester Überrest in unsere Zeit herüberragt.

Die horizontale Einstellung der antiken Kultur mit der verhältnismäßigen einfachen, dem realen Leben entnommenen Götterlehre prägt sich in der breitgelagerten Form des klassischen Tempels aus gegenüber dem später vertikalen der Mystik entsprungenen gotischen Prinzip.

Kunst: Es gibt wohl kein umstritteneres Wort, wie dieses Wort Kunst, es wurde geheiligt und entweiht, je nachdem eine Zeit es brachte. Ganz große Kulturepochen der Menschheit kannten diesen Begriff der Kunst wenig oder garnicht, denn die Kunst war eine selbstverständliche Folgerung oder Begleiterscheinung aller bestehenden und geistig gesunden Zeiten.

Beispiel: Gehen wir auf die uns nächstliegende in sich abgeschlossene Periode einer Entwicklungsstufe zurück: Das deutsche Mittelalter. Wir betrachten mit Recht die gotischen Dome als Meisterwerke künstlerischer Schöpfungskraft. Der Kölner Dom, das Straßburger Münster wird auf jedem Betrachter einen tiefinnerlichen Eindruck machen. Und doch wollten die Schöpfer jener Bauwerke keine Kunstwerke als Selbstzweck schaffen. Die religiöse Auffassung des gotischen Menschen, seine gefühlsmäßige innerliche Einstellung zur Mystik zwangen ihn, so und nicht anders zu bauen. Die Entwicklung des rein konstruktiv-technischen Prinzips aus der romanischen Zeit erklärt wohl die formale Gestaltung, aber doch nur auf Grund eben des metaphysischen Denkens jener Zeit. Der Dom sollte der Ausdruck höchster Verehrung eines überirdischen Waltens sein, der Platz, in Inbrunst und Frömmigkeit geschaffen für die Verehrung Gottes und der Heiligen. Hierzu mußten die besten Kräfte mobilisiert, die kühnsten Versuche gewagt werden. Die Kirche war das aus dem im Dunkel schlummernden Bewußtsein herausgeborene „Gottes-Haus“, das so und nicht anders werden konnte. Zum abstrakten Kunstwerk, zur Sehenswürdigkeit schuf es erst die epigonenhafte Nachwelt, der das ebenmäßige Können verloren gegangen war. Daneben fällt uns im Mittelalter noch ein besonders menschlicher Zug auf: Wir kennen von den wenigsten Domen die Baumeister, weil sie ganz hinter ihrem Werk zurücktraten. Bescheiden nur als Diener einer großen Idee, als Ausführende einer hohen Bauherrin, der Kirche, schufen sie ihr Werk. Heute muß die Reklametrommel für den Verfasser schon der kleinsten Sache gerührt werden.

Auch die Innen-Ausschmückung der Kirche mit Malerei und Plastik war ein eingewobener Teil des Ganzen. Das Altarbild der Kirche, die geschnitzte Madonnenfigur war ein Sinnbild religiöser Verehrung. Erst nachdem dieses Bild, diese Plastik ihres natürlichen Zusammenhanges beraubt wurde und in Museen Aufstellung fand, wurde sie „kunstgeschichtliches“ Studienobjekt, und als Hauch seiner einstigen religiösen Kraft empfinden wir die Stärke eben jener selbstverständlichen künstlerischen gesteigerten Eindruckskraft, der gegenüber unser Können vor einem beschämenden Kleinmut steht. Gerade das Suchen in solch mittel-alterlich naiven Formen vieler Künstler der Jetztzeit beweist das. Aber das verstandesmäßige, bewußte, unwahrhaftige Herantreten an die jetzige Arbeit verurteilt diese Versuche zum kläglichen Scheitern.

Das Ende des Mittelalters bedeutet den Beginn des Zerfalls der Einheit geistig künstlerischer Lebensgestaltung. Zwar brachte die italienische Renaissance nochmals einen gewaltigen Aufschwung, indessen war die Rückwirkung auf die Länder nördlich der Alpen nicht sehr groß, und dann trug eben diese Renaissance schon den Stempel der isolierten höfischen Kunst in sich als Ausdruck seiner äußeren Repräsentation; sie löste sich vom Kulturgeist des Lebens. Nur so ist der Zwiespalt zu erklären zwischen glanzvoller Kunstgebarung und tiefstem moralischen Zerfalls des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien.

Nicht anders, nur gegenteilig offenbarte sich die beginnende Kluft in Deutschland. Die Reformation war der Auftakt zu einem gewaltig beginnenden Ringen um neuere, freiere Geistesgestaltung. Der Kampf um Welt- und Religionsanschauung absorbierte alle geistigen Qualitäten, die Einheit der Kultur mußte zerreißen, das äußerlich praktische und repräsentative des Lebens hing, weil noch verwendbar, an der Überlieferung, die religiös-philosophische Entwicklung machte einen gewaltigen Schritt vorwärts. Niemand hatte Zeit und Verständnis für das nachhinkende physische Leben, der Riß aller gärenden, neu werdenden Epochen war da. Der Beginn des 30-jährigen Krieges räumte dann mit dem letzten Schatten-dasein der mittelalterlichen Kultur und Kunstäußerung auf.

Durch den 30-jährigen Krieg war das hochstehende demokratische Prinzip des deutschen Mittelalters vernichtet, nur auf den Trümmern der verwüsteten Volkseinheit konnte sich eine immer mehr konzentrierende Oligarchie, später völlig bindungslose Monarchie aufbauen, die im Repräsentanten des Sonnenkönigtums (Ludwig XIV.) ihre Verkörperung fand. Geistiges und künstlerisches Leben war nur der Ausdruck einer ganz dünnen, an Macht und Lebensgenuß hängenden Oberschicht, deren letzten Endes entnervte eigene Kulturunfähigkeit den an religiösen Größenwahn grenzenden roi soleil hervorbringen mußte. Wie in Italien zuvor, war jetzt in gesteigertem Maße Architektur, Malerei, Plastik, Musik, Dichtkunst Vorrecht der Fürsten geworden, die Künstler wurden degradiert zu Ministerialen, das freie Schaffen wich dem unstillbaren Ehrgeiz äußerlich anerkannter künstlerischer Erfolge. Zweifellos war das Barock, an der Spitze Versailles, eine große künstlerische Leistung, aber sie wurzelte nicht im Kulturbewußtsein der Menschen, sie war vielmehr Nachwirkung jener schon erwähnten nicht lebensechten Renaissance. Die Folgen mußten sich bald zeigen. Als das System strengster Autokratie durch die französische Revolution gestürzt wurde, die damit den Auftakt gab zu einem Jahrhundert staatspolitischer volksrechtlicher Umwälzungen, stand plötzlich das neuerwachte Bürgertum vor dem Nichts einer geistig künstlerischen Lebensgestaltung, da jene fürstliche Scheinkultur nirgends feste Wurzeln geschlagen hatte. Noch einmal flackerte unter dem Meteor Napoleon das formale Gestaltungsprinzip im Empire und Klassizismus auf, um dann endgiltig zusammenzubrechen.

Die Liquitation bildete das 19. Jahrhundert Wirtschaftlich und technisch zu sehr gebunden in Neubildungen, geistig unfähig, das vorhandene Trümmerfeld abzuräumen, hing die Zeit weg- und führerlos in den tändelnden Versuchen, von einem Extrem in das andere zu fallen. Wir haben im Laufe des letzten Jahrhunderts sämtliche Stilepochen, die von der Antike über das Mittelalter zum Klassizismus führten, durchprobiert, da es aber immer leere Attrappenformen waren, konnten diese Versuche nur lächerliche Bastarde werden.

Erst die gewaltigen chaotischen Ereignisse des letzten Jahrzehntes, nicht zuletzt der Krieg und die Nachkriegszeit, scheinen hier der Auftakt zu einer Besserung und Wendung zu werden, zum Besinnen auf eine schlackenfreie, ehrliche, wahrhaftige neue Eigenkultur. So mag der unselige Krieg doch eine schicksalgewollte befreiende Bedeutung gewinnen, nicht für Deutschland allein, vielleicht für die Welt. Naturgemäß muß solche Entwicklung jetzt wieder parallel gehen mit der Reinigung unseres philosophisch religiösen Denkens und Fühlens.

Bei Betrachtung der neuen und neuesten Zeit dürfen wir nun einen hinzugekommenen Faktor, die Technik, nicht außer Acht lassen. Technik im weitesten Sinne als Verkörperung des empirisch naturwissenschaftlichen Zeitalters. Wir erleben hier zwei grundverschiedene Einstellungen. Auf der einen Seite die materiell exakte, an vernunftgemäße Vorstellungen gebundene Auffassung, ich möchte sie - etwas leichthin – amerikanisierende nennen, die in Technik und mechanischer Bezwingung der Materie höchstes Ziel und Streben der Menschheitsentwicklung sieht, auf der andern Seite die europäische, vielleicht noch mehr östliche, rein philosophisch spekulative und spirituelle Weltanschauung, welche das ganze technisch materielle Denken und seine folgerichtige Auswirkung als belan-glose Äußerlichkeit betrachtet. In der jetzt aufdämmernden Zusammenschweißung beider Systeme wird wohl ein Weg der Mitte kommen.

Rein äußerlich genommen sind die sogenannten Errungenschaften der Technik durchaus ernsthaft beteiligt an dem gewaltigen Umschwung unserer Zeit. Die ungeahnte Verbesserung der Verkehrsmittel hat die Menschen durcheinandergewürfelt und einander nähergebracht, daß schon der Horizont der allgemeinen Denkungsweise ein ganz anderer geworden ist. Ein gar nicht hoch genug zu schätzender Begriff als Folge dieser Annäherung muß sich durchsetzen, wenn auch vorerst noch kaum sichtbar, Begriff und Wesen gegenseitiger Toleranz bei ernstem Willen. Toleranz aber ist Vorstufe fruchtbarer Neu- und Zusammenarbeit und Wegbereiter einer kommenden gemeinsamen Zielrichtung in geistigem Sinne. Man braucht dabei zunächst noch gar nicht an eine kommende Weltreligion zu denken.

Ein zweites Gebiet der forschenden Technik möchte ich aber nur kurz streifen: die ungeheure Materie der Strahlungen mit ihren fast atemraubenden Konsequenzen. Volkstümlich gesprochen: das Wesen der Elektrizität. Physikalische, mechanische und philosophische Gedankengänge treffen sich hier in engster Verkettung.

Wir wissen schon heute, daß Lichtstrahlen, Wärmestrahlen, elektrische Kraftwellen, ultraviolette Strahlen, Röntgenstrahlen dieselbe Urquelle haben, nur in verschiedener Form. Dazu kommen sicherlich die kleinmagnetischen Erscheinungen menschlicher Ausstrahlungen, telepathische und hellseherische Fähigkeiten aller Art. Wenn wir aber eines der letzten Geheimnisse unserer Physik, die Gravitation der Erde kennen, werden wir manche uns noch unerschlossene Probleme besser erkennen. Schon mit der Einstein’schen Raum-Zeitlehre geht aber das physikalische Denken ins philosophische über, der Vorstellungsbegriff wird abstrakter Begriff, Verstand und Vernunft gehen über in geistig religiöses Denken. Vielleicht wird dieser neue Sinn des Menschen geweckt, der das metaphysich-abstrakte Denken einer begrifflichen Vorstellungswelt nähert.

So kann unsere werdende neu andrängende Weltauffassung und geistig religiöse Erneuerung auf den Schultern unserer technisch neu gewonnenen Erkenntnisse als einem brauchbaren Fundament stehen. Daß das Wesen der Technik dabei sich nicht im maschinell-struktiven erschöpfen darf, wird vielen klar sein.

Und zum Schlusse noch einmal zu der Dreiheit: Technik, Kunst, Kultur. Eine mit Naturwissenschaften und technischer Erkenntnis verbundene, religiös philosophische Grundeinstellung kann unser Leben und unsere Lebensvorgänge wieder zu einer Harmonie führen, deren Reinheit das Künstlerische in sich schließt, nach Abstreifen aller Unehrlichkeiten und Unsachlichkeiten des letzten Jahrhunderts. So werden wir wieder zu dem unverfälschten Ausdruck der Kultur einer - kommenden - Epoche gelangen. Inwiefern nun in der gärenden Entwicklung der Jetztzeit die Kunst, am meisten vielleicht unsere Baukunst, ihre integrierende, aber im Leben stark fühlbare Rolle entwicklungsmäßig spielen muß, mag an späteren Beispielen erläutert werden.

de/ruf/heft_3-4/kultur-kunst-technik.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/11 12:39 von Marek Ištvánek