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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_10-12:der_verlorene_weg

Zum Nachdenken!

Der verlorene Weg.

Bilder aus zwei Welten in dem Werdegang einer Seele. Betrachtet von der Warte über Grobstofflichkeit und Feinstofflichkeit


Darin handelnde Personen:

  • William Elliot, Museumsdirektor
  • Knut Kendersen, Museums-Archivar
  • Merceda, Studentin, Kendersens Tochter
  • Leonie, deren Schwester, Gordons
  • Gordon, Plantagenbesitzer
  • Erik Steven, Privatgelehrter
  • Armand Foster, Elliots Sekretär
  • Morton, Plantagen-Verwalter
  • Der Meister
  • Heliobas, des Meisters Lieblingsschüler
  • Ram-Lal, ein Fakir
  • Ramdyal, ein indischer Diener
  • Mädchen bei Kendersen.

Bild 1.

„Kendersen zeigt seiner Tochter Merceda einen Fund aus dem

Arbeitszimmer Kendersens im Museum.

Merceda hängt mit zärtlicher Liebe an ihrem Vater und zeigt Interesse für alle seine Arbeiten. Kendersen legt ihr ein altes Pergament vor, das er zwischen den Büchern gefunden hat. Beide sehen kopfschüttelnd die rätselhafte Schrift. Kendersen verstimmt. Merceda schlägt lachend vor: „Ich will es Steven zeigen. Vielleicht kann er die rätselhafte Schrift entziffern.“

Nach langem Widerstreben gibt Kendersen seine Einwilligung. Als er Merceda das Pergament überreicht, tritt Elliot ein, und sieht erstaunt das Pergament. Kendersen erklärt ihm, wie er es fand, und daß Merceda Steven darüber befragen will. Elliot nimmt das Pergament und erklärt, nachdem er die Schrift ebenfalls kopfschüttelnd betrachtet hat: „Der Fund ist mir zu kostbar. Ich will es selbst besorgen. Steven ist mein Freund.“

Elliot geht. Merceda nimmt von Kendersen Abschied und entfernt sich ebenfalls. Kendersen bleibt noch sinnend sitzen, scheucht dann seine Gedanken mit sorgloser Handbewegung gutmütig lachend fort und geht wieder an die Arbeit.

Bild 2.

„Erik Steven wartet auf seine Schülerin.“

Studierzimmer.

Steven steht am Fenster und sieht mit gerunzelten Brauen nach der Uhr. Gelangweilt blättert er dann in den Papieren auf dem Schreibtische, hebt einen dortstehenden Totenschädel in die Höhe und betrachtet ihn düster sinnend. Lacht dann hart auf und gibt dem Schädel einen Backenstreich, setzt ihn sich spöttisch verbeugend nieder, sieht wieder scharf darauf, setzt sich dann schnell und schreibt: „Unsterblichkeit! Ein lehrer Wahn! Und Liebe? Pah, ich lache! Selbstsucht ist alles, was den Menschen treibt, von seiner Wiege bis zum Grabe. Wie ich Dich hasse, Welt!“

Finster brütend blickt er vor sich hin.

Bild 3.

Straße.

Merceda geht eilig ihren Weg. Foster steht wartend an einer Ecke, tritt ihr entgegen und überreicht ihr mit höflicher Bescheidenheit einige Blumen. Merceda dankt freundlich und will weiter gehen. Foster aber hält sie im Gespräch zurück. Man sieht, er hat was auf dem Herzen, das zu sagen er nicht den Mut findet. Merceda wird unruhig und sieht wiederholt nach ihrer Uhr. Elliot geht freundlich drohend vorüber. Merceda sagt lachend zu Foster: „Herr Elliot wird Ihnen zürnen, wenn Sie als Sekretär so unpünktlich zur Arbeit kommen.“

Foster will flehend noch verschiedenes sagen. Merceda aber geht lachend grüßend fort. Er blickt ihr bekümmert nach.

Bild 4.

Studierzimmer bei Steven.

Merceda tritt eilig ein und setzt sich entschuldigend mit ihren Büchern zur Aufnahme für Notizen zurecht. Steven spricht belehrend auf sie ein, reicht ihr das soeben geschriebene Blatt und deutet auf den Totenschädel: „Wie kann ein solches Ding Gedanken zeugen, die außerordentliche Kräfte bergen? Was ist denn ein Gedanke überhaupt? Ein flüchtiges Etwas, das schon wieder im Aufzucken erstirbt. Phantasterei, wer mehr von ihm erwartet.“

Elliot tritt ein, reicht Steven nach Begrüßung fragend das Pergament. Steven wird von der Schrift gefesselt und zieht Elliot in ein Nebenzimmer. Merceda wird aufmerksam und tritt lächelnd in harmloser Neugierde zum Vorhang, um zu lauschen.

Bild 5.

Nebenraum bei Steven.

Elliot und Stefen in eifriger Besprechung, über das Pergament gebeugt. Steven erklärt: „Ein Tal des Unsichtbaren ist in dieser Schrift genannt, das reines Gold einschließen soll.“ Eifrig studieren sie weiter.

Bild 6.

Studierzimmer.

Merceda steht noch immer lächelnd. Ihr Gesicht wird nach und nach ernst.

Bild 7.

Nebenraum bei Steven.

Enttäuscht legt Steven das Pergament zur Seite: „Die Aufzeichnung des Weges ging verloren. Das Pergament allein ist für die Hebung des genannten Schatzes wertlos.“

Elliot steht geärgert und steckt das Pergament ein.

Bild 8.

Studierzimmer.

Merceda sitzt wieder an ihrem Platze und spielt versonnen mit ihrem Bleistift, den Blick in die Ferne gerichtet. Steven tritt ein, lächelnd deutet er auf das geschriebene Blatt: „Wie recht habe ich doch mit meinem Glauben an die Selbstsucht. Das Wort von einem Schatze reicht schon aus, um alle Bildung, alle Bande der Gefühle in den Menschen zu verwirren.“

Lächelnd spricht er noch mit ihr und verabschiedet sie dann freundlich.

Bild 9.

Arbeitszimmer Kendersens im Museum.

Kendersen ist noch ruhig über seiner Arbeit, als Merceda eintritt und ihm voll Eifer berichtet, was sie über den Inhalt des Pergamentes gehört hat. Mercedas Reden wehrt er teilnahmslos ab, bis diese sich gelangweilt den umherliegenden Büchern zuwendet und eins derselben aufschlägt, sich in einen Sessel setzt und oberflächlich zu lesen beginnt. Kendersen sinkt langsam auf seinen Stuhl zurück und starrt vor sich hin. Er sieht in Gedanken sich selbst in einer Grotte mit Gold. Mit einer Fackel leuchtet er umher. Sein Ausdruck ist nicht abstoßend, sondern verklärt. Er hätte es nur für sein Kind gewünscht. Weiterdenkend sieht er Merceda die Annehmlichkeiten des Reichtums fröhlich genießen.

Merceda aber wird plötzlich von dem Inhalte eines Buches gefesselt. Sie liest: „Starke Gedanken formen sich zu brennendem Wunsche, werden hinausgetragen gleich Boten, verbinden sich anwachsend mit allem Gleichartigen, finden zuletzt ein Ziel und erzeugen dort einwirkend Gutes und Böses, je nach ihrer Art. Kannst Du ermessen, welches Unheil somit unreine Gedanken stiften?“

Erschreckt blickt Merceda auf die Zeilen, furchtsam wendet sie das Blatt und liest weiter: „Ausströmende Gedanken halten eine unsichtbare Brücke, auf der die hochverstärkte Rückstrahlung zu Dir erfolgt.“

Hastig fragte sie Kendersen. Dieser streicht versonnen über seine Stirn und sieht verständnislos zu ihr. Merceda wiederholt die Frage. Ungeduldig wehrt Kendersen ab, steht auf und geht nervös umher.

Bild 10.

Elliots Arbeitszimmer.

Elliot sitzt grübelnd über das Pergament gebeugt. Seine Hände sind geballt. Verdrossen sieht er vor sich hin, und denkt an die entschwundene Gelegenheit, eine besondere Auszeichnung und Ehrung zu erhalten. Er strebt [nach Ruhm für sich. Dann trommelt er nervös und geärgert auf der Tischplatte.

Bild 11.

„Merceda im Zwiespalt“.

Mercedas Mädchenzimmer.

Merceda sitzt eifrig lesend über dem Buche, das sie sich aus dem Museum mitgenommen hat. Sie liest: „Dem ernsthaft Suchenden wird auch ein Weg gezeigt.“

Kopfschüttelnd legt sie das Buch zur Seite und grübelt. Dabei denkt sie an die Worte ihres Lehrers Steven, als er ihr den Totenschädel zeigte. Merceda preßt die Hände an die schmerzende Schläfe, an ihre brennenden Augen, dann lehnt sie sich müde zurück und murmelt: „Starke Gedanken . . . werden hinausgetragen . . . gleich Boten. . . . und finden . . . ein Ziel.‘

Merceda schläft in dem Gedanken ein. Eine Vision erscheint vor ihrem geistigen Auge wie ein Traum: Sie sieht den Meister und Heliobas. Der Meister spricht zu Heliobas, seinen Schüler: „Halte den Herd Deiner Gedanken rein, mein Heliobas. Du stiftest damit Frieden und bist glücklich.“

Der Meister verschwindet. Heliobas aber wird klarer, und hält Merceda ausdrucksvoll ein Elfenbeintäfelchen mit fremden Schriftzeichen entgegen. Dann verblaßt das Bild.

Merceda wacht auf, sieht erst verwirrt um sich, klappt dann aber lächelnd das Buch zu und legt es zur Seite.

Bild 12.

Studierzimmer Stevens.

Merceda sitzt dem Vortrag Stevens lauschend und eifrig Notizen machend. Plötzlich fragt sie unvermittelt: „Was ist ein klarer Traum, Herr Steven?“

Steven lacht. „Eine Seifenblase, die in wirrem Durcheinander schillernde Bilder zeigt. Der Ausdruck angeregter Nerven des Gehirns. Das ist alles.“

Scherzend unterrichtet er weiter.

Bild 13.

„Das Museum erhält ein Geschenk aus der Hinterlassenschaft eines Forschungsreisenden.“

Museumsraum.

Neben mehreren geöffneten Kisten sind fremdländische Gegenstände ausgepackt, und werden von Elliot, Kendersen und dessen Tochter Merceda besichtigt. Plötzlich greifen Elliot und Kendersen gleichzeitig nach einem Elfenbeintäfeichen mit fremder Schrift (dasselbe Täfelchen, das Heliobas Merceda in deren Vision entgegenhielt). Elliot hebt es langsam in die Höhe. Kendersen hält unwillkürlich ebenfalls fest. Beider Blicke treffen sich dabei, erst erstaunt, fragend, dann feindselig in plötzlichem Verstehen. Merceda wird dadurch aufmerksam, erblickt das Täfelchen und ist sichtbar erschrocken. Ungläubig beugt sie sich weit vor, um es genau zu sehen. Kendersen läßt los und deutet erregt darauf: „Dieselbe rätselhafte Schrift wie bei dem Pergament.“

Elliot nickte ernst und steckt das Täfelchen in seine Tasche. Dann geht er zur Türe, wendet sich nochmals mißtrauisch um, sieht forschend auf Kendersen und Merceda, und verläßt den Raum. — Merceda streicht sich wie erwachend über die Stirne, erfaßt krampfhaft Andersens Arm, verstört: „Vater, dieses Täfeichen sah ich im Traume schon einmal. Was ist das nur? Mir ist dabei ganz sonderbar!“

Kendersen preßt Merceda an sich, in hoher Erregung: „Ich muß den Inhalt dieser Schrift erfahren! Geh zum Unterricht. Vielleicht kannst Du dabei etwas erlauschen; denn Elliot sucht Steven auf.“

Bild 14.

Straße.

Merceda eilt zum Unterricht. Foster hat sie wieder erwartet und hält die Ungeduldige mit seinen Bitten auf. Er erklärt ihr diesmal offen seine Liebe. Merceda hört ihn ruhig und erstaunt an. Leicht schüttelt sie den Kopf: „Ich kann Ihre Frau nicht werden. Denken Sie nicht mehr daran, Herr Foster!“

Freundlich reicht sie ihm die Hand und geht. Betrübt blickt Foster nach.

Bild 15.

Studierzimmer Stevens.

Steven und Elliot betrachten das Täfelchen. Steven zuckt bedauernd die Achseln: „Diese Arbeit ist schon schwieriger. Bis heute Abend oder morgen früh gedenke ich fertig zu werden.

Elliot schüttelt ihm die Hand und geht.

Bild 16.

Treppenhaus.

Merceda kommt die Treppe empor. Elliot begegnet ihr. Betroffen sieht sie ihm nach, zuckt dann bedauernd die Schultern und tritt bei Steven ein. Elliot bleibt stehen und sieht ihr mißtrauisch nach.

Bild 17.

Studierzimmer Stevens.

Steven sitzt bereits bei der Entzifferung des Täfelchens. Merceda tritt ein. Steven entschuldigt sich, da er die Arbeit bis zum Abend fertig machen will. Freundlich zustimmend geht Merceda wieder.

Bild 18.

Arbeitszimmer Kendersens.

Kendersen erwartet nervös die Rückkehr seiner Tochter. Merceda kommt und erzählt, was sie erfahren hat. Kendersen ist hochgradig erregt, dann sucht er fieberhaft ein Buch und gibt es Merceda: „Steven wünscht schon lange dieses Buch. Gib es ihm heute Abend noch und suche dabei etwas zu erfahren.“

Merceda sträubt sich dagegen. Kendersen bittet erregter: „Wenn Du Deinen alten Vater glücklich sehen willst, so tue es. Im Notfall nimmst Du es verstohlen und legst es morgen wieder an den alten Platz. Du sollst es doch nicht stehlen.“

Gezwungen lachend sucht er ihre Bedenken zu zerstreuen, wobei immer wieder das unstillbare Verlangen durchdringt. Merceda sagt zuletzt den Versuch zu.

Bild 19.

Studierzimmer Stevens.

Steven sitzt arbeitend bei Lampenlicht und legt aufatmend das Täfelchen mit der Übersetzung zur Seite. Schüchtern tritt Merceda ein. Steven ist erstaunt, nimmt aber hocherfreut das Buch: „Das gibt Erholung nach der angestrengten Arbeit. Ich habe es erreicht.“

Steven deutet nach der Übersetzung. Merceda will interessiert Täfelchen und Übersetzung in die Hand nehmen. Mit komischer Wichtigkeit aber legt Steven schnell ein Blatt Papier darüber, ihr scherzend drohend. Merceda lehnt sich mit dem Rücken gegen die Stelle, spricht mit ihm und nimmt beides dabei unter fortwährendem innerem Kampfe an sich.

Bild 20.

Arbeitszimmer Elliots.

Elliot sitzt bei Lampenlicht, von nervöser Unruhe gequält. Entschlossen schreibt er dann auf einen Briefbogen: „Lieber Steven! Steigende Unruhe läßt mich nach Deiner Übersetzung fragen. Wenn Du damit fertig bist, so hole ich sie heute noch. Gruß Elliot.“

Er gibt den Brief einem Diener zu sofortiger Beförderung.

Bild 21.

Studierzimmer Stevens.

Merceda ist zum Fortgehen bereit. Der Diener Elliots tritt ein und überreicht Steven den Brief. Merceda erschrickt und tritt schnell wieder mit dem Rücken an den Schreibtisch und legt Täfelchen und Übersetzung wieder an den alten Platz, während Steven liest. Steven ruft ihr lachend zu, daß sie noch einen Augenblick warten soll, dann schreibt er schnell: „Lieber Elliot! Soeben fertig! Sende beides mit Merceda, damit Du Dir den späten Gang ersparst. Dein Steven.“

Steven gibt dem Diener den Brief, der sich sofort entfernt. Dann steckt er Täfelchen und Übersetzung in einen großen Briefumschlag und bittet Merceda, den Brief Elliot zu geben. Er prägt ihr dabei die größte Sorgfalt ein. Merceda atmet erleichtert auf und geht.

Bild 22.

Wohnzimmer Kendersens.

Kendersen fährt empor, als Merceda eintritt und eilt ihr gespannt entgegen. In fliegender Hast berichtet Merceda und zeigt ihm den Brief. Kendersen ergreift ihn mit bebenden Händen, schließt dann sorgfältig die Tür und sucht den Umschlag mit dem Brieföffner vorsichtig zu öffnen. Merceda steht aufgeregt bangend dabei, plötzlich zuckt sie zusammen und deutet entsetzt auf den Briefumschlag. Das feine Messer Kendersens hat den Briefumschlag verletzt. Kendersen wird nervös, der Riß wird dadurch größer, und Kendersen reißt zuletzt in unüberlegter Hast den Briefumschlag herunter. Beide fahren in diesem Augenblick zusammen und lauschen erschreckt nach der Türe.

Bild 23.

Vor der Tür Kendersens.

Elliot steht wartend vor der Türe, hält den offenen Brief Stevens in seiner Hand, und pocht energisch an die verschlossene Tür.

Bild 24.

Wohnzimmer Kendersens.

Es zeigt sich wilde Entschlossenheit in Kendersens Zügen. Energisch steckt er die Sendung Stevens in seine Tasche und gebietet Merceda, die Tür zu öffnen. Merceda sieht verständnislos auf die Handlung ihres Vaters und geht dann furchtsam nach der Türe, die sie nach einem bittenden Blick auf den Vater öffnet. Schnell tritt Elliot ein, wirft einen mißtrauisch erstaunten Blick umher und befragt Merceda, auf Stevens Brief in seiner Hand deutend. Hastig tritt Kendersen dazwischen: „Sie finden uns in größter Verwirrung. Merceda hat den Brief von Steven auf ihrem Wege hierher verloren.“

Merceda sieht mit großen, ungläubig erstaunten Augen auf ihren Vater und weicht langsam von ihm zurück. Elliot fährt wild empor. Dann aber rafft er sich gewaltsam zusammen. sieht mißtrauisch von Kendersen auf Merceda, und stellt mit gewaltsam unterdrückter Erregung an Merceda einige Fragen. Auf einen verstohlenen Wink Kendersens senkt Merceda beschämt und verwirrt den Kopf. Elliot will in wieder hochsteigendem Zorne ungestüm auf sie zu. Kendersen tritt jedoch schnell dazwischen. Feindselig treffen sich Kendersens und Elliots Blicke. Kendersen verbeugt sich dann bedauernd. Elliot strafft sich ruckartig auf, sieht noch einmal mit zusammengepreßten Lippen fest auf Kendersen, und geht dann schnell hinaus. Kendersen schließt sorgfältig die Tür wieder, hängt ein Tuch vor das Schloß, und liest dann in Ruhe die Übersetzung. Merceda ist seinem Tun mit starren Blicken gefolgt, dann tritt sie schnell zu ihm und fragt mit angstvollen Blicken. Kendersen lächelt überlegen, ganz von dem Inhalt der Übersetzung eingenommen, deutet er geheimnisvoll darauf: „Es zeigt den Weg zum Tale!“

Merceda schüttelt ihn verzweifelt und macht Vorhaltungen. Kendersen wehrt überlegen lächelnd ab. Merceda richtet sich langsam auf und weicht wieder impulsiv von ihm zurück, streckt nochmals flehend beide Arme nach ihm aus und bricht dann mit einem Weheruf in die Knie. Das bisher reine, unantastbare Bild des Vaters in Mercedas vertrauender Seele zerbricht. Da sieht sie in ihrer Erregung wie im Traume visionär Heliobas neben ihrem Vater stehen, der ihr Hilfe verheißend die Hand entgegenstreckt.

Bild 25.

Arbeitszimmer Elliots.

Elliot sitzt am Schreibtisch. Vor ihm sein Sekretär Foster. Elliot spricht aufgeregt und schlägt mehrmals mit der flachen Hand auf den Tisch: „Foster‚ Sie ahnen nicht, was mir damit geschah!“

Ruhig lächelnd hebt Foster den Kopf: „Herr Steven wird doch noch den Urtext seiner Übersetzung haben.“

Verblüfft starrt Elliot den Sprecher an, springt kerzengerade auf, schlägt sich vor die Stirne, läßt hastig Hut und Mantel bringen, klopft Foster lachend auf die Schulter und stürmt fort.

Bild 26.

Studierzimmer Stevens.

Steven betrachtet den Urtext seiner Übersetzung, und faltet dann das Papier lächelnd zu einem Fidibus zusammen. Während er eine Kerze anbrennt, spricht er für sich selbstzufrieden: „Von Vertrauensarbeit soll man keine Abschrift behalten! Ich will keiner Versuchung ausgesetzt sein!“

Langsam verbrennt er das Papier und zerdrückt bedächtig die Asche. Da tritt Elliot stürmisch ein und fragt. Erstaunt deutet Steven auf das Häufchen Asche. Gebrochen sinkt Elliot in einen Sessel. Dann fährt er wieder empor: „Aus dem Gedächtnis kannst Du es doch ungefähr wiederholen?“

Steven verneint. Elliot spricht heftig auf ihn ein: „Hier ist eine Schurkerei im Spiele! Ich ruhe nicht, bis ich den Schuldigen entlarve!“

Steven drückt ihm beruhigend die Hand: „Ich fühle mich verpflichtet, zu der Klärung beizutragen.“

Etwas beruhigt geht Elliot.

Bild 27.

Elliots Arbeitszimmer.

Foster arbeitet ruhig. Elliot geht sinnend hin und her. Zeitweise ruht sein Blick forschend auf Foster. Endlich tritt er zu diesem und legt seine Hand auf dessen Schulter: „Herr Foster, im Vertrauen! Ich weiß, daß Sie Merceda lieben. Ein schmutziger Verdacht ruht jetzt auf ihr. Wollen Sie mir helfen, das Geheimnis aufzuklären?“

Foster bejahte eifrig. Elliot erzählt ihm alles Vorgegangene und hält am Schlusse seiner Erzählung Foster die Hand entgegen, in welche dieser ernst einschlägt, während Elliot ironisch triumphierend lächelt.

Bild 28.

„Eines Tages . . . .“

Wohnzimmer bei Kendersen.

Merceda tritt an den gedeckten Frühstückstisch. Sie befragt das aufwartende Mädchen, ob sie Kendersen noch nicht gesehen habe. Das Mädchen verneint. Merceda geht besorgt aus dem Zimmer.

Bild 29.

Vor Kendersens Schlafzimmer.

Merceda klopft und lauscht. Sie wird ängstlicher und klopft heftiger. Dann sucht sie durch das Schlüsselloch zu sehen und drückt zuletzt versuchend auf die Klinke. Die Türe geht zu Mercedas Erstaunen auf. Zagend tritt sie ein.

Bild 30.

Kendersens Schlafzimmer.

Merceda tritt ein, blickt furchtsam um sich, eilt aber schnell nach dem Bett, findet dieses unberührt. Sie sieht zwei Briefe auf dem Tische und hebt den einen auf. Adresse: „An meine Tochter!“

Merceda sieht sich verstohlen um, öffnet den Brief, und liest: „Ich gehe, um mein Glück für Dich zu heben. Schweige über alles. Die Nationalbank zahlt Dir monatliche Summen aus. Verbrenne diesen Brief und warte. Dein Vater.“

Scheu sieht sich Merceda um, zündet schnell eine Kerze an, und verbrennt den Brief. Das Mädchen sieht dabei durch die Türe. Merceda bemerkt es, rafft sich verwirrt auf und nimmt den zweiten Brief, der die Adresse trägt: „An Herrn Museumsdirektor William Elliot.“

Als Merceda immer noch den neugierig-fragenden Blick des Mädchens auf sich gerichtet sieht, zwingt sie sich gewaltsam zur Ruhe, und erklärt: „Mein Vater ist für unbestimmte Zeit verreist.“

Merceda geht dann mit dem Brief aus dem Zimmer. Kopfschüttelnd sieht ihr das Mädchen nach und betrachtet erstaunt die Asche.

Bild 31.

Elliots Arbeitszimmer.

Foster und Elliot arbeiten. Merceda tritt gedrückt ein und überreicht aufklärend den Brief. Elliot sieht sie forschend an, nickt nachdenklich und liest: „Bester Herr Elliot! Ihr sichtbares Mißtrauen macht mich krank. Ich weiß, daß meine Tochter keine Schuld an dem Verluste trägt und will deshalb versuchen, das Täfelchen zurückzubringen. Kendersen.“

Elliot lächelt ironisch und fragt Merceda, ob sie den Inhalt kennt. Als sie verneint, reicht er ihr den Brief. Sie liest mit sichtlicher Beschämung, gibt den Brief wortlos zurück und geht. Elliot blickt ihr böse nach, wendet sich dann zu Foster und gibt ihm den Brief. Dieser liest und schüttelt lächelnd den Kopf. — — Mercedas Mädchen tritt ein und bringt verschiedene Schlüssel: „Meine Herrin schickt die Schlüssel zu dem Arbeitszimmer im Museum.“

Elliot befragt sie eindringlich und gibt ihr ein Geldstück. Das Mädchen schildert den Vorgang am Morgen, wie Merceda den Brief verbrannte. Elliot wirft vielsagende Blicke zu Foster, reicht dem Mädchen noch ein Geldstück und spricht freundlich auf sie ein. Das Mädchen nickt bejahend und wichtig, und geht erfreut. Elliot trommelt erregt auf die Schreibtischplatte und fragt dann Foster kurz: „Glauben Sie nun? Vater und Tochter handeln in vollem Einverständnis. Sie deckt ihm hier den Rücken.“

Foster sieht Elliot fest und ruhig an: „Das muß ein unseliger Irrtum sein. Ich werde schon die Wahrheit finden.“

Foster steht auf, grüßt kurz und geht. Elliot starrt ihm verblüfft nach und deutet dann ärgerlich an, daß Verliebte nicht zurechnungsfähig sind.

Bild 32.

„Merceda leidet unter dem Vertrauen ihres Lehrers.“

Studierzimmer Stevens.

Merceda steht mit gesenktem Kopf vor Steven. Sie ist schwarz gekleidet. Steven hebt ihr Gesicht am Kinn empor und sieht sie prüfend freundlich an: „Merceda, laß die Sehnsucht nach dem Vater! Klammere Dich an frohe Gedanken; denn der Mensch empfindet das, was er sich ehrlich einbildet. Den Kopf hoch, Mädchen!“

Seelisch gepeinigt geht Merceda.

Bild 33.

Diele in Kendersens Wohnung.

Ein Brief fällt durch die Öffnung der Flurtür. Das Mädchen kommt und hebt ihn auf. Aufmerksam liest sie die Adresse, dann wendet sie, um nach dem Absender zu sehen: „Absender: Leonie Gordon, Gordons-Home, Kalkutta (Indien)“.

Schnell schreibt sie die Adresse auf ein Stück Papier, verschmitzt lächelnd, zeitweise nach der Flurtür lauschend, und trägt den Brief dann in das Zimmer. Merceda kommt zurück von ihrem Ausgange und legt ab.

Bild 34.

Kendersens Wohnzimmer.

Merceda tritt ein und läßt sich erschöpft auf einen Sessel fallen. Auf einem Tischchen neben ihr liegt der Brief, den sie noch nicht gesehen hat. Merceda blickt trübe vor sich hin. Da sieht sie in ihrem Grübeln wieder in Gedanken das Elfenbeintäfelchen, allein schwebend. Dann bildet sich langsam die Figur des Heliobas daran. Beruhigend lächelnd nickt er ihr zu.

Merceda streckt flehend die Hände darnach aus: „Bild meiner Fantasie, wenn Dich Gedanken finden können, so zeige mir den Weg, den ich zu gehen habe.“

Mercedes sinkt wieder erschöpft in sich zusammen. Langsam richtet sie sich wieder auf, streicht müde über ihre Stirn und schüttelt wehmütig lächelnd den Kopf. Dabei fällt ihr Blick auf den neben ihr liegenden Brief. Erstaunt, verwirrt blickt sie darauf, und nimmt ihn zögernd auf. Dann aber öffnet sie hastig und liest: „Liebes Schwesterchen! Wo ist Vater? Mein Mann behauptet, daß er ihn hier in Kalkutta gesehen hat. Doch Vater wollte ihn nicht kennen. Sein ganzes Wesen ist verstört erschienen. Bitte beruhige Deine besorgte Schwester Leonie Gordon.“

Merceda springt auf, wie eine Erleichterung kommt es über sie. Das ist der Weg, den sie zu gehen hat! Ein Wink! Entschlossen klingelt sie dem Mädchen. Diese tritt fragend ein. Merceda bestimmt: „Bereite meine Koffer vor. Ich fahre zu meiner Schwester!“

Bild 35.

Elliots Arbeitszimmer.

Elliot geht nervös umher. Dann spricht er zu Foster: „Wir sind mit unseren Nachforschungen auf den toten Punkt gekommen. Die Sache ist zu schlau berechnet.“

Er wendet sich schnell und ruft nach der Tür zu, an die es geklopft hat. Schüchtern kommt Mercedas Mädchen und zeigt die aufgeschriebene Adresse. Dabei erzählt sie das Vorgefallene. Elliot ist erfreut und gibt ihr wieder Geld. Dann schiebt er sie schnell hinaus und wendet sich grimmig lachend an Foster: „Foster, jetzt kommt der eigentliche Schlag. Indien! Wie Stevens sagte, führt der Weg der Aufzeichnungen auch dahin!“

Beide beraten. Foster kommt plötzlich ein Gedanke: „Ich habe es! Mein Studienkollege Morten ist Verwalter bei Kalkutta. Ein verwegener Geselle. Für einen Freund stellt er ganz Indien auf den Kopf.“

Elliot grübelt. Dann kommt er zu einem Entschluß: „Gut. Doch reisen Sie auch selbst. Ich muß die Tafel wieder haben. Für Ihren Eifer bürgt mir Ihre Liebe.“

Ironisch lächelnd nickt er Foster zu, der eifrig zu schreiben beginnt. — Mercedas Mädchen tritt wieder ein, triumphierend, eine Fotografie in der Hand. Reicht das Bild Elliot: „Hier ist das Bild vom Fräulein. Sie wird es nicht vermissen.“

Elliot nimmt das Bild dankend, und reicht es Foster, der es mit in den Brief an Morton steckt, während das Mädchen wieder geht.

Bild 36.

Park vor dem Landhaus Mortons.

Morton will ausreiten. Ramdyal bringt einen Brief. Er liest, lacht laut auf und schlägt sich belustigt mit der Reitpeitsche auf die Stiefel. Dann sinnt er, nimmt den Brief noch einmal zur Hand. Liest: „Merceda ist die Schwester Deiner Nachbarin Leonie Gordon. Meine Liebe ist vorläufig aussichtslos, aber ich muß sie noch gewinnen. Um jeden Preis….“

Morton lacht wieder kopfschüttelnd, wendet den Brief und liest weiter: „Beiliegend Bild und Aufschluß über alles. Suche sie auf jeden Fall an Abreise zu hindern, bis ich komme.“

Morton geht sinnend umher, nickt dann mit frivolen Lächeln dem Briefe zu, den er hochhält: „Verlasse Dich darauf. Ich werde sie verhindern. Das dumme Ding soll Dir noch ewig dankbar werden.“

Ruft laut nach Ramdyal, dem er eindringlich verschiedene Aufträge gibt. Steigt auf und reitet fort.

Bild 37.

Elliots Arbeitszimmer.

Elliot schreibt. Foster tritt ein und reicht ihm ein schon geöffnetes Telegramm: „Eingetroffen. Nehme sie in meine Hut. Erwarte Dich. Morton.“

Elliot gibt Foster lächelnd einen Scheck: „Reisen Sie mit viel Glück. Vielleicht gewinnen Sie des Mädchens Liebe doch noch. Mir aber bringen Sie die Tafel.“

Bild 38.

„Morton mietet ein Haus.“

Gartenstraße im Vorort Kalkuttas.

Aus einem Hause mit angehängtem Plakat folgender Aufschrift: „To be let“ treten Morton, Ramdyal und der Vermieter. Das Haus trägt die Nummer 37. Morton zahlt noch auf den Stufen stehend. Der Vermieter löst das Plakat, händigt Morton die Schlüssel aus und geht. Morton macht Ramdyal auf die Nummer aufmerksam und schreibt sie auf einen Zettel. 37 Bakerstreet. Dann reicht er Ramdyal den Zettel und gibt ihm Instruktionen.

Bild 39.

Mortons Arbeitszimmer.

Morton schreibt. Ramdyal bringt ein Telegramm: „Eintreffe mit nächstem Schiff. Foster.“

Morton lächelt befriedigt, schreibt einen Zettel und gibt diesen dem noch wartenden Ramdyal mit vertraulicher Erklärung. Ramdyal lächelt schlau und geht.

Bild 40.

Veranda an Gordons Landhaus.

Merceda steht verträumt auf der Veranda. Leonie tritt zu ihr und tröstet sie. Merceda schüttelt traurig den Kopf: „Es ist nicht allein das Verschwinden des Vaters.“ Merceda erzählt den ganzen Vorgang mit der Elfenbeintafel. Leonie ist bestürzt, tröstet aber Merceda: „Vielleicht weiß Gordon einen Rat. Ich will ihn fragen. Der Vater wird schon schließlich noch ein Lebenszeichen geben.“

Leonie geht in das Haus. Ramdyal schleicht aus dem Garten heran, drückt der erschreckten Merceda einen Zettel in die Hand und verschwindet schnell wieder. Merceda liest: „Ihr Vater hält sich hier verborgen und will Sie sprechen. Folgen Sie dem Boten, der morgen Nachmittag im Bazar Ihrer wartet. Doch schweigen Sie um Ihres Vaters Willen.“

Gordon und Leonie treten aus dem Hause. Merceda will den Zettel verwirrt verstecken. Leonie aber nimmt ihn bittend und liest, reicht ihn dann stumm Gordon. Dieser protestiert. Merceda aber bleibt entschlossen. Gordon wendet sich nun ernst zu ihr: „Da ist etwas nicht in Ordnung. Nur unter der Bedingung lasse ich Dich morgen gehen, daß ich Deine Schritte überwachen darf.“

Lächelnd willigt Merceda ein.

Bild 41.

Studierzimmer bei Steven.

Erregte Aussprache zwischen Elliot und Steven. Steven wehrt ab: „Den Morton kenne ich! Er ist ein leichtsinniger, skrupelloser Mensch. Wer weiß, worein er dieses Mädchen stürzt!“ Elliot zuckt gleichgiltig die Schultern: Was liegt mir an dem Schicksal dieses Mädchens? Wenn ich nur meine Tafel wiederhabe“

Steven geht erregt umher. Er tritt ernst vor Elliot: „Elliot, dann bleibt kein anderer Weg. Ich muß ihm nach! Schließlich trage ich doch an der Sache mit die größte Schuld.“

Spöttisch lächelnd betrachtete Elliot den Freund.

Bild 42.

Vor Gordons Landhause.

Gordon ruft vergebens nach Merceda, fragt Leonie, welche bestürzt die Achseln zuckt, und eilt fort.

Bild 43.

Im Innern des Bazars in Kalkutta.

Spätnachmittag. Merceda geht suchend durch die Verkaufsstände. Ramdyal tritt flüsternd an Merceda heran. Diese läßt sich von ihm führen. Er führt sie nach Bakerstreet Nr. 37 und klopft. Merceda tritt mit Ramdyal in das Haus.

Bild 44.

Im Bazar.

Gordon irrt suchend und fragend umher.

Bild 45.

Orientalisches Empfangszimmer im Hause Nr. 37.

Ramdyal führt Merceda in das Zimmer. Morton tritt von der anderen Seite ein. Er empfängt Merceda liebenswürdig, beauftragt Ramdyal, ein erfrischendes Getränk zu holen und ladet Merceda zum Sitzen ein, auf einem Polster inmitten des Raumes. Merceda fragt nach ihrem Vater. Morton zuckt bedauernd die Schultern: „Ich bin seit kurzem erst als Sekretär im Hause und werde meinem Herrn ihr Ansuchen berichten.“

Morton geht ab. Nach kurzer Zeit kommt Ramdyal mit einem Getränk und entfernt sich wieder. Mechanisch trinkt Merceda und sieht sich prüfend um. Ihr Blick wird plötzlich ängstlich, verwirrt streicht sie sich über die Stirn und Augen, faßt nach dem Halse, stützt sich schwer und fällt dann langsam in die Kissen zurück, verliert das Bewußtsein.

Morton sieht vorsichtig in das Zimmer, kommt ganz herein, prüft Mercedas Zustand.

Bild 46.

Veranda vor Gordons Landhause.

Leonie sieht besorgt wartend nach Merceda und Gordon aus. Gordon kommt aufgeregt zurück. Auf Leonies ängstliche Frage nach Merceda erklärt er ihr: „Merceda ist spurlos verschwunden. Ich habe unter Beistand der Behörde alles aufgeboten. Doch bis jetzt vergebens.“

Weinend lehnte sich Leonie an Gordons Brust.

Bild 47.

Park vor Mortons Landhause.

Morton und Foster reiten vom Hafen kommend vor das Haus und steigen ab. Foster drängt ungeduldig in Worten: „Und nun foltere mich nicht länger, Morton! Sage endlich, wie hier alles steht.“

Morton schlägt Foster lachend auf die Schulter und erzählt. Fosters Erregung steigert sich während der Erzählung. In wütender Verzweiflung faßt er Morton an der Brust und schüttelt ihn. Morton zuckt verständnislos und beleidigt die Achseln und wendet sich ab. Foster beobachtet ihn wieder scharf und bestürmt ihn. Morton wird ärgerlich: „Ich habe es nur gut mit Dir gemeint. Du sollst sie doch befreien dürfen.“

In fieberhafter Eile treibt Foster zum Aufbruch.

Bild 48.

Zimmer in Bakerstreet 37.

Merceda liegt auf einer Ottomane und schläft. Sie erwacht, lächelt erst, dann aber richtet sie sich schnell empor. Verzweifelt sucht sie die Türen zu öffnen. Eine Negerin öffnet und weist sie barsch zurück. Erschöpft sinkt sie zurück auf ihr Lager. Ihre Gedanken schweifen zu Heliobas. Traumartig bilden sich die Figuren des Meisters und Heliobas. Der Meister deutet auf Merceda und spricht zu Heliobas: „Sieh, Heliobas, alles Übel auf der Welt muß sich in Dienst des großen Unsichtbaren stellen; denn es bekämpft den ärgsten Feind der Menschen: Die Verflachung.“

Dankbar küßt Heliobas dem Meister die Hand: „Durch Dich, o Meister, kam mir die Erkenntnis. Bei Rückwärtsblicken sehe ich jetzt mein großes Leid, das mich verzweifeln lassen wollte, als bester Freund, der mich hart aufrüttelnd aus der vernichtenden Umklammerung sorgloser Gleichgiltigkeit riß; der mich dadurch zum Fortschritt zwang, als ich ausruhend jammervoll verkümmern wollte.“

Heliobas nickt Merceda bedeutungsvoll zu. Merceda hat sich erwachend langsam staunend aufgerichtet. Dann geht ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie springt vom Lager, neu gestärkt, streckt die Arme empor und ruft, groß in seliger Begeisterung: „Wie ich Dich große, geheimnisvolle Macht auch nennen soll, ich fühle Dich! O mache mich wert zum Kampf um mich selbst!“

Bleibt in stiller Andacht stehen, zuckt dann aber plötzlich zusammen und lauscht. Die Negerin bringt Speise. In plötzlicher Eingebung stößt Merceda die Negerin zurück und flüchtet durch die Türe, diese hinter sich verschließend.

Bild 49.

Straße.

Morton und Foster stehen am Eingang der Straße. Morton zeigt nach der Richtung des Hauses. Da wird ein Fenster im Parterre aufgerissen und Merceda springt angstvoll heraus. Zwei schwarze Arme strecken sich ihr nach und erfassen sie. Merceda schlüpft aus der festgehaltenen Jacke, sieht, sich umschauend, Morton eilig heranstürmen, schreit angstvoll auf, da sie wähnt, daß er sie verfolgt, eilt auf ein Pferd zu, das einige Häuser entfernt von einem Knaben gehalten wird. Den verblüfften Knaben zurückstoßend, springt sie ohne Überlegung auf das Pferd und jagt in wilder Flucht ziellos davon. Morton und Foster sehen sie verblüfft an sich vorüberreiten, dann stürmt Foster den Weg zurück, von Morton gefolgt.

Bild 50.

„Steven ist eine Stunde nach Foster eingetroffen und hat Gordon aufgesucht.“

Wohnzimmer Gordons.

Gordon erzählt Steven Mercedas Verschwinden. Steven ist entsetzt. Er wendet sich an Gordon und Leonie: „Sind Sie mit Ihrem Nachbar Morton bekannt?“

Beide bejahen erstaunt. Steven aber springt auf, bittet Gordon um ein Pferd und eilt hinaus, von Gordon und Leonie gefolgt.

Bild 51.

Park vor Gordons Hause.

Steven zu Pferd. Gordon und Leonie sprechen lebhaft auf ihn ein. Gordon bietet sich an, mitzureiten. Steven wehrt freundlich ab und reitet fort.

Bild 52.

Park vor Mortons Landhaus.

Ramdyal hält zwei Pferde. Foster und Morton sind im Begriffe, in großer Erregung aufzusteigen. Steven reitet ein. Betroffen nimmt Foster den Fuß wieder aus dem Bügel: „Herr Steven!“

Steven fordert Aufklärung. Hastig berichtet Foster. Im ersten Zorn hebt Steven seine Gerte gegen Morton, beherrscht sich aber und treibt zur Eile. Alle drei reiten davon. Ramdyal sieht ihnen nach und läuft dann in großen Sprüngen in derselben Richtung fort.

Bild 53.

Wald.

Merceda reitet ermüdet ganz langsam. Sie überlegt, wie sie auf Umwegen sich zurückfinden kann zum Hause ihrer Schwester.

Bild 54.

Beobachtungssaal im Tale des Unsichtbaren.

Ringsum geschlossene Vorhänge. Mattes Oberlicht. Inmitten des großen Raumes, der siebeneckig ist, steht auf schwarzem Sockel eine große Glaskugel.

Vor dieser Kugel hockt beobachtend ein Inder. Unbeweglich. An den Ausgängen stehen zwei weißgekleidete Diener. In einer Ecke des Raumes ist der Meister in ernster Unterhaltung mit seinem Lieblingsschüler Heliobas. Beide tragen antike Gewänder. Der beobachtende Inder steht plötzlich langsam auf, immer in die Kugel blickend. Der Meister wird aufmerksam und deutet nach der Kugel: „Die Kugel trübt sich von anströmenden Gedanken einer angsterfüllten Seele, Heliobas.“

Sie treten zur Kugel und sehen aufmerksam hinein. Merceda wird reitend sichtbar. Heliobas ist durch den Anblick Mercedas hingerissen: „Das ist das Mädchen, das ich oft im Geiste sah! Sie ist mit Kendersen verbunden.“

Ernst sinnend nickt der Meister und winkt nach den Dienern. „Bringt Kendersen zu mir.“

Die Diener verbeugen sich und gehen.

Bild 55.

Wald.

Merceda reitet langsam. Sie lauscht und sieht sich forschend um. Ihr Gesicht zeigt plötzlich Entsetzen, sie drückt dem Pferde die Fersen in die Weichen und reitet, so schnell sie kann; denn sie hat Verfolger hinter sich gesehen.

Bild 56.

Beobachtungssaal im Tale des Unsichtbaren.

Kendersen tritt ein, in grauem Gewande. Der Meister winkt ihm näher zu kommen und läßt ihn in die Kugel schauen. Bild in der Kugel. Merceda in wilder Flucht, hinter ihr Foster, Morton und Steven. Das Bild verschwindet. Kendersen fährt bestürzt zurück: „Meine Tochter!“

Zürnend spricht der Meister zu ihm: „Dahin brachtest Du Dein Kind, weil Dich die Habsucht trieb, in unsere Geheimnisse zu dringen.“

Kendersen ist ein Bild des stummen Schmerzes und der Reue. Er spricht: „Ich tat es für mein Kind.“

Betrübt blickt ihn der Meister an, und spricht dann ernst: „Und damit wolltest Du ihm Steine statt des Brotes bieten.“

Bild 57.

„Merceda flieht ziellos in die Berge.“

Grasflächen, im Hintergrunde Berge, linke Seite Wald. Merceda kommt aus dem Walde, sieht sich mehrmals nach den Verfolgern um, reißt dann ihr Pferd herum und reitet direkt den Bergen entgegen.

Bild 58.

Gebirgssee.

An der einen Seite steil aufragende Felsenwand. Merceda kommt an das Ufer und reitet angstvoll entlang. Sie sieht ein Boot. Morton ist dicht hinter ihr her. Da springt sie ohne Besinnen vom Pferde, in das Boot, und stößt vom Ufer ab. Steven ist unterdessen angekommen, schiebt Morton energisch zur Seite und springt noch im letzten Augenblick in das Boot. Er versucht Merceda aufklärend zu beruhigen und ihr das Ruder aus der Hand zu nehmen, dabei treibt das Boot mehr und mehr vom Ufer ab. Foster erreicht das Ufer, winkt und ruft. Plötzlich stutzt er, ruft Morton etwas zu und deutet erschreckt nach dem Boote.

Bild 59.

Auf dem Wasser.

Merceda und Steven schauen sich plötzlich verwundert im Boote um, prüfen das Wasser und rudern mit aller Anstrengung, während Besorgnis in ihre Gesichter tritt. Steven winkt nach dem Ufer und ruft: „Wir sind von einer Strömung erfaßt!“

Steven und Merceda rudern mit steigender Verzweiflung.

Bild 60.

Ein Felsen am Ufer.

Ramdyal liegt beobachtend auf dem Felsen. Er vergißt in der Aufregung alle Vorsicht und richtet sich hoch auf. Mit Grauen und Furcht beobachtet er den Vorgang. Foster und Morton sprengen in Aufregung ratlos am Ufer hin und her.

Bild 61.

Auf dem Wasser.

Das Boot wird immer schneller gegen die starre Felswand getrieben, nach der Steven und Merceda mit Entsetzen zeigen. Es kommt zuletzt dicht an die Felswand, in der sich eine niedere Öffnung zeigt. In immer schnellerer Fahrt wird es dieser Öffnung zugetrieben, und dann in diese hineingerissen, mitten in den Berg.

Bild 62.

Am Ufer.

Foster deckt erschüttert die Hand über seine Augen: „Ein grausiger Tod!“

Wild-vorwurfsvoll sieht er Morton an, der verlegen den Blick senkt. Dann wendet er langsam sein Pferd und reitet zurück. Morton folgt gedrückt. Ramdyal steht noch wie gelähmt auf dem Felsen und starrt auf die leere Wasserfläche. Dann streckt er furchtsam abwehrend die Hände gegen den See und gleitet schnell vom Felsen herab.

Bild 63.

Im Berge.

Niedere, zackige Felswände. Mattes Dämmerlicht. Das Boot wird auf dem Abfluß des Gebirgssees durch den Berg getrieben. Merceda und Steven halten sich halb betäubt von dem Getöse die Ohren zu und schreien sich nur hier und da eine Warnung zu.

Bild 64.

Beobachtungssaal im Tale des Unsichtbaren.

Heliobas steht vor der Kugel. Merceda wird sichtbar, wie sie mit Steven in dem Boote durch den Berg getrieben wird. Heliobas beugt sich erschrocken vor. Schmerzlich greift er an seine Brust, dann aber hebt er seine Arme und konzentriert sich fürbittend.

Bild 65.

Im Berge.

Die Fahrt wird grausiger und schneller. Steven will erschrocken in die Höhe fahren, als er ein Ruder verliert, schlägt dabei mit dem Kopf an einen Felsenvorsprung und sinkt bewußtlos in das Boot zurück. Merceda klammert sich krampfhaft an beide Bootränder und und blickt entsetzt auf den Bewußtlosen, alle Nervenkraft anspannend, um bei Besinnung zu bleiben. Das Boot schießt plötzlich im Augenblick ihrer höchsten Angst aus dem Berge hinaus in blendendes Sonnenlicht und schaukelt auf ruhigem Wasser. Der unterirdische Abfluß des Gebirgssees führte Merceda durch den Berg unerwartet in das Tal des Unsichtbaren.

Merceda richtet sich mühsam im Boote etwas auf, sieht mit Entzücken das herrliche Tal und sinkt ohnmächtig neben Steven nieder.

Bild 66.

Arbeitszimmer Mortons.

Foster und Morton sind in Streit. Ramdyal meldet Gordon. Bestürzt sehen sich beide an. Ramdyal geht, Gordon einzulassen. Morton beschwört Foster zu schweigen. Gordon tritt ein: „Herr Steven ritt gestern hierher. Er kehrte nicht zurück.“

Foster rafft sich nach einem beschwörenden .Blicke Mortons zusammen und berichtet: „. . . Durch Zufall sah ich Merceda plötzlich gestern in den Wald reiten. Ganz allein .. “. .“

Gordon fragt hastig. Foster bedauert und erzählt weiter. Entsetzt folgt Gordon der Erzählung. Dann mit Schmerz: „Also beide tot?“

Stumm senken Morton und Foster die Köpfe. Gordon geht. Während Foster erregt hin und her geht, steht Morton am Fenster, zieht langsam seinen Revolver aus der Tasche und betrachtet ihn sekundenlang finster, Foster den Rücken kehrend. Foster bemerkt es plötzlich, tritt schnell zu Morton und nimmt die Waffe. Ernst: „Morton, das ist nicht der Weg, einen verhängnisvollen Irrtum gut zu machen. Halte aus! Vertiefe Dich in Arbeit. Die Zeit bringt schon Vergessen.“

Morton sieht ihn verstört an und schüttelt finster den Kopf: „Das Bild wird mir stets vor den Augen bleiben.“

Foster redet ihm zu und hält ihm die Hand entgegen. Widerstrebend schlägt Morton zuletzt ein.

Bild 67.

Im Tal des Unsichtbaren.

Langsam treibt das Boot mit den Bewußtlosen, Merceda und Steven, auf dem See. Eine breite Treppe steigt aus dem See zu einem Tempelbau. Bewohner des Tales sammeln sich am Ufer. Alle tragen antike Gewänder, teils weiß, teils grau. Das Boot mit Merceda und Steven wird bemerkt. Gestikulierend zeigen die Bewohner nach dem Wasser. Kähne werden abgeschickt. Die Kähne kommen näher heran, erregte Verwunderung der Insassen. Sie nehmen das Boot in Schlepptau und rudern dem Ufer zu.

Bild 68.

Terrassenzimmer.

Heliobas steht an einem Bogenfenster und sieht sinnend auf das Wasser, plötzlich sieht er schärfer und beobachtend, erblickt das Boot mit Merceda und Steven und geht an das Ufer. Die Bewußtlosen, Merceda und Steven, liegen am Strande. Heliobas tritt herzu und erkennt mit freudiger Erregung Merceda aus der Kugel wieder. Er bestimmt ihre Überführung: „Den Mann tragt in den Raum des Fremden Kendersen. Für dieses Mädchen sorge ich.“

Steven wird fortgetragen. Heliobas beobachtet mit großer Sorgfalt, daß Merceda vorsichtig auf eine Tragbahre gelegt wird.

Bild 69.

Terrassenzimmer.

Zwei Mädchen legen Kissen auf einen Diwan, der inmitten des Raumes steht, um das Lager für Merceda vorzubereiten.

Bild 70.

Nüchterner Raum.

Kendersen sitzt an einem Tische und liest. Seine Gedanken sehen Merceda. Sie steht mit traurigem Gesicht vor ihm. Er streicht über die Stirne und springt auf. Müde setzt er sich aber wieder. Vor ihm taucht das Bild auf, das er in der Kugel sah. Unruhig geht Kendersen hin und her und will zur Türe hinaus. Ein Wächter tritt ihm abwehrend entgegen. Verzweifelt sinkt er wieder auf den Sessel nieder. Die Türe geht auf. Steven wird hereingetragen und auf ein Lager gelegt. Steven trägt jetzt eine Binde um den Kopf. Kendersen blickt verstört auf den Verwundeten, reibt sich die Augen und sieht sich verwirrt um, murmelt: „Steven!“

Die Träger gehen. Langsam schreitet Kendersen nach dem Lager und sinkt erschüttert vor dem Bewußtlosen nieder. Dann hebt er den Kopf, er sieht wieder das Bild aus der Kugel, Merceda auf der Flucht, sieht Steven als Verfolger darauf und rüttelt den Bewußtlosen heftig: „Mein Kind, wo ist mein Kind?“

Steven bleibt besinnungslos.

Bild 71.

Terrassenzimmer.

Heliobas streut Blumen auf Mercedas Lager. Ein Mädchen hält einen mit Blüten gefüllten Korb, aus dem er die Blüten nimmt. Merceda erwacht. Sie sieht die Blumen auf sich niederfallen. Staunend blickt sie zu Heliobas auf, sieht ihn groß an und sinkt dann mit glücklichem Lächeln langsam wieder zurück, die Augen schließend, als wolle sie weiter träumen. Leise streicht Heliobas über ihre Stirne: „Erwache, meine Schwester, Du bist in guter Hut!“

Merceda schlägt die Augen auf. Groß und ruhig sieht sie Heliobas, ihr kommt das Bewußtsein, daß alles Wirklichkeit ist, langsam richtet sie sich auf: „Ich kenne Dich schon lange, Heliobas.“

Wie in seligem Traum stützt sie sich auf Heliobas Hand und läßt sich von ihm langsam nach einem hohen Fenster geleiten, wo sie einen Rundblick über das Tal genießt. Andächtig lauscht sie seinen Worten: „Wohin Du siehst, ist Friede, meine Schwester. Vernichtung ist in diesem Tale fremd.“

Beglückt sucht Merceda nach einer Türe. Lächelnd aber wehrt Heliobas ab: „Noch nicht, Du mußt vorher den Weg der Prüfungen durchwandern, wenn Du zum Frieden kommen willst. Sobald Du rein von allen niederen Gefühlen bist, wird Deine Seele frei!“

Ruhig sieht Merceda zu ihm auf und sagt: „Das ist das Geheimnis unseres Todes.“

Heliobas lächelt: „Du irrst. Sobald Du würdig dazu bist, kann Dir das Heil schon vorher widerfahren. Ich will zum Meister, er wird Dir behilflich sein.“

Heliobas will fort. Merceda hält ihn aber nochmals zurück: „O, sage mir, was ist dann, wenn die Seele unabhängig von dem Körper wird?“

Mild und froh erwidert Heliobas: „Dann kennt die Seele weder Zeit noch Raum. Sie tritt dem großen Unsichtbaren näher.“

Heliobas geht. Merceda blickt sinnend mit verklärten Zügen in die Weite.

Bild 72.

„Ein Gartenfest beim Resident.“

Garten, von Lampions hell erleuchtet. Gäste sitzen ringsum, unter ihnen Foster und Morton, Leonie und Gordon. Leonie tritt zu Foster: „Ich muß immer an Merceda denken. Der Gedanke, daß sie tot sein soll, bleibt mir so fremd.“

Morton zuckt erschreckt zusammen. Ein Herr verkündet den Gästen: „Der Fakir Ram-Lal wird seine Künste zeigen!“

Ram-Lal spricht: „Seht her, Kinder des Abendlandes, was der Mensch durch die Empfindungskraft seiner Gedanken zwingt, wenn er Verbindung mit dem großen Unsichtbaren fühlt.“

Alle werden aufmerksam. Ram-Lal tritt gemessenen Schrittes zu einer Gartenvase, bleibt einige Schritte vor derselben stehen, verschränkt die Arme und sieht die Vase fest an. Die Vase erbebt, sie schwankt, neigt sich langsam nach vorn bis zu einem spitzen Winkel, allen Gesetzen der Schwere Hohn sprechend, und verbleibt einige Sekunden in dieser Lage. Alle beugen sich in größter Spannung vor und machen sich verwundert aufmerksam auf diesen Vorgang. Die Vase richtet sich langsam wieder empor. Ruhig verläßt Ram-Lal den Garten. Gordon fragt Leonie: „Bitte den Fakir, Dir Merceda zu zeigen, damit Du siehst, ob sie noch lebt!

Erschrocken wehrt Leonie ab. Morton aber eilt verstört dem Fakir nach, und fragt: „Kannst Du mir zeigen, ob ein Mensch noch lebt, der für tot gehalten wird?“

Ram-Lal sieht ihn prüfend an, dann nickt er stumm. Morton winkt einen Diener und beauftragt diesen, Foster zu ihm zu rufen. Dann geht er mit Ram-Lal in das Haus.

Bild 73.

Raum im Hause des Residenten.

Morton steht im Gespräch mit Ram-Lal. Foster tritt fragend ein, Morton erklärt ihm kurz seinen Wunsch und deutet auf Ram-Lal. Foster lächelt ungläubig. Ernst deutet Ram-Lal nach einem an der Wand hängenden Spiegel: „Schau dort hinein. Du wirst schon das Gewünschte sehen!“

Hastig flüstert Morton Foster etwas zu und sieht dann mit diesem in den Spiegel. Dieser trübt sich, dann erscheint Stevens Figur, wie er mit verbundenem Kopfe zürnend auf sie blickt. Morton und Foster treten bestürzt zurück. Das Bild schwindet. Sie sehen sich fragend an. Foster flüstert: „Merceda“. Und scheu sehen sie wieder nach dem Spiegel. In diesem erscheint Merceda freundlich lächelnd. Foster schreit auf und faßt krampfhaft nach Mortons Arm. Das Bild schwindet. Morton beschenkt hastig Ram-Lal. Mit einem scheuen Blicke nach dem Spiegel verlassen sie den Raum.

Bild 74.

Terrassenzimmer im Tale des Unsichtbaren.

Merceda in antiker Tracht, zwei Mädchen bieten ihr Früchte und Wein, Heliobas tritt ein. Mercedas Züge verklären sich, sie streckt ihm beide Hände entgegen, die er innig küßt. Heliobas heißt die Mädchen gehen. Er bringt ihr Blumen und spricht: „Bevor Du Deinen schweren Gang antrittst, muß ich Dir sagen, daß meine Liebe Dich begleiten wird.“

Sie sieht ihn strahlend an, dann legt sie ihren Kopf an seine Brust: „Nun fürchte ich nichts, Geliebter. Ich bin bereit.“

Heliobas führt Merceda nach dem Hintergrunde. Er drückt auf eine geheime Feder in der Wand. Ein Feld der Täfelung rollt zur Seite und eine Tür wird sichtbar. Ernst deutet Heliobas nach der Anschrift: „Wanderer, kehr um, wenn Du nicht reinen Herzens bist.“

Heliobas nimmt von Merceda Abschied und klopft an die Türe. Die Tür öffnet sich. In der Öffnung stehen zwei vollständig Vermummte, sodaß nur die Augen sichtbar sind. Merceda erschrickt unwillkürlich und erfaßt Schutz suchend Heliobas Arm. Dann aber rafft sie sich auf. Heliobas verbindet ihr die Augen und übergibt sie den Vermummten. Diese nehmen sie in ihre Mitte. Die Tür schließt sich wieder. Heliobas allein, preßt die Hände an sein Herz und schließt einen Augenblick die Augen. Dann geht er schnell ab.

Bild 75.

Tempel.

Schöner Hallenbau mit Säulen. Im Hintergrund ein erhöhter Sockel, vor diesem drei große Kandelaber zwischen den Säulen. Es brennen nur die drei Kandelaber vor dem Sockel. An der linken Seite im Hintergrund öffnet sich eine Pforte, der Meister kommt heraus, gefolgt von einer großen Schar Brüder. Er geht an der linken Seite bis vor, dann nach der rechten Seite hinüber, dort bis zum Hintergrunde rechts hinauf und im Bogen zu dem Sockel, auf den er tritt. Die Brüder folgen ihm, an jeder Türe des Tempels bleiben im Vorübergehen drei Mann als Wächter zurück. Die Brüder gehen an dem Sockel rechts und links vorüber und formieren sich in eine Stellung, die im rechten Winkel von dem Meister ausgeht. Andachtsstellung.

Bild 76.

Außenseite einer Tempeltüre.

Heliobas begehrt klopfend Einlaß.

Bild 77.

Innenseite des Tempels.

Ein Wächter der Türe fragt durch die geschlossene Türe nach dem Losungswort, und öffnet dann. Heliobas tritt ein und geht vor den Meister. Ehrfurchtsvoll macht er seinen Bericht. Der Meister winkt und spricht zu Allen: „Eine irrende Seele ringt nach Licht.“

Der Älteste der Brüder tritt vor und antwortet: „Wir wollen ihr helfen und sie führen.“

Er hebt beteuernd die linke Hand mit gestrecktem Arme schräg empor. Alle Brüder außer dem Meister folgen seinem Beispiel.

Bild 78.

„Merceda in Not!“

Alles dunkel. Aus dem Dunkel löst sich aus dem Hintergrunde näherkommend die lichte Gestalt Mercedas, ihre Augen sind verbunden. Rechts und links sieht man wie Schatten die Vermummten. Nur Merceda ist beleuchtet. Hände lösen ihre Binde von den Augen. Die Vermummten sind verschwunden. Außer Merceda noch alles dunkel. Forschend sieht Merceda um sich. Da fährt ein blitzartiger Strahl vor ihr empor und wie aus dem Boden gewachsen steht vor ihr eine Gestalt. Verkörperte Krankheit und Elend. Abwehrend streckt diese Gestalt den abgezehrten Arm gegen Merceda aus Merceda schüttelt den Kopf und tritt beherrscht vorwärts. Die Gestalt verschwindet. Zwei wilde Figuren tauchen auf. Die eine die verkörperte Verzweiflung, die andere der Irrsinn. Zornig strecken sie die Arme aus, um Merceda zurückzuweisen. Mutig richtet sich Merceda höher auf: „Hinweg! Mein Weg führt zum Licht!“

Die Gestalten treten ihr energisch in den Weg. Krallende Hände fahren aus dem Dunkel von allen Seiten nach ihr. Sowie sie vorwärts zu schreiten versucht, wollen sich die Gestalten auf sie stürzen. Einen Augenblick erbebt Merceda, sofort dringen die Gestalten kühner auf sie ein. Da aber wagt sie einen energischen Schritt vorwärts. Die Gestalten verschwinden. Merceda nähert sich dem Ausgange. Da stehen plötzlich rechts und links zwei Skelette in dunklen Mänteln, die grinsend ihre Sensen senken und kreuzweise die Klingen vor den Ausgang halten, diesen versperrend. Merceda wirft den Kopf in den Nacken und geht direkt hindurch.

Bild 79.

Tempel.

Der Meister spricht zu den aufmerksam lauschenden Brüdern. Heliobas steht abseits an einer Säule zur Seite. Besorgt blickt er von Zeit zu Zeit nach den Aufsehern einer Pforte an der rechten Seite. Dann preßt er beide Hände geschlossen auf die Brust, um seine Aufregung zu unterdrücken. Wieder sieht er bang nach den Aufsehern und lauscht. Da zuckt er plötzlich freudig zusammen.

Bild 80.

Dunkler Gang an der Außenseite einer Tempelpforte.

Merceda mit verbundenen Augen stehst zwischen zwei Vermummten vor der Türe. Ein Vermummter führt mehrere Schläge gegen die Türe.

Bild 81.

Tempel.

Alle sehen nach der Pforte rechts. Ein Wächter fragt nach der geschlossenen Pforte zu und lauscht der Antwort.

Bild 82.

Dunkler Gang an der Außenseite der Pforte.

Ein Vermummter gibt Antwort auf die Frage des Wächters.

Bild 83.

Tempel.

Ein Wächter tritt bis halben Weges zum Meister und meldet diesem: „Eine Seele, die frei sein will, begehrt Einlaß, großer Meister.“

Der Meister wendet sich fragend zu den Brüdern, die sich stumm verneigen. Der Meister gibt ein Zeichen: „So laß sie nicht vergebens rufen. Öffne!“

Die Türe wird geöffnet Die Vermummten treten mit Merceda bis unter die Pforte, verneigen sich vor den beiden Wächtern, denen sie Merceda übergeben und treten dann in den dunklen Gang zurück. Die Türe wird geschlossen. Heliobas tritt Merceda entgegen, nimmt ihre Hand und führt sie, die Reihe der Brüder entlang schreitend zu dem Meister und spricht zu diesem. Merceda zuckt bei dem Klange der Stimme freudig zusammen. Heliobas löst auf einen Wink des Meisters die Binde. Merceda sieht den Meister zum ersten Male vor sich, der ihr beide Hände grüßend reicht. Dann geht er mit ihr, Heliobas und zwei der ältesten Brüder die Reihe der Brüder entlang einem Ausgange linke Seite zu.

Bild 84.

Kendersens Raum.

Steven liegt noch besinnungslos. Kendersen geht unruhig hin und her, tritt dann verzweifelt zu Steven und rüttelt ihn. Steven erwacht, richtet sich langsam empor und sieht sich erstaunt um. Als er Kendersen sieht, streckt er abwehrend die Hände aus, als sähe er einen Geist. Kendersen erfaßt Stevens Hände und ruft verzweifelt: „Meine Tochter! Rede!“

Steven müht sich ab, zu denken. Stammelnd: „Im Berge . . . . brausendes Wasser …. ist sie tot? . . .“

Steven sinkt wieder bewußtlos zurück. Kendersen richtet sich langsam in stummer Verzweiflung empor. Schmerzerfüllt: „Tot! Und meine Habsucht trägt die Schuld!“

Gebrochen sinkt er auf einen Sessel und schlägt die Hände vor das Gesicht. Die Türe geht auf. Ein Bote steht im Raume: „Der Meister ruft Dich, Kendersen!“

Kendersen sieht sich mit leerem Blick um. „Tot“ murmeln seine Lippen. Mechanisch folgt er dem Boten.

Bild 85.

Beobachtungssaal.

Merceda steht mit dem Meister und Heliobas vor der Kugel. Die Ältesten stehen etwas zurück. Der Meister deutet auf die Kugel: „Mit Hilfe dieser Kugel bannst Du den Begriff von Raum und Zeit! Die Seele wird befreit und überfliegt die Grenzen, die der Bann der Erde auferlegt. Sieh hinein, was Du ersehnst, wird Deine Seele schauen!“

Merceda beugt sich vor und sieht in die Kugel. Dort zeigt sich ein kleiner Raum vor dem Beobachtungszimmer. Kendersen steht darin, mit dem Boten wartend, teilnahmslos. Merceda tritt überrascht von der Kugel zurück, in schmerzlich freudigem Schreck: „Mein Vater!“

Flehend blickt sie zu dem Meister. Dieser winkt einem Diener an der Türe. Ein Vorhang geht zur Seite. Kendersen steht im Rahmen der Türe, teilnahmslos um sich blickend. Dann sieht er Merceda. Seine Züge beleben sich. Ungläubiges Staunen, dann auflodernde Freude. Verlangend streckt er die Hände vor und wankt auf Merceda zu, immer noch wähnend, es könne eine Vision sein, die ihn täuscht. In erster Überraschung stützt sich Merceda unwillkürlich auf Heliobas, dann breitet sie jauchzend beide Arme aus, erschüttert schließt sie Kendersen in seine Arme.

Bild 86.

Veranda am Landhause Mortons.

Morton und Foster sitzen zusammen auf der Verranda. Foster liest, Morton schreibt. Morton ist nervös. Er steht auf und geht hin und her, setzt sich dann wieder nieder, um weiter zu schreiben. Da fällt ein Stein mit Papier vor seine Füße. Erschreckt fährt er wieder empor. Er sieht nicht, daß Ramdyal versteckt im Garten steht und diesen Stein geschleudert hat.

Morton löst das Papier vom Steine und liest: „Wohin ist die weiße Rose aus Amsterdam? Ich weiß es. Gib mir Geld, Sahib, damit ich schweige. Lege es unter den Sitz des Bootes am Lotosblumenteich.“

Zornig ballt Morton den Zettel in seiner Hand zusammen, blickt aber gleichzeitig scheu um sich. Dann stürzt er suchend in den Park, dort sieht er wütend nach verschiedenen Richtungen, sucht hinter einigen Sträuchern, steht dann überlegend und schlägt achselzuckend mit bitterer Selbstverhöhnung den Weg nach dem Parkteiche ein. Er tritt an das Boot, zögernd, lacht in Selbstverhöhnung auf, legt einige Banknoten unter den Sitz des Bootes, während er sich mehrmals forschend umsieht. Dann springt er aus dem Boote, versteckt sich aber geschickt. Ramdyal kommt vorsichtig näher, nimmt das Geld und will fort. Morton springt hervor und erkennt den Fliehenden. Überrascht: „Ramdyal!“ Wütend zieht er den Revolver und schießt. Ramdyal verschwindet.

Bild 87.

Garten mit Springbrunnen, Säulengängen und Ruhebänken im Tale des Unsichtbaren.

Merceda sitzt mit Kendersen plaudernd auf einer Bank. Heliobas tritt zu ihnen mit Blumen für Merceda. Er nimmt ihre Hand und erklärt Kendersen seine Liebe zu Merceda. Kendersen vereinigt freudig beider Hände. Da steht der Meister lächelnd hinter ihnen. Er spricht: „Vereinte Liebe, deren Wachstum aus dem göttlichen Gedanken stammt, gibt eine Kraft, die Welten stürzen und erschaffen kann. Sie führt über den Erdenbann hinaus. Habt Ihr den Mut, als erstes Paar im Tale einen Schritt zu wagen, der Euch den Schleier alles Sterblichen entrückt?“

Freudig erklären sich Merceda und Heliobas bereit dazu. Der Meister winkt ihnen zu folgen. Kendersen bleibt zurück und geht dann nach der anderen Seite fort.

Bild 88.

Kendersens Raum.

Steven geht grübelnd unruhig hin und her. Er sieht in Gedanken Merceda mit Heliobas eng' umschlungen einen idyllischen Weg wandeln und sich liebevoll in die Augen sehen. Kopfschüttelnd setzt sich Steven und zerwühlt mit den Händen nervös sein Haar. Dann schreibt er auf ein Stück Papier: „Merceda-Heliobas. Kann das Glück des Paares auch nur einer Einbildung entstammen? Und wenn auch, so muß doch der Funke einer hohen Kraft in ihnen schlummern! In jedem? Vielleicht auch in Morton? In mir? Wodurch bleibt er in mir unerweckt? Weshalb?“

Steven macht einen langen unkontrollierten Strich mit der Feder nach dem letzten Buchstaben, als ginge ihm die Kraft zum Denken und zum Handeln aus. Dann wirft er die Feder zornig zur Seite. Kendersen tritt ein.

Steven eilt ihm entgegen. Hastig: „Ich muß mit Eurem Meister sprechen, Kendersen führe mich zu ihm!“

Kendersen wehrt bedauernd ab. Steven bestürmt ihn. Kendersen beruhigt ihn: „Ich werde Dein Verlangen melden, Steven!“

Düster setzt sich Steven wieder und starrt auf das beschriebene Papier.

Bild 89.

Ende eines Säulenganges.

Zwei Wächter stehen vor einer schweren Türe. Der Meister kommt mit Merceda und Heliobas zu der Türe, nimmt einen kleinen Schlüssel, den er am Bande um den Hals trägt, und öffnet. Die Drei treten ein.

Bild 90.

Ein kleiner Raum, ganz in Schwarz ausgestattet.

An einer Kette hängt eine altertümliche Ampel mit brennendem Öle Ein steinernes Pult ist die einzige Abwechslung. Auf diesem ruht ein großes altertümliches Buch. Über dem Platze an der Wand steht in großen Buchstaben: „Suchender, tritt nur in weihevoller Stimmung an das Buch!“

Ernst schlägt der Meister die erste Seite des Buches auf. Dort steht: „Bedenke, daß Jahrtausende vor Dir schon Deine Brüder in dem Buche lasen.“

Der Meister legt seine Hände auf Mercedas und Heliobas Augen und spricht feierlich: „Bruder, Schwester, werdet sehend, und erkennt in dem Raume die, die uns vorangegangen sind, und durch das Buch nun zu Euch sprechen!“

Der Meister nimmt die Hände von den Augen. Der Raum ist gefüllt von ernsten Gestalten in verschiedenen alten Trachten, deren Blicke auf das Buch gerichtet sind. Verwirrt sehen sich Merceda und Heliobas um. Der Meister macht eine Handbewegung. Der Raum ist wieder wie zuvor, ernst wendet der Meister das Blatt des Buches. Es zeigen sich die Worte: „Die Brücke zu dem großen Unsichtbaren ist die Liebe, die nur an den anderen denkt, und willig alles für ihn opfert.“

Bedeutungsvoll schlägt er das zweite Blatt um. An dieser Stelle ist zu lesen: „In dem Tempel des geweihten Tales öffnet sich zu Mitternacht zu der Zeit, wo der Mond am vollsten ist, eine geheimnisvolle Pforte, durch die ein Weg zu; große Tiefe führt. Lodernd braust da eine allesreinigende Flamme pulsartig durch die Erde. Der Du zu lieben wähnst, geh hin! Du wirst dabei den Weg des Unsichtbaren finden.“

Der Meister schlägt das Buch zu und spricht warnend: „Überlegt es wohl! Fordert die Euch zum Teil noch unbekannten Mächte nicht aus Neugier oder Mutwillen heraus; denn das Verderben lauert dicht daneben und schleudert Euch vielleicht Jahrhunderte zurück. Noch habt Ihr freie Wahl.“

Merceda und Heliobas sehen sich liebend in die Augen. Dann freudig zum Meister: „Wir sind bereit!“

Der Meister reicht ihnen die Hände.

Bild 91.

Elliots Arbeitszimmer.

Elliot liest einen Brief von Foster: „Beide traf auf diesem See ein furchtbares Geschick. Merceda und Steven sind tot.“

Elliot starrt ergrimmt vor sich hin, dann ballt er wütend den Brief zusammen und schleudert ihn auf den Boden: „Was nützt mir die gerechte Strafe? Mir geht mein Ruhm mit dieser Aufzeichnung verloren!“

Bild 92.

Einfacher Raum des Meisters im Tale des Unsichtbaren.

Kendersen tritt zu dem Meister und erzählt von Steven. Der Meister legt seine Hand auf Kendersens Schulter: „Seine Zeit ist noch nicht da. Du weißt von Dir, wie sehr die Kämpfe läutern. Je tiefer die Verzweiflung ist, desto schneller wird er vorwärts kommen.“

Freundlich begleitet der Meister Kendersen zur Türe, Kendersens Bitten entschieden abwehrend.

Bild 93.

Tempel.

„Merceda beschreitet mit Heliobas den schweren Gang ins Ungewisse!“

Es ist Nacht und Vollmond. Alle Kandelaber brennen. Die Brüder stehen in der Andachtsstellung. Vor dem Meister stehen Merceda und Heliobas. Eine Uhr zeigt drei Minuten vor Mitternacht. Segnend legt der Meister seine Hände auf Merceda und Heliobas: „Steigt hinab in den geheimnisvollen Schoß der Erde und sehet, was er für Euch birgt. Des großen Unsichtbaren Wille wird Euch führen.“

Bild 94.

Düsterer, in die Tiefe führender Abstieg.

Merceda mit Heliobas, von mattem Licht bestrahlt, gehen Hand in Hand in die Tiefe.

Bild 95.

Kendersens Raum.

Steven, noch modern gekleidet, steht am Fenster. Es ist Nacht. Kendersen sitzt tief erregt auf einem Stuhle, mit gesenktem Kopf. Er hebt den Kopf zu Steven: „Steven, jetzt ist sie mitten in den gräßlichsten Gefahren!“

Steven wendet sich ihm langsam zu, gedankenvoll: „Aus welchem Borne schöpft sie die Kraft?“

Kopfschüttelnd wendet er sich wieder brütend an das Fenster.

Bild 96.

Wilde unterirdische Grotte.

An allen vier Seiten menschenhohe natürliche Öffnungen. Merceda und Heliobas treten aus einer der Öffnungen und blicken sich erstaunt um. Merceda deutet plötzlich nach der linken Seite: „Hörst Du das zischende Brausen! Es kommt näher!“

Forschend blicken sie in die Öffnung, treten aber dann langsam mit dem Zeichen von Grauen zurück und halten beide Ohren zu: „Die Flamme kommt!“

Dicht pressen sich beide in banger Erwartung an die Felswand. Ein breiter Feuerstrahl schießt plötzlich aus der Öffnung links hervor und zieht an dem überraschten Paare vorüber in die Öffnung rechts, worin sie verschwindet. Die Flamme braust in gewissen Zeiträumen stets hin und dann wieder zurück.

Erstaunt sehen sie der Flamme nach. Plötzlich erscheint im dunklen Hintergrunde eine Flammenschrift: „Wer sich der anbrausenden Flamme als freiwilliges Opfer gegenüberstellt, erwirbt für den geliebten Anderen das höchste Glück!“

Aufmerksam lesen sie die Worte. Merceda richtet sich verklärt empor: „Das höchste Glück sei Dir, mein Heliobas.“

Mutig stellt sie sich vor die Öffnung, aus der die Flamme zurückkommen muß. Heliobas ruft entsetzt: „Merceda! Die Flamme kommt zurück! Hörst Du das hohle Brausen!? Ich bin es, der sich opfern muß!“

Er zieht Merceda in liebender Angst gewaltsam zurück und springt vor die Öffnung, streckt der anbrausenden Flamme jubelnd beide Arme entgegen: „Für Dich, Merceda!“

Die Flamme schießt hervor, hüllt Heliobas ein. Merceda hat sich schnell gesammelt, sie schreit: „Mit Dir, mein Heliobas!“ und springt mitten in die Flamme neben Heliobas. Beide werden einen Augenblick von der Flamme umhüllt. Diese braust weiter nach der linken Öffnung und verschwindet in derselben. Merceda und Heliobas aber stehen unversehrt, erstaunt, hochaufgerichtet und verklärt. In Flammenschrift erscheint im Hintergrunde: „Ihr habt den Tod durch Eure Liebe überwunden. Die große Flamme alles Lebens hat das Böse in Euch aufgezehrt. Ziehet geläutert Eure Bahn.“

Beglückt treten sie eng umschlungen in die nächste Öffnung.

Bild 97.

Treppe aus dem See zum Tempel.

Vor Sonnenaufgang. Das Volk versammelt sich erwartungsvoll zum Teile vor, zum Teil auf der Treppe. Der Meister kommt mit einer Anzahl Brüder. Mit dem ersten Sonnenstrahl steigt Merceda und Heliobas aus einer Versenkung dicht hinter der obersten Stufe der Treppe empor und bleiben umschlungen stehen. Das Volk jubelt ihnen zu. Der Meister begrüßt sie. Er hebt segnend die Hände: „Ihr seid von dieser Stunde an geschützt vor den Versuchungen der Welt! Zieht nun hinaus und bringt den Brüdern und den Schwestern unsere Grüße.“

Der Meister geht mit ihnen nach dem Tempel.

Bild 98.

Gordons Arbeitszimmer.

Gordon und Leonie sprechen zusammen. Ein Diener meldet Ramdyal. Gordon läßt ihn eintreten. Ramdyal sagt kriechend: „Ich kann dem Sahib sagen, wer die weiße Rose stahl, die der Berg verschlungen hat.“

Gordon ist erstaunt und fordert zum Sprechen auf. Ramdyal erzählt. Gordon springt erregt auf und reicht Ramdyal mit Widerwillen einige Geldstücke: „Komme in zwei Tagen um dieselbe Zeit noch einmal zu mir! Hörst Du? Dann erhältst Du mehr.“

Grinsend entfernt sich Ramdyal. Leonie fragt angstvoll. Gordon beruhigt sie: „Ich werde Morton unerwartet diesem Menschen gegenüberstellen. Die Schurkerei soll hier Vergeltung finden. Den Liebesdienst sind wir Merceda schuldig.“

Erschüttert preßt er Leonie an sich.

Bild 99.

Garten im Tale des Unsichtbaren.

Kendersen tritt zu dem promenierenden Meister. Auf des Meisters Frage antwortet er mit mühsam unterdrückter Verlegenheit: „Ich muß Dir ein Bekenntnis machen, großer Meister!“

Der Meister sieht ihn forschend an, dann ladet er Kendersen zum Sitzen ein: „Erzähle!“

Kendersen erzählt und reicht dem Meister das Täfelchen. Sinnend sitzt der Meister. Dann sieht er auf. Merceda und Heliobas wandeln in den Gängen. Er winkt das Paar heran, reicht ihnen das Täfelchen und spricht: „Ihr seid erprobt, geht in die Welt. Bringt diese Aufzeichnungen dem Eigentümer wieder. Vielleicht ist es zu vieler Menschen Heil und Frieden.“

Freundlich grüßend geht der Meister. Kendersen ergreift Mercedas Hand: „So reise denn sofort, mein Kind. Mach wieder gut, was ich verfehlte.“

Er küßt sie zärtlich auf die Stirn.

Bild 100.

Arbeitszimmer Gordons.

Leonie ordnet. Gordon tritt ein: „Leonie, ich denke, es ist besser, ich melde alles bei der hiesigen Behörde. Morton mag hier festgenommen werden.“

Leonie nickt eifrig, winkt ihm liebend zu und ordnet weiter. Gordon wirft ihr eine Kußhand zu und geht.

Bild 101.

Landstraße nach Gordons Haus.

Merceda und Heliobas in Reisekostüm fahren im offenen Wagen die Straße entlang nach Gordons Hause zu. Gordon kommt vom Hause her geritten. Bei Anblick des Wagens stutzt er und zügelt sein Pferd. Gordon steht dem Wagen gegenüber und starrt entgeistert auf Merceda. Diese winkt ihm freudig zu. In Gordon kommt Leben. Er streckt abwehrend die Hand aus, reißt sein Pferd herum und jagt die Straße zurück nach seinem Hause. Merceda und Heliobas sehen sich erstaunt an, lachen aber plötzlich dann laut auf. Heliobas spricht: „Er hielt Dich für eine Sinnestäuschung, Merceda.“

Fröhlich lachend gibt Merceda dem Kutscher ein Zeichen zu schnellerer Fahrt.

Bild 102.

Arbeitszimmer Gordons.

Leonie ist eben fertig mit ordnen, Gordon stürzt herein. Erschöpft den Tropenhelm abnehmend und entsetzt hinter sich deutend, ruft er: „Ich leide, wie es scheint, am zweiten Gesicht! Eine Vision . . . auf der Straße . . . Merceda! Oder die Hitze! . .

Bestürzt lauscht Leonie seinen Worten. Zärtlich streicht sie ihm beruhigend die Stirn, da weiten sich ihre Augen. Merceda steht unter der Portiere. Strahlend, erhaben, freundlich und doch selbstbewußt. Leonie weicht langsam unwillkürlich rückwärts. Gordon wendet sich und springt mit Zeichen des Entsetzens neben Leonie. Merceda streckt grüßend die Hände entgegen: „Ich bin es wirklich, fühlt doch, daß ich lebe!“

Jubelnd wirft sich Leonie in ihre Arme.

Bild 103.

Kendersens Raum.

Steven steht am Fenster, Kendersen tritt ein, betrachtet ihn kopfschüttelnd, tritt zu ihm und legt von rückwärts die Hand auf die Schulter. Steven wendet sich. Ein Bild tiefster und wildester Zerrissenheit, innerlich, und Haltlosigkeit. Verzweifelt streckt er beide Arme zur Decke empor, als sollte ihm von dort Erleuchtung kommen. Da tritt der Meister unerwartet ein. Steven sieht ungläubig nach ihm, dann eilt er auf ihn zu und fleht: „Mit meinen Theorien ersticke ich alle Empfindungsfähigkeit der Seele! Überall sehe ich hohnlachende Verneinung und bin unfähig, an Erhabenes zu glauben. Gib mir Klarheit, Meister, oder ich verderbe!“

Prüfend schaut der Meister auf ihn, dann schüttelt er den Kopf: „Es gibt kein Verderben, nur Veränderung. Und wenn Du wie bisher die in Dir drängende Entwickelung zu hemmen suchst, so wird die Gärung umso stärker. Ich komme, Dir den Weg zu zeigen, den Du suchst.“

Aufleuchtenden Auges preßt Steven ihm die Hand.

Bild 104.

Gordons Arbeitszimmer.

Merceda, Heliobas, Gordon, Leonie und Ramdyal. Gordon spricht bestimmt auf Ramdyal ein. Leonie deutet nach dem Fenster: „Dort kommen Morton und Foster.“

Merceda geht mit Heliobas in einen Nebenraum. Gordon stellt Ramdyal vor diesen Raum hinter einem Vorhang. Nach der Begrüßung legt Gordon einen beschriebenen Bogen vor, und spricht: „Eine Aufzeichnung über Mercedas rätselhaftes Auftauchen und Verschwinden. Genau nach ihrer Erzählung. Können Sie alles mit gutem Gewissen unterschreiben? Ich will es der Behörde übergeben.“

Gordon hält Morton die Feder entgegen. Morton und Foster schauen sich verlegen an. Dann aber greift Morton fest zur Feder. Gordon zieht sie jedoch zurück und deutet auf Ramdyal, von dem Leonie schnell den Vorhang gezogen hat. Morton und Foster stehen verblüfft. Ramdyal wagt nicht weiter vorzutreten und beschuldigt Morton mit furchtsamer Hast. Dieser will sich in aufsteigender Wut auf Ramdyal stürzen, da tritt Merceda schnell aus dem Nebenraume und bleibt hinter Ramdyal stehen. Morton, im Begriff, mit gekrümmten Fingern Ramdyals Hals zu umklammern, bleibt einen Augenblick mit offenem Munde in gleicher Haltung wie erstarrt, dann weicht er entsetzt abwehrend langsam zurück, sich schnell bekreuzigend. Foster hält eine Hand vor die Augen, die andere abwehrend vor. Merceda hebt die Hand: „Haltet Frieden; denn ich habe Euch vergeben! Die Hand des großen Unsichtbaren führte mich durch Leid zum Glück. Es war sein Wille.“

Glückselig lächelnd lehnt sie sich an Heliobas, der zu ihr getreten ist. Heliobas küßt sie auf die Stirne.

Bild 105.

Beobachtungssaal im Tale des Unsichtbaren.

Der Inder ist allein. Die Kugel trübt sich. Er drückt auf eine Klingel. Der Meister kommt, blickt in die Kugel und sieht Merceda und Heliobas, wie sie Foster das Täfelchen und einen Brief überreicht. Sie bedeutet, daß er abreisen und beide Gegenstände Elliot überbringen soll. Der Meiser nickt mit wohlwollendem Lächeln nach der Kugel.

Bild 106.

Gordons Veranda.

Merceda und Heliobas stehen zur Abreise bereit vor Leonie und Gordon. Merceda küßt Leonie, und spricht sanft zu ihr: „Meine Aufgabe ist nun erfüllt. Die Sehnsucht treibt mich wieder nach dem Tale des Unsichtbaren. Seine Hand möge Euch bald die Wege dazu finden lassen.“

Bild 107.

Elliots Arbeitszimmer.

Elliot steht ungeduldig wartend in seinem Arbeitszimmer und sieht wiederholt nach der Uhr. Dann auf ein offenes Telegramm. Er liest: „Komme 11 Uhr mit Tafel und einem Brief von Steven. Erklärung mündlich. Foster.“

Elliot triumphiert. In Gedanken sieht er sich schon wieder ruhmgekrönt. Foster tritt ein. Freudig eilt ihm Elliot entgegen. Foster ist ernst und erzählt. Elliot aber drängt nach der Tafel. Foster überreicht sie ihm mit dem Briefe. Ungeduldig öffnet Elliot und liest: „Ihr wähnt mich tot. Doch wie Du siehst, kann ich Dir Nachricht geben. Auf Rückseite der Tafel fand ich mit geschärftem Blick noch eine Schrift, die lautet: „Der Weg hat nur für den Wert, der die Harmonie der Seele sucht. Irdische Schätze sind im Tal des Unsichtbaren nicht zu finden. Steven.“

Elliot zeigt große Enttäuschung. Hastig betrachtet er durch eine Lupe die Rückseite der Tafel. Dann schleudert er wütend die Tafel in die Ecke des Fußbodens. Ergrimmt ruft er Foster zu: „Fantasterei! Das bringt mir keinen Ruhm! Somit war meine Mühe ganz umsonst.“

Grimmig lachend zeigt er Foster Stevens Brief.

Bild 108.

Beobachtungssaal im Tale des Unsichtbaren.

Der Meister, Merceda und Heliobas stehen vor der Kugel. Ernst deutet der Meister nach der Kugel. Darin sieht man Elliot und Foster. Foster geht, hebt das Täfelchen vom Boden auf und legt es auf eine verächtliche Bewegung Elliots hin in einen Schrank zu anderen Altertümern.

Merceda ruft bestürzt: „Er legt das Kleinod achtlos fort. Durch den Verblendeten bleibt nun der Weg zum Frieden Hunderttausenden verschlossen.“

Freundlich wendet sich der Meister zu Merceda: „Gräme dich nicht darum, Merceda. Wer ehrlich will, der wird wie Du zum Ziel gelangen.

Leid und auch Freuden pochen dauernd an, um aus dem Gleichmut aufzurütteln. Und einmal muß bei jedem das Erwachen kommen.“

Grüßend geht der Meister. Heliobas und Merceda sehen sich verklärt in die Augen.

de/ruf/heft_10-12/der_verlorene_weg.txt · Zuletzt geändert: 2020/10/02 16:09 von Marek Ištvánek