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Oskar Ernst Bernhardt

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de:ruf:heft_1-2:die_geistige_struktur_der_gegenwart

Die geistige Struktur der Gegenwart.

von Johannes Anton Neidhart, Stuttgart

War es immer schwer, die geistigen Bewegungen einer Zeit nach ihrem tieferen Sinn zu erfassen, so ist diese Schwierigkeit heute doppelt vorhanden. Nicht weil es an weitblickenden, scharfsinnigen Beobachtern fehlte, oder weil der schriftliche Niederschlag der herrschenden Ideen dem Forscher zu wenig Anhaltspunkte böten - im Gegenteil. Gerade die Menge des vorliegenden Materials und die Vielheit der Erscheinungen ist der Grund, warum wir das Ganze nicht mehr überschauen, geschweige denn bemeistern können. Vergangene Zeiten mochten wohl auch ihre Besonderheiten haben, und vielleicht nie in der Geschichte wies die geistige Grundrichtung der Menschen ein einheitliches Ziel auf. Aber es war doch meist ein charakteristischer Zug, der darin hervortrat, ein Punkt, von dem aus man die Orientierung gewann für das Übrige. Und selbst wenn nur die großen Linien des Materialismus auf der einen Seite und des Idealismus auf der anderen sichtbar wurden, man wußte doch wenigstens, worin die einzelnen Bestrebungen gründeten und wohin sie letzten Endes führten. Was dagegen heute vor dem kritisch prüfenden Auge des Religionsphilosophen sich abspielt, ist ein furchtbares Durcheinander in jeder Beziehung. Hat man einmal einen Faden in der Hand und glaubt, mit seiner Hilfe durch das Labyrinth hindurchzufinden, so durchkreuzt ein anderer sicher nach ein paar Schritten schon den Weg und leitet ab von der Spur. Irgend eine „neue“ Richtung „geisteswissenschaftlicher“ Art, die sich natürlich anheischig macht, die einzig richtige zu sein, lenkt sofort die Aufmerksamkeit auf sich, und alles bisher Dagewesene tritt in den Hintergrund. „Gib mir, wo ich stehen kann“, rief einst Archimedes, „und ich werde die Welt aus den Angeln heben“. Dieses Wort gilt vor allem heute, wo nicht nur das mühsam errichtete Lehrgebäude menschlicher Weisheit zusammenstürzen will, nein, wo der Boden uns buchstäblich unter den Füßen wankt und der Abgrund unter uns gähnt. Nur so ist es zu erklären, daß die einen unserer Zeitgenossen einem Sinnestaumel sich ergeben, der geradezu an Wahnsinn grenzt, während andere an jeden Strohhalm geistiger Erfahrung sich klammern, ja selbst technische Errungenschaften als gewaltigen Kulturfortschritt betrachten. Ein wildes Possenspiel, bald Komödie, bald Tragödie - ein widerliches Gemisch von höchstem Idealismus mit schrankenlosestem „Sichausleben“: das ist unsere Zeit. Was Wunder, wenn die Menschen innerlich immer mehr verkümmern und schließlich jedes Interesse an der geistigen Welt verlieren! Wo ist ein Halt für sie, wo ist gesichertes Land?

Die Kirchen geben sich alle erdenkliche Mühe, die „Gläubigen“ darin zu bestärken, daß bei ihnen das Heil ist. Kein Mittel wird unversucht gelassen, und wenn es noch so oberflächlich und bedenklich ist, um wenigstens zahlenmäßig die Anhänger festzuhalten. Eine Veranstaltung verdrängt die andere, Kirchenfeste und Kirchentage lösen einander ab. Es ist, wie wenn man die Christen nicht zur Ruhe kommen lassen wollte, damit ein tieferes Bedürfnis sich überhaupt nicht rege. Womit sollte man dieses auch befriedigen? Darum muß „Betrieb“ sein, Betrieb um jeden Preis. Ein weitverzweigtes Vereinswesen, das zwar an Organisation nichts fehlen läßt, aber in seiner Einstellung durchaus äußerlich ist und im Untergrund vielfach politischen Zwecken dient, wurde eigens zu diesem Zweck geschaffen. Und ob hunderte von ernsten Großstadt-Seelsorgern darunter leiden, daß sie ihre beste Kraft statt den Armen, Kranken und Verirrten, den Verwaltungs- und Verbandsgeschäften widmen müssen: die Kirchenbehörden bleiben dabei, denn der Zweck heiligt das Mittel, und der Priester hat nicht persönliche Wünsche, sondern nur das Wohl des Volkes zu kennen, dieses aber ist gleichbedeutend mit der Zugehörigkeit zur Kirche. Wie das Volk innerlich zu Christus steht, ob es sein Wort im rechten Sinn erfaßt und in die Tat umzusetzen sucht, darum kümmert man sich wohl auch, aber erst in zweiter Linie. Die Hauptsache ist zur Nebensache geworden, und die Nebensächlichkeiten zur Hauptsache.

Dieser Mißstand konnte natürlich mit der Zeit auch den Laien nicht verborgen bleiben, und so traten die Sekten hervor. Nicht Bestehendes zu stürzen, sondern Vergessenes wieder in Erinnerung zu bringen, war ihre ursprüngliche Absicht, und mit heiligem Eifer oblagen sie der Erneuerung des Christentums von innen her. Es muß gesagt werden, daß ihnen diese Aufgabe in großem Umfang gelang, jedenfalls viel besser, als den Kirchen, von Ausnahmen abgesehen. Den Sekten war vor allem die Erkenntnis aufgegangen, daß nicht die Zahl beim Christentum den Ausschlag gibt, sondern der Geist, der die Mitglieder erfüllt. Für dieses Ziel brachten und bringen sie jedes Opfer und legen einen Mut an den Tag, der manchesmal staunenswert ist. Freilich übersah man dabei des öfteren die rechte Grenze, man verwechselte Undultsamkeit mit Überzeugung und wurde lieblos gegen Andersdenkende. Deshalb hielten wiederum viele sich abseits, die vom Christentum eine zu hohe Auffassung hatten, als daß sie darin einen Zwang anerkennen oder unsachlicher Beeinflussung erliegen wollten. Zugleich machte sich das Bedürfnis fühlbar, die Lehre Christi nicht nur in ihrer Bedeutung für den Einzelnen - die wurde von den Sekten sehr stark betont -, sondern auch in ihrer Weltgeltung und in den großen Zusammenhängen kosmischen Geschehens zu verstehen. Einmal war es der Weltkrieg mit seinen ungelösten Rätseln, der diese Forderung gebieterisch erhob. Sodann war es das naturwissenschaftliche Denken, das seit Darwin und Häckel immer mehr Gebildete wie Ungebildete beherrschte. Man wollte wissen, wissen und - erleben. -

So kam eines Tages der Okkultismus und lüftete den Schleier. Es kam die wiedererwachte Mystik und verhieß den enttäuschten Menschen dasjenige, wonach sie mit allen Fasern und Fibern ihres gequälten Herzens verlangten: Die endliche Vereinigung mit Gott. Die Theologie hatte versagt; nun versuchte es die Theosophie, bald unter diesem, bald unter jenem Namen. Und Millionen lauschten ihrer Botschaft, die so ganz anders klang als die bisherige, viel vertrauter, viel beseligender. Was ist die moderne Mystik? Es ist eine charakteristische Flucht aus dem Lärm in die Stille, aus der Klarheit in die Dämmerung, aus dem Vielerlei in das Eine, aus der Zerstreuung in die Sammlung, aus dem Dinglichen in das Seelische. In solcher Reaktion gegen eine veräußerlichte Kultur trifft sie zwar mit der Mystik früherer Zeiten zusammen, unterscheidet sich jedoch vor ihr in einem wichtigen Punkte. Der moderne „Mystiker“ nämlich nimmt in seine Abgeschiedenheit den ganzen Kulturbesitz seiner Zeit, den materiellen wie den geistigen, mit hinein. Infolgedessen ist diese „neue Mystik“ bei weitem nicht so einseitig, eindeutig und charaktervoll wie die alte, sondern schillert in den buntesten Farben und vertauscht den grauen religiösen Mantel alter Mystik mit einem leichten ästhetischen Gewande. Sie wird zu einer poetischen Weltverklärung. 1)

In dieser Tatsache liegt die Anziehungskraft der modernen Mystik, aber auch ihre Gefahr. Wie leicht verfällt der Alltagsmensch, der nur eine Stunde immer Erhebung sucht, dem Schein statt dem Sein. Wie leicht überläßt er sich in schwärmerischer Begeisterung einem unbestimmten Gefühl, das er für vollendete Religiosität hält, statt der nie trügenden „geistigen“ Empfindung in einem Christentum der Tat zu folgen! Und wie leicht entsteht dadurch jene Kluft zwischen Lehre und Leben, zwischen Theorie und Praxis, die gerade heute bei den Anhängern okkulter Weltanschauungen so oft sich zeigt! Ja man geht selbst soweit, daß man bewußt diesen Gegensatz zuläßt und rechtfertigt mit dem Hinweis: das Geistige in uns kann niemals vom Bösen berührt werden, also kann eigentlich auch nichts uns schaden. -

Zu welchen Konsequenzen solcher Grundsatz verleiten muß, mag derjenige ermessen, der weiß, wieviel Unentschlossenheit, Trägheit und Nachgiebigkeit dem Sittlichen gegenüber dem Menschen ohnehin innewohnt. Die alte Mystik, besonders die christliche, macht wenigstens zu einem guten Teil bitteren Ernst mit der Weltüberwindung durch völligen Bruch mit dem Materialismus. Sie wollte wirklich der Welt entsagen, um Gott zu finden. Die neue Mystik dagegen, namentlich soweit sie von Amerika inspiriert ist, will von der Welt in einer viel raffinierteren Weise Besitz ergreifen, als es der gewöhnliche Materialismus vermag. Indes rühmt sie sich, das Gotterlebnis zu bringen, wie nie zuvor. Okkulte Übungen werden marktschreierisch angepriesen, denn sie sollen auch dem Einfachsten ermöglichen, diesen Zustand ohne jede sittliche Anstrengung zu erreichen. Wie verlockend! Dabei steht im Vordergrund aller schriftlichen und mündlichen Belehrungen der modernen Pharisäer, wie Abdruschin die Prediger des Okkultismus nennt, stets der Erfolg. Was leuchtet dem Menschen von heute mehr ein als das? „Selbstverwirklichung“ heißt in seiner Sprache dieses Idol so schön; in Wahrheit ist es natürlich krassester Egoismus. Wie kann es anders sein bei der religiösen Einstellung des modernen Menschen! Oft genug hatte schon die alte Mystik in einen gewissen Pantheismus eingemündet, oder ihn doch hart gestreift. Aber selbst in diesen pantheistischen Abirrungen hatte man den allgegenwärtigen, allwaltenden Gott vor Augen, dem man nahe kommen wollte. Die Modernen dagegen stellen sich von vornherein, in vollster Erkenntnis auf den Boden des Monismus, sei er idealistisch, ästhetisch oder realistisch gefärbt, und ziehen dadurch das Göttliche herunter in den Staub oder verflüchtigen es zu einem Nichts. „In Harmonie mit dem Unendlichen!“ ist wohl ihr Ruf. Allein sie wollen nicht ihr Wesen emporheben in das Licht, dem Unendlichen entgegen; dieses soll vielmehr heruntersteigen zu ihnen, um durch sie erst seine Anerkennung zu erlangen. Welcher Wahnsinn, welche Verstiegenheit des Menschen gegenüber seinem Gott! Wir nehmen die leiseste Regung unseres Inneren unter das Mikroskop der Selbstbeobachtung. Wir analysieren, zerlegen, zerstückeln unser Seelenleben solange, bis nichts Ganzes, nichts Lebendiges mehr in unseren Händen ist, nur um vielleicht im verborgensten Winkel unserer selbst doch noch einmal den Gott zu entdecken. Umsonst! Wir begegnen lediglich der eigenen Unzulänglichkeit und Armseligkeit, wenn wir uns eitler Selbstbespiegelung und mystischem Dahinträumen ergeben. In der Tat ist niemand unzufriedener und unruhiger als der moderne Mensch. Wie Ahasver befindet er sich auf ewiger Wanderschaft. Gespalten und zerrissen in sich selbst, entbehrt er gerade dasjenige, was er so heiß ersehnt und erstrebt hat: die innere Ausgeglichenheit, die seelische Harmonie.

Allerdings öffnet der Okkultismus, Spiritismus und Mistizismus tausend Tore, um „Jenseitiges“ in den Menschen einströmen zu lassen. Allein wirkliche Hilfe wird ihm dadurch kaum zuteil. Jedenfalls ist soviel Unrichtiges, Verschwommenes und Gefährliches dabei im Spiele, daß die Warnung Abdruschins diesen Dingen gegenüber am Platze ist. Schon die rein vernünftige Überlegung müßte uns sagen, daß Gott sich nie widersprechen kann, wenn er sich wahrhaft offenbart. Das geschieht jedoch bei sogenannten medialen Kundgebungen unzählige Male. Es soll durchaus nicht geleugnet werden, daß hochstehende Geister gelegentlich auch wertvolle Aufschlüsse vermitteln können. Dagegen bleibt die Tür zum Allerheiligsten ihnen stets verschlossen, weil sie Menschen sind und weil Göttliches für Menschen schlechthin unerreichbar ist. Was in unserer Macht steht und was bis zur höchsten Vollendung entwickelt werden sollte, das ist das Geistige in uns. Die unselige Verquickung von Göttlichem und Geistigem ist schuld, daß wir das Nächstliegende nicht mehr sehen; sie ist das eigentliche Hindernis für das Fortschreiten auf dem Wege zum Licht. Der moderne Mensch will fliegen, bevor er laufen gelernt hat, ja er will fliegen, obwohl ihm keine Flügel gewachsen sind, wie einstens Ikarus. Die Begeisterung für östliches Yogatum und westliche Neugedankenlehre ist nicht anders zu verstehen.

Bleiben wir nüchtern, bleiben wir sachlich! Das Reich Gottes kommt nicht in äußerer Gebärde, sondern durch den Erweis seelischer Kraft. Erst wenn wir einmal ganz aufrichtig geworden sind gegen uns selbst, dürfen wir hoffen, geistig zu wachsen und langsam, langsam aufzusteigen dorthin, wo das Paradies uns winkt. Freuen wir uns, die Entscheidung naht! Nicht lange mehr soll das Böse Macht behalten unter uns. Unbeirrt in allem Streit der Meinungen, in dem Hader der Parteien und Konfessionen laßt uns feststehen in dem Wort desjenigen, der gesprochen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Dann brauchen wir nichts zu fürchten, sondern können getrost dem Endkampf entgegengehen. In Abdruschins Gralsbotschaft haben wir die brennende Lampe, die unsere Seele als kluge Jungfrau hineinträgt in alle Finsternis und erleuchtet diejenigen, die noch in Todesschatten weilen. Denn heute stehen wir endlich dicht vor der Stunde, wo der nächste große Abschnitt in der Schöpfung kommt, der unbedingter Aufschwung ist und das bringt, was schon der erste Abschnitt mit der Menschwerdung bringen sollte: die Geburt des durchgeistigten Vollmenschen.

Des Menschen, der fördernd und veredelnd auf die ganze grobstoffliche Schöpfung wirkt, wie es der eigentliche Zweck der Menschen auf Erden ist. Dann ist kein Raum mehr für den niederhaltenden, an Raum und Zeit geketteten Materialisten. Ein Fremder wird er sein in allen Landen, heimatlos. Er wird verdorren und vergehen wie Spreu, die sich vom Weizen scheidet. „Gebt acht, daß ihr bei dieser Scheidung nicht zu leicht befunden werdet!“ 2)

1)
Walter Hoffmann, Religion in Geschichte und Gegenwart IV. Sp. 608.
de/ruf/heft_1-2/die_geistige_struktur_der_gegenwart.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/07 23:38 von Marek Ištvánek